Mythologie: Karfreitag des Popzeitalters

Vor 25 Jahren wurde John Lennon erschossen. Warum rührt uns diese Geschichte noch immer, als wäre sie in unserer eigenen Familie geschehen? Christian Seiler über den Zusammenhang zwischen Liedern und Weltfrieden.

Am späten Abend des 8. Dezember 1980 fuhr eine Limousine vor dem New Yorker Dakota Building vor, aus deren Fonds zuerst Yoko Ono und dann John Lennon ausstieg. Die beiden hatten im nahe gelegenen Record Plant Studio an der Abmischung eines Songs von Yoko herumgebastelt. Sie waren für ihre Verhältnisse früh nach Hause aufgebrochen, denn John wollte noch seinen Sohn Sean sehen, der damals fünf Jahre alt war und an diesem Abend noch nicht schlief.

Es war ein außergewöhnlich warmer Dezemberabend. Vor dem Haus standen ein paar Menschen herum. Yoko grüßte routiniert und huschte Richtung Hauseingang. John folgte ihr, als er jemanden seinen Namen rufen hörte. Das war nichts Außergewöhnliches. Seit fast zwanzig Jahren stand der Name John Lennon für das höchste Maß an Popularität, das ein Künstler erreichen konnte.

„Mister Lennon?“
Als Lennon sich umdrehte, fiel der erste Schuss, unmittelbar darauf der zweite. Sein Mörder hatte einen Revolver des Kalibers 38 in Anschlag gebracht. Die Hohlmantelgeschosse drangen in Lennons linke Schulter ein. Lennon stolperte die sechs Stufen zum Eingang des Dakota hinauf, der Mörder schoss noch dreimal, nur eine Kugel verfehlte ihr Ziel. Lennon schaffte es heftig blutend bis zum Tisch des Portiers. „I’m shot“, stöhnte er, als er zusammenbrach. Der Portier rannte auf die Straße und sah den Mörder, wie er die Waffe fallen ließ und mit dem Fuß wegschlenzte. In seiner Hand hielt der Mörder die zerlesene Taschenbuchausgabe von J. D. Salingers „Fänger im Roggen“. Der Portier brach in Tränen aus.

John Lennon starb, nachdem ihn eine rasch zum Tatort gekommene Polizeistreife auf dem Rücksitz ins nahe gelegene Roosevelt-Spital transportiert hatte. Er starb am Blutverlust und seinen inneren Verletzungen. Radio und Fernsehen meldeten den Mord nahezu zeitgleich, und als Yoko Ono nachts aus dem Spital nach Hause gebracht wurde, hatten sich vor dem Dakota Building 5000 Menschen versammelt und hielten im Gedenken an John Nachtwache. Es sei fast nicht zu ertragen gewesen, erzählte Yoko Ono einem „Newsweek“-Reporter, in dieser Nacht allein im leeren Schlafzimmer zu sitzen und John aus den Kassettenrekordern der Menge auf der Straße „Imagine“ und „Give Peace A Chance“ singen zu hören.

Ein Spaziergang durch den Central Park, ein Abstecher zu dem lakonischen Denkmal namens „Strawberry Fields“, wo in Sichtweite des Tatorts eine Steinplatte in den Boden eingelassen wurde, die den Titel von Lennons pazifistischem Glaubensbekenntnis „Imagine“ trägt: In der Nähe sitzt immer jemand mit einer Gitarre und klimpert ein Lied, das ihm allein, aber auch jedem von uns gehört, ein Lied aus Lennons gigantischer Hinterlassenschaft, deren Vertrautheit, deren intime Tiefenwirkung fast schon erschreckend ist. Lieder von Lennon zu hören, von Lennon solo oder als einem der Beatles, hat oft dieselbe Wirkung, wie Fotos aus der eigenen Kindheit zu sortieren. Zu den vertrauten Harmonien, den immer wieder gehörten Geschichten gesellt sich ein leiser, stechender Abschiedsschmerz, die Trauer darüber, dass es die bunte, halbfertige Welt, die hier abgebildet wurde, nicht mehr gibt und dass sie nie mehr zurückkommen wird.

Die Trauer um John Lennon, die sich am 8. Dezember 1980 blitzartig rund um die Welt ausbreitete, war enorm und zeitigte impulsive und nachhaltige Reaktionen. Nicht nur, dass jedes Radio der Welt „Imagine there’s no heaven“ näselte. Lennons Album „Double Fantasy“, das einen Monat vorher erschienen und eher achselzuckend aufgenommen worden war, schoss auf Platz eins der Charts. Der erste ausgekoppelte Titel „(Just like) Starting Over“ wurde, auch wenn er bei Weitem nicht der beste war, zum erfolgreichsten Song Lennons gesamter Solokarriere. Die ätherischen Deutungsflächen von Lennons Liedern waren plötzlich vom Blut des Meisters eingefärbt und gewannen eine dramatische Eindeutigkeit.

Mehrere junge Menschen unternahmen Selbstmordversuche. Yoko Ono musste am Tag nach Johns Tod öffentlich auftreten und die Trauernden beschwören, sich um Himmels willen nichts anzutun. Drei Lennon-Fans nahmen sich gleichwohl das Leben. Was war passiert?

Johns Tod beendete abrupt das wichtigste Kapitel der Popgeschichte, das war passiert. Auch wenn die Beatles schon zehn Jahre lang aufgelöst waren – mit Lennon war die letzte Hoffnung gestorben, dass Rom noch einmal an einem Tag gebaut werden könnte. Die Beatles hatten in den sieben Jahren ihres Bestehens fast alles erfunden, was die moderne Popmusik bis heute ausmacht und prägt. Sie hatten in so kurzer Zeit so viele Lieder von Bedeutung in die Welt gestellt wie keine Band vor ihnen. Sie hatten die Welt verändert, indem sie der Welt vorführten, dass die Jugend von heute auf morgen anders singen, denken, aussehen und fühlen kann: dass ein paar Akkorde, ein paar Sounds, ein paar Mal „Yeah Yeah Yeah“ zur richtigen Zeit ausreichen, um die Neigung der Erdachse so zu verändern, dass die Sonne plötzlich bis dato finstere Kontinente erhellte. Auf diesen Kontinenten wuchs die Sehnsucht nach mehr Individualität, nach dem Pulverisieren der Konventionen. Die Beatles lieferten dazu den Soundtrack – und John das Role Model des Antikonformismus.

Die genialischen Songschreiber Lennon und McCartney hatten nach drei, vier Jahren der blinden Übereinstimmung gerade durch ihre immer spürbarer werdenden Differenzen, durch eine sich in höchste Kreativität ummünzende Antipathie die Quantensprünge ermöglicht, die ihre Band von Album zu Album unternahm. Während McCartney mit Schubert’schem Minimalismus eine ewige Melodie nach der anderen produzierte, von „Yesterday“ bis „A Long and Winding Road“, dehnte Lennon das Format des Popsongs, bis es riss. Lennon lärmte, wütete, textete blanken, assoziativen Unsinn und baute seine hörbar dekonstruierten Songs wieder zusammen: zu Klassikern wie „A Day in the Life“ oder „Strawberry Fields Forever“, zu Krachflächen wie „Revolution No 9“ oder, wenn ihm danach war, zu Hymnen wie „All You Need Is Love“. Er war nicht der bessere Komponist als McCartney. Er war das bessere Brennglas. Seine Lieder hinterließen Spuren und Wunden.

Außerdem bemächtigte sich Lennon der Deutungshoheit über die hysterische Aufmerksamkeit, die den Beatles zuteil wurde. Er setzte freche Pointen: „Die Beatles sind populärer als Jesus.“ – „Die Herrschaften auf den teuren Plätzen sollen nicht applaudieren, sondern mit ihren Juwelen klimpern.“ Lennon brachte die halbe Welt zum Lachen und die andere Hälfte auf die Palme. Er kaufte sich einen Rolls Royce und lackierte ihn bunt. Er machte Scherze, die viele Kinder machen würden, wenn sie ein paar Millionen Taschengeld bekämen. Er verliebte sich in die Avantgardekünstlerin Yoko Ono, machte sie durch die Hochzeit zur bekanntesten Japanerin außerhalb Japans und brachte die Hälfte der Welt, die bisher über seine Scherze gelacht hatte, auf die Palme, weil wegen Yoko wenig später die größte Popband aller Zeiten auseinander brach.

1970 begann die Zeit der Abrechnungen. John gegen Paul. Cynthia, Johns Exfrau, gegen John. Die ganze Welt gegen Yoko. John & Yoko gegen alle anderen. Ein zorniger Lennon ging aus den vielen kleinen Kriegen unbeschädigt heraus. Er machte gute Platten. Er verabschiedete sich von der anarchischen, zynischen Verhuschtheit, die ihm an der Seite des teddybärigen Paul McCartney so gut zu Gesicht gestanden war, und wurde so eindeutig wie ein Propagandaplakat. Lennon schrieb Hymnen, Pamphlete und herzzerreißende Klagen. „Imagine“, „Working Class Hero“, „Mother“: Die frühere Leichtigkeit, die gesamte Lässigkeit verschwanden fast vollständig aus seinen Kompositionen. Noch immer erzielt jede Wiederveröffentlichung von altem Beatles-Material Millionenauflagen. Selbst minder interessante Alben wie der Neumix von „Let It Be“ erreichten 1,1 Millionen Käufer. Lennons Solomaterial tut sich da schwerer. Die vor zwei Monaten veröffentlichte Compilation „Working Class Hero“ stagniert bei knapp 200.000 Stück.

Dafür wuchs Lennon zur überlebensgroßen Identifikationsfigur. Er war nicht mehr die Allegorie der jugendlichen Veränderung, sondern der rechtschaffene Revolutionär, Feminist, der wandelnde Weltfriede. Als ehemaliger Beatle musste er die Welt nicht mehr aus den Angeln heben, das hatte er bereits erledigt. Lennon zog sich nach fünf Jahren hoher – und qualitativ wechselhafter – Produktivität aus dem Post-Beatles-Musikbetrieb zurück, um sich fünf für die Welt unsichtbare Jahre seinem neu geborenen Sohn Sean zu widmen. Als John Lennon erschossen wurde, war er gerade vierzig geworden. Auf den Gehsteigen von New York sah er gelassen und erwachsen aus, gar nicht mehr wie der Märtyrer, der er am 8. Dezember 1980 werden sollte.

Die Zeitschrift „New Yorker“ bot in der Woche nach Lennons Tod folgende Erklärung für die Tiefe der weltweiten Trauer an: Johns Botschaft sei eben einfach – und einfach zu verstehen gewesen, deshalb sei sie auch zu allen, die jetzt trauern, durchgedrungen. Die Botschaft lautet: Sei friedfertig, sei liebevoll, sei behutsam.

So wurde der 8. Dezember zum Karfreitag unseres Popzeitalters.