Nach Liquidierung eines Hamas-Funktionärs: Österreich soll bei Aufklärung helfen

Nach der Liquidierung des Hamas-Funktionärs Mahmoud Al Mabhouh in Dubai liegt es plötzlich an der österreichischen Polizei, den Profikillern auf die Spur zu kommen.

Es gibt wohl vieles, was die Mitarbeiter von T-Mobile mit ihrem aktuellen Werbeslogan – „Gemeinsam mehr erleben“ – assoziieren. Die Vorstellung, dass sie je in den Mittelpunkt eines geheimdienstlichen Mordkomplotts mit internationaler Dimension rücken würden, gehörte bislang aber gewiss nicht dazu.

Bis Mitte vergangener Woche. Denn da bekam die Zentrale des Mobilfunkunternehmens am Rennweg im dritten Wiener Gemeindebezirk Besuch vom Bundesamt für Verfassungsschutz und Terrorismusbekämpfung (BVT). Die Beamten verlangten nach den so genannten Stammdaten von sieben Handy-Anschlüssen. Dann kündigten sie an, mit einem Gerichtsbeschluss wiederzukommen, der T-Mobile verpflichtet, sämtliche verfügbaren Rufdaten herauszurücken.

Das BVT ermittelt in einem höchst heiklen Fall:
Es geht um einen toten Palästinenserführer in Dubai, um den Nahostkonflikt und mittlerweile auch um eine veritable diplomatische Krise zwischen Israel und mehreren EU-Staaten. Am 19. Jänner war Mahmoud Al Mabhouh – ein hochrangiges Mitglied der radikalen Hamas-Bewegung, das selbst immer wieder in Anschläge und Waffenschmuggel verwickelt gewesen war – ermordet in einem Al Bustan Rotana Hotel in Dubai aufgefunden worden. Die Täter: ein Team von Profi­killern, das höchstwahrscheinlich einem ­israelischen Geheimdienst angehörte, vermutlich dem Mossad.

Die 17 Schattenmänner und -frauen, die mit gefälschten EU-Pässen ausgestattet waren, konnten unerkannt entkommen. Sie hinterließen nur ganz wenige Spuren, von denen sich die Fahnder überhaupt noch Ermittlungsansätze erhoffen können. Und diese führen nach Österreich.
Vor und nach der Tat kommunizierten Mabhouhs mutmaßliche Mörder über sieben 0676-Anschlüsse miteinander. Um an die dazugehörigen SIM-Karten heranzukommen, müssen sie oder Mittelsmänner in Österreich gewesen sein. Denn laut T-Mobile werden Telefonnummern nicht an ausländische Telekom-Unternehmen weiterverkauft und online erworbene Wertkarten nicht an ausländische Adressen verschickt.

Es ist – wenngleich es derzeit keine konkreten Anhaltspunkte dafür gibt – ­sogar denkbar, dass die Operation von Österreich aus ­gesteuert und telefonisch ­koordiniert wurde. Wenn derzeit überhaupt jemand eine Chance hat, die Hintergründe des Mordanschlags weiter auszuleuchten, dann wohl das BVT mithilfe der Daten, die bei T-Mobile lagern.

Herauszufinden, wo und wann eine SIM-Karte verkauft wurde, ist nach Auskunft des Mobilfunkbetreibers überhaupt kein Problem: War es in einem Geschäft, können die Beamten versuchen, dort oder in der Umgebung installierte Überwachungskameras auszuwerten – was etwa im Fall der aus dem Kunsthistorischen Museum gestohlenen „Saliera“ zum Täter führte. Hat sich der Käufer die Karte oder das Handy per Post schicken lassen, gibt es zumindest eine Zustelladresse in Österreich.

Zudem können die Fahnder rückwirkend die Rufdaten der verwendeten Mobiltelefone auswerten. Damit dürfte relativ rasch klar sein, ob es tatsächlich eine Art „Kommandozentrale“ in Österreich gab; ob die Telefonverbindungen etwa über einen Router abgewickelt, also in ein anderes Land umgeleitet wurden; oder ob noch ausgeklügeltere Methoden im Spiel waren, um die Kommunikationswege zu verschleiern.
Was das BVT wohl kaum finden wird, sind die Namen der ominösen T-Mobile-Kunden. Österreich ist eines der letzten Länder Europas, in denen man Wertkarten-Handys anonym kaufen kann.

Auch die Fotos der Verdächtigen, die inzwischen weltweit kursieren, könnten in eine Sackgasse führen: Ein Mitarbeiter des Austrian Center for Intelligence, Propaganda and Security Studies (ACIPSS) an der Uni Graz, der den Fall für profil analysiert hat, hält es für möglich, dass die Bilder in den gefälschten Reisedokumenten gar nicht die Täter zeigen, sondern nur ähnlich aussehende Personen. Klar ist für ihn vorderhand nur eines: „Hinter einer so aufwändigen Operation steckt mit Sicherheit ein Staat.“

Einige der Namen in den Pässen konnten bereits in Israel lebenden Doppelstaatsbürgern zugeordnet werden, die jedoch nichts mit der Sache zu tun haben. Ihre Identitäten wurden gestohlen. In Israel hagelt es deshalb Kritik. Auch die Regierungen von Irland und Großbritannien protestieren heftig, denn einige Täter verfügten über gefälschte irische und britische Pässe.

Verbrannt.
Unmittelbar nach der Tat wurde die Dubaier Aktion in Israel hinter vorgehaltener Hand als untadelig präzise gelobt. Mittlerweile fordert ein Kommentator der Tageszeitung „Haaretz“ bereits den Rücktritt des Mossad-Chefs Meir Dagan. Nicht zuletzt wurden für die Ermordung eines zweitrangigen Hamas-Mannes mindestens elf Agenten „verbrannt“ – sie sind in naher Zukunft nicht mehr einsetzbar, weil ihre Gesichter auf den Bildern von Überwachungskameras in Dubai zu erkennen sind. Und selbst wenn es sich bei den Angehörigen des Killerteams nicht um israelische Geheimdienstleute handelt, sondern um von ihnen angeheuerte Freelancer: Der diplomatische Radau ist groß. Deshalb zieht es die israelische Regierung vor, die Verantwortung für den Mord weit von sich zu weisen.
Immerhin besteht die berechtigte Hoffnung, dass alle polizeilichen Ermittlungen im Sand verlaufen – oder allfällige Erkenntnisse aus politischen Erwägungen diskret unter den Tisch fallen gelassen werden.

Zwar vermitteln die Videobilder den ­Eindruck, man wohne den Vorbereitungen zum Mord und der Tat selbst beinahe bei, doch handfeste Beweise, wer die Täter oder gar deren Auftraggeber waren, gibt es nicht. Selbst wenn es gelänge, die tatsächliche Identität der Mörder zu ermitteln, ist völlig ausgeschlossen, dass Israel die Verdächtigten jemals ausliefern würde.

Ein Mordkomplott im Ausland ist immer auch ein politisches Statement. Israels Premierminister Benjamin Netanjahu muss sich bereits öffentlich die Frage gefallen lassen, ob der Ort und der Zeitpunkt der Aktion gut gewählt waren. Die Vereinigten Arabischen Emirate zählen zu den gemäßigten Ländern der arabischen Welt, und angesichts der aktuellen Spannungen zwischen Israel und dem Iran sowie dessen Verbündeten – zu denen die Hamas zählt – sind Provokationen keine Kleinigkeit. So rasch und still der Mord vom 19. Jänner verlief, so heftig und weitreichend sind seine Auswirkungen – von Tel Aviv über Damaskus und Teheran bis Wien.

Eine Konsequenz des Falles für Österreich ist jetzt schon abzusehen: Der Druck der EU, den Kauf von Wertkartenhandys nur gegen Identitätsnachweis zu erlauben, wird stärker werden. Die benachbarte Schweiz hat ihre Gesetzeslage schon 1998 in diese Richtung geändert. Hintergrund: die Enttarnung eines Mossad-Teams, bei dem anonym erworbene Mobiltelefone sichergestellt worden waren.

Mitarbeit: Inge Günther (Jerusalem), Otmar Lahodynsky