Nachrichten aus Krähwinkel

Essay. Platzt das System unter dem Druck der Krise, oder halten es jene Kräfte, die es jetzt schon tragen, weiter aufrecht? Der Schriftsteller Franz Schuh über politische Komplexe, (hart-)herzigen Journalismus und urdeutschen Ingrimm.

Leider bin ich kein politischer Mensch, ich bin Romantiker und schaue aufs Herz. Deshalb weiß ich: Wenn ein hartherziger Mann einen anderen hartherzig nennt, dann ist so genannter „Wahlkampf“. Ich treffe im Wahlkampf viele andere Romantiker, zum Beispiel Hannes Androsch, der auf einem Inserat erklärt, warum er hinter Faymann steht: „Weil für ihn soziale Wärme und eine leistungsfähige Wirtschaft keine Gegensätze sind.“ Das ist glaubwürdig, aber nicht weil Androsch ein Spezialist für „soziale Wärme“ wäre. Er ist nur einer der Spezialisten der SPÖ für alles, was dann doch kein Gegensatz ist.
Im Wahlkampf fürchte ich mich besonders vor der Arroganz, nicht vor der der anderen, auch nicht davor, dass man mich für arrogant hielte. Ich fürchte mich vor der eigenen Arroganz, die vor dem Fall kommt. Aber ich kann mir nicht helfen, es gelingt mir nicht, in die Pose des „I am not amused“ zu schlüpfen. Als Jörg Haider endlich in das stieg, was man „Arena“ nennt, und aus irgendeinem Grund im Fernsehen laut „Rotfunk“ rief, hatte ich was zu lachen. Überhaupt die politische Rechte – wenn der Geschichtsprofessor Höbelt, der in seinem Fach niemals sonderlich auffiel (der es aber durch seine persönliche Nähe zur Rechten stets ins Fernsehen schafft), ebendort eine kleine Psychoanalyse von Ewald Stadler vorlegt, dann möchte ich hinter festen Mauern Schutz suchen: Draußen nämlich geht einer frei um, genannt „Stadler“, und ich weiß ja nicht, was er vorhat – im Gegensatz zu Strache, der es weiß und im Fernsehen hoch aufgerichtet davon berichtet, wie ihn Stadler einst erpresst habe.
Das ist in dieser ganzen Richtung abgetakelte Tradition. Seit alters her sind ihre Anhänger von Kopf bis Fuß auf einen Führer eingestellt, der sie eint. Dahinter verschwenden sie ihre spektakulären Energien im Hass aufeinander. Was die österreichische Rechte sehr gut kann, ist, so zu tun, als wäre sie „demokratisch“. Aber man frage nicht, was in einem Kopf wie dem von Mölzer wirklich vorgeht. Da saftelt es von urdeutschem Ingrimm. Strache geht wenigstens weiter: Es ist ja geradezu kabbalistische Wortmystik, der er die Erkenntnis verdankt, ein „Antipode“ von Che Guevara zu sein – auch Strache im Spiel der Gegensätze und der Vereinigungen! Dass die FPÖ nach der berühmten Aussage ihres Anführers für „beide Geschlechtsteile offen steht“, berechtigt zu den schönsten Hoffnungen. Aber man sieht auch: Kein schöner Land in dieser Zeit, in der so ein Querdenker offen einen Machtanspruch stellen kann, ohne dass noch aus dem letzten Gemeindebau homerisches Gelächter ertönt.
Es ist also ernst. Ich kenne mich aus und weiß, der Herr, der da nächtens im Trenchcoat aus den Hauseingängen hervorspringt, um sich einen Politiker für seine Vision vom Europa der Vaterländer zu schnappen, das ist Hans Dichand. In Deutschland, wo man sich stets müht, an Größerem zu messen, hat man ihn den „Krähwinkel-Berlusconi“ genannt. Ja, auch hartherzig ist hier immer noch herzig. Immerhin hat er seine Leserbriefschreiber militärisch gedrillt: „Als überzeugter ‚Krone‘-Leser seit 33 Jahren“, schreibt ihm einer, „stehe ich voll und ganz hinter der Meinung von Hans Dichand.“ Das kann man Ursula Plassnik nicht nachsagen. Als Literaturwissenschaftler verdanke ich Hans Dichand die Bestätigung meiner Theorie über die Textsorte Leserbrief. In gemäßigter, juristisch einwandfreier Form: „Die, die hin schreiben, sind wie die, die drin schreiben“ – da kann niemand klagen! Und Ursula Plassnik verdanke ich eine der schönsten Erzählungen der österreichischen Gegenwartsliteratur. Großartig, wie sie Hans Dichand, unseren Helden, im Juni am Tag nach dem irischen Referendum trifft. Es ist natürlich (und zugleich bezeichnenderweise) Freitag, der 13. „Interessanterweise“, so die Außenministerin, beginnt der Zeitungszar das Gespräch mit Grundsätzlichem, nämlich mit der beinharten Wahrheit: „Geld regiert die Welt.“ Und dann erzählt sie – man lese es im profil (37/2008) nach: „Ich hatte Dichand zwei kleine Geschenke mitgebracht, mit denen ich meine Wertschätzung zu bestimmten Dimensionen seiner Arbeit zum Ausdruck bringen wollte.“

Ach, sie hätte ihm einen Leserbrief schreiben sollen. Das ist die Wertschätzung, die er anerkennt, aber doch keine Fotos, die vom Zeitungszaren gestiftete Gebäude in Israel zeigen, und schon gar kein alter Leitartikel, mit dessen Dimensionen man als Außenministerin übereinstimmt. Solche rührenden Gesten sind in dieser Welt der Männer, die noch etwas vorhaben, nicht gefragt. Und dann Plassniks Rückblende auf das Jahr zuvor: „Da hat er mir angeboten, was er dann offenkundig auch dem Briefschreiberduo Faymann/Gusenbauer angeboten hat, nämlich die ÖVP zu retten, wenn wir für eine Volksabstimmung über den EU-Vertrag sind. Ich habe das natürlich zurückgewiesen. Es war für mich schlicht unfassbar, dass Dichand einem Regierungsmitglied volle Unterstützung anbietet, wenn es sich in einem zentralen Punkt der Politik gegen alle Vernunft gefügig zeigt. Ich habe mir im Weggehen als Juristin überlegt, ob da nicht soeben ein juristisch relevanter Tatbestand stattgefunden hatte.“
Falsch, das war ein politisch relevanter Tatbestand, der sofort hätte veröffentlicht gehört. Dass man das erst ausplaudert, nachdem der politische Gegner sich des Angebots bemächtigte, wirft ein Licht auf das österreichische Wertevakuum. Indem man dazu öffentlich schwieg, hat man das Recht vermurkst, jetzt die bessere Moral anzubieten. Es sich nicht verscherzen zu wollen, bis man hoffnungslos verfeindet ist, ist ein österreichisches, bis zum Gehtnichtmehr durchgespieltes Schicksal. Ich, der ich keinerlei Wertschätzung zu bestimmten Dimensionen von Dichands Arbeit zum Ausdruck bringen könnte, sehe nicht ohne Mitleid, wie es den guten Mann im Hauseingang kränkt, dass man sein Spiel unterläuft; er bringt seine Kränkung zum Ausdruck, natürlich durch einen Leserbrief von Ing. Herbert Hurtl: „Außenministerin Plassnik, von der ich bisher viel hielt, hat mich schwerstens enttäuscht. Ein vertrauliches Gespräch mit dem Seniorchef der ,Kronen Zeitung‘ Hans Dichand dann bei dessen neidischer medialer Konkurrenz an die große Glocke zu hängen.“
Alles ist offensichtlich. Kein Mensch braucht die große Glocke. Als Veteran der Österreich-Kritik, einer zutiefst romantischen Disziplin, sehe ich darin eine entscheidende Entwicklung: Konnte der Kritiker früher noch glauben, es gebe etwas herauszuarbeiten und klarzulegen, liegt jetzt alles offen da. Spruch und Widerspruch liegen in dieser Stagnation gleichgültig nebeneinander. Das ist der geheime Grund dafür, dass der Chefredakteur der „Presse“, Michael Fleischhacker, ohne Weiteres dem politischen System, in dem seine eigene Position gut verankert ist, den Tod wünschen kann. Und wenn die von mir verehrte Anneliese Rohrer umgekehrt und mit Recht verlangt, man sollte „das journalistische Geschäft der Verächtlichmachung der Politik und ihrer Akteure einstellen“, dann ist das bloß Katzenjammer.

Aber immerhin klingt durch ihn hindurch, was hierzulande Politik ist: Politik ist ein Komplex, also einerseits ein überwertiger Gefühlsinhalt (elektrisiert von Lagermentalitäten und frei schwebenden Ressentiments) und andererseits ein Komplex in dem Sinn, in dem früher von einem „militärisch-politischen Komplex“ gesprochen wurde. An dem Komplex wirken – geradezu demokratisch – die Politiker mit, das p. t. Publikum (dem man einredet, dass es „als Volk“ immer unschuldig ist: der Souverän!) und last, but not least der österreichische Journalismus.
Ich lese den „Kurier“, und da schreibt tatsächlich einer, die „Entprofessionalisierung der Politik“ wäre ein „Endzeitphänomen“, als wäre er selber der Profi, der seit eh und je der Endzeit die Stirn bietet. Das Publikum hat sich dazu trimmen lassen, unter Politik eine Serviceleistung (und nicht die Auseinandersetzung um die eigenen Interessen) zu verstehen, und die Politikberater trimmen die Akteure, dass sie möglichst glatt den Eindruck erwecken, allen Menschen gute Dienste zu leisten. In dieser Leere hat sich auch der Gegensatz von „links“ und „rechts“ verflüchtigt, weil der Mainstream im Politik-Komplex „rechts“ ist und keine Unterschiede mehr kennt. Deshalb erscheint mir die Rechte auch so interessant. Ihre Parteipolitiker sind eine Art komische Übertreibungskünstler, die den Inbegriff von dem darstellen, was eh herrscht oder zumindest mit guten Aussichten herrschen möchte. Haider als Justizminister: ein Witz; Strache als Innenminister: ein noch größerer Witz – aber diese Art von Humor hat sich der Politik-Komplex, heute mit Faymann und Molterer an der Spitze, ganz von allein eingebrockt.
Ich habe keine Ahnung, was das alles am Ende bedeutet. Platzt das System unter dem Druck der Krise oder halten es jene Kräfte, die es jetzt schon tragen, weiter aufrecht? Die extreme Selbstbezogenheit im Komplex kommt daher, dass viele wenigstens ahnen, dass etwas falsch läuft. Aber sie blockieren einander lieber, denn wie man das macht, wissen sie ja. Aber wie mit dem fertig werden, das man nicht so gut kennt wie sich selbst?