Nachrichten aus der Wüste

Vor zehn Jahren begann der Wiener Papyrologe Bernhard Palme mit der systematischen Sichtung tausender einst aus dem Wüstensand geborgener Papyrustexte, die nun verblüffende Einblicke in den Alltag und das soziale Leben im alten Ägypten gewähren.

Der Notar war ein Bildungsbürger. Im engen Familienkreis sprach er Koptisch, seine Korrespondenz und offizielle Auftritte absolvierte er in gepflegtem Griechisch. Sein Denken war geprägt von einer Mischung aus griechischer Philosophie und christlicher Religion. Sein Wohnsitz war eine elegante Villa vermutlich römischen Stils, in der er gern Gäste empfing und elegante Feste veranstaltete.

Dioskoros, so der Name des oberägyptischen Notars aus dem sechsten Jahrhundert, war ein vorzüglicher Gastgeber und bekannter Verfasser von Gedichten, die gespickt waren mit geistreichen Anspielungen auf die Literatur der alten Griechen. Er nahm aber auch die Pflichten als Notabler seiner Stadt ernst: Als der Vorsteher seines Heimatdistrikts Aphroditopolis seine Machtbefugnisse grob verletzte, verfasste Dioskoros eine Petition an Kaiser Justinian – mit der Forderung, gegen den „Übeltäter“ einzuschreiten, der seine Banden wie Barbaren in der Gegend wüten ließ. Als die Lage unerträglich wurde, reiste er mit einer Delegation anderer Würdenträger sogar zum Kaiser nach Konstantinopel. Wie alle Angehörigen der oberen Schichten der Reichsprovinzen war auch Dioskoros römischer Bürger und forderte für sich und seine Gemeinde das Recht auf Schutz durch den Staat.

Auch wenn der oberägyptische Provinznotar nicht gerade zu den herausragenden Persönlichkeiten der Weltgeschichte zählt, hat sein Leben dennoch eine Bedeutung erhalten, die weit über seine Zeit hinausragt: Dank reinen Zufalls hat sein privates Archiv an Papyrus-Schriften fast eineinhalb Jahrtausende im Wüstensand nahezu unversehrt überdauert und gibt nun Auskunft über das tägliche Leben und die Verwaltung in einer römischen Reichsprovinz.

Solche Daten haben Seltenheitswert, denn unsere Informationen zur Geschichte des alten Rom stammen vorwiegend aus zwei Quellen: aus Inschriften, die in Stein gemeißelt oder auf Münzen geprägt wurden, und aus jenen Texten, die über die Jahrhunderte als Kopien erhalten geblieben sind. Beide Quellen sind tendenziös und verraten nur wenig darüber, wie sich das Leben in der Antike wirklich abgespielt hat. Die Inschriften dokumentieren die Ereignisse im Sinne und zum Ruhm ihrer mächtigen Auftraggeber, die Textkopien unterlagen dem ideologischen Filter jener, die sie anfertigten oder anfertigen ließen: Denn es wurden nur jene Schriften kopiert, die subjektiv für überliefernswert erachtet wurden. Im Zuge der christlichen Werten verpflichteten Kopiertätigkeit mittelalterlicher Mönche ist deshalb der größte Teil des Schriftguts von Gelehrten, Literaten und religiösen Autoren verloren gegangen.

Umso aufschlussreicher sind jene Botschaften, die im Original aus dem ägyptischen Wüstensand geborgen werden konnten. Papyrus war bis zur Einführung des Papiers im neunten Jahrhundert aus China das beliebteste Schreibmaterial im Mittelmeerraum. Doch er ist empfindlich gegen Feuchtigkeit und verrottet leicht – in größeren Mengen hat er deshalb nur in den besonderen klimatischen Bedingungen der Wüste überdauert. Paradoxerweise sind unter diesen Bedingungen nicht Bibliotheksbestände erhalten geblieben, sondern es überdauerte ausgerechnet das, was für unbedeutend gehalten und deshalb als Müll in den Dünen entsorgt wurde: ausgemusterte Verwaltungsakten, Verträge, Buchhaltungen, private Korrespondenzen und allerlei Zettelwerk.

Unverfälscht. Oft sind die Dokumente nur in Fragmenten erhalten, und viele einst zusammenhängende Texte wurden von Antiquitätenhändlern um des größeren Gewinns willen zerrissen und über die ganze Welt verstreut. Heute entschlüsseln Papyrologen in internationalen Kooperationen diese Zeugnisse, stellen sie in größeren Zusammenhang und lassen so ein unverfälschtes Bild von Alltag und individuellen Schicksalen entstehen, das authentischer ist als jenes, das durch das offizielle oder literarische Schrifttum überliefert wurde.

Die Wiener Nationalbibliothek verfügt mit der so genannten „Sammlung Erzherzog Rainer“ über den möglicherweise größten Papyrus-Fundus der Welt (siehe Kasten Seite 125). Mit den 1,2 Millionen Euro aus einem Start-Preis des Wissenschaftsfonds (FWF) aus dem Jahr 1997 hat der Papyrologe und Althistoriker Bernhard Palme in Wien eine Gruppe international führender Papyrologen aufgebaut, die heute weltweit ihresgleichen sucht. Die Experten aus den Bereichen alte Geschichte, Ägyptologie, Theologie, Rechts-, Sprach- und Wirtschaftswissenschaft haben sich in den zehn Jahren seit Beginn des Projekts durch 60.000 griechische Papyrustexte in der Nationalbibliothek geackert. „Als Resultat konnten wir am Modell Ägypten Grundlagen erarbeiten, die es ermöglichen, Interna des Römischen Reichs, die Entwicklung des Christentums und den Umbruch durch die arabische Eroberung besser zu verstehen“, berichtet Palme. Die Ergebnisse der Arbeit sind in 220 Publikationen erschienen. In einem nächsten Schritt plant Palme, eine „Mentalitätsgeschichte des Altertums“ zu verfassen. Denn die Nachrichten aus der Wüste fügen sich zu einem immer vollständigeren Mosaik pulsierenden Lebens zusammen.

Festprogramm. So ließe sich beispielsweise ein Fest im Haus des Notars Dioskoros folgendermaßen vorstellen: Nach einem literarischen oder musikalischen Vortrag labten sich mondän gekleidete Damen und vornehme Herren an vom Koch des Hauses zubereiteten Köstlichkeiten. Es gab Erlesenes wie Flamingozungen oder Trüffeln, aber auch Bodenständiges wie in Papyrus eingeschlagenen gebratenen Fisch mit Nüssen. Weine aus dem wohlsortierten Lager des Notars rundeten den Genuss ab. Für Unterhaltung sorgten Akrobaten, die im Vorhof der Villa ihre Kunststücke vollführten. Damit die Gäste auch wussten, was sie erwartete, erhielten sie Programmzettel aus Papyrus.

Nach Einbruch der Nacht zogen Kastagnettentänzerinnen ins Atrium ein. Es waren schöne, selbstbewusste Mädchen. Denn obwohl Tänzerinnen auf der sozialen Leiter nur knapp über den Prostituierten standen, waren sie in Zünften organisiert und konnten deshalb für ihre Auftritte schriftliche Verträge abschließen und Honorarvorauszahlungen fordern. Nach ihrem Auftritt hatten die Mädchen Anspruch darauf, in Eselswagen nach Hause gefahren zu werden.

Eine solche Gelegenheit wurde dem achtjährigen Sklavenjungen Epaphroditos zum Verhängnis: Um Tänzerinnen besser zusehen zu können, kletterte er auf ein Dach, beugte sich zu weit vor und stürzte zu Tode. Die Todesmeldung gelangte in die Kanzlei des so genannten Strategen, wo die Bevölkerungslisten geführt wurden. Der Stratege ordnete an, dass der Leichnam von einem Amtsarzt untersucht werde und ihm die „nötige Einkleidung als Mumie und die Bestattung zuteil werde“.

Insbesondere über den ansonsten weitgehend unbekannten Alltag der Frauen in der Antike verraten die Papyri einiges. Da werden etwa Unterhaltsforderungen bei aufrechter Ehe geltend gemacht oder Rosenkriege im Zuge von Scheidungen durchgefochten. Da gibt es vermögende Frauen, die völlig autonom handeln konnten, wie etwa die reiche Witwe Aurelia Charite, Ratsherrin der Stadt Hermupolis: Ihre Verkaufs- und Pachtverträge zeigen, dass sie den großen, von ihrem Mann ererbten Besitz selbstständig und ertragreich verwaltete.

Aus den Papyri ist auch ersichtlich, dass sich die Ägypter in der römischen Ära nicht als Unterdrückte, sondern als vollwertige Mitglieder des Römischen Reichs fühlten. Ägypten war eine kulturelle und wirtschaftliche Kernprovinz, denn die Versorgung Roms mit Weizen und Papyrus hing weitgehend von den in ebendie-sen Naturalien geleisteten Steuerzahlungen ab. Um derlei vitale Interessen zu wahren und keine Aufstände zu riskieren, verfolgte die römische Zivil- und Militärverwaltung eine langfristig konsequente, aber sensible Strategie. Den Bewohnern der Provinzen wurde weder Sprache noch Religion aufgezwungen, und nur die allerobersten Ämter wie jene des Statthalters und des Militärkommandanten wurden von Römern beziehungsweise Byzantinern besetzt. Das römische Recht wurde nur so weit wie unbedingt notwendig exekutiert. Auf diese Weise kam es etwa dazu, dass in Ägypten im zweiten Jahrhundert die traditionelle Geschwisterehe praktiziert werden durfte, während eine solche im übrigen Reich streng verboten war.

Das Römische Reich mit seiner dezentralen Organisation und seinen unterschiedlichen Kulturen und religiösen Strömungen erinnert Forscher Bernhard Palme an das moderne Europa: „Die römische Kultur war aus vielen Einflüssen zusammengesetzt und hatte in jedem Reichsteil ein etwas anderes Gesicht“, so Palme. „Zwar breitete sich als Reichskultur eine gewisse Lebensart aus, nämlich die Ästhetik, die Villa, Fußbodenheizung, Wasserversorgung, Kanalisation, Straßen und überhaupt die Infrastruktur der Römer. Aber das sinnvolle Lokale wurde dadurch nicht verdrängt.“

Vakuum. Diese Erkenntnisse widerlegen das Bild des jahrhundertelangen Niedergangs des römischen Kaiserreichs, das sich im Bewusstsein der Nachwelt festgesetzt hat. Das sei „eine Auffassung der christlichen Spätantike, die durch die Auswahl der in den Klöstern kopierten Texte verfestigt und im 19. Jahrhundert wiederbelebt wurde“, ist Palme überzeugt. Zeitkritische römische Autoren wie Tacitus, die drohenden Sittenverfall anprangerten, trugen das Ihre zu dem Bild römischer Dekadenz bei.

In der Spätantike jedoch kam es zu einer Polarisierung der Gesellschaft. Der eine Teil sei, so Palme, weitgehend verarmt. Der andere habe sich dem Segment der Superreichen angeschlossen und sich aus der sozialen Verantwortung verabschiedet. Hauptleidtragende dieser Entwicklung waren die Städte: Hatten früher Stifter beim Bau von Wasserleitungen und Gymnasien miteinander gewetteifert, um zu bauen, drohte nun die Verelendung.

Zugleich war im vierten Jahrhundert die Bedeutung der antiken Religionen stark zurückgegangen und ein spirituelles Vakuum entstanden. In beide Breschen – die soziale und die spirituelle – sprangen die Kirchen. Gewaltige Männer- und Frauenklöster boten Bildung für beide Geschlechter und materielle Sicherheit in unsicheren Zeiten. Das berühmte „Weiße Kloster“ nahe der heutigen ägyptischen Stadt Sohag zählte um das Jahr 400 nach Christus an die 2200 Mönche, das fünf Kilometer entfernte „Rote Kloster“ für Frauen 1800 Nonnen. Die Bibliothek des Weißen Klosters besaß um das Jahr 900 fast 1000 Handschriften – eine für damalige Verhältnisse gigantische Zahl. Der an der Wiener Nationalbibliothek an einem FWF-Projekt forschende Theologe Hans Förster berichtet, dass das Kloster seinen Aufschwung dem charismatischen Vorstand Apa Schenute verdankte, der ein biblisches Alter von über 100 Jahren erreichte.

Sensationsfund. Im ganzen Mittelmeerraum war das ägyptische Mönchstum für seine teils bizarren spirituellen Praktiken bekannt – dazu zählten asketische Übungen wie Schlafentzug, Ernährung ausschließlich durch Kräuter und langes Verharren auf Säulen, woher der geläufige Begriff des Säulenheiligen stammt.

Im Osten ließ freilich schon ungeduldig die nächste Supermacht ihre Muskeln spielen: Im Jahr 641 übernahmen die Araber im Niltal das Ruder – und stießen dabei auf geringe Gegenwehr. Die Periode dieses Machtwechsels erhellt ein Sensationsfund, der in Wien vor knapp vier Jahren gemacht wurde und zeigt, dass selbst in der gut durchforsteten Sammlung der Nationalbibliothek noch Überraschungen möglich sind: Es handelt sich um die Korrespondenz zwischen dem Distriktsvorsteher Athanosios und seinem Stellvertreter Senuthios aus den Jahren 642 bis 644.

Entdecker dieses in langwieriger Kleinarbeit zusammengefügten Archivs ist der aus Florenz stammende Papyrologe Federico Morelli: „Die Depeschen des zeitweise im Stundentakt geführten Austausches zeigen die Nervosität und die Maßnahmen angesichts der arabischen Eroberung“, erläutert Morelli. Die Gespreiztheit der Umgangsformen der byzantinischen Epoche weicht dem knappen Ton der Eroberer. Wie sich zeigen sollte, folgten die neuen Herren klugerweise dem römischen Beispiel und ließen ihren Untertanen weit gehende Freiheit, auch in der Religion – vorausgesetzt, die Steuern flossen reichlich.

Mit dieser Epoche eröffnet sich ein riesiges, noch nahezu unbeackertes Feld der Wiener Papyrussammlung – nämlich jene 60.000 arabischen Papyri, die noch kaum gesichtet wurden. Darin sieht die neue Leiterin der Wiener Papyrus-Sammlung, die Papyrus-Forscherin und Spezialistin für altgriechische Philologie, Cornelia Römer, nun eine weitere langfristige Aufgabe der Wiener Papyrologie. „Diese Dokumente zeigen das gut funktionierende Zusammenleben zwischen Christen, Juden und Moslems“, so Römer, „und das wäre gerade auch für die heutige Zeit interessant.“

Von Johanna Awad-Geissler