Nachruf

Hubert Feichtlbauer über das Pontifikat von Papst Johannes Paul II., der für soziale Gerechtigkeit und Menschenrechte eintrat, Reformen in der Kirche aber unterband.

Ein halbes Jahr nach der zweiten Papstwahl 1978 war eine Gruppe katholischer JournalistInnen aus Österreich bei Johannes Paul. Im Einzelgespräch wirkte er dynamisch, vital, zu Scherzen aufgelegt, aber schon sehr bestimmt. In der neuen Audienzhalle tobte ein veritabler Frühlingssturm: Das war nicht ehrfürchtige, sondern ausgelassene Begeisterung! „Der wird noch über die ganze Kirche als Sturmwind kommen“, fanden wir. Er kam. Aber ehe er die katholische Kirche durcheinander wehte, blies er den letzten Statthaltern des Sowjetkommunismus kräftig ins Gesicht. Vor allem dazu war er ja auch gewählt worden.
Heute weiß man, dass zwar der Wiener Kardinal Franz König ihn (schon vor dem Konklave!) behutsam ins Gespräch gebracht hatte, aber den Ausschlag im Konklave gaben schließlich die Kardinäle aus den USA. Sie und ihre Verbündeten suchten einen geistlichen Impulsgeber für die sich abzeichnende politische Neuordnung Europas, nachdem sich gezeigt hatte, dass für einen Fortsetzer (oder bekennenden Abwürger) innerkirchlicher Reformen keine Mehrheit aufzutreiben war. Diese Hoffnung hat Karol Wojtyla zweifellos erfüllt. Die Wende in Europa wäre auch ohne ihn gekommen, aber an der Strategie, sie beschleunigt (und unblutig!) umzusetzen, hatte der Erzbischof aus Krakau den größten Anteil. Was ihn dazu trieb, sollte als Prägemarke seines Wirkens in die Politik hinein noch oft erkennbar werden: ein weltumspannendes Gerechtigkeitsempfinden und die unerschütterliche Überzeugung, dass der Marxismus dieses nicht befriedigen konnte. Aber ebenso wenig Kapitalismus pur. Das bekamen auch die Amerikaner noch zu spüren.
Was Johannes Paul II. für den Weltfrieden als Frucht sozialer Gerechtigkeit, für Menschenrechte und Menschenwürde, für die Einigung Europas, die Dritte Welt und für den inneren Zusammenhalt auch hoch entwickelter Gesellschaften, aber auch in der Bekämpfung des christlichen Antijudaismus geleistet hat, wird als Zeugnis für seine Grundsatzorientierung, Beharrlichkeit und Durchsetzungskraft in den Geschichtsbüchern Bestand haben. Aber auch seine eigenwillige Auslegung von Grundsätzen. Macht- und Gewaltenteilung, Aufwertung der Frauen, Gewissensfreiheit, Weiterentwicklung durch Dialog und Toleranz verordnete er der gesamten Welt – nur nicht seiner eigenen Kirche, die nicht an innerweltliche Werte gebunden sein sollte. Dass er Frauen nicht zu Priesterinnen weihen dürfe, erklärte er glatt als unabänderlichen Willen des „Herrn des Universums“ – und schloss sie damit nicht nur vom Leiten der Messfeier, sondern auch von allen kirchlichen Entscheidungen aus. Demokratie in der Kirche? Unmöglich – obwohl sie seit der Urkirche, jahrhundertelang auch bei Bischofsbestellungen und bis heute in Ordensgemeinschaften (und Papstwahlen!) praktiziert worden ist.
Den Armen, den Ausgestoßenen, Entrechteten und Leidenden Trost zu bringen, hat er keine Strapazen gescheut – solange keine an Marxismus erinnernde Ideologie dahinter auftauchte. Wo dies wirklich oder jedenfalls seiner Meinung nach der Fall war, wie bei den Sandinisten in Nicaragua oder der lateinamerikanischen Theologie der Befreiung, gab es ein unversöhnliches Nein. Bei einem Besuch des Rats der Katholischen Weltunion der Presse (UCIP) im Vatikan im Frühjahr 1985 wurden wir zum obligaten Händedruck am Papst vorbeigeschleust. Ein vorlauter Aufmucker glaubt, dabei eine vermeintlich originelle Sentenz fallen lassen zu müssen: „Ich danke Ihnen, dass Sie gesagt haben: ‚Ich bin selbst ein Befreiungstheologe.‘“ Aber auf Ironie in der Gästeschlange ist kein Papst vorbereitet. Im Übrigen hat er immer an allen, denen er die Hand gab, schweigend vorbeigeschaut – in Weite, Tiefe, Höhe, jedenfalls nicht ins Auge.

Im Auge hatte er stets Tiefgründiges, Hohes, Letztes – den Menschen als „Priester, Propheten und König in Christus“, Maria als Königin der geheimen Offenbarung, „mit der Sonne bekleidet, den Mond unter ihren Füßen …“ Einer seiner Biografen sprach von „marianischer Obsession“, aber es war immer ein Bemühen um Einbindung aller Aussagen in hehre Visionen – und hatte zur Folge, dass er im Zweifelsfall das Gesetz über den konkreten Menschen stellte. Empfängnisverhütung – „Kultur des Todes“, auch wenn Millionen Frauen dadurch zu Gebärmaschinen degradiert wurden! Wieder verheiratete Geschiedene? Mitgefühl, aber Sakramentenverweigerung! Der Papst scheute sich nicht, Aids-Opfer zu umarmen – aber Kondome? Nie und nimmer! Homophilie? Barmherzigkeit, aber keine Respektierung! Zehntausende Priester, die um Erlösung aus ihrer irdischen Liebesnot baten? Keine Antwort auf ihre Suspendierungsgesuche, und ihre gedemü-tigten Frauen sollten verschämte Versteckte bleiben! Freiheit des Wortes? Immer für die Kirche in totalitären Staaten gefordert – aber in der Kirche Theologen verwehrt, die an römischen Weisungen kratzten!

Sicher wollte Johannes Paul II. nicht hartherzig sein, aber die Gewissheit, er und notfalls er allein wisse um den Willen Gottes, steuerte Hirn und Herz und Hand, auch bei seinen über hundert Reisen, auch beim Anliegen Ökumene. Er predigte und flog, betete und umarmte Metropoliten, Patriarchen und Superintendenten. Er forderte sogar zum Nachdenken über eine neue Form der Ausübung des Petrusamtes auf. Aber aller ökumenischer Dialog war bei ihm letztlich nichts als ein beschwörender Monolog, der kaum Wenn und Aber zuließ. Dem evangelischen Bischof Dieter Knall, der beim zweiten Österreich-Besuch des Papstes 1988 in Salzburg die christliche Mahlgemeinschaft einmahnte, beschied er, dass sich die evangelische Kirche vorher „der sakramentalen Gestalt des geistlichen Amts annähern“, sprich: Papst und katholische Bischöfe anerkennen sollte. Wahr ist, dass Theologen aller christlichen Konfessionen in wichtigen Lehrfragen einander heute millimeternah sind und selbst ein „Sprecher der Christenheit“ kein Tabuthema mehr ist – aber ein Papst, der jede Woche doziert, was Christen in ihrem privaten Leben tun und lassen müssten, liegt mit Sicherheit nicht auf dem Weg dorthin.
Die letzte persönliche Begegnung ergab sich beim 75-Jahre-Jubiläum der UCIP im Dezember 2002. Damals wurde der Papst als steife Marionette in den Audienzsaal gerollt und ließ seine Rede vom Medienkardinal verlesen. Als eigenen Beitrag zum „Dialog“ konnte man nur zwischen respektvollem Handschütteln und der Kniefall-Ringkuss-Variante wählen. Die allermeisten entschieden sich für den Kniefall. Der Papst hat solche Gesten nie verlangt, aber auch nie abgewehrt. In seinem Buch „Die Schwelle der Hoffnung überschreiten“ greift er sogar selbst den Vorwurf auf, der Titel „Heiliger Vater“ widerspreche dem Evangelium (was stimmt: Matthäus 23,9). Seine Antwort: Man muss sich vor dieser „Tradition nicht fürchten“. Dieses monumentale Amtsverständnis, das ihn noch in das maskenhafte rituelle Leiden der letzten Jahre drängte, hat vielen Menschen Respekt, aber vielen auch ein Schaudern abgenötigt.
Letztlich verweisen die vielen Kritikpunkte, die diesem Papst angelastet wurden, auf einen Grundgedanken: Kirche müsste Sinn- und Heilsangebote machen, aber nicht starre Glaubens- und Sittendogmen zu erzwingen suchen; von Gottes „heiliger Unbegreiflichkeit“ (Karl Rahner) bescheiden, demütig, ohne Rechthaberei sprechen; die löblichen Entschuldigungen des Papstes für historisches Fehlverhalten auch auf die Gegenwart beziehen; Sünde ernst nehmen, aber nicht überdimensioniert südlich des Nabels ansiedeln; das Bibelwort akzeptieren, wonach das Gewissen „besser Auskunft gibt als sieben Wächter auf der Warte“ (Sir. 37,14). Viele Möglichkeiten für einen mutigen Nachfolger, neue Akzente zu setzen, ohne das Bewahrenswerte am Nachlass des Vorgängers zu gefährden.

Hubert Feichtlbauer war Chefredakteur von „Wochenpresse“, „Kurier“ und der katholischen Wochenzeitung „Die Furche“, ist Autor mehrerer Bücher und war Vorsitzender der aus dem Kirchenvolksbegehren entstandenen Plattform „Wir sind Kirche“.