Nachruf: Agente provocateuse

Die amerikanische Kulturtheoretikerin, Schriftstellerin und Filmemacherin Susan Sontag ist vergangenen Dienstag 71-jährig in New York gestorben.

Ihrer zweiten großen Essaysammlung hat sie 1969 den schönen Titel „Styles of Radical Will“ gegeben. Er fasst prägnant zusammen, wofür sich Susan Sontag als Theoretikerin und Künstlerin stets vehement eingesetzt hat: für radikale Formgebungen und individuelles Denken, für eine Kunst, die in Stilfragen nicht nur selbstsicher agiert, sondern erst dort überhaupt zu sich findet. Kunst habe, da war sich Sontag sicher, keine „Inhalte“, habe keine „Aussagen“ zu treffen und keine Antworten zu geben. Kunst, so notierte sie 1965 in dem Essay „On Style“, „handelt nicht nur von etwas, sie ist etwas. Ein Kunstwerk ist ein Teil der Welt, nicht bloß ein Text oder Kommentar über die Welt.“

Die Hochkultur schien ihr nie höher, weiter, edler zu sein als die so genannte triviale. Das Gefühl, das etwa ein Gemälde Robert Rauschenbergs vermittle, hat Sontag in jenen Tagen geschrieben, könne, wenn man die Kunst als eine Art Schule der Sinnlichkeit begreife, durchaus jenen Empfindungen gleichen, die ein Song der Supremes auslöse: Guter Pop ist gute Kunst – ein Erlebnis, intellektuell und emotional.

Wunderkind. Die 1933 als Susan Rosenblatt geborene New Yorkerin – den Namen Sontag sollte erst ein paar Jahre später ihr Stiefvater in die Familie bringen – machte sich von frühster Jugend an als Wunderkind bemerkbar: Nach eigenen Angaben habe sie bereits als Siebenjährige „kleine Geschichten und Gedichte und Stücke“ verfasst. Sie sei vom Schreiben angezogen gewesen, seit sie denken konnte: eine geborene Autorin. Als Teenager begann Sontag, in Zeitungen Buchbesprechungen zu veröffentlichen. Schon mit 16, nach einer Kindheit irgendwo in Arizona und nach ein paar High-School-Jahren in Los Angeles, belegte sie Kurse in Philosophie, Französisch und Literatur an der Universität in Chicago, später studierte sie zudem Theologie in Harvard und Oxford. Mit 17 war sie verheiratet, wenige Jahre später publizierte sie bereits in renommierten Zeitschriften wie „The Nation“, „Moviegoer“ und „The New York Review of Books“.

In den frühen sechziger Jahren schließlich, einer Zeit des Aufbruchs und der Befreiung des Denkens, der politischen Verve und des kulturellen Enthusiasmus, reifte Susan Sontag zur Starautorin. Nach einem frühen ersten Roman, „Der Wohltäter“ (1963), gelang ihr ein in jedem Sinn provokanter Einstieg in Amerikas Intellektuellenzirkel: ein Essayband, der unter anderem gegen die ständige Praxis der Übersetzung von Kunst in „Bedeutung“ polemisierte – und dies gleich in seinem Titel klarstellte: „Against Interpretation“ (deutsche Ausgabe: „Kunst und Antikunst“), 1966 erstmals veröffentlicht, ging allein in Amerika mehr als eine halbe Million Mal über den Ladentisch.

Die diffizile Frage, wie Kunst zu bemessen sei, was ein Werk „wert“ sein könne, steht implizit und explizit im Zentrum vieler früher Sontag-Essays, ob diese nun die Happening-Kultur der Beatniks und Hippies oder Georges Batailles „pornografische Imagination“ behandeln. Dabei geht es Sontag nie um letztgültige Beurteilungen, sondern um die Enthüllung jener Mechanismen, die zu solchen Urteilen führen. Theorie als Akt gegen die Willkür in der Kunstbeurteilung: Sie habe, hat Sontag einst erklärt, nichts als eine Reihe von „Einzelfallstudien zu einer Ästhetik“ geschrieben, „zu einer Theorie meiner eigenen Erlebnisweise“.

Es ist kein Zufall, dass sich Susan Sontag so sehr zum Underground, zu einer öffentlich verachteten, aber subkulturell blühenden Kunst hingezogen fühlte. In den New Yorker Szenen um Andy Warhol und Gregory Markopoulos bewegte sie sich mit letztlich größerer Selbstverständlichkeit als in den literarischen Kreisen, in denen man sie hofierte. Das Kino lag ihrem Denken nahe, so nah, dass sie bald auch selbst Filme machen, schreiben und inszenieren wollte. Ihre modernistischen Sujets entnahm sie den Arbeiten Godards, Antonionis und Bergmans: In der in Schweden produzierten schwarzen Komödie „Duett für Kannibalen“ (1969) analysierte sie Formen alltäglicher Beziehungsgrausamkeit; in „Zwillinge“ dachte sie zwei Jahre später über Bindungsängste nach. 1974 realisierte sie „Promised Lands“, einen bitteren Essayfilm über Israels Politik und Kriegszustände.

Das Kino blieb ihr, auch wenn ihre Filme nur beschränkt Anerkennung fanden, zeitlebens eine Anlaufstelle, ein Fixpunkt ihrer Reflexionen. Im Magazin der „New York Times“ beklagte Sontag Mitte der neunziger Jahre, rechtzeitig zum 100. Geburtstag der Laufbildindustrie, den „Verfall des Kinos“ und, vielleicht verfrüht, den Tod der Cinephilie. Dem Kino der Autoren des europäischen Films, Resnais, Bresson, Dreyer, das in den theoretischen Debatten der sechziger und siebziger Jahre eine Hauptrolle spielte, war sie leidenschaftlich ergeben, aber unerschrocken verteidigte sie auch Avantgarde-Außenseiter wie Jack Smith, dessen Film „Flaming Creatures“ sie tief berührte.

Die Selbstbeschränkung gehörte zu den wenigen Disziplinen, die Susan Sontag nicht beherrschte: Sie trat als Erzählerin, als Bühnen- und Filmregisseurin, als Kritikerin und Essayistin auf; sie schrieb über Literatur, Theater, Kino, Fotografie, Malerei, Psychoanalyse und Anthropologie. Das Hybride war immer Teil ihrer Kunst und ihres Denkens, sie liebte das Unreine, das Schillernde und Gemischte mehr als das klar Umrissene. Unbekanntes Terrain forderte sie grundsätzlich heraus: Im belagerten Sarajevo schuf sich Sontag zwischen 1993 und 1996 ein neues Aufgabenfeld. Nicht nur inszenierte sie dort, ohne Strom und ohne Telefon, Becketts „Warten auf Godot“, sie realisierte in der Folge dort Projekte auch an Schulen und in Spitälern – und demonstrierte der Welt die Überlebensfähigkeit der Kunst unter allen Bedingungen.

Amerika-Kritik. Als scharfe Amerika- und Israelkritikerin geriet Susan Sontag oft ins Kreuzfeuer des konservativen Amerika, was sie nicht davon abhielt, gemeinsam mit ihrer Lebensgefährtin, der Starfotografin Annie Leibovitz, bis zuletzt prononciert für die Menschenrechte und gegen den Krieg einzutreten. Wenn man schon von „feige“ spreche, hatte sie unmittelbar nach den Anschlägen auf das New Yorker World Trade Center erklärt, dann möge man das Wort doch besser auf jene anwenden, „die Vergeltungsschläge aus dem Himmel ausführen, und nicht auf jene, die bereit sind, selbst zu sterben, um andere zu töten“. Eine hochdekorierte Schriftstellerin blieb sie, auch wenn man sie in Bushs Amerika keineswegs zu schätzen wusste: Vor vier Jahren wurde ihr der bedeutendste US-Buchpreis, der National Book Award, verliehen. Im Oktober 2003 nahm Sontag noch den Friedenspreis des deutschen Buchhandels in Frankfurt entgegen.

Historienromane. Als Literatin errang sie zwar immer wieder Achtungserfolge, aber die weltweite Wirkung ihrer – in 32 Sprachen übersetzten – insgesamt acht Essaybände konnte sie mit ihren vier Romanen, ihren Erzählungen und Theaterstücken nicht annähernd erzielen. In den Romanen „Der Liebhaber des Vulkans“ (1989) und „In Amerika“ (2000) erprobte sie mit wechselndem Erfolg die Form des historischen Epos. Bis zuletzt empfand Sontag dennoch vor allem diese beiden Bücher als „viel repräsentativer“ und auch persönlicher als jeden ihrer Essays. „Der Liebhaber des Vulkans“, hat sie behauptet, sei überhaupt das erste ihrer Bücher gewesen, das sie „geliebt“ habe – die meisten andern habe sie bloß gemocht. 2000 sprach sie, halb ironisch natürlich, von allen ihren Werken vor „In Amerika“ als „Jugendarbeiten“. In ihrer letzten großen Publikation, dem 2003 erschienenen Buch „Das Leiden anderer betrachten“, dachte Sontag noch einmal essayistisch über die Kriegsfotografie nach (und formulierte nebenbei auch viele Thesen ihres berühmten Buchs „On Photography“ von 1977 neu).

Bereits Ende der siebziger Jahre hatte Sontag ihren Brustkrebs, über den sie – wider das Tabu – gern offen sprach, für besiegt erklärt. 1998 stellte man ihr eine neue Krebsdiagnose. Am Dienstag vergangener Woche, 19 Tage vor ihrem 72. Geburtstag, ist Susan Sontag in einer New Yorker Krebsklinik ihrer Krebserkrankung nach langem Kampf erlegen. Dabei hatte sie noch jede Menge vor: Mit ihren nächsten beiden Romanen wollte sie, nach so viel Historienmalerei, dann doch noch, wie sie sagte, im 21. Jahrhundert ankommen. Auch wenn die geplanten Bände nun nicht mehr erscheinen werden, war sie doch längst dort, wo sie hinwollte, in der Gegenwart angekommen: eine erstklassige Repräsentantin ihrer Zeit.