Nachruf: Der andere Kirchenfürst

Hubert Feichtlbauer über Franz Kardinal König: kein Blender, kein Machtmensch, kein Perfektionist. Wie der einstige Wiener Erzbischof aus seinem Gefühlspanzer nie ganz ausbrechen und dennoch zum Liebling der Österreicher werden konnte.

Was war es, das am 13. März viele besorgte Blicke zum Turm von Sankt Stephan zog, wo die Pummerin ihr Klagelied erhob? Was ließ auch Kirchenfremde in Zeitungen blättern, deren Titelseite ein lächelnder oder grübelnder Kardinal beherrschte? Was ließ auch junge Menschen beim Anblick der Faltenlandschaft eines fast Hundertjährigen innehalten? Was hat an Franz König fasziniert?

Ein dumpfes Ahnen sagt: dass er anders als andere „Kirchenfürsten“ war. Aber wie anders? Für in der Wolle gefärbte Schwarze tat sich sein Anderssein im Zugehen auf die noch immer misstrauisch beäugten „Sozi“ kund. Das trug ihm bereits den Spitznamen des „roten Kardinals“ ein, an dem er schon eine Weile schluckte, ehe er darin einen Ehrentitel sah. Für Orthodoxe war er der erste Kardinal der römischen Kirche, der ihre Patriarchen umarmte und sie nicht Herablassung, sondern Achtung spüren ließ. Juden und Muslime nahmen biblische Zuwendung wahr. Für Naturwissenschafter war er ein Mann der Kirche, der zum Stichwort Darwin nicht einen Ohnmachtsanfall, sondern einen Symposiumseinfall hatte. Auch Freimaurern näherte er sich ohne Schielen nach Hörnern und Schwefeldrüsen.

Ihn faszinierte die große Welt von Kindesbeinen an. Der Bauernbub aus dem Pielachtal, eins von zehn Kindern, fragte sich beim Anblick von Zündholzschachteln mit Aufschriften in Englisch: Was sind das für Menschen, die andere Sprachen sprechen? Und andere Religionen haben? Am Stiftsgymnasium Melk hatte er das Glück, einen Lehrer zu finden, der neben den Pflichtfächern Griechisch und Latein auch Französisch, Englisch und Italienisch unterrichtete. Russisch kam bald dazu. Vielleicht war es ein weiteres Glück, dass er den Religionsunterricht langweilig fand – so konnte er seine vagabundierende Neugierde auch vielen anderen Sachgebieten zuwenden.

Der Priesterberuf war keineswegs von Anfang an sein Lebenstraum, auch nicht gleich nach einer unglücklichen Liebe mit achtzehn. Der Vorsitzende der Maturakommission, dem Königs in Latein verfasster Aufsatz über „Die Frauen zur Zeit Homers“ imponiert hatte, winkte mit einem Stipendium in London. Aber da hing er halb schon am Angelhaken „Rom“. Dort, an der Päpstlichen Universität Gregoriana, reifte allmählich der endgültige Berufsentschluss, auch wenn er zuerst das Doktorat in Philosophie und erst später das in Theologie erwarb. Rufe an allerlei Universitäten blieben fortan unerhört.

Die Antike prägte. Frühe Erfahrungen in Rom, wo er im Collegium Germanicum wohnte, haben ihn geprägt. Die vielen Bautrümmer der Antike ließen ihn über die Vergänglichkeit irdischer Macht meditieren. Vielleicht starb schon damals in ihm der Machtinstinkt, den kluge Nachrufautoren bei den zwei Papstwahlen 1978 und beim Heraushalten aus allen Nachfolgeintrigen 1985 vermissten. Mächtig aber beeindruckte ihn der Atem der großen Welt, dem er in der Kirche begegnete, das Universum der Völker im Petersdom. Damals wurde wohl auch die von ihm öffentlich nie verletzte Loyalität gegenüber Päpsten grundgelegt, die heute jeden Bischof zum Gefangenen macht.

Aber deutlich wurde schon den Seminaristen eingebläut: Ihr seid zu Großem berufen! Künftige Positionen in der Kirche werden euch zu harten Personalentscheidungen zwingen! Vermeidet enge Freundschaften, die solche schwer machen könnten! Nicht aus allen machen solche Leitsätze Beziehungsgeschädigte. Franz König aber, der sich nach dem frühen Tod seines Vaters und das Unverstandenfühlen durch den zweiten Mann seiner Mutter in sich zurückgezogen hatte, umgaben sie endgültig mit einem Gefühlspanzer. Zeitlebens hat eine spröde Zurückhaltung seine Menschenfreundlichkeit äußerlich überdeckt, was erst in der späteren Bussi-Bussi-Gesellschaft als mögliche Tugend erkennbar wurde.

Seine Mitarbeiter haben zumindest in den ersten Bischofsjahren unter manchmal sogar misstrauischer Distanziertheit gelitten. Dagegen hatte König zur Jugend früh einen Zugang gefunden. Schon in St. Pölten während der NS-Zeit scharte er eine rasch wachsende Gruppe junger Menschen um sich, die er auf subtile, aber keineswegs anpasserische Weise zu Jenseitigem hinführte. Mehrere Gestapo-Verhöre und Bespitzelungen überstand er heil. Als die Kriegsfront St. Pölten überrollte, bewährte er sich als Lazarettpfarrer und Anwalt der in die Domkeller geflüchteten Frauen. Als ein Sowjetsoldat nächtens in den Schlafsaal platzte und die Frau auf der Pritsche neben ihm haben wollte, bewog König ihn mit der Bemerkung „Das ist meine Frau“ zur Umkehr.

Fremdsprachig, ohne Pathos. In Krems setzte „King“ ab Herbst 1945 seine Menschenfischerei als Religionslehrer fort. Heutige Kirchenveteranen erinnern sich, wie sie, vielfach schon von harter Kriegserfahrung gezeichnet, fasziniert mit König über Gott und die Welt diskutierten. In Religionsstunden betete König mit den Teilnehmern in fremden Sprachen. (In den letzten Wochen vor seinem Tod las König die Psalmen des priesterlichen Tagesgebets auf Englisch.) Vom weltoffenen Umgang mit jungen Menschen hat auch König selbst profitiert. Ein Leben lang blieb ihm das gespreizte Pathos der Kirchensprache fremd. Später hat er auch Wissenschafter, Philosophen und Künstler mit derselben Methode beeindruckt: zuhören, nachfragen, argumentieren statt frömmelnden Singsangs oder eines katechetischen Keulenschlags.

Seine Bestellung als Weihbischof von St. Pölten 1952 war also kein Zufallstreffer. König hatte auf vielfache Weise schon auf sich aufmerksam gemacht – auch als Moraldozent an der Theologischen Fakultät in Salzburg, wo er das Monumentalwerk „Christus und die Religionen der Erde“ herausgab und den Benediktinerinnen, in deren Kloster er wohnte, sein Messgeld für ihre Kühe überließ. In der Bischofskonferenz wurde er Referent für Jugend und Presse: Damals hat man Begabungen treffsicher erkannt.

Trotzdem war es eine Riesenüberraschung, als Franz König in der Nachfolge von Theodor Innitzer 1956 als Erzbischof von Wien berufen wurde. Alle hatten mit Weihbischof Franz Jachym gerechnet, auch wenn Bundeskanzler Raab einen Mitarbeiter in Geheimmission nach Rom geschickt hatte: Bitte, nur nicht Jachym! Der war der damaligen ÖVP wegen seines sozialen Engagements zu links. Als dann König mithilfe von Franz Olah und Karl Blecha die Brücken zur Sozialdemokratie baute und mit Bruno Kreisky und Anton Benya endgültig besiegelte, mussten viele ein wenig schmunzeln. Schnee von gestern für Heutige, die „links“ nur noch mit Internet-Adressen verbinden.

Franz König kam weder ins Palais nach Wien noch zur SPÖ, zu hochrangigen Religionsführern oder Nobelpreisträgern mit großartigen Konzepten, auch nicht mit Geheimaufträgen. Er wollte zunächst einfach vielen Menschen Glauben und Kirche nahe bringen. An der Neugestaltung des Verhältnisses zum Staat war sein langjähriger Redenschreiber und „Kathpress“-Chefredakteur Richard Barta maßgeblich beteiligt, der als Sohn eines Simmeringer Straßenbahners noch die Erinnerung an das schreckliche Bürgerkriegsjahr 1934 und die Galgen, an die eine christlichsoziale Regierung führende Schutzbündler hängte, in sich trug.

Atmen mit zwei Lungenflügeln. Zum Ausgleich mit den Christen der Orthodoxie und der altorientalischen Kirchen drängte vor allem Otto Mauer, der wortgewaltige Kanzelprediger, Kunstfreund und Chefideologe der Katholischen Aktion, aber auch „Presse“-Chefredakteur Otto Schulmeister. So kam es zur Gründung der Stiftung Pro Oriente, die lange vor politischen Initiativen dafür sorgte, dass Europa schon im Kalten Krieg wieder mit zwei Lungenflügeln zu atmen begann. Königs Osteuropa-Initiativen hatten mit dem Autounfall bei Waraschdin im Winter 1960 begonnen, bei dem sein Fahrer starb und er selbst wie sein Zeremoniär Helmut Krätzl schwer verletzt wurden.

Im Spitalszimmer kam ihm der Gedanke, der Bischof von Wien müsste nicht nur zum Begräbnis des Zagreber Erzbischofs Stepinac, Faustballkamerad aus dem Germanicum, sondern zu möglichst vielen Christen im so genannten Ostblock reisen. Das tat er künftig ausgiebig. Und er tat vieles, um die Umarmungen mit Bischöfen und Patriarchen auch dem eigenen Kirchenvolk bewusst zu machen. Schon 1958 wurde in Österreich der Ökumenische Rat der Kirchen gegründet, in dem König auch den Kirchen der Reformation von Anbeginn signalisierte: Wir sitzen in einem Boot!

Schlüsselfigur des Konzils. Das alles geschah im Geist des Zweiten Vatikanischen Konzils, in dem Papst Johannes XXIII. Türen und Fenster der Kirche aufriss. Mit ihm hat sich Franz König, den noch Pius XII. zum Bischof berufen hatte, immer gut verstanden. An Johannes, der ihm den Kardinalshut aufsetzte, gefielen König sein visionärer Mut, der Blick über die eigene Kirche hinaus. Im Konzil konnte der Kardinal aus Wien zusammen mit Amtsbrüdern aus München und Köln zu einer Schlüsselfigur werden, weil die neuen Wege der Kirche in Österreich schon eingeschlagen worden waren: Ökumene, Kirche als Gewissen der Gesellschaft und nicht Handlangerin politischer Parteien, Dialog mit allen Religionen, Wissenschaft und Medien, mehr Gewicht für Laien.

Wieder war König nicht der große Vorwärtsstürmer, sondern war da, wenn ein Vermittler gebraucht wurde. Munitioniert wurde er von Karl Rahner, den er als Konzilstheologen mitgebracht hatte, obwohl dieser vom Vatikan schon an den Ohren gezogen worden war. Als der Skrupulant Paul VI. auf Johannes folgte und das Konzil bemüht zu Ende führte, übertrug sich Königs Sympathie voll auch auf ihn. Obwohl: Die Themen Familienplanung und Pflichtzölibat für Priester entzog der Papst der Bischofsversammlung – auf starkes Betreiben eines Krakauer Erzbischofs namens Karol Wojtyla. Als Paul VI. 1968 mit dem Rundschreiben „Humanae Vitae“ die so genannte künstliche Empfängnisregelung verbot, traf das König schwer. Davor hatte er – hinter Polstertüren – den Papst persönlich gewarnt. Bei der Neuorientierung der kirchlichen Osteuropapolitik (Diplomatie statt Bannstrahl) hatte König den Papst überzeugen können, bei der Familienplanung nicht.

Als Paul VI. starb, stand zweimal ein Konklave vor Grundsatzfragen: Fortführung von Reformen oder Reglementierungen, mehr Kirchen- oder mehr Weltakzent? Für noch mehr Reformen gab es keine Mehrheit (also auch nicht für eine Wahl von König zum Papst), daher entschied man sich beim zweiten Mal für den Weltakzent und Wojtyla, der die Hoffnungen auf Ostblock-Aufweichung und Weltengagement für Menschenwürde voll erfüllte. Dafür fielen alle Fenster und Türen in der Kirche wieder zu. Das machte König traurig und seinen Kritikern Mut. Sie hatten ihn schon bisher im Vatikan als „zu liberal“ angeschwärzt. Unter den Konklaveteilnehmern zirkulierte ein inoffizielles Papier des Staatssekretariats, in dem alle Kardinäle benotet waren – von 1 („sehr traditionsverhaftet“) bis 6 („stark für Neuerungen)“. In dieser Liste hatte König einen Vierer. Der half schon bei der Papstwahl nicht, und schon gar nicht 1985 in der Nachfolgerfrage.

Kränkung durch Johannes Paul. Da führte seine vornehme Zurückhaltung zu der bekannten Katastrophe. Dass König nie offiziell konsultiert worden war, obwohl der Papstbesuch 1983 noch eine triumphale Bestätigung seines Wirkens schien, hat ihn gekränkt. Erst Jahre später kam es bei einem Vieraugengespräch in der ungarischen Abtei Pannonhalma zu einer Versöhnung mit Johannes Paul II. König zog sich nach fast drei Jahrzehnte währendem Bischofswirken auf sein Altenteil in Wien-Mariahilf zurück und pfuschte keinem seiner Nachfolger ins Handwerk. Groer suchte seinen Rat auch nie, Christoph Schönborn wohl. Und viele, viele Veranstalter.

Fleißig im Alter. Franz König wurde im Alter, was Österreichs Nationalpsychiater Erwin Ringel einmal als Ausfluss der menschlichen Natur proklamiert hatte: immer mehr von dem, was einer immer gewesen ist. König wurde noch bescheidener, demütiger, weiser, gütiger. Fast könnte man sagen: auch noch fleißiger, denn der Vorwurf, er habe sich zu wenig um seine Erzdiözese gekümmert, traf ihn schwer. Alle Pfarren, alle Schulen, viele Betriebe hatte er besucht – jetzt wollte er nicht in seiner Seniorenwohnung bei den Barmherzigen Schwestern im Lehnstuhl dösen. Er schrieb und hielt weiter Reden, reiste und nahm Ehrungen in gelassener Heiterkeit entgegen, das 13. Ehrendoktorat noch kurz vor seinem Tod.

Und er konzentrierte sich immer mehr auf das Wesentliche: Was ist Sinn des menschlichen Lebens? Wer war Jesus Christus wirklich? (Den schrecklichen Gibson-Film brauchte er für seine Leidensmeditationen nicht.) Was kann Kirche für die Menschen tun? Und auch: Wie kann man die Autorität der UNO wieder stärken? Nie hat er die Notwendigkeit von Gesetzen und Vorschriften in Zweifel gezogen, auch in seiner Kirche nicht. Aber immer sah er die Verpflichtung, auch Menschen zu helfen, die ein Gesetz überforderte. Am Begräbnis eines tief enttäuschten Priesters, der sich einen Pfarrer verbeten hatte, nahm er in Zivilkleidung teil. Einem anderen Pfarrer, der ihm eine Beziehung und drei Nachkommen beichtete, sagte er: „Sorgen Sie gut für Ihre Kinder!“ Als nach dem Tod von Marcel Prawy eine Bestattung nach orthodox-jüdischem Ritual umstritten war, fand man eine salomonische Lösung: Kardinal König sprach am Grab in Zivil ein letztes „Schalom!“ Über seine Opposition zum römischen Zentralismus wagte König sogar ein öffentliches Streitgespräch mit Kardinal Ratzinger.

Ein Weggefährte hatte Franz König einmal so charakterisiert: kein Blender, kein Machtmensch, kein Perfektionist, kein Sammler und Bastler, kein Rosen- oder Kakteenzüchter, kein Hund- und Papageibesitzer. Im Alter wurde er viel gelöster, sein Humor kühner, wenn auch nie laut. Sein Interesse auch an der Wissenschaft erlahmte bis zuletzt nicht, wie sein Ex-Sekretär Johannes Huber, Theologe, Mediziner, Koryphäe der Hormonforschung (aber entgegen einem Gerüchtmonster nicht sein Sohn) bestätigt. In aller Spröde liebte er die Menschen, alle Menschen. Das haben die meisten gespürt, und deshalb trauern jetzt so viele. Um sein Sterbebett standen nicht nur ein Kardinal, ein orthodoxer Metropolit und seine langjährige Arbeits-, Haushalts- und Kalender-Managerin, sondern auch die Vietnamesen, die er als „boat people“ 1979 ins Erzbischöfliche Palais aufgenommen hatte. Über Glauben und Kirche hat er tausende Sätze hinterlassen. Einen hat er schon 1974 in einem Vortrag in Rom formuliert: „Die Religion der Zukunft wird eine menschliche Religion sein.“ In jedem Wort steckt da der ganze König drin.