Nachruf: „Genügend Mut und Würde“

Am vergangenen Donnerstag starb Georg Danzer im Alter von sechzig Jahren. Christian Seiler über einen großen Poeten, der den österreichischen Pop mit wundersamen Höhepunkten zu versorgen wusste.

Bei seinem letzten öffentlichen Auftritt im Laxenburger „Kaiserbahnhof“ am 12. Mai dieses Jahres moderierte Georg Danzer „noch zwei Lieder“ vor der Pause an, „zwei ruhige, ein neues und ein altes“.

Im Publikum wurde vereinzelt geklatscht, das ist so, wenn Künstler etwas Altes ankündigen, aber dann begann Danzer das Lied „Alles was i brauch“ zu spielen, einen Song vom Album „Träumer“, das im letzten Herbst, kurz vor seinem sechzigsten Geburtstag, erschienen war, und es wurde ruhig.

„Alles was i brauch“ ist eines von Danzers programmatischen Liedern. Der Song ist die Bestandsaufnahme eines Menschen, der nicht mehr jung ist und sich Gedanken darüber macht, was aus seinen Idealen und Bedürfnissen von damals geworden ist, und der mit einer gewissen, sympathischen Verwunderung bemerkt, dass sich an den Idealen und Bedürfnissen nicht weiß Gott was geändert hat, auch wenn sich links und rechts alles geändert hat samt den Menschen, die das Links und Rechts bewohnen, geschweige denn an deren Idealen und Bedürfnissen.

„Alles was i brauch“ ist kein auftrumpfendes Lied. Danzer inszeniert sich nicht als Fels in der Brandung. Es ist ein demütiges Lied, ein Lied, in dem er definiert, was ihm am Ende des Tages wichtig ist, wirklich wichtig: ein Kopf, der funktioniert, eine Gitarre und Papier zum Schreiben, etwas zum Glauben und zu hoffen. Genügend Mut und Würde, wenn’s einmal ans Sterben geht. Des is ollas was i brauch.

Ohne den Applaus des Publikums abzuwarten, bog Danzer gleich ins nächste Lied, das letzte vor der Pause, ein. Es war sein alter Hadern „Lass mi amoi no d’Sunn aufgeh segn“, ein wundersamer Höhepunkt der österreichischen Popmusik.

In der dritten Strophe des Liedes beschwört der Erzähler, dass er „jetzt wo ollas wachst und ollas bliad“ keine Lust habe, sich in die Grube zu legen, und weil dieser Erzähler ein vom Krebs unübersehbar gezeichneter Georg Danzer war, füllte sich der Saal unausgesprochen mit dem dramatischen Mitgefühl, das Danzer nicht mochte und vor dem er, wo immer er argwöhnte, dass es auftreten würde, prophylaktisch floh.

Am 17. Mai blieb er deshalb den „Amadeus Awards“ fern, bei denen er für sein Lebenswerk ausgezeichnet werden sollte. Die Ehrung war als großes Rambazamba angelegt, als melodramatisches Finale einer Show für die vollzählig versammelte Musikbranche, mit geplantem stehendem Applaus und gezogenen Hüten für einen, der diese Branche lange geprägt und verkörpert hat.

Aber obwohl Danzer den Applaus liebte und obwohl ihm jede Auszeichnung für sein Lebenswerk mehr als zustand und obwohl er das wusste und dem Gedanken auch durchaus etwas abgewinnen konnte, entschied er sich wenige Tage vor dem Ereignis für die Absage.

Er wolle kein Mitleid, sagte er am Telefon, als er mir – seinem von ihm dazu eingeladenen Laudator – die Gründe erklärte, warum er lieber nicht komme. Er wolle kein plakatives Motiv für Fotografen und Fernsehkameras abgeben, damit draußen in der Welt genüsslich gemutmaßt werden könne, wie lange es der Danzer noch macht. Er wollte der Danzer bleiben, der er gewesen war, wenigstens für sein Publikum.

Wir hatten im Frühjahr 2006 eine Reihe von langen Gesprächen miteinander geführt, aus denen im Herbst ein Buch zum sechzigsten Geburtstag zusammengestellt wurde. Diese Gespräche führte Georg Danzer außergewöhnlich offen, weit offener, als es im professionellen Umgang üblich ist. Danzer sagte, er habe keine Lust, seine Zeit mit Oberflächlichkeiten zu vergeuden. Er wollte zur Sache kommen, und entsprechend schnell steuerte er in jedem Gespräch aufs Wesentliche zu.

Danzer erzählte detailliert über seine Kindheit am Gaudenzdorfer Gürtel in Wien, seine Jugend als Einzelkind, die er zwischen der ängstlichen Mutter und dem etwas bitteren kommunistischen Vater geführt hatte. Er beschrieb die Rolle der Musik für einen einsamen, etwas bladen Buben, den beim Fußballspielen in der Schule keiner in seiner Mannschaft haben wollte, und er erinnerte sich sehr genau an die Revolution, die der junge Bob Dylan im vom deutschen Schlager geprägten Kulturösterreich losgetreten hatte.

Klar, dass er gern von seinem Aufstieg zum Austropopstar berichtete, von den Liedern, die er zuerst für andere, dann für sich selbst geschrieben hatte, vom Blitz, der ihn traf, als er zum ersten Mal den „Hofa“ des blutjungen Wolfgang Ambros hörte, von der Schatztruhe der Dialektpoesie, aus der er wenig später sein eigenes „Jö schau“ hob.

Aber mir schien, dass er noch lieber von den Bruchlinien seiner Karriere sprach, von den Wendepunkten, als es von den großen Bühnen auf die kleineren ging, als sich das Bewusstsein von außen nach innen verlagerte und Lebensabschnitte beendet werden mussten, damit neue beginnen konnten.

Danzer führte die Gespräche so innig, als ob er sich selbst in Sachen Georg Danzer auf den neuesten Stand bringen müsste. Er sortierte seine Selbstzweifel, versuchte Antworten auf die große, viel zu große Sinnfrage und ging mit sich so streng ins Gericht, wie es nur jemand von außergewöhnlicher Größe vermag.

Nur als Beispiel hier die Passage, in der Danzer auf die Frage antwortet, wie wichtig er den gesellschaftlichen Auftrag genommen habe, der ihm als hallenfüllender Troubadour und Galionsfigur der Friedensbewegung Anfang der achtziger Jahre zugekommen sei:

– Ich hatte in den späten siebziger Jahren den Anspruch, die Welt zu verändern. Ich wollte Wirkung erzielen. Natürlich saß ich auch einer gewissen Selbstüberschätzung auf.

– Inwiefern?

– Mein damaliger Leitspruch hieß: Ich möchte die Leute aus ihrer Selbstsicherheit herausfegen.

– Was ist daran falsch?

– Es war natürlich eine enorm überhebliche, blasierte, arrogante und völlig illusorische Zielsetzung.

– Nur, wenn man sie ernst meint.

– Ich glaube, ich habe das damals ernst gemeint. Ich hatte zu mir überhaupt nicht jene ironische Distanz, die man dem Autor von Liedern wie „Jö schau“ vielleicht zugetraut hätte. Aber ich versank plötzlich sehr in die Ernsthaftigkeit und sang Lieder wie „Zehn kleine Fixer“ oder „Gebt uns endlich Frieden!“ innerlich mit geballter Faust.

Ein ironischer Befund, dass Georg Danzer nie mehr Leute erreichte als mit der innerlich geballten Faust. Als eine neue Jugendbewegung die alte Jugendbewegung ablöste, stand die Liedermacherei plötzlich im subkulturellen Abseits. Aber Danzer blieb guter Dinge, produktiv und witzig. Er hatte genug Geist und Selbstironie, dass er damit umgehen konnte, plötzlich nicht mehr als „cool“ zu gelten. Er reiste, zog nach Spanien, arbeitete als Schriftsteller und Übersetzer, ohne jedoch je aufzuhören, Lieder zu schreiben und Platten zu produzieren.

Ein zweiter ironischer Befund, dass aus dieser Zeit außergewöhnlich schöne Lieder stammen: sehnsuchtsvolle, tiefgründige Momentaufnahmen, die zeitlos und gültig das Werk eines großen, österreichischen Poeten komplettieren, auch wenn sie nicht die Breitenwirkung der lustigen, der unterhaltenden Gstanzl-Songs erzielen konnten.

Das Comeback von Georg Danzer Ende der neunziger Jahre war eng mit dem Projekt Austria 3 verbunden, für das sich Wolfgang Ambros, Rainhard Fendrich und Danzer zusammenfanden und mit ihrem Kanon österreichischer Popsongs noch einmal den Nerv des großen Publikums trafen.

Danzers Lieder – wenn er nicht gerade zu scherzen beliebte – waren stets die leiseren, empfindlicheren: Nachrichten von einem sentimentalen Planeten. Er beherrschte die Kunst, sein Inneres in Songform zu kleiden, wie kein anderer, und er kannte auch keine Scham. Danzer sagte, was er zu sagen hatte, er verstand sich nie als Ingenieur der Wirkung seiner Lieder. Er war ehrlich und offenherzig, ohne Rücksicht auf Verluste, und diese entschlossene Seelenhaltung bewahrte er sich bis zuletzt.

Ende Juli 2006 wurde bei Georg Danzer Lungenkrebs diagnostiziert. Er hatte sich nach einer Konzerttournee mit Austria 3 etwas heiser gefühlt und seinen Lungenarzt aufgesucht. Ein Röntgen brachte den niederschmetternden Befund zum Vorschein.

Wenig später entschloss sich Danzer, die Krankheit öffentlich zu machen. Er wollte, sagte er mir damals, vermeiden, dass er gegen seinen Willen als Kranker in der Zeitung stehe. Er ziehe es vor, die Zügel in der Hand zu behalten.

Wie berechtigt diese Befürchtungen waren, zeigte sich nur ein halbes Jahr später, als eine Erkrankung von Wolfgang Ambros gegen dessen Willen – und begleitet vom scheinheiligen Mitleid des Boulevards – in einer Illustrierten verhandelt wurde.

Das Interview, in dem Danzer über seine Krankheit sprach, erschien unter dem Titel „100 Kilo Widerstandskraft“ im vergangenen September in profil. Danzer gab sich darin optimistisch und kämpferisch. „Die Ärzte prognostizieren immer das Beste“, sagte er, „und ich bin geneigt, ihrem Optimismus zu folgen. Ich gehe davon aus, dass ich es schaffe. Und zwar nicht für ein paar Jahre, sondern zur kompletten Gesundung.“

Als sich die Indizien mehrten, dass die Krankheit aggressiver verlaufen würde als angenommen, entschied sich Georg Danzer, wie er es in seinem Lied in zwei knappen Zeilen skizziert hatte, für einen Abschied in Würde.

Er zog sich weitgehend aus der Öffentlichkeit zurück, nur unterbrochen von einzelnen Auftritten, wenn er sie körperlich bewältigte. Er ordnete seine Angelegenheiten. Er hatte keine Zeit mehr, und er wollte sie nicht vergeuden.

„Lass mi amoi no d’ Sunn aufgeh segn“, was für ein wunderbares, was für ein seelenvolles Lied. Georg Danzers Stimme kräftig und präsent, seine Augen für einen Moment geschlossen, und der beziehungsvolle Text erzeugte eine veritable Tränensekunde im Laxenburger „Kaiserbahnhof“, eine Sekunde bitterer Melancholie und Sehnsucht danach, dass es doch bitte nicht so, sondern anders sein möge.

Aber nach der dramatischen Apologie des Liedes „Amoi no / de Sunn“ raffte sich Georg mühelos zu einem Scherz auf und begleitete ihn mit einem so strahlenden Lächeln, dass die schwarzen Trauervögel wieder abzogen, einmal noch. Am vergangenen Donnerstag ist der große Georg Danzer gestorben.