Nachruf: Tod am Wörthersee

Friedrich Karl Flick, der steinreiche deutsche Industriellensohn und Wahlösterreicher mit Wohnsitz in Kärnten, ist Donnerstagnacht 79-jährig verstorben.

Es war ein kleiner Eingriff, der Friedrich Karl Flick jäh aus den Vorbereitungen für seinen achtzigsten Geburtstag riss. Bei Untersuchungen im Münchner Klinikum Großhadern stellten Ärzte im September fest, dass Flick schwer krank war. Todkrank, eigentlich.

Donnerstagnacht verstarb der Milliardär in seiner Villa in Velden im Kreise seiner engsten Verwandten. Sprich: seiner Frau Ingrid und seiner vier Kinder.

Erst vor Kurzem wurde Flick vom US-Wirtschaftsmagazin „Forbes“ – wieder – unter die hundert Reichsten der Welt gereiht. „Friedrich Flick jun.“, wie er von den „Forbes“-Leuten genannt wird, rangierte am 94. Platz. Sein Vermögen wurde auf 6,1 Milliarden Dollar oder umgerechnet 4,76 Milliarden Euro geschätzt. Das österreichische Wirtschaftsmagazin „trend“ taxierte Flicks Wohlstand gar auf 6,8 Milliarden Euro. Jedenfalls muss der Verblichene in die Milliardärskategorie „in memoriam“ umgereiht werden.

Bis zuletzt hatten nur wenige Menschen gewusst, wie ernst es um den 79-Jährigen stand. Wiewohl er seit Jahren mit gesundheitlichen Problemen kämpfte. Für die meisten Freunde kam die Nachricht von seinem Tod überraschend. „Wir dachten, er wäre nach einer Operation auf dem Weg der Besserung“, so Angelika Spiehs, Gattin des Filmproduzenten Karl Spiehs und seit 20 Jahren mit den Flicks befreundet. Der greise Milliardär und passionierte Waidmann habe eben noch mit seiner Gattin Ingrid so munter seine nächste Jagdgesellschaft geplant. Und auch seinen runden Geburtstag, der im Februar bevorstand. Ein großes Fest hätte es zum 80er geben sollen. Wie in alten Zeiten.

Für rauschende Partys hatte Flick immer viel übrig gehabt. Sich und seiner Entourage enthielt er nichts vor. Zu Geschäftsterminen ließ er sich standesgemäß in einem Tross von Mercedes-Limousinen chauffieren, stets mit einer Auswahl von delikaten Kanapees im gekühlten Kofferraum. Den Überblick behielt er auch bei großen Gesellschaften, mit einem Taschenspiegel beobachtete der etwas schrullige Krösus mitunter, was gerade hinter seinem Rücken vorging.

Sein Leben hatte Friedrich Karl Flick stets im Wechselspiel zwischen Zurückgezogenheit und High Society geführt, ständig pendelnd zwischen seinen Refugien in Österreich, Deutschland und Übersee. Auf seinen ausgedehnten Jagden bewirtete er europäischen Hochadel und erdnahe Wiener Bekannte. In der Eden-Bar, wo er einst mit Franco Andolfo Duette geträllert hatte, fühlte er sich bis zuletzt ebenso zu Hause wie am Opernball.

Über seine Geschäfte sprach er so gut wie nie. Wobei es so etwas wie „Geschäfte“ im eigentlichen Sinn bei ihm auch nicht gab – er befasste sich höchstens mit der Überwachung jener Leute, die dazu da waren, seine Millionen zu mehren.

Beruf: Erbe. In unternehmerischer Hinsicht fügte sich FKF, wie Friedrich Karl Flick meist bezeichnet wurde, nahtlos in das Bild ein, das fast alle Mitglieder von ehemals bedeutenden deutschen Industriellendynastien heutzutage bieten. Die Krupps, die Thyssens oder die von Siemens hatten der deutschen Wirtschaft um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert ihr Gepräge gegeben, sind mittlerweile aber längst alle ins Privatleben entschwunden. Sie halten hier und dort Aktien und kassieren still ihre Dividenden. In den Gazetten kommen sie nicht mehr auf den Wirtschaftsseiten, sondern in den Klatschspalten vor.

Der Reichtum der Familie Flick ist nicht alt. Er wurde von Friedrich Karl Flicks Vater, einem Bauernsohn, Jahrgang 1883, aufgebaut. Der war ein Mann vom frühkapitalistischen Schlag. Nichts faszinierte Friedrich Flick sen. mehr als Zahlen und Bilanzen, an der Börse wurde er „der Geier“ genannt. Und dazu kam: Flick senior war mit einem geradezu genialen unternehmerischen Talent gesegnet. Monomanisch in seiner Gier nach wirtschaftlichen Erfolgen, am Weg dorthin skrupellos im Überschreiten aller moralischen und sonstigen Grenzen, baute er ab 1912 ein Imperium aus Kohle und Stahl auf.

In den Methoden erwies er sich dabei als wenig zimperlich: Als angestellter Vorstandsdirektor größerer Unternehmen kaufte er überteuert Gesellschaften auf, an denen er sich zuvor ad personam beteiligt hatte. Privat erwarb er große Mengen an Schrott, die er dann zu einem guten Preis an das Unternehmen, in dessen Vorstand er saß, weiterverkaufte. Während der Weimarer Republik verteilte er Wahlspenden an sämtliche Parteien. Motto: Man muss sich schließlich politisch in jede Richtung absichern.

Dann folgen Aufstieg zum Zenit und tiefer Fall. 1933 ist dem politisch im Grunde Desinteressierten klar, dass die Nazis auf einen Krieg zusteuern. Er dreht sich nach dem Wind und stellt seine Werke auf Kriegsgerät um, tritt 1937 der NSDAP bei und baut enge Beziehungen zu Nazi-Größen auf, insbesondere zu Hermann Göring. Flick wird Hitlers größter Rüstungslieferant. Er beteiligt sich an Arisierungen und beschäftigt tausende Zwangsarbeiter und KZ-Häftlinge. Mittlerweile gilt er als der reichste Mann Deutschlands.

Wegen „Sklavenarbeit“ und „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ wird Friedrich Flick dann 1947 in Nürnberg zu sieben Jahren Haft verurteilt, kommt allerdings bereits 1951 wieder frei. Noch aus der Zelle plant der mittlerweile 67-Jährige einen Neuaufbau des – nur mehr in Restbeständen vorhandenen – Industriekonzerns. Nicht mehr Kohle und Eisenhütten sollen es diesmal sein, jetzt hält er Chemie, Metallverarbeitung und Fahrzeugbau für jene Sparten, die rasches Wachstum und hohe Profite versprechen. Wieder arrangiert sich Flick mit den politischen Größen der Zeit. So gehört etwa sein Privatsekretär zu den Gründungsmitgliedern der CDU und wird später unter Konrad Adenauer zum Minister avancieren.

Der alte Mann wird mit 39 Prozent der Anteile zum größten Aktionär des Daimler-Benz-Konzerns. 1955 gehören ihm bereits wieder hundert Unternehmen. Ende der sechziger Jahre steigt er zum zweiten Mal zum reichsten Mann Deutschlands auf. Er verstirbt im Jahr 1972.

Generationenwechsel. Friedrich Flick hatte drei Söhne: Rudolf, Otto-Ernst und Friedrich Karl. Rudolf fiel im Krieg. Otto-Ernst zerbrach an dem fordernden, tyrannischen Übervater, man trennte sich in finalem Zwist. Otto-Ernst starb, 57 Jahre alt, als gebrochener Mann. Und so bleibt, jedenfalls aus der Generation nach dem alten Friedrich, als Erbe und Nachfolger bloß Friedrich Karl übrig. Im Todesjahr des Vaters, 1972, war dieser 45 Jahre alt und hatte zwei gescheiterte Ehen, viel verschwenderisches Dolcefarniente und Phasen ernsthaften Alkoholmissbrauchs hinter sich. Der vom Vater hinterlassene Konzern beschäftigte zu der Zeit 140.000 Leute und machte 13 Milliarden Mark Umsatz.

Flick sen. hat von Friedrich Karl zeit seines Lebens nicht viel gehalten und ihn immer nur als „Bürschchen“ bezeichnet. In einer von Thomas Ramge verfassten Familiengeschichte der Flicks trägt Friedrich Karl die Züge eines Muttersöhnchens, der seinem Vater nach dem Mund redet und dafür einen Konzern erbt, mit dem er nichts anzufangen weiß und dessen Führung er sogleich an seinen Schulfreund Eberhard von Brauchitsch überträgt. Alles in allem ergibt sich aus der Biografie das Bild einer hochproblematischen Vater-Sohn-Konstellation, die manches im Leben des nun Verstorbenen erklären mag.

Die Flicks sind bei den Deutschen nicht wirklich beliebt. Seit der Verurteilung von Friedrich Flick wegen „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ und mehr noch erst seit dem großen Parteispendenskandal der frühen achtziger Jahre stehen Flicks in Deutschland für „böse Kapitalisten“. Besagter Parteispendenskandal brach los, als bekannt wurde, dass der Flick-Konzern Politiker praktisch jeder Couleur bestochen hatte. Das Magazin „Spiegel“ brachte den Skandal ans Tageslicht, woraufhin das politische System in Deutschland in eine Krise bis dahin nicht gekannten Ausmaßes geriet.

Die frühen achtziger Jahre stellten im politischen Leben Deutschlands an sich schon eine turbulente Phase dar. Im Oktober 1982 verließ die FDP während laufender Legislaturperiode per fliegenden Wechsel die Regierungskoalition mit der SPD und ging mit den Unionsparteien ein neues Regierungsbündnis ein. Die Freien Demokraten setzten dabei darauf, dass „ihr“ Wirtschaftsminister, der wirtschaftspolitisch sattelfeste Otto Graf Lambsdorff, jene Schwächen ausgleichen werde, die man dem neuen CDU-Bundeskanzler Helmut Kohl damals allgemein zuschrieb. Ihm kam also eine wichtige Rolle in der – anfangs unter Glaubwürdigkeitsdefiziten leidenden – neuen Koalition zu. Doch statt eine stabile Säule darzustellen, entpuppte sich Graf Lambsdorff für die Koalition als massives Problem: 1983 wurde er wegen Bestechlichkeit angeklagt. Der Vorwurf: Vom Flick-Konzern habe er namens der FDP hohe Beträge angenommen und sie nicht ordnungsgemäß versteuert.

Lambsdorff war in Wahrheit nur einer von vielen. Nach und nach kam zutage, dass der Flick-Konzern jedenfalls von 1969 bis 1980 die Kassen von CDU, CSU und FDP genauso gefüllt hat wie jene der SPD. Prominente Politiker wie Helmut Kohl, Franz Josef Strauß und Hans Friderichs wurden mit Barem versorgt. Der „Spiegel“ titelte: „Die gekaufte Republik“.

Landschaftspflege. Bei Flicks galten derlei Großzügigkeiten als normale Geschäftspraktik. Schließlich erwartete man dafür auch alle Arten von Entgegenkommen. Die Regierung jedoch wurde von dem „Flick-Skandal“, wie er genannt wurde, in ihren Grundfesten erschüttert. Lambsdorff musste letztlich zurücktreten.

Friedrich Karl Flick hatte übrigens nicht selbst den Mann mit dem Geldkoffer gegeben. Diese Rolle fiel seinem Intimus Eberhard von Brauchitsch zu, der damals den Begriff von der „notwendigen Pflege der Bonner Landschaft“ prägte. Friedrich Karl Flick selbst zog sich stets auf den Stehsatz zurück, er habe „von all dem nichts gewusst“. Vom Industriellendasein hatte er dann offenbar genug. Jedenfalls verkaufte er zwei Jahre später, 1985, sein ganzes Beteiligungsimperium in Bausch und Bogen um knapp fünf Milliarden Mark an die Deutsche Bank (siehe Grafik).

Seither lebte er als Privatier. Sein Gastland Österreich, und hier insbesondere Kärnten, dürfte Flick wirklich geliebt haben. Sein Vermögen liegt in einer hiesigen Privatstiftung, deren Nutznießer seine beiden siebenjährigen Kinder, die Zwillinge Viktoria-Katharina und Karl-Friedrich, sind.

Von Liselotte Palme und Josef Redl
Mitarbeit: Ro Raftl