Nachtleben: Luft in die Gruft

Als die Club-Institution U4 vergangenen Herbst schließen musste, sah sie schon längst wie ein übrig gebliebener Partygast aus. Nun wird der Mythos reanimiert. Angelika Hager über jenen Meidlinger Keller, in dem Wien das Anderssein lernte.

Haben Sie eine Therapie begonnen? Erfüllt Ihr Vorgarten Sie mit Stolz? Haben Sie eine Weinprobe besucht? Ihre erste Midlife-Crisis bereits hinter sich? Gehen Sie ausschließlich auf bestuhlte Konzerte? Benutzen Sie Phrasen wie „am Puls der Zeit“? – „Uncool oder die Kunst, erwachsen zu werden“ nennt sich das Ernüchterungspamphlet, in dem der US-Autor Dan Zevin solche Krötchenfragen aufwirft.

Mit Sicherheit würde Zevin unter den ehemaligen Wilden, die ab Dezember 1980 die Gruft neben der Wiener U-Bahn-Station Meidling zur Spielwiese und Nahkampfschule des Individualismus umfunktionierten, heute jede Menge positive Antworten abgarnieren. Marianne Kohn, jahrelange Schutzheilige der U4-Bar, trinkt nicht mehr und hat ein Wochenendhaus im Grünen. Der Designer Helmut Lang ist heute passionierter Hundebesitzer und züchtet Hühner auf Long Island. Ossi Schellmann, der U4-Gründer, geht gerne gut essen und fernreisen. Hansi Lang bewegt sich angeblich viel an der frischen Luft. Der Einzige, dessen Coolness-Status kaum Schaden nahm, ist Falco. Doch dafür musste er mit dem Tod bezahlen.

Wenn die Wiener Club-Institution U4 ab 9. März unter der Ägide eines smarten Eventmanager-Konsortiums (siehe Kasten) nach einem halben Jahr Betriebspause wieder um seine Nachtposition zu kämpfen beginnt, wird sich gleichzeitig ein Veteranentross in Bewegung setzen. Es wird ihnen das Herz aufgehen, wenn Conny de Beauclair, U4-Cerberus der ersten Stunde, wieder an der Türe steht, um in gewohnter Gelassenheit das Spiel von Sein oder Nichtsein zu zelebrieren. 26 Jahre ist der geborene Bayer in diesem Job. Er hat ein Hackenattentat, einen Nasenbruch, eine in den Mistkübel kotzende Marla Glen, das Fotografierverbot von Prince, Courtney Loves Alkoholexzesse, im Lastenaufzug vögelnde Kellner, einen Brand und jede Menge „Conny, lass mich rein“-Attacken überlebt. Er raucht und trinkt bis heute nicht. „Das ist ein Job und kein Trip“, sagt der Conny.

Voll Stolz und Sentimentalität werden die alten Milden dann in jenen schnellen Jahren schwelgen, in denen Piloten nichts verboten war und man hoch wie nie flog – und trotzdem keine Angst haben musste. Weil sowieso alles voranging. Den dazugehörigen Soundtrack liefern Blümchen Blau („Flieger, zeig mir die Sonne“), Falco („Hoch wie nie“), Hansi Lang („Keine Angst“) und die deutschen Fehlfarben („Es geht voran“). Der Stolz der Veteranen hat seine Berechtigung. Denn das U4 war eine Energiezelle, deren Stromstöße weit über die Stadtgrenze schossen. Dort wurden festgefahrene Weltbilder revidiert, die Alternativ-, die Sub-, die Gegen-, eigentlich die ganze Kultur revolutioniert, das Ego einer gegenüber London, Berlin und Zürich komplexbeladenen Stadt aufmunitioniert.

Das hatte Wien damals dringend notwendig. Denn Ende der Siebziger machte sich schon wieder eine gewisse Müdigkeit breit. Die Schock- und Aufbruchstimmung, die der Wiener Aktionismus, die Sprachzertrümmerer der Wiener Gruppe, die Mühl-Kommunarden, Johanna Dohnals Sturheit und die Protestbewegungen gegen Ewiggestrige hervorgerufen hatten, begann in der Stagnation zu verpuffen. Das Love-and-Peace-Gedönse der Hippies bekam zusehends die Patina des Tragikomischen. Dass der brotbackende Aussteiger John Lennon just im Dezember 1980 von einem psychisch Kranken erschossen wurde, erhielt rückblickend einen bitteren Symbolcharakter. Mit Lennon waren auch jene Werte gestorben, die er im Part des Denker-Hippies seit den späten Beatles propagiert hatte: Nächstenliebe, Friede am eigenen Herd und in der ganzen Welt sowie eine Abkehr vom Fetisch Konsum.

Die neuen Helden hießen Donald Trump, dem Michael Douglas 1987 in Oliver Stones Kapitalismusstudie „Wall Street“ ein Denkmal setzte, Arnold Schwarzenegger und Madonna, die ihren Ehrgeiz hinter einer Bitch-Camouflage zu tarnen wusste. Gier und Spaß bildeten den ideologischen Treibstoff der Eighties.

In jenes seltsame Kellergeschoß in Meidling, das ursprünglich ein Stadtheuriger hätte werden sollen (das Projekt scheiterte am mangelnden Tageslicht), war jener Leistungsdruck, der in der Spezies der Yuppies seinen Niederschlag finden sollte, noch nicht vorgedrungen. Hier wurde das Anything-goes-Prinzip, das der Modephilosoph Paul Feyerabend ausgerufen hatte, gerade erst verinnerlicht. Spontan, unschuldig und ohne Konzept. „Das U4 ist uns passiert“, erklärt dessen Begründer Ossi Schellmann, „und wir sind dem U4 passiert.“ Denn die Live-Acts entstanden aus einem kurzfristigen Tanzverbot, das die Behörden über „den dunklen Mutterschlund“, so der Musikproduzent Walter Gröbchen, verhängt hatten.

Unter Tafeln mit der Aufschrift „Beim Bewegen nicht tanzen“ begann jener produktive Exhibitionismus, der die Geburt einer Musikszene zur Folge hatte. „Im U4 geigen die Goldfisch“, stakkatierte Hans Hölzel, der in Wien den Kurzhaarschnitt unter Musikern wieder salonfähig machte und ab und an ein demonstratives Teetrinken mit seinem Produzenten Robert Ponger im Clubraum veranstaltete, als Anti-Rock-’n’-Roll-Attitüde.

Die Namen der Bands und ihrer Protagonisten waren von jenem fröhlich-infantilen Dadaismus geprägt, der das Prinzip New Wave prägte: Nervöse Vögel, Standart Oil, Mordbuben AG, Tom Pettings Herzattacken, Chuzpe, Minisex, Viele bunte Autos, Kleenex Aktiv, Molto Brutto. Die Fähigkeit, ein Instrument bedienen zu können, war nicht zwingend Voraussetzung. Hier wurden auch die Weichen gestellt für jenen Gattungsmischmasch, der von den Poptheoretikern der Neunziger unter dem Label „Crossover“ standardisiert wurde. Jazzer jammten mit trotzigen Punks; Kunststudenten trommelten auf Ölfässern, der Hochschulprofessor Peter Weibel fegte mit Liederabenden die Tanzfläche leer, Friseure proklamierten sich zu DJs, schwule Visagisten und Stylisten bretzelten sich zu göttlichen Transen auf, denn das U4 firmierte auch als Gehschule für die „gay culture“ in Österreich. Lange vor der Gründung des Schwulenclubs „Heaven“ 1989 im U4 wurde in der stickigen Düsternis das Prinzip Ghetto zertrümmert. In den Meidlinger Katakomben entwickelten Wiens Schwule jenes dionysisch-exzentrische Selbstbewusstsein, das die Voraussetzung für Gery Keszlers „Life Ball“ lieferte – Aids zum Trotz: 1981 wurden die ersten Fälle von „Schwulenkrebs“ (so der anfängliche Terminus im Reagan-Amerika) in den USA publik, 1983 wurde der erste Aids-Tote in Österreich registriert. Als Ersatzhandlung diente die Inszenierung von Sexualität und machte Fetischismus, Pornografie und Sadomasochismus bühnenreif.

Das U4 mutierte in seinen Anfängen zum Symptomträger für eine Gesellschaft, die gleichsam unter Bruno Kreisky einen Modernisierungsschub erfahren hatte. Bereits in den siebziger Jahren hatte sich eine neue Elite gebildet, in der Kunst, Wirtschaft, Geld und Aristokratie sukzessive ihre Berührungsängste abbauten. Das Gib-Gas-ich-will-Spaß-Credo riss noch mehr Barrieren nieder. Das U4 verdankte seine Zugkraft einem Szene- und Schichtendurch- und -miteinander. Hier lutschten höhere Töchter, Arbeiterkinder, Lodenschnösel, Werbefuzzis und City-Friseusen friedlich ihr Twinni-Eis, hier shakten Öko-Punks, Mods, Grufties, Popper und New Waver auf dem Dancefloor zu DAF und Soft Cell. Der Wille zur Selbstinszenierung war das brückenschlagende Element.

Events mussten noch nicht gemanagt werden, sie passierten einfach. „Mehr Luft in die Gruft“ lautete der Arbeitstitel einer Begräbnis-Party, bei der Menschen in Särgen durch das Lokal manövriert wurden. An griechischen Abenden verteilte Ossi Schellmann stapelweise Teller, die dann unters Volk geschleudert wurden. Aus purer Laune wurde der Sommer in den Winter transferiert, Tonnen von Sand und ein Swimmingpool in die Gruft geschleust, und wer an diesem Abend nicht im Badekostüm antanzte, musste leider wieder nach Hause gehen. Mit dem ersten Clubbing „Flamingo“ wurden zwar „legendäre Defizite“ (Schellmann) verursacht, doch das in London in die Welt gerufene Prinzip bestimmt bis heute das Dolce Vita der Republik. Nur treten die Betreiber dabei oft mehr in Fußstapfen, als Spuren zu hinterlassen. Was auch daran liegen mag, dass die dazugehörige Jugend auch schon einmal jünger war. Und die herumspazierenden Frisuren oft interessanter als die dazugehörigen Menschen sind. Solche trinken dann Cocktails. Mit Schirmchen. Auch das wird’s im neuen U4 geben. Zwar wurden die Achtziger bereits durch die Wiederaufbereitungsmaschinerie der Retromanie geschleust, aber sie kommen bestimmt noch einmal wieder. In jedem Fall wird der Gang in die Gruft wohlige Schauer der Nostalgie nach sich ziehen. Hier hatte immerhin Kurt Cobain, der Halbgott der Selbstzerstörung, Pizza gegessen. Und Courtney Love, die Yoko Ono des Grunge, sich eine Sektflasche so zwischen die Beine geklemmt, dass keinerlei Interpretationsspielraum mehr blieb. Hier hat Wien gekotzt, gevögelt, Leben und Kunst gespielt und die Gegenwart gefressen. Davon lebt es heute noch. „Ich muss nichts mehr erleben“, sagt die Model-Macherin Andrea Weidler, „denn im U4 habe ich bereits alles erlebt.“ Hoch wie nie. n

Mitarbeit: Sebastian Hofer