Naher Osten: Kid-Napping

Israel und die Palästinensergebiete im Bann der Entführung des 19-jährigen Soldaten Gilad Shalit: Was mit Drohgebärden begann, hat inzwischen auf beiden Seiten Menschenleben gefordert.

Mit einem Mal hat der Nahost-Konflikt ein Gesicht. Es ist ein freundliches Bubengesicht mit schüchternem Lächeln, der junge Mann, dem es gehört, heißt Gilad Shalit und dient in der israelischen Armee als Korporal. Vor zwei Wochen wurde er bei einem Angriff palästinensischer Kämpfer auf einen Checkpoint verschleppt, zwei seiner Kameraden fielen im Kugelhagel.

Der ewige Krieg zwischen Israel und den Palästinensern mit seinen zahllosen vertrackten Verhandlungen, Gruppierungen, Forderungen und Verträgen ist seither, zumindest an der Oberfläche, auf eine simple Frage reduziert: Wird Gilad Shalit freikommen?

„Bringt Gilad zurück!“, titeln israelische Zeitungen. „Gilad, wir warten daheim auf dich“, steht auf einem Spruchband an der Ortseinfahrt seiner Heimatgemeinde, und Noam Shalit, Gilads Vater, hat sich in einer Radiosendung direkt an seinen Sohn gewandt: „Versuche, die schwierigen Momente zu überleben. Wir lieben dich und warten darauf, dass du wieder heimkommst.“

Doch Shalits Schicksal ist keine private Angelegenheit. An ihm hängt die Reputation der neuen israelischen Regierung unter Premier Ehud Olmert, die einer ersten schweren Prüfung unterzogen wird, und ebenso die Existenz der palästinensischen Hamas-Regierung, die im Falle von Shalits Tod mit ihrer politischen, möglicherweise sogar ihrer physischen Auslöschung rechnen muss. Die Israelis haben bereits deutlich gezeigt, dass sie durchaus bereit sind, auch höchstrangige Palästinenserpolitiker auszuschalten – unter anderem mit einem warnenden Raketenangriff auf das zu diesem Zeitpunkt leere Büro von Regierungschef Ismael Hanijeh in Gaza.

Pfand. Der Einsatz ist hoch und Shalit das Pfand, um das gekämpft wird. „Die Schultern meines Sohnes sind nicht breit genug für diese Last“, klagte sein Vater Noam vergangene Woche.

Vergeblich. Der Nervenkrieg war da längst im Gange.

Geführt wurde er in den vergangenen Tagen mit allen Mitteln: mit unrealistischen Forderungen und Gesprächsverweigerung, mit Ultimaten, die folgenlos verstreichen, anfangs nur mit Drohgebärden, in der Folge immer mehr aber auch mit Waffengewalt.

Da sind – auf der einen Seite – die Israelis, die sich von der ersten Minute an auf eine harte Linie festgelegt haben: Kaum hatte das Drama begonnen, erklärte Premier Olmert die Gefangennahme von Shalit bereits zum Terrorakt, der jegliche Verhandlungen mit den Verantwortlichen ausschließe. Allerdings ist strittig, ob es sich bei der Attacke auf den Checkpoint um Terror handelt. Der israelische Rechtsprofessor Yuval Shany bezeichnet die Gefangennahme des Soldaten im profil-Interview als „legitime Kriegshandlung“ im Rahmen eines bewaffneten Konflikts (siehe Interview Seite 59).

Auf solche Spitzfindigkeiten wollte sich Olmert nicht einlassen: Er erteilte dem Armeekommando den Befehl, „unsere Streitkräfte für einen groß angelegten Einsatz mit langem Atem vorzubereiten“.

Das geschah umgehend: Die Israelis marschierten mit 3000 Mann auf, drangen mit Panzern in den Gazastreifen ein und riegelten das Gebiet hermetisch von der Außenwelt ab. Geschütze feuerten alleine in den ersten Tagen mehr als 1500 Artilleriegranaten ab, Kampfjets bombten die Strom- und Wasserversorgung, Brücken und Straßen nieder. Ein Drittel aller Minister der Hamas-Regierung und weitere Abgeordnete wurden wegen Terrorismusverdachts verhaftet.

Forderungen. Auf der Gegenseite stehen die drei bewaffneten Gruppen, die sich dazu bekennen, Shalit in ihre Gewalt gebracht zu haben: die Ezzedin-El-Kassam-Brigaden, also der militärische Arm der Hamas, das Komitee des Volkswiderstands und die bis dahin unbekannte Gruppe Armee des Islam.

Sie knüpften die Freilassung des Korporals gleich einmal an eine Forderung, von der klar war, dass Israel sie nicht erfüllen würde: Am Tag nach der Verschleppung Shalits verlangten sie die Enthaftung von schätzungsweise 400 palästinensischen Frauen und Kindern unter 18 Jahren, die derzeit in israelischen Gefängnissen festgehalten werden. Wenig später erhöhten sie die Zahl auf tausend Menschen.

Schließlich begannen Extremisten damit, verstärkt so genannte Kassam-Raketen auf israelisches Territorium abzufeuern: selbst gebaute Geschoße, die bislang zwar nur wenig Schaden angerichtet hatten, vergangene Woche aber erstmals auch in größeren Städten jenseits der Grenze von Gaza einschlugen – etwa in einer wegen der Ferien leer stehenden Schule in Ashkelon. Inzwischen haben die Milizen ihre Forderungen dem Vernehmen nach reduziert: Berichten zufolge verlangen sie von Israel nunmehr lediglich einen Zeitplan zur Enthaftung der Gefangenen.

Informationen darüber, ob Gilad Shalit verletzt oder überhaupt noch am Leben ist, verweigerten sie jedoch, Gespräche mit ägyptischen Vermittlern brachen sie nach wenigen Tagen ab.

Und zwischen den Fronten befindet sich, nahezu handlungsunfähig, die palästinensische Hamas-Regierung. Sie wird von Israel ebenso wie Präsident Mahmud Abbas voll für die Aktionen ihres militärischen Armes und der beiden anderen bewaffneten Gruppen verantwortlich gemacht – hat selbst aber offenbar nur wenig Einfluss auf die Ereignisse. Der palästinensische Regierungschef Ismael Hanijeh konnte nicht viel mehr tun, als einen Appell an die Militanten zu richten, den Gefangenen am Leben zu lassen.

Eine Lösung der Krise war Ende vergangener Woche nicht in Sicht. Im Gegenteil: Die Eskalation dauerte an – weiter vorrückende israelische Truppen, Gefechte im nördlichen Abschnitt von Gaza, immer mehr Tote auf beiden Seiten.

Anspannung. Ein Einfamilienhaus im beschaulich dörflichen Mitzpe Hila in Galiläa: Hier wohnt die Familie Shalit. Der Vater, Noam, ist ein fast schüchtern wirkender Mittfünfziger mit kurz geschorenem weißem Haarkranz. Aber seine Zurückhaltung hat er abgelegt, jetzt, da es ihm nur noch darum geht, seinen Sohn zu retten. Auch wenn sich Premier Olmert täglich erkundigte, wie es ihm und seiner Familie gehe: Das rigorose Nein der Regierung zu einem Gefangenenaustausch hat den Vater zornig gemacht. „Am Ende wird es notwendig sein, einen Preis für Gilads Freiheit zu zahlen“, jeder wisse das, verschafft er seiner Empörung Luft.

Die Anspannung, unter der die Familie steht, kann kaum auszuhalten sein. Schlaflosigkeit, Ungewissheit, Bangen um den Sohn: Seit zwei Wochen stehen sie unter diesem Druck.

Am härtesten waren wohl jene schleppenden Stunden bis zum Ablauf eines ersten Ultimatums, das die militanten Palästinenser auf Dienstag, 4. Juli, sechs Uhr früh Ortszeit, festgesetzt hatten. Wenn „der zionistische Feind“ bis dahin nicht auf „unsere humanitären Forderungen“ eingegangen sei, hieß es in einem mit dem Titel „Militärisches Kommunique Nr. 3“ versehenen Flugblatt, „betrachten wir das Kapitel des vermissten Soldaten als geschlossen“.

Israel reagierte nicht, die Frist verstrich ergebnislos. Olmerts Sicherheitsapparat hatte kühl kalkuliert, die vage Wortwahl deute darauf hin, dass die Entführer wohl nicht Ernst machen würden – zu diesem Zeitpunkt wenigstens.

„Es wird keine Informationen darüber geben, ob der Gefangene getötet wird oder nicht“, ließ ein Sprecher der Armee des Islam anschließend verlauten. „Unser Glaube verlangt es aber, Gefangene gut und anständig zu behandeln.“ Es war, ein weiteres Mal, das Spiel mit der Unsicherheit – und dem Wissen, dass Israel zwar „mit dem Tod eines Soldaten fertig wird, nicht aber mit dem ungewissen Schicksal eines gefangenen Diensttuenden“, wie die „Jerusalem Post“ anmerkt.

Was die öffentliche Meinung betrifft, scheint die perfide Taktik aufzugehen. Ersten Umfragen zufolge befürworten 53 Prozent der Israelis Verhandlungen mit den Extremisten, die Gilad Shalit festhalten. Wäre die eigene Familie betroffen, würden sich sogar fast siebzig Prozent dafür aussprechen.

Eine besonders authentische Stimme meldete sich in der Zeitung „Haaretz“ zu Wort: Esther Wachsmann, Tochter von Holocaust-Überlebenden und Mutter von Nachschon Wachsmann, der im Oktober 1994 von der Hamas entführt und bei einem missglückten Befreiungsversuch getötet worden war. Es falle ihr schwer, schrieb sie, sonst eine glühende Zionistin, „die Mentalität unserer Politiker rechts wie links zu verstehen“. Jeder wisse doch, dass in anderen Fällen verhandelt worden sei.

Deal. Schlomo Brom, Militärexperte des Jaffee Center für Strategische Studien, hält einen Deal mit den Militanten denn auch für möglich. Vorausgesetzt, Israel entscheide sich zwischen zwei Prioritäten: die Hamas zu zerschlagen oder einen Ansprechpartner auf palästinensischer Seite zu erhalten – „selbst wenn diese Adresse die Hamas-Regierung ist“, so Brom.

Die Armee dürfte sich inzwischen jedenfalls auch auf ein Verhandlungsszenario eingestellt haben. Laut Medienberichten hat sie einen Entwurf vorgelegt, wonach jene unter den rund 8500 palästinensischen Häftlingen, die „kein Blut an den Händen haben“, im Fall der Fälle auf freien Fuß gesetzt werden könnten.

Ein Haus am Rande von Dschabalja, dem größten Flüchtlingslager im Gazastreifen: Hier lebt die Familie Aruki. Auch sie sorgt sich um einen Sohn, den 36 Jahre alten Rafat, der in israelischer Haft sitzt. Rafat war keine 23, als er, damals ein Kämpfer der linken Volksfront für die Befreiung Palästinas (PFLP), in Israel zu lebenslanger Haft verurteilt wurde. Die Hoffnung, dass ihm ein Gefangenenaustausch oder eine Amnestie die Freiheit bringen könnte, hat Vater Ali Aruki längst aufgegeben.

Für die Familie Aruki dauert der Nervenkrieg mittlerweile bereits 13 Jahre. In den vergangenen zwei Wochen hat er sich wieder einmal verschärft: Nach der Abschottung von Gaza wurden zeitweise Wasser und Lebensmittel knapp, der Strom fiel aus, und in der Nacht riss das Dröhnen von Kampfjets, die im Tiefflug über die Häuser donnerten, die Menschen aus dem Schlaf.

In der Nähe des Hauses haben militante Palästinenser Sanddünen aufgeschüttet. Es gilt als offenes Geheimnis, dass diese Barrikaden mit Sprengfallen gespickt werden sollen, falls die israelische Armee weiter vorrückt.

Notgedrungen hat sich die Familie Aruki auf harte Zeiten eingestellt. „Wir Palästinenser können eine Menge aushalten“, sagt Rami Aruki, ein Bruder des Inhaftierten Rafat. „Wir können ohne Strom und Licht leben, aber nicht ohne Wasser und Milch für unsere Kinder.“ Dass das Kidnapping des Soldaten Gilad Schalit für die Hamas erfolgreich endet, glaubte er nicht.

Unter der Zivilbevölkerung in Gaza und Westbank hoffen dennoch viele darauf, dass sich die Entführer mit ihrer Forderung nach Gefangenenaustausch durchsetzen. Selbst einer wie der 21-jährige Ala Yassir, der nicht der Hamas angehört, sondern der konkurrierenden Fatah-Partei, setzt auf die Durchsetzungskraft der Militanten. „Das ist Sache des Widerstands, nicht der Regierung.“

Demütigung. Genau das ist für die Israelis aber die Problematik eines Deals mit den Entführern: Viele Palästinenser hätten den israelischen Abzug aus Gaza im vergangenen September als Sieg der Militanten gefeiert, warnte etwa Sever Plotzker in „Yedioth Achronoth“. Sollte die Regierung Olmert einlenken, könnten sie sich erneut in ihrer Einschätzung bestätigt sehen, dass nur Gewalt zu Ergebnissen führt.

Selten, viel zu selten, besucht Ali Aruki seinen Sohn Rafat im Militärgefängnis Nafha in der Negev-Wüste. Er erträgt die komplizierte Prozedur immer schwerer: Die Fahrt im organisierten Konvoi des Roten Kreuzes, die langwierigen Kontrollen durch die Armee, die demütigenden Stunden des Wartens auf 45 Minuten Gespräch durch eine Glasscheibe. „Ich muss machtlos zusehen, wie das Leben meines Sohnes hinter Gittern zerrinnt“, sagt der Sechzigjährige.

Er wäre sogar bereit, selbst nach Gaza zu fahren, um Kontakt mit den Entführern seines Sohnes zu suchen, sagt Noam Shalit, der Vater von Gilat. Der Appell von Palästinenser-Premier Hanijeh, die Geisel am Leben zu lassen, habe ihn ermutigt: „In all dem Chaos gibt es Stimmen, die zumindest vernünftig klingen.“

Von Inge Günther (Jerusalem), Martin Staudinger und Robert Treichler