Naher Osten: Zorn und Tränen

Die israelischen Raketen auf Scheich Yassin haben auch die moderaten Palästinenser getroffen. Sie müssen nun zur Hamas stehen.

„Nuss Schekel, nuss Schekel“, rufen zehnjährige palästinensische Jungs um die Wette auf der Suche nach Abnehmer für ihre Postkarten, die sie für einen halben Schekel, weniger als zehn Cent, feilbieten. Der gewaltsame Tod von Scheich Achmed Yassin hat ihnen eine neue Einnahmequelle beschert. Die kitschig gestalteten Konterfeis des Hamas-Gurus finden reichlich Absatz bei der als Mammutveranstaltung inszenierten Trauerfeier. Das übliche Zelt, das sonst zum Gedenken an „Märtyrer“ errichtet wird, hätte nicht gereicht. Im Falle Yassins musste es schon das Yarmouk-Stadion sein, das größte der Stadt.

Drei Tage und Nächte schien der Pilgerstrom nicht abzureißen. Drei Tage und Nächte, in denen das laute Leben Gazas zum Stillstand kam. Erst zum Wochenende hin wurde der aus Protest gegen den Mord an Yassin ausgerufene Generalstreik in den palästinensischen Gebieten beendet, öffneten die Läden wieder ihre Tore. Auch deshalb hatten die Cleveren fliegende Stände zum Verkauf von Eis, Nüssen, Getränken und Foul, einem billigen Bohnengericht, in den Eingangsbereich des Fußballstadions von Gaza-City verlegt. Ein Jahrmarkt des Zorns und der Tränen, der flammenden Reden, demonstrativen Kondolenzen und des politischen Kommerzes.

Massenaufläufe sind gut für jedwedes Geschäft. Und so taucht auch immer mal wieder, quasi aus dem Nichts, Abdel Asis Rantisi auf, der politische Erbe Yassins, die neue Nummer eins der Hamas – aber ganz sicher auch die neue Nummer eins auf der israelischen Abschussliste. Rantisi braucht das Bad in der Menge, lässt sich herzen und küssen von den Honoratioren und Gefolgsleuten, die ihn fast erdrücken. Er muss seinen Führungsanspruch per Präsenz bekräftigen, auch wenn das das Risiko birgt, die Gehilfen des israelischen Inlandgeheimdienstes Schin Beth auf seine Spur zu bringen.

Denn so homogen, wie es der Racheprediger und gelernte Kinderarzt Rantisi, 56, gerne hätte, dürfte die Hamas nicht sein. Ohne den gelähmten Scheich an ihrer Spitze, der dank seines Charismas eine enorme Integrationskraft besaß, sind interne Probleme programmiert. „Achmed Yassin vermochte in der Hamas so wie Yassir Arafat in der PLO die Kräfte auszubalancieren“, sagt Salah Abdel-Schafi, einer der klugen Köpfe aus Gaza-City. Ob Rantisi das kann, bezweifelt Abdel-Schafi, der zu den Befürwortern des Genfer Friedensentwurfs zählt. „Äußerst gespannt“ sei zudem das Verhältnis Rantisis zur palästinensischen Autonomie-Regierung, die ihn zu den Zeiten des Osloer Friedensprozesses 27 Monate lang eingesperrt hatte.

Offener Krieg. Besonders tiefe Wurzeln hat die alte Feindschaft zwischen Rantisi und seinem Rivalen aus Jugendzeiten, Mohammed Dahlan, dem ehemaligen Polizeichef und Minister im früheren Reformkabinett unter Mahmoud Abbas. Beide wuchsen in der gleichen Straße auf, im Flüchtlingslager Chan Junis, gelegen im Süden des Gazastreifens, aber schlugen politisch entgegengesetzte Wege ein. „Auf lange Sicht“, prognostiziert Analyst Abdel-Schafi, „wird Dahlan davon profitieren, wenn die Hamas geschwächt wird.“ Darauf will Israels Regierungschef Ariel Scharon, koste es, was es wolle, hinaus. Die von ihm angezettelte Kampagne zur Ausschaltung der islamistischen Führungsriege hat mit der Liquidierung des 67-jährigen Yassin zwar ihren vorläufigen Höhepunkt erreicht, aber wohl kaum ihr Ende. Beide Seiten haben sich offen den Krieg erklärt. „Keine Immunität für Terroristen“, lautet die Parole unter israelischen Ministern. „Unbedingter Angriff auf Israelis, wo immer sie sind“, die der Hamas.

Die Wände Gazas jedenfalls sind voll mit blutrünstigen Graffiti. „Vergeltung in Erdbebenstärke“ verheißt dort eine Aufschrift im Namen der Issedin-al-Kassem-Brigaden, des bewaffneten Flügels der Hamas. „Wir schwören zu Gott, dass Scharon seine tödliche Rechnung erhält“, besagt ein anderer Slogan. Auch im gesonderten Trauerzelt für die Frauen sind kaum andere Töne zu vernehmen. Sie hoffe, gesteht dort Rahma al Alun, eine Nachbarin Yassins, dass „Allah die jungen Kämpfer segnet. Wir würden begrüßen, wenn sie uns den Kopf Scharons servieren.“ Angesichts einer halben Million Teilnehmer bei der Beerdigung Yassins, der größten, die in Gaza je stattfand, dürfte es an Kandidaten für Selbstmordattentate keine Mangelware geben.

Zudem hat der allgemeine Aufruhr über den Tod des Scheichs die Angst vor neuen israelischen Schlägen verdrängt. Die öffentlichen Überraschungsauftritte der Hamas-Größen tragen zu dieser Stimmung nur bei. Kaum hat sich Rantisi blicken lassen, erscheint Mahmoud Zahar als weiteres prominentes Gesicht der Hamas. Auch Zahar hat in dem staubigen Fußballstadion ein Heimspiel. Seine Botschaft: Wir sind da, und mehr denn je. Fragen der Reporter nach internen Machtkämpfen lässt er, obgleich nicht ganz auf Rantisi-Linie, abprallen. Die Hamas folge anderen Spielregeln als ein George W. Bush oder Tony Blair, mithin „höheren Zielen“, meint Zahar abschätzig. „Rantisi ist mein Bruder im Geist“, und keiner werde einen Keil in die kollektive Führung treiben. Mehr als die Abwehr liegt ihm der vollmundige Angriff. Furchtlos gibt er sich, angesprochen darauf, ob er sich nicht Sorgen um seine eigene Sicherheit mache. „Wir sind unseren Zielen der Vergeltung weit näher als unserer Liquidierung“, kontert er da. Worte, die der dichte Pulk der Palästinenser um ihn hoffnungsvoll mit Beifall quittiert.

Sieben Tote. Worte, die wenige Autominuten weiter freilich mehr wie Pfeifen im Walde klingen würden. Nicht viele unmittelbare Spuren des Attentats auf das Hamas-Oberhaupt Yassin sind dort, auf der Straße der Al-Mudschamma-al-Islamiyya-Moschee, auszumachen. Nur ein Einschlag im Asphalt, nicht tiefer als ein Minigolfloch, dazu zahllose Pockennarben an der Straßenmauer, die Schrapnellteile hinterlassen haben, und die dunklen Blutflecken auf der rostfarbenen Metalltür vis-à-vis. Es wäre nicht mal nötig gewesen, drei lasergesteuerte Luftraketen aus dem israelischen Apache-Kampfhubschrauber abzufeuern, um den querschnittsgelähmten, halb blinden Scheich ins Jenseits zu jagen. Schon das erste Geschoss zerriss ihn, als er, von Gehilfen im Rollstuhl geschoben, vom Morgengebet in seiner Moschee heimwollte. Doch an diesem 22. März wollte Scharon, der den Einsatz persönlich überwachte, offenbar ganz sichergehen, dass nicht wie bei dem fehlgeschlagenen Versuch im September irgendein Zufall Yassin retten würde. Der Preis dafür: sieben Palästinenser, die mit Yassin ums Leben kamen. „Überall lag Fleisch und Blut“, schildern die Anwohner aus dem Armenviertel Sabra in Gaza-City, in dem Yassin in ziemlich bescheidener Behausung wohnte.

Am Tatort selbst erinnern nicht einmal Blumen oder eine Gedenktafel an den Scheich, in merkwürdigem Kontrast zu der politischen Wirkung des Anschlags. Aber schon die Vorstellung, was an dieser Stelle im Morgengrauen des vergangenen Montags geschah, wird auf nicht abzusehende Zeit das Bewusstsein in ganz Nahost prägen. Nicht nur in Gaza-City, nicht nur unter den Anhängern der Hamas. „Drei Raketen auf einen Krüppel im Rollstuhl sind nichts anderes als ein feiger Akt“, erregt sich auch Hassan al Kaschif, ein moderater und säkularer Mann aus dem gehobenen Bürgertum in Gaza-City, der als Chefredakteur des Wochenblattes „Al-Dahr“ (Die Heimat) mehrfach öffentlich gegen das Töten israelischer Zivilisten Stellung bezogen hat. „Ich war niemals auf Hamas-Linie, doch ich kann nicht gegen die Hamas sein, wenn es um den Widerstand gegen die Besatzung und um ihre Selbstverteidigung geht.“

Stimmen der Vernunft. Seine Meinung deckt sich mit dem Mainstream in Gaza und im Westjordanland. Umso couragierter der Aufruf von sechzig palästinensischen Intellektuellen, publiziert drei Tage nach dem Tod Yassins in einer halbseitigen Anzeige der Zeitung „Al Ayyam“ (Die Tage), die für einen Ausstieg aus der Gewaltspirale eintreten. Zu den Unterzeichnern gehören die politisch unabhängige Hanan Aschrawi, aber auch Abbas Zaki, ein bekanntes Mitglied der Fatah Arafats. Sie plädieren nicht erst seit heute für eine „friedliche Intifada“ als bessere Alternative zum bewaffneten Kampf. Kaum jemand hat damit gerechnet, dass die „Stimme der Vernunft“ sich in diesen Zeiten deutlich wieder zu Wort meldet – auch wenn sie keine reale Chance besitzt.

Die Hamas und andere militante Gruppierungen werden auf sie nicht hören. Auch dem Friedensbefürworter Abdel-Schafi ist nur zu bewusst, dass die „Mehrheit Rache will, und zwar so schnell wie möglich“. Aber für weit spannender hält er die Frage: „Was kommt dann?“ Denn mag die Hamas auch ohne Yassin fortbestehen: Sobald sich die Wogen des Aufruhrs wieder geglättet haben, wird sich das politische Kräfteverhältnis relativieren. Gerade auch, weil man in den letzten Wochen in Gaza „langsam begonnen hat“, so Abdel-Schafi, an eine Zukunft ohne die mitten in dem Elendsstreifen angesiedelten jüdischen Kolonien zu glauben.

So hatten noch vor zwei Wochen Hamas-Delegierte erste Koordinierungsgespräche mit Autonomie-Vertretern über ihre Strategien für den Tag nach einem israelischen Abzug geführt. Nicht von ungefähr weist darauf auch Hamas-Sprecher Zahar im Yarmouk-Stadion hin. Dass die Israelis sich irgendwann von Gaza verabschieden werden, dürften die Islamisten mithin in ihr Kalkül einbeziehen. Scharon allerdings will auf keinen Fall unter dem Triumph der Hamas den Abrückungsbefehl erteilen. Doch mag er noch so viele Hamas-Führer umnieten lassen, mit gezielter Tötung sind ihre Ideen nicht auszurotten. „Selbst wenn ihr letzter Mann tot ist“, prognostiziert Abdel-Schafi, „wird sie am Ende behaupten, wir haben Gaza befreit.“

Ideologische Probleme muss die Hamas mithin nicht fürchten, logistische jedoch durchaus. So ohne weiteres dürften die von ihr jetzt angekündigten Vergeltungsschläge in ungekannter Qualität nicht zu machen sein. Der Waffenschmuggel aus Ägypten nach Gaza ist schwierig geworden, seitdem Israels Armee die Tunnel im Grenzgebiet verschärft ins Visier genommen hat. Auch deshalb kostet heute eine Kalaschnikow-Kugel in Gaza-City vier Euro, mehr als viermal so viel wie vor einem Jahr. Nur, am Geld werden Attentate nicht scheitern. Sollte die Hamas „noch irgendeine Geheimwaffe in ihrem Arsenal besitzen, die sie für den Tag X aufgespart hat“, ist der israelische Journalist und Sicherheitsexperte Alex Fischman überzeugt, „jetzt wird sie ohne Zögern auf jede ihr mögliche Methode zurückgreifen“.