Nahost: Vormarsch ins Ungewisse

Nach vier Wochen Kampfhandlungen dämmert es auch den Israelis, dass aus dem erhofften kurzen Feldzug gegen die Hisbollah ein langwieriger Krieg zu werden droht.

War es der letzte Versuch vor einem Waffenstillstand, in Israel Angst und Schrecken zu verbreiten? Oder müssen die Bewohner von Tel Aviv tatsächlich mit Einschlägen weit reichender Selsal-Raketen rechnen, wie es Scheich Hassan Nasrallah Donnerstag vergangener Woche angedroht hat? Am Freitagvormittag schauten die Israelis im Zentrum des Landes nervöser als sonst in den Himmel Richtung Norden.

„Wenn das Zentrum von Beirut beschossen wird, greifen wir Tel Aviv an“, hatte der Generalsekretär der Hisbollah recht selbstbewusst angekündigt, nachdem die südlichen Vorstädte der libanesischen Hauptstadt erneut von der israelischen Luftwaffe bombardiert worden waren.

Die Worte des Milizführers werden in Israel ernst genommen: Sicherheitsexperten glauben, dass die Hisbollah mehr als drei Wochen nach Kriegsbeginn immer noch über einsatzfähige Selsal-Raketen verfügt, die 210 Kilometer weit fliegen und damit die nördlichen Vorstädte Tel Avivs treffen könnten. Bereits vorvergangene Woche wurden in der Nähe der Stadt Netanja Patriot-Abwehrraketen stationiert.

Die Ziele dieses Krieges werden immer diffuser, der Kriegslärm dafür noch lauter. Israels Verteidigungsminister Amir Peretz fordert, Bodentruppen bis zum Litani-Fluss vorrücken zu lassen, Premier Ehud Olmert zögert noch. In New York wird fieberhaft um eine diplomatische Lösung gerungen – einem Waffenstillstand soll eine internationale Friedenstruppe von etwa 10.000 Soldaten folgen. Olmert stimmt einer internationalen Truppe inzwischen zu, weil ihm dräut, dass Israels Armee der Hisbollah doch nicht vollständig den Garaus machen kann. Vor einem Waffenstillstand soll aber noch möglichst viel Terrain gewonnen werden. Bis nach Baalbek, weit nördlich von Beirut, stieß ein Spezialkommando vorigen Mittwoch vor, um in einem Krankenhaus einen Hisbollah-Stützpunkt auszuheben. Selbst nach einem Waffenstillstand, fürchten Militärexperten, werden die Kämpfe erst langsam abflauen.

Stimmungsschwenk. Eine zweitägige Bombenpause nach dem Vorfall in Kana, bei dem israelische Bomben ein Haus über Flüchtlingsfamilien zusammenbrechen ließen, bedeutete nur eine kurze Verschnaufpause für die libanesischen Zivilisten. Auch auf Nordisrael gehen immer noch bis zu 200 Katjuscha-Raketen pro Tag nieder. Die Opferzahlen steigen stetig. Rund 900 Libanesen und 70 Israelis hat der Krieg bereits das Leben gekostet. Der libanesische Ministerpräsident Fuad Siniora gab überdies an, ein Viertel seines Volkes, etwa eine Million Menschen, sei auf der Flucht: „Es muss schnell etwas geschehen, damit das Massaker endet.“

In Israel dreht sich die Stimmung langsam. Kriegslüstern waren hier von Anfang an die wenigsten. Doch der Krieg wurde ursprünglich von einer überwältigenden Mehrheit als gerecht empfunden: „Wir sind vor sechs Jahren aus dem Libanon abgezogen, und das war gut so“, meint Tsvika Shahak. Doch die Hisbollah habe aufgerüstet und Israel beschossen: „Das können wir uns nicht bieten lassen.“

Der Geschäftsmann Tsvika und seine Frau Ayelet sind Gründungsmitglieder des „Forums trauernder Familien“. Ihre 15-jährige Tochter Bat-Chen kam 1996 bei einem Terroranschlag ums Leben. Die Familie war vorher für die Rückgabe der 1967 besetzten Gebiete, seit dem Tod ihrer Tochter setzen sich die Shahaks erst recht für einen Friedensschluss mit den Palästinensern ein: „Die Palästinenser leiden mehr als wir“, sagt Tsvika. „Wenn wir alle irgendeine Chance auf Frieden haben wollen, müssen wir verhandeln und das Land zurückgeben.“ Das Forum trauernder Familien hat 500 Mitglieder. 250 davon sind Israelis, 250 Palästinenser.

Doch mit dem Libanon sieht die Sache anders aus, sagt Tsvika: „Die Hisbollah hat uns keine Wahl gelassen.“ Seine Frau ergänzt, dass sie die ganze Nacht wach vor Angst im Bett liege „um all die Kinder, deren Leben jetzt auf dem Spiel steht“. Sie denkt an die Libanesen, die in Panik um ihr Leben rennen, und an die israelischen Soldaten, die dort kämpfen. „Viele unserer Freunde haben ihre Söhne in der Armee, alle sind fast verrückt vor Angst.“

Offiziell aber wird diese Angst nicht gezeigt. Der Staat Israel war seit seiner Geburtsstunde heftig umkämpft, die Gesellschaft ist im höchsten Maße militarisiert. Wer keine Armeekarriere vorweisen konnte, galt in Israel bisher als unwählbar. Eine Ausnahme: Ehud Olmert, der nach dem Schlaganfall von Ariel Sharon in die Position des Premiers gerutscht ist. Sharon hatte als Verteidigungsminister 1982 den ersten Libanon-Feldzug begonnen, für den er kurz darauf von einem empörten Volk zum Rücktritt gezwungen wurde.

In den Krieg geschlittert. Olmert ist im Bemühen, in die Fußstapfen Sharons zu treten, in einen zweiten Libanon-Krieg geschlittert, den Israel auch wieder zu verlieren droht. Er hätte nach einer kurzen Militärkampagne und nach der israelfreundlichen Erklärung der G8-Staaten am 17. Juli in Verhandlungen um die zwei am 12. Juli entführten israelischen Soldaten und einen Waffenstillstand eintreten können. Stattdessen ließ sich Olmert gemeinsam mit seinem in militärischen Dingen ebenfalls unerfahrenen Verteidigungsminister Amir Peretz auf einen extrem kostspieligen und langwierigen Krieg ein. Olmert gab dem Druck der Armee, der USA und wohl auch seines eigenen Egos nach.

Über das Resultat aber macht sich auch der Regierungschef selbst offenbar keine großen Illusionen mehr. Um seine Bevölkerung auf ein baldiges Ende der Kämpfe vorzubereiten, wich der Neokriegsherr vorigen Dienstag kurzerhand von seinem Redemanuskript ab und verkündete: „Wir haben die Infrastruktur der Hisbollah vollkommen zerstört. Ich denke, wir haben die Hisbollah weitgehend entwaffnet.“ Kurz darauf regneten knapp 200 Katjuschas auf den Norden Israels. Am Donnerstag starben dabei acht Israelis.

Der Versuch, den Sieg herbeizureden, ging nach hinten los. Zumindest von der kritischen Tageszeitung „Haaretz“ war ihm dafür Hohn sicher: „Die israelische Bevölkerung verdient eine realistische Darstellung der Lage, Olmert kann sich das leere Gerede von ,nie dagewesenen Erfolgen‘ sparen“, hieß es im Leitartikel.

Auch regierungsfreundliche Blätter bringen bereits kritische Berichte über ihre Führung. Am 19. Juli habe sich Olmert laut „Jerusalem Post“ noch in einer Sitzung mit israelischen Chefdiplomaten über die Möglichkeit einer internationalen Friedenstruppe mokiert. Das sei zwar „eine gute Schlagzeile“, aber an der im Libanon seit 1978 stationierten Unifil könne man ja sehen, dass „nichts dahintersteckt“. Israel fürchtete, ein zahnloses UN-Kontingent würde seinen Interessen eher schaden als nützen – sprich: mehr im Weg herumstehen als Schutz geben. Am vergangenen Mittwoch dagegen sah Olmert die Blauhelme schon in positiverem Licht: „Wir werden unsere Operation einstellen, wenn die internationalen Truppen vor Ort sind.“

In der Bevölkerung macht sich das unangenehme Gefühl breit, dass Israel wieder auf Monate und Jahre hinaus ins libanesische Chaos verstrickt werden könnte. Statt eines siegreichen Schlags gegen die Hisbollah-Terroristen findet man sich in einem Krieg gegen den Libanon wieder. Bilder von den toten Kindern in Kana entsetzen auch in Israel. TV-Moderator David Witzthum, der gerade sein Buch „Sondersendung“ über die israelischen Medien und die Terrorberichterstattung herausbringt, stellt zwar fest, dass „Krieg eine klassische Schwarz-Weiß-Geschichte ist“. Doch ganz lassen sich die Realitäten im Libanon eben doch nicht ausblenden: „Im israelischen Fernsehen zeigen wir mehr Berichte über den Libanon als die arabischen Sender über uns“, meint Witzthum.

Die meisten Israelis gehen angesichts der belastenden Bilder von toten Zivilisten aber keineswegs auf die Straße. Nur die üblichen Aktivisten wie Uri Avnery oder der Filmemacher David Benchetrit (siehe Interview rechts) äußern scharfe Kritik. Sie werden allerdings auch von der klassischen israelischen Friedensbewegung eher als Nervensägen abgetan. Diese unterstützt den Krieg nicht nur deshalb, weil sie die Hisbollah für eine Terrororganisation hält, der man nicht anders Herr wird, sondern auch, weil manche ihrer Vertreter in Olmerts Mitte-links-Regierung sitzen: etwa Juli Tamir, vormals Aktivistin von „Frieden jetzt“, derzeit Erziehungsministerin.

Den politischen Konsens gefährdete der Premierminister diese Woche leichtfertig, als er ausplauderte, der Libanon-Krieg würde den Abzug Israels aus den Palästinensergebieten im Westjordanland beschleunigen. Nationalreligiöse Soldaten drohten daraufhin, den Dienst an der Front zu verweigern, weil sie nicht mit ihrem Einsatz den Abzug aus den Siedlungen befördern wollen. Nach empörten Reaktionen aus dem rechten Lager ruderte Olmert zurück: „Es geht uns allein um die Zerstörung der Hisbollah. Es geht nicht um weitere diplomatische Initiativen.“

In linken israelischen und europäischen Kreisen zeigte man sich darüber erleichtert. Ohnehin war Olmerts Plan, ohne Verhandlungen aus einem Teil des Westjordanlandes abzuziehen, nicht als effektive Friedensstrategie angesehen worden.

Mit jedem Kriegstag steigt das Drama auf der ohnehin immer turbulenten israelischen Politbühne. Die Kritik aus dem arabischen Lager innerhalb Israels löst teils aberwitzige Reaktionen aus. Der arabische Knesset-Abgeordnete Ahmed Tibi wird nach Morddrohungen, die auf seine regierungskritischen Aussagen folgten, von Bodyguards bewacht. Kritiker, die keine Juden sind, müssen sich in Talkshows und Zeitungsartikeln gefallen lassen, dass ihre Loyalität als israelische Staatsbürger infrage gestellt wird. „In der Knesset ist offener Rassismus ausgebrochen“, sagt der arabische Abgeordnete Taleb a-Sanaa. „Hier behandelt man uns als Verräter. Unsere arabischen Brüder sehen das aber natürlich auch so.“

Schockzustand. Die Mehrheit der friedenswilligen Israelis befindet sich in einer Art Schockzustand. Der außer Kontrolle geratene Feldzug gegen die Hisbollah verstärkt bei vielen das Gefühl, dass die Lage Israels – man hat es sich schon gedacht – aussichtslos ist. Die heftige Kritik aus Europa und – jenseits der Regierungspolitik – aus Amerika schmerzt vor allem jene, die sich im gleichen Lager wie der Westen wähnten. „Es wird hier niemals Frieden geben“, seufzt der Filmemacher Amos Kollek. „Unter den hunderten Millionen Moslems, die um Israel herum leben, werden immer solche sein, die uns Juden ins Meer treiben wollen. Egal, was wir machen, der Antisemitismus holt uns immer wieder ein.“

Genau gegen diese Sichtweise spricht sich Zeev Sternhell in „Haaretz“ aus: „Eine erfolglose militärische Kampagne wird zu einem Krieg ums nackte Überleben hochstilisiert“, schreibt er. „Die kollektive Strafmaßnahme gegen die libanesische Bevölkerung wurde übereilt, ohne genaue Analyse und auf der Grundlage falscher Annahmen begonnen.“ Jetzt, wo sich die Hisbollah als zähe Guerilla erweise, „schreckt man nicht einmal vor peinlichen Vergleichen mit dem Kampf gegen den Nationalsozialismus zurück“.

Die Beschwörung des Holocaust als ideologisches Unterfutter hat in Israel Tradition. Die Historikerin Idith Zertal beschreibt in ihrem Buch „Nation und Tod“, wie nach dem Prozess gegen Hitlers Erfüllungsgehilfen Adolf Eichmann Anfang der sechziger Jahre die Shoah als tragender Pfeiler der nationalen Identität eingesetzt wurde: „An der Schnittstelle zwischen Erinnerung und nationaler Identität liegt ein Grab, wohnt der Tod. Die Schlachtfelder ethnischer und nationaler Konflikte und die Gräber der auf ihnen Gefallenen sind die Ziegel, aus denen das Gebäude der modernen Nation erbaut ist.“

Da die Geschichte der Judenverfolgung besonders grausam ist, tragen die israelischen Juden bis heute schwer daran. Bis an den linken Rand der Gesellschaft ist Pazifismus verpönt, weil der Staat Israel ohne Armee nicht zu verteidigen wäre. Doch nach dem Krieg wird vor dem Krieg sein und die Gesellschaft auf drängende Fragen Antworten finden müssen: Braucht der Staat eine zivile Führung mit einer zivilen Agenda oder mehr Militär? Braucht Israel den Hedonismus der Bewohner von Tel Aviv und Flower-Power-Demos oder sendungsbewusste Abwehrkämpfer?

Seit Jahren kristallisiert sich heraus, dass Israels Armee – die stärkste in der Region – mit konventioneller Kriegsführung den Anforderungen des 21. Jahrhunderts nicht mehr gewachsen ist. Sie steht ideologisch hoch aufgerüsteten, regional agierenden, aber international vernetzten Widerstandsbewegungen gegenüber, die einen Guerillakrieg gegen Zivilisten planen.

Der Libanon-Krieg vom Sommer 2006 ist gerade im Begriff, zum Symbol dafür zu werden.

Von Tessa Szyszkowitz/Jerusalem