Naomi Wolf: Vagina und Ground Zero

Sie gilt als Amerikas provokanteste Feministin. In ihrem neuen Buch „Vagina“ demontiert Naomi Wolf weibliche Sexualmythen. Ein Gespräch über Kommen und Kreativität, Obama und den neuen Feminismus.

Interview: Tessa Szyszkowitz/London

profil: Mit Ihren Büchern über den Mythos Schönheit und die Gefahr des Faschismus in den USA wurden Sie berühmt. Verglichen damit scheint Ihr Werk „Vagina“ erstaunlich unpolitisch.
Wolf: Da muss ich Ihnen entschieden widersprechen. Schließlich ist die Vagina der weibliche „Ground Zero“ und somit der Ausgangspunkt für jede Form der Diskriminierung gegen Frauen. Dies ist ein ausgesprochen politisches Buch. Und es ist revolutionär.

profil: Wo liegt in der Erforschung der Vagina das Revolutionäre?
Wolf: Ich habe mich immer gefragt, wie unsere Töchter selbstbewusste Persönlichkeiten werden sollen, wenn ihr zentrales Geschlechtsorgan nur als Witz, meistens auch noch als schlechter Witz, thematisiert wird. Das ist leider seit Jahrhunderten so. Es geht nicht nur um das Recht zu bestimmen, mit wem eine Frau Sex hat. Es geht auch um das Recht auf Grenzen. Und um Respekt. Und natürlich auch darum, dass man die eigene Anatomie kennt. Was bei vielen Frauen nicht der Fall ist.

profil: Sie schreiben über die Verbindung zwischen Vagina und Gehirn, über die Nervenstränge, die Sexualorgan und Denkzentrum über die Wirbelsäule verbinden. Neurowissenschaften sind derzeit sehr in Mode. Aber sind diese Behauptungen auch wissenschaftlich seriös?
Wolf: Alles, was ich sage, ist wissenschaftlich belegt. In Medien wie dem „Cosmopolitan“ wird immer noch von der Klitoris und dem G-Punkt geredet. Tatsache aber ist, dass diese beiden nur ein Teil eines ganzen Systems von Nervensträngen sind. Der G-Punkt ist gewissermaßen der Süden und die Klitoris der Norden dieser Welt. Erst kürzlich hat man festgestellt, dass im Cervix, dem Gebärmutterhals, ein sexuelles Zentrum sitzt. Bisher wurde angenommen, dass die Vagina selbst keine großen Nervenzentren hat. Jetzt wissen wir, dass zum Beispiel eine Episiotomie, also der Schnitt zwischen Vagina und Anus, der bei Geburten gesetzt wird, um das Reißen von Gewebe zu verhindern, direkt einen Nervenstrang durchschneidet. Der Schnitt bedeutet, dass eine Frau danach nicht mehr das gleiche sexuelle Empfinden hat. Episiotomie kann in den meisten Fällen leicht vermieden werden. Jedoch muss Frauen vorher überhaupt gesagt werden, was da mit ihnen geschieht.

profil: In Ihrem Buch schreiben Sie, dass mehr Nervenstränge in der Vagina sitzen als im Penis. Das ist aber nun keine wirklich neue Erkenntnis. Dass Männer in ihrer sexuellen Erregbarkeit einfacher gestrickt sind als Frauen, wissen wir.
Wolf: Da haben Sie aber Glück, dass Sie das so genau wissen. Denn in den Massenmedien heißt es immer noch nur: „Hier ist der G-Punkt und dort die Klitoris. Und dann mal viel Spaß!“ Keiner beschäftigte sich mit der Vagina.

profil: Wieso dauerte es so lange, bis die Vagina zum Forschungsgegenstand wurde?
Wolf: Die Klitoris, mit der es anfing, war ja auch leicht zu erkennen. Es ist erschütternd, dass Frauen von ihren Gynäkologen oft nicht genau erklärt kriegen, woher ihre Schmerzen stammen. Sechzig Prozent der Frauen wissen zwar, was Vaginalschmerzen sind. Aber die meisten haben keine Ahnung, warum ihnen was weh tut. Ich hatte Glück, weil meine Gynäkologin zufällig eine Spezialistin für Beckenbodenstörungen ist.

profil: Da haben Sie es in New York vielleicht etwas leichter als in Europa – ich weiß nicht, ob man in Wien so leicht eine Expertin für ein solches Problem finden kann.
Wolf: Prinzipiell verschreiben die meisten Ärzte viel schneller und lieber Pillen als Naheliegendes wie Selbstbefriedigung. Dabei ist Masturbation ein Stimmungsaufheller in jeder Hinsicht, während Anti-Depressiva auch die Libido verringern. Kaum ein Arzt klärt einen darüber auf.

profil: Hat sich die Orgasmusfähigkeit der Frauen entwickelt?
Wolf: Ein Drittel aller Frauen hat nie einen Orgasmus. Diese Zahl hat sich seit 1976 nicht geändert Ich habe „Fanny Hill“ analysiert, also Pornographie aus dem 18. Jahrhundert. Was habe ich gefunden? Sehr viele zärtliche Berührungen, viel Küssen, Streicheln… Was die Erregung der Frauen betrifft, scheint einiges kulturell verloren gegangen zu sein. Auf der durchschnittlichen Porno-Webseite sieht es heute nämlich ganz anders aus. Eineinhalb Minuten Rein und Raus und dann ist auch schon wieder Schluss.

profil: Sie behaupten ja auch aus eigener Erfahrung, dass es einen „normalen“ Orgasmus gibt und einen „wertvollen“. Ist Ihr Zweiklassen-Orgasmus wissenschaftlich belegbar?
Wolf: Die meisten Frauen haben noch die beschränkte Sichtweise, die von einem männlichen Sexualverständnis ausgeht. Nach dem Motto: Ein Orgasmus bedeutet auch sexuelle Befriedigung. Bei Frauen ist aber der Orgasmus selbst weniger wichtig als die damit verbundenen Begleiterscheinungen wie ein erhöhter Puls. Dadurch fließt das Blut schneller, die Haut wird sensibler. Je stärker die Aktivierung, umso erfüllender ist der Orgasmus. Frauen können auch einen Orgasmus haben, ohne dass sie „aktiviert“ wurden. Das ist aber bei weitem nicht so schön.

profil: Auch Männer empfinden Orgasmen sehr unterschiedlich. Hat das nicht viel mit romantischen Gefühlen zu tun? Erklären Sie die Liebe jetzt mit rein chemischen Abläufen?
Wolf: Ich hatte eine Wirbelsäulenverletzung und habe deshalb einen Teil meiner Orgasmusfähigkeit zeitweise eingebüßt. Ein Teil der Signale kam nie in meinem Hirn an, weil die Verbindung zerstört war. Dadurch wurden bei meinen Orgasmen nur reduziert Opioide ausgeschüttet. Der Unterschied für mich war gewaltig. Es geht beim Orgasmus nicht nur um Spasmen, es geht um die Gehirnfunktion. Es gibt eine Verbindung zwischen Vagina und Hirn.

profil: Sie behaupten auch, dass eine Verbindung zwischen Orgasmus und Kreativität besteht. Eine Kritikerin stellte sich dann die berechtigte Frage, wie große literarische Werke wie „Wuthering Heights“ geschrieben wurden? Emily Bronte war laut Forschung Jungfrau.
Wolf: Wer sagt, dass Emily Bronte nicht selbst Hand angelegt und großartige Orgasmen hatte? Ich finde es immer interessant, wie oft ich für ein Buch angegriffen werde, dass ich nicht geschrieben habe. Ich habe doch nie behauptet, dass jemand in einer Beziehung sein muss, um in den Genuss gesteigerter Kreativität zu kommen!

profil: Keiner bezweifelt, dass guter Sex uns glücklicher und kreativer macht. Die Kritik richtete sich eher gegen die wissenschaftliche Basis dieser Feststellung.
Wolf: Beim Orgasmus geht es um das Gefühl der Grenzenlosigkeit. Das ist gerade für kreative Menschen sehr wichtig. Ich habe eine Umfrage unter 17.000 Menschen auf Facebook zu diesem Thema gemacht. Viele Frauen haben mir Ähnliches erzählt: dass sie, sobald sie sexuell erwacht waren, nicht mehr aufhören konnten zu malen.

profil: Wenn Sie zu spirituellen Erklärungen für unsere sexuellen Zustände kommen, dann habe ich ehrlich gesagt das Gefühl, es tut sich eine Kluft zwischen Amerika und Europa auf. In Amerika ist es sozial akzeptierter, sich zu Spiritualität zu bekennen. Sie haben damit anscheinend kein Problem, aber mir ist es unmöglich über „die Göttin in mir“ zu sprechen, ohne dabei einen Lachkrampf zu kriegen.
Wolf: Meine Lektorin hat mich schon vor dem europäischen Widerstand gegenüber der Spiritualität gewarnt. Die einzige Subkultur, in der Frauen wirklich glücklich waren, ist dort, wo die Idee von einer Göttin existierte. Dort, wo weibliche Sexualität als heilig, als sakral verstanden wurde. Viele Frauen sind in Kulturen erzogen worden, in denen man sich dafür schämt, eine Frau zu sein. In radikal-christlichen Gemeinschaften mag Gott die Frauen nicht.

profil: Das klingt leider auch nach „50 Shades of Grey“, da plappert die Hauptfigur auch ständig von ihrer „inneren Göttin“.
Wolf: Wirklich? Das wusste ich nicht.

profil: Wenn die Vagina wirklich, wie Sie sagen, das Zentralorgan weiblicher Macht ist, warum haben wir dann immer noch kein besseres Wort?
Wolf: Ach bitte, erfinden Sie doch einen neuen Begriff. Zwischenzeitlich erobern wir uns halt die Vagina als Wort zurück und besetzen es neu. Nachdem ich das Buch geschrieben hatte, fühlte ich mich mit dem Begriff auch schon viel besser, weil ich viel Gutes über sie geschrieben habe. Außerdem verwende ich den Begriff nicht buchstäblich, ich beschreibe ja das gesamte System rundherum. Ich will den Leuten auch nicht vorschreiben, wie sie was nennen sollen, ich hasse es, deskriptiv zu sein. Das einzige Kapitel in meinem Buch, in dem ich Anleitungen gebe, ist, wenn ich den Männern sage, sie sollen netter zu ihren Frauen sein.

profil: Das liest sich ein bisschen wie eine Kolumne der legendären Sextherapeutin Dr. Ruth Wertheimer.
Wolf: Was soll ich Ihnen sagen? Es gibt so viele Ehen, die draufgehen, weil die Ehemänner nicht wissen, wie sie ihre Frauen glücklicher machen können. Ich hatte das Gefühl, ich schreibe es ihnen mal auf, gebe den wissenschaftlichen Hintergrund dazu, und dann schauen wir mal, ob wir bessere Ergebnisse erzielen. Und das tun wir. Ich bekomme sehr viele Dankesbriefe. Liebe ist hart, Scheidung ist hart, Einsamkeit ist hart. Und Frauen verdienen es, gut behandelt zu werden. Wenn Sie mein Buch als Sexanleitung abtun wollen, schade, aber soll sein.

profil: Vielleicht hilft es ja wirklich, wenn Sie die Männer dazu kriegen, es zu lesen.
Wolf: Genau das passiert gerade auch.

profil: Brauchen wir heute noch Feminismus? Was hat sich verändert, seit Sie „Mythos Schönheit“ geschrieben haben, der sie 1991 schlagartig berühmt machte?
Wolf: Großartig! Sie stellen die Fragen nach dem großen Zusammenhang! Das erlebe ich in Amerika selten! Keine Bewegung hat in den letzten zwanzig Jahren im Westen mehr erreicht als die Frauenbewegung. 1991 hatten wir in den USA gerade die Kontroverse um die Berufung des Richters Clarence Thomas in den Obersten Gerichtshof, obwohl ihm seine ehemalige Mitarbeiterin, die Rechtsprofessorin Anita Hill vorgeworfen hatte, von ihm sexuell belästigt worden zu sein. Heute hat sich das Denken grundlegend verändert. In Firmen werden Mitarbeiter gewarnt, Frauen zu nahe zu treten, weil sie sonst Millionen-Dollar-Klagen zu erwarten haben.

profil: Geldangst schafft Gleichberechtigung. Ein durch und durch amerikanisches Prinzip.
Wolf: Hauptsache, es funktioniert. Auch in der Diskussion über Vergewaltigung hat sich das Denken verändert. Ja, Frauen werden immer noch sexuell belästigt und vergewaltigt. Doch heute wird sexuelle Gewalt gegen Frauen nicht mehr als individuelle Sache abgetan, sondern als systemisches Problem erkannt. Es kümmern sich auch noch immer mehr Frauen um Hausarbeit und Kindererziehung als Männer. Aber im Vergleich zu unseren Vätern sind Männer heute viel aktiver zu Hause. Auch auf ihr eigenes Betreiben.

profil: Viele junge Frauen denken, sie brauchen keinen Feminismus mehr. Stimmt das?
Wolf: Das gilt sicher für viele. Sie sind ja mindestens so gut ausgebildet und diszipliniert wie ihre männlichen Kollegen, wenn sie von der Uni kommen. An die Wand knallen Frauen erst später, wenn sie ein Kind bekommen. Dann wird es schwierig. Spätestens zu diesem Zeitpunkt kommen die alten feministischen Forderungen wieder hoch: Gute Kinderbetreuung, Einbeziehung der Väter, Einführung von Quoten in Vorständen. Doch abgesehen davon sehe ich bei meinen Veranstaltungen auf Universitäten sehr viele junge Frauen, die ich durchaus als Feministinnen bezeichnen würde. Es gibt einen ganz anderen Diskurs, da entsteht Aktivismus um neue Themen. Zum Beispiel der „Slut walk“. Tausende Frauen gehen auf Protestmärsche unter dem Motto: „Benütze mein Aussehen nicht als Entschuldigung für sexuelle Belästigung!“

profil: In dem auf Deutsch noch nicht übersetzten „The End of America“ warnen Sie 2007 vor faschistischen Tendenzen in den Vereinigten Staaten. Hat sich die Gefahr Ihrer Meinung nach unter Barack Obama gelegt?
Wolf: Sie werden meine Antwort nicht mögen, aber ich glaube, es ist heute noch schlimmer geworden. Obama hat versprochen, Guantanamo zu schließen. Er ist diesem Versprechen aber nicht nachgekommen. Der Himmel ist voller Drohnen. Nicht nur der amerikanische Himmel, Obama lässt die Drohnen auf die ganze Welt los. Die totale Überwachung passiert im völlig rechtsfreien Raum. Sie findet aber natürlich dennoch statt, weil es nämlich ein Riesengeschäft ist.

profil: Die Vereinigten Staaten sind aber doch keine faschistische Macht, sie sind immer noch eine Demokratie.
Wolf: Es macht keinen großen Unterschied mehr, wer im Weißen Haus sitzt. Lobbyisten setzen die Interessen der großen Konzerne im Kongress durch. Gesetze werden nicht mehr im Interesse der Bürger gemacht. Auch Adolf Hitler kam mit demokratischen Mitteln an die Macht.

Naomi Wolf: „Vagina. Eine Geschichte der Weiblichkeit“ ist ab 2. Mai im Handel. Übersetzung: Barbara Imgrund. 24,95 Euro, Rowohlt-Verlag.

Zur Person

Naomi Wolf, 50, lässt nichts aus. Wenn die amerikanische Star-Feministin nicht gerade in Abendrobe auf dem Weg zu einem New Yorker Galadiner in eine Demonstration gerät und gleich verhaftet wird, dann schreibt die 50-Jährige an einem Buch über ein Thema, das garantiert zur Kontroverse wird. 1991 wurde die selbst ausgesprochen attraktive Journalistin mit ihrem feministischen Debut „Mythos Schönheit“ zur Bestseller-Autorin. Mit „The End of America“ arbeitete sich die Bürgerrechts-Aktivistin 2007 an den ihrer Meinung nach faschistischen Tendenzen der Vereinigten Staaten unter George W. Bush ab. Als ihr vor einiger Zeit die rechte Freude beim Orgasmus fehlte, ließ sie sich von Spezialisten untersuchen. Nach einer Operation an der Wirbelsäule kehrte der Spaß im Bett zurück, und die Idee zu ihrem neuen Buch „Vagina“ war geboren. Nach Erscheinen der englischen Ausgabe im Herbst 2012 wurde das Buch zum „Zentralorgan der weiblichen Macht“ von der Kritik zerrissen: „reizlos geschrieben“, „schlampig recherchiert“, Wolf wurde als „Sexual-Prophetin“ verlacht. Die Streitbare nimmt es mit Humor. Im profil-Interview attackiert sie die Kritik an ihrem Werk mit derselben Leidenschaft wie die englischen Scones, die zum Afternoon-Tee im Londoner Hotel „Renaissance St. Pancrass“ gereicht werden.