Nazi-Jäger, Mossad-Agent, Österreicher: Aus dem Leben des Simon Wiesenthal

Er war Agent des israelischen Geheimdienstes, sah sich als österreichischer Patriot und pflegte eine seltsame Freundschaft mit dem Hitler-Intimus Albert Speer. Ein soeben erschienenes Buch über Simon Wiesenthal liefert brisante Details aus dem Leben des berühmtesten Nazi-Jägers der Welt.

November 1975. Der Konflikt zwischen Bruno Kreisky und Simon Wiesenthal befindet sich auf seinem Höhepunkt. Der „Nazi-Jäger“, der schon fünf Jahre zuvor vier Minister der sozialistischen Minderheitsregierung als ehemalige NSDAP-Mitglieder entlarvt hatte, lässt kurz nach den Nationalratswahlen im Oktober des Jahres eine Bombe hochgehen: Er deckt auf, dass der FPÖ-Chef Friedrich Peter einst in einer SS-Mörderbrigade diente. Kreisky verteidigt Peter und wütet gegen Wiesenthal. Er zeiht ihn der „Mafiamethoden“, sein Dokumentationsarchiv sei eine „private Spitzel- und Staatspolizei“. Und schließlich beschuldigt er Wiesenthal, der durch die Hölle mehrerer Konzentrationslager gegangen war, mit den Nazis kollaboriert zu haben. Wiesenthal kontert und spricht von „jüdischem Selbsthass“ Kreiskys. Der damalige Kanzler hat kurz zuvor ein Interview gegeben, das einen internationalen Skandal auslöste: Die Juden seien kein Volk, sagte er darin und fügte – offenbar als Scherz gemeint – hinzu: „Und wenn sie eins sind, dann ein mieses.“
In diesen turbulenten Herbsttagen empfängt Kreisky am Wiener Ballhausplatz zwei junge israelische Journalisten. Nach dem Ende des fünfzehnminütigen Interviews bittet er die beiden, ihm noch ein wenig Zeit zu opfern. Er wolle ihnen erklären, was er damit meint, wenn er den Juden abspreche, ein Volk zu sein. Kreisky monologisiert, andere Termine müssen warten. Eine bereits eingetroffene Delegation vom Balkan solle doch bitte ein anderes Mal wiederkommen, sagt er seinem Protokollchef; ein Minister wird vertröstet; dem amerikanischen Botschafter lässt der Kanzler ausrichten, er würde zurückrufen. Kreisky lässt sich nicht unterbrechen. Und insistiert immer wieder, dass sein Großvater, der Schuldirektor aus Böhmen war, mit einem Schuster aus dem Jemen nichts, aber auch gar nichts gemeinsam habe.

Am Ende des Gesprächs, inzwischen war weit über eine Stunde vergangen, wagt einer der beiden israelischen Reporter zu fragen, ob es nach Meinung des Kanzlers denn ein österreichisches Volk gäbe, und wenn ja, seit wann. Kreisky explodierte beinahe vor Zorn und brüllte, seine Ahnen hätten sich bereits zu Zeiten Napoleons als Söhne des österreichischen Volkes gefühlt. Kreisky kam immer mehr in Rage, doch da erschien sein furchtloser Protokollchef ein weiteres Mal, diesmal mit entschlossener Miene, und erklärte, der nächste Gast sei auf gar keinen Fall zu vertrösten, wollte man keinen neuen Weltkrieg riskieren: Es sei nämlich der sowjetische Botschafter.

Diese Geschichte erzählt Tom Segev.
Er war einer der beiden Journalisten, die vor 35 Jahren dieses seltsame Rencontre am Ballhausplatz erlebten. Er war derjenige, der es wagte, die kecke Frage nach dem österreichischen Volk zu stellen. Heute gilt Segev als einer der renommiertesten israelischen Historiker. Dieser Tage hat er eine fast sechshundert Seiten starke Biografie Wiesenthals, des damaligen Kontrahenten Kreiskys, veröffentlicht.

Das Match zwischen den beiden prominentesten Juden Österreichs schien in den siebziger Jahren eindeutig der Kanzler gewonnen zu haben – zumindest hierzulande. Als Peter Michael Lingens, der damalige Herausgeber des profil – das in dieser Zeit Kreisky generell eher wohlgesonnen war –, die Attacken des Kanzlers auf Wiesenthal als „unmoralisch und würdelos“ verurteilte, entsprach das keineswegs der allgemeinen Stimmung in Österreich. In einer Meinungsumfrage gaben 59 Prozent Kreisky Recht, bloß drei Prozent Wiesenthal. „Die Öffentlichkeit sah mich als unersättlichen Rächer, der jeden Morgen ein armes unschuldiges kleines Nazi-Parteimitglied zum Frühstück verspeist“, erinnerte sich einmal Wiesenthal. „Das stimmt aber nicht“, witzelte er. „Ich esse kein Schwein.“
International war Wiesenthal schon seit den sechziger Jahren ein Held.

Seine Mitwirkung bei der Jagd auf Adolf Eichmann machte ihn zu einer weltweit bekannten Figur. Der aus Linz stammende Organisator der Judenvernichtung wurde 1960 von Agenten des israelischen Geheimdienstes Mossad in Argentinien festgenommen, nach Israel entführt, vor Gericht gestellt, verurteilt und schließlich hingerichtet. Spätestens seit Wiesenthal das Buch „Ich jagte Eichmann“ publizierte, begannen die Mächtigen der – westlichen – Welt ihn zu empfangen und zu hofieren. Die Behörden der Länder, die nun Nazi-Verbrecher vor Gericht bringen wollten, konsultierten ihn und arbeiteten intensiv mit ihm zusammen. Wiesenthal wurde berühmt, und langsam entwickelte er sich, obwohl es ihm an Gegnern nicht mangelte, zu einer globalen moralischen Instanz.

Nicht so in Österreich. Mitte der siebziger Jahre war Wiesenthal noch verhasst. „Bei keinem lebenden Österreicher ist die Diskrepanz zwischen internationaler Achtung und nationaler Ächtung so groß wie bei Simon Wiesenthal“, analysierte Lingens damals im profil. „Er wollte die Verurteilung der Schuldigen. Nicht mehr und nicht weniger. In einem Land, das gänzlich unschuldig gewesen sein wollte und in dem sich alle einig schienen, man werde schon keinen Richter brauchen, galt diese Selbstverständlichkeit den meisten als ein einziger Skandal“, schreibt der israelisch-österreichische Schriftsteller Doron Rabinovici über die bleierne Nachkriegszeit, die sich bis weit in die siebziger und achtziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts erstreckte. Noch herrschte das große Schweigen über die dunklen Jahre der österreichischen Geschichte.

Wenn es so etwas wie Vergangenheitsbewältigung gab, dann war sie schwammig und verblasen, vom „Hitler in uns“ war die Rede und vom Alltagsfaschismus, von der Arbeitslosigkeit, welche die Menschen den Barbaren in die Arme getrieben hätte, und vom angeblich so breiten, heroischen Widerstand. Wiesenthal wirkte durch seine penible Aufarbeitung als Störenfried: Das Ungeheuerliche, das größte Verbrechen der Menschheitsgeschichte, der Holocaust hatte nun Namen, Adresse und Gesicht. Aber kaum ein Nazi-Verbrecher wurde vor Gericht gestellt. Und wenn doch, wurden sie hierzulande in den meisten Fällen freigesprochen. Für die Rolle als Hassfigur eignete sich Wiesenthal ideal. Für kollektive Fantasien der Nach-Auschwitz-Österreicher bot er eine ideale Projektionsfläche: Unbewusste Schuldgefühle produzierten das Bild des jüdischen Racheengels, der dem großen Verbrechen die große Strafe folgen lässt.

Aber auch in Österreich wurde mit einiger Verspätung erkannt, dass Wiesenthal einer der Großen des 20. Jahrhunderts war, dass er mit seinen Aktivitäten um vieles mehr an Aufklärung über die Hitlerzeit und den Holocaust brachte als Dutzende gelehrte Historiker. Im Streit mit Kreisky blieb letztlich Wiesenthal siegreich. Die Kollaborationsverdächtigungen erwiesen sich in mehreren Prozessen als völlig haltlos. Auch die ausgedehnten Recherchen des Biografen Segev ­ergeben keinen einzigen auch noch so kleinen Hinweis auf eine Zusammenarbeit Wiesenthals mit den Nazis. Heute müssen selbst Kreisky-Hagiografen eingestehen, dass dessen Attacken gegen Wiesenthal der große Fehltritt des „Sonnenkönigs“ waren.

Über wenige Persönlichkeiten des vergangenen Jahrhunderts ist mehr geschrieben worden als über Simon Wiesenthal. Mehrere Biografien sind erschienen. Er selbst hat zwei Memoiren-Bände verfasst.

Dokumentationsfilme über ihn wurden gedreht.
Und auch Hollywood hat sich seiner mehrmals angenommen. Warum also eine neue Biografie?
Das meiste, was über den Lebenslauf des „Nazi-Jägers“ geschrieben wurde, basiert auf dessen eigenen Erzählungen. Segev aber hat über Jahre hinweg insgesamt vierzehn Archive in Österreich, Deutschland, Polen, Großbritannien und den USA durchstöbert. Anhand von zahlreichen Briefen, Geheimdienstdossiers und anderen bisher unbekannten Quellen zeichnet der Autor die faszinierende Lebensgeschichte Wiesenthals nach. Neues und Unerwartetes kommt zutage. Nicht zuletzt auch die überaus seltsame freundschaftliche Beziehung, die Wiesenthal mit dem ­Hitler-Intimus Albert Speer nach dessen Entlassung aus dem Gefängnis Ende der sechziger Jahre pflegte.

Frühes Wissen

„Vieles von dem, was Wiesenthal geschrieben hat, ist mit Vorsicht zu genießen: Nicht immer erinnert er sich an Dinge, wie sie sich tatsächlich zugetragen hatten“, diagnostiziert Segev. „Als Mann mit literarischen Ambitionen neigte er vielmehr dazu, zuweilen seiner Fantasie freien Lauf zu lassen, zog nicht selten das historische Drama der ­schlichten Wahrheit vor, so wie er auch nicht daran glaubte, dass die reale Geschichte seine Zuhörer in ausreichendem Maße zu beeindrucken vermochte.“

Segev steht mit dieser Einschätzung nicht allein da. Noch im ehrfurchtsvollen Nachruf der „New York Times“ im Jahr 2005 wird der Versicherung des ehemaligen israelischen Mossad-Chefs Isser Harel Glauben geschenkt, der immer wieder Wiesenthal beschuldigte, er habe in einem wesentlichen Punkt geflunkert: Wiesenthal behauptete stets, er hätte Eichmann bereits im Jahr 1953 in Argentinien geortet, dies Israel mitgeteilt und später das zentrale Foto zur Verfügung gestellt, das es erlaubte, den Nazi-Verbrecher in Südamerika zu identifizieren. ­Segev beweist nun, dass Wiesenthal in diesem Fall keineswegs ­fantasierte.
„Tatsache ist, dass Wiesenthal am 24. März 1953 an den israelischen Konsul in Österreich schrieb, Eichmann wohne in der Nähe von Buenos Aires und unterhalte Kontakte zu einigen Mitgliedern der deutschen Kolonie in der Stadt. Vier Wochen später schrieb Wiesenthal abermals an den Konsul: Er habe erfahren, dass beim Zugriff auf eine Neonazi-Vereinigung in Deutschland auch die Korrespondenz mit Eichmann beschlagnahmt worden sei, aus der ebenfalls hervorgehe, dass dieser sich in Argentinien befinde. Der Staat Israel ,wusste‘ demnach anscheinend, dass Eichmann in Buenos Aires lebte. Später sollte Wiesenthal fassungslos herausfinden, dass sein Schreiben in irgendeiner Akte abgeheftet worden war, niemand dessen Bedeutung erfasst hatte und das Ganze offenbar nicht ernst genommen worden war.“

Auch sonst stellt sich heraus, dass Wiesenthal in diesem Fall kaum das tat, was ihm seine Kritiker immer wieder vorwarfen: aus Eitelkeit und Ruhmsucht seine Rolle beim Finden und Ergreifen von Nazi-Verbrechern größer darzustellen, als sie in Wirklichkeit war. Tatsächlich hatten die Agenten, die den Mann, den die Nachbarn unter dem Namen Klement kannten, in der Garibaldistraße in Buenos Aires kidnappten, ein Eichmann-Foto zur Identifizierung mit. Das Foto stammte von Wiesenthal. Für die Anklage lieferte dieser den israelischen Behörden zudem wichtige Unterlagen.

Mossad-Agent „Theokrat“

„Manchmal redete Wiesenthal, als stünden Akteure von ungeheurer Macht hinter ihm, und dann war er wie die Maus, die brüllt: Je mehr sein jeweiliges Gegenüber an den Mythos glaubte, den er um sich geschaffen hatte, desto größer wurde sein Handlungsvermögen, ja wurde der Mythos Wirklichkeit“, schreibt Segev. Inzwischen weiß man, dass Wiesenthal nicht über eine gewaltige Organisation verfügte, sondern sein Dokumentationszent­rum im Grunde ein Einmannbetrieb war.

Wiesenthal konnte auf ein phänomenales Gedächtnis zurückgreifen und war ein begnadeter Networker, der über unzählige Kontakte zu Journalisten, Geheimdienstagenten, Behörden der verschiedensten Länder, Ex-Nazis und allen möglichen und unmöglichen Informanten verfügte. Zweifellos war er lange Zeit ein einsamer Kämpfer – vor allem in der Zeit des Kalten Kriegs, als kaum jemand daran interessiert war, KZ-Schergen, SS-Mörder und andere Nazi-Verbrecher aufzuspüren und vor Gericht zu bringen. Aber nicht immer blieb er der allein und unabhängig agierende Nazi-Jäger. Das deckt nun Tom Segev auf: Wiesenthal stand während mehrerer Jahre im Dienste des israelischen Geheimdiensts Mossad.

Das war Anfang der sechziger Jahre: „Wiesenthal galt zunächst nicht als Agent des Mossad, wohl aber als fester Mitarbeiter. Er erhielt ein monatliches Salär, und die Leute vom Mossad verwendeten einen Decknamen, wenn sie über ihn berichteten – ,Theokrat‘. Wiesenthals Hirn arbeitete wie ein Namenregister. Sein Gedächtnis und Hunderte von Personalakten, die er in seinem Büro verwahrte, ermöglichten es ihm, Verbindungen zwischen Personen ausfindig zu machen, welche den Mossad interessierten. Auch die Kontakte Wiesenthals zur Polizei und zum österreichischen Innenministerium waren immer wieder von Nutzen, unter anderem dank der Gepflogenheit, die persönlichen Angaben von Fremden, die in einem Hotel abstiegen, penibel zu notieren. Mehr als einmal konnte Wiesenthal seinen Verbindungsleuten beim Mossad daher Einzelheiten über die Bewegungen von Personen übermitteln und angeben, wer eingetroffen und wer abgereist war, insbesondere wenn es sich um Menschen handelte, die aus arabischen Ländern kamen oder dorthin fuhren.“

Zur immer engeren Zusammenarbeit Wiesenthals mit dem israelischen Geheimdienst trug in dieser Zeit auch die Situation innerhalb der Wiener Kultusgemeinde bei. Wiesenthal wollte die Führung übernehmen, die sich seit Jahren in der Hand der sozialistischen Fraktion innerhalb der Gemeinde befand. Doch dabei wurde ihm einer seiner größten Scoops zum Verhängnis. Wiesenthal hatte einen österreichischen Polizisten als jenen SS-Mann ausgeforscht, der einst Anne Frank in den Niederlanden verhaftet hatte: Karl Silberbauer. Das erregte die internationale Aufmerksamkeit. Silberbauer wurde zunächst suspendiert, als sich die Affäre gelegt hatte, wieder in den Polizeidienst aufgenommen.

SPÖ-Innenminister Franz Olah, dem die Polizei unterstand, war die Angelegenheit überaus unangenehm. Nach den Worten des damaligen israelischen Botschafters in Österreich, Michael Simon, forderte Olah die Führung der jüdischen Gemeinde auf, Wiesenthals Befugnisse einzugrenzen. Was sogleich geschah. Die Kultusgemeinde übernahm handstreichartig das Dokumentationszentrum. Wiesenthal wurde aufgefordert, sein Büro zu räumen, die Schlösser wurden ausgetauscht. Zunächst wurde ihm nicht einmal gestattet, das von ihm in mühevoller Kleinarbeit zusammengetragene Material zu nutzen. Wiesenthal machte aber weiter – unter einer neuen Adresse.

„Sein Dokumentationszentrum indes konnte er nicht aus eigener Kraft halten. Ende Februar 1964 berichtet Botschafter Simon: ,Die Vorgesetzten von Mordechai Elazar haben inzwischen beschlossen, Herrn Wiesenthal in ihren Dienst zu nehmen, ihm ein Gehalt zu zahlen und ein Büro zu seiner Verfügung zu stellen.‘ Elazar war nicht der richtige Name des Mannes. Er war der Vertreter des Mossad in Wien. Soweit sich ,Elazar‘ erinnern kann, erfuhr Wiesenthal seinen echten Namen erst viele Jahre ­später, doch Unterlagen aus Wiesenthals privatem Nachlass belegen, dass ihm zumindest die Funktion ,Elazars‘ bekannt war.“

Nach einer erbitterten Schlammschlacht verlor Wiesenthal Ende 1964 die Wahlen zum Vorstand der Kultusgemeinde. Die Sozialisten errangen wieder die absolute Mehrheit.

Zionist und Patriot
Warum ist Wiesenthal in Österreich geblieben? Das wurde er häufig gefragt. Warum hat er nicht in Israel seine neue Heimat gefunden? Zuweilen wehrte er diese Frage mit einem sarkastischen Bonmot ab: „Der Grund dafür, dass ich nicht in Israel lebe, ist der, dass es dort weder Nazis noch Antisemiten gibt.“ Einem seiner israelischen Bekannten antwortete er auf diese Frage, er werde nach Israel kommen, sobald David Ben-Gurion nicht mehr Ministerpräsident sei. Ben-Gurion war der Gründer der israelischen Sozialdemokratie und Ministerpräsident von 1948 bis 1963. Wiesenthal, der schon in seinen Jugendtagen in Galizien zum Anhänger von Wladimir Zeev Jabotinsky – dem Führer des rechten Flügels der zionistischen Bewegung – geworden war, hatte für das sozialdemokratische Establishment, das in den Anfangsjahren des Staates Israel an der Macht war, nicht viel übrig.
Umso mehr konnte er sich mit der rechten Opposition von Menachem Begin, einem Jabotinsky-Schüler, identifizieren, der 1977 Regierungschef werden sollte. Mit Begin war Wiesenthal befreundet. Das macht es verständlich, dass er – der über die Jahre hinweg zunehmend nicht nur die Verbrechen gegen die Juden anprangerte, sondern sich auch mit anderen verfolgten Völkern wie den Roma und Sinti solidarisierte – für das Schicksal der Palästinenser nie auch nur ein Fünkchen an Empathie aufbrachte. Im Rahmen des Nahostkonflikts war er ein dezidierter Hardliner.

Gewiss: Er war Zionist. Und er diente Israel einige Jahre als Mossad-Agent. Seine Beziehung zum Judenstaat gestaltete sich aber wechselhaft und zeitweise höchst ambivalent. Da war zum einen die Aversion gegenüber den israelischen Sozialdemokraten. Lange Zeit machte er zudem Israel den Vorwurf, zu wenig getan zu haben, als es darum ging, Nazi-Verbrecher dingfest zu machen. Und als er mit Kreisky die Klingen kreuzte, fühlte er sich von der israelischen Regierung im Stich gelassen. Die wollte sich offensichtlich nicht in den wüsten Streit in Wien einmischen.

„Die israelischen Diplomaten schrieben Kreisky einen ,tief greifenden jüdischen Komplex‘ zu. Mehr als alles andere fürchtete der, von seinen Landsleuten nicht als echter Österreicher akzeptiert zu werden. Gleichzeitig jedoch gelangten sie zu der Einschätzung, Wiesenthal dresche im Dienste der ÖVP, welche die Macht verloren hatte, auf Kreisky ein. Denn zuvor habe er wohlwollend über die NS-Vergangenheit der Minister in der konservativen Regierung hinweggesehen. In Jerusalem begann man allmählich in Zweifel zu ziehen, ob es tatsächlich angebracht sei, Wiesenthal noch weiter zu unterstützen. ,Persönlich betrachtet ist Wiesenthal als Mensch bekannt, der sich seinem Ziel mit Leib und Seele verschrieben hat, zugleich jedoch als ein ehrgeiziger, renommeesüchtiger Schreihals, der nicht selten Dinge behauptet, die er hinterher nicht beweisen kann‘, hieß es unverblümt in einem Memorandum, das an die israelischen Botschafter in aller Welt verschickt ­wurde.“

Feinde hatte er also genug, auch in Israel.
In Österreich aber fand er die Antisemiten und Nazis, die zu bekämpfen er sich nach 1945 zu seiner Aufgabe gemacht hatte. So baute er sein Leben im Lande Hitlers und Eichmanns auf, was seinerzeit nur wenige Juden taten. „Es war eine unmögliche Gratwanderung, auf die er sich einlieߓ, meint der Schriftsteller Gerhard Roth. „Die schaffte er, ohne abzustürzen, trotz Fußfallen der Justiz, Stürmen der Entrüstung und Wolken giftigen Hasses der Öffentlichkeit, trotz Steinschlägen vonseiten der Politik und des Gestanks brauner Abwässer.“

Allen Widrigkeiten zum Trotz, mit denen Wiesenthal in Österreich konfrontiert wurde, war er doch ein österreichischer Patriot: „Als geborener Altösterreicher“ fühlte er sich „nicht als Fremder in diesem Land“, schrieb er. Als patriotische Pflicht sah er seine Anstrengung an, sein Land vom Hass gegen die Juden und von den Nazi-Verbrechern zu reinigen.

Waldheim und der Nobelpreis

Als die polnische Botschaft in Wien Ende der sechziger Jahre jene Artikel in Umlauf brachte, die Wiesenthal bezichtigten, mit den Nazis kollaboriert zu haben, versprach der damalige österreichische Außenminister Kurt Waldheim, sich der Sache anzunehmen. „Natürlich entbehrt es nicht der Ironie, dass es Waldheim war, dessen Vergangenheit zum damaligen Zeitpunkt noch nicht aufgedeckt war, der in die Bresche sprang, um ausgerechnet Wiesenthal zu helfen, seine eigene Vergangenheit zu schützen“, schreibt Segev. „Wiesenthal wusste Waldheims Hilfe zu schätzen und sah in ihm einen hochanständigen Mann.“

In der Folge wurde er mehrfach auf Waldheims Kriegsjahre angesprochen – etwa 1971 von der Antidiffamierungsliga der jüdischen Organisation B’nai B’rith. „Keine belastenden Informationen“, lautete immer wieder die Antwort Wiesenthals. Gerüchte hätten sich als üble Nachrede herausgestellt. 1979 wurde er von israelischen Freunden gebeten, die Vergangenheit des damaligen UN-Generalsekretärs zu überprüfen. Die unter französischer Verantwortlichkeit stehende Wehrmachtsauskunftstelle WaST übermittelte nähere Angaben zu Waldheims Militärdienstzeit. Wiesenthal rief in Israel an und versicherte: Waldheim sei kein Nationalsozialist gewesen.

Doch das, was profil, die Sozialdemokraten, die „New York Times“ und der Jüdische Weltkongress im Frühjahr 1986 aus ebendiesem Material entnehmen sollten, wusste Wiesenthal schon 1979: Waldheim hatte gelogen.

„Später sollte Wiesenthal behaupten, er habe nicht die Vergangenheit Tausender von Landsern und Hunderter von Offizieren dieser Heeresgruppe überprüfen können, doch diese Erklärung blieb unbefriedigend: Allein die Tatsache, dass Waldheim den weiteren Verlauf seines Militärdiensts verheimlichte, hätte Wiesenthals Misstrauen wecken müssen. Und eine Recherche zur Geschichte der betreffenden Heeresgruppe hätte ohne Weiteres Erkenntnisse über die von ihr verübten Verbrechen liefern können, unter anderem in Griechenland (an die sich Waldheim nicht zu erinnern vorgab, Anm.). Wiesenthal war schon seit Jahren im Bild über die Vernichtung der griechischen Juden, ja war sogar als Zeuge in einem der Prozesse aufgetreten, der sich mit diesem dunklen Kapitel befasste.“

Als 1986 während des Präsidentschaftswahlkampfs die von Waldheim als „Campaign“ bezeichneten Angriffe auf ihn begannen, war Wiesenthal einer der Ersten, die ihn verteidigten. Er wandte sich von Anfang an gegen den Verdacht, dieser sei ein Kriegsverbrecher. Offensiv stellte er sich gegen die Attacken des Jüdischen Weltkongresses, mit dem er seit Langem auf Kriegsfuß stand. In den ersten Wochen der Affäre fungierte Wiesenthal sogar als eine Art Geheimberater des Präsidentschaftskandidaten. Erst sehr spät, als eine nicht zuletzt von ihm angeregte internationale Historiker-Kommission klarmachte, sie hätte keine Anhaltspunkte dafür gefunden, dass Waldheim selbst Kriegsverbrechen begangen hatte, er habe aber gelogen und sei über die Verbrechen seiner Heeresgruppe informiert gewesen, forderte Wiesenthal den Rücktritt des im Juni des ­Jahres 1986 gewählten Präsidenten Waldheim.

In der amerikanischen Öffentlichkeit war damit für einige Zeit – teilweise bis heute – Wiesenthals Image als moralische Instanz schwer beschädigt. Auch dürfte ihn seine Waldheim-Verteidigung den Nobelpreis gekostet haben. Den bekam am 15. Oktober 1986 der amerikanische Schriftsteller Elie Wiesel, ein Holocaust-Überlebender wie Wiesenthal, mit dem dieser schon seit Langem verfeindet war.

Was ihm international geschadet hatte, ließ ihn in seiner Heimat Österreich freilich erst so richtig ankommen. Nun verwandelte sich Wiesenthal in den Augen vieler Österreicher vom Rache- zum Schutzengel, vom bösen zum guten Juden, der Österreich vor der „infamen Verschwörung“ der „gewissen Kreise an der Ostküste“ und der heimischen Roten behütete. Das machte ihn paradoxerweise endgültig zum akzeptierten Gewissen der Nation.
Wie zwiespältig das Lob war, das damals so mächtig über ihn hereinbrach, wusste er genau. „Ich habe etwas gemacht gegen den Vorwurf der jüdischen Weltverschwörung, indem ich in der Sache Waldheim eine differenzierte Haltung einnahm, und dadurch, dass ich die Historiker-Kommission vorschlug, habe ich aber tatsächlich eine gewisse Entlastung gebracht“, sagte er einmal rückblickend in einem profil-Interview. Jedenfalls bekam er in der Folge endlich jene Anerkennung, die ihm in Österreich so lange verwehrt wurde.

Mitarbeit: Gunther Müller