Neue Alben: Alien Hand Syndrome, Kalle Mattson

Zwischen persönlicher Lebensaufarbeitung und Bruce-Springsteen-Reminiszenzen: Alien Hand Syndrome (aus Wien) und Kalle Mattson (aus Ottawa) kurieren die ersten Anzeichen kleiner Herbst-Depressionen. profil unerhört präsentiert die wichtigsten CDs der Woche.

Von Philip Dulle und Stephan Wabl

Alien Hand Syndrome: Slumber (Hoanzl)

Freude und Schmerz, Kitsch und Pathos, Klassik und Pop: Clemens Engert alias Alien Hand Syndrom versucht nicht nur zwischen Musikstilen zu vermitteln, sondern vor allem seinen vermeintlich schwierigen Gefühlshaushalt in der Balance zu halten. Schonen will sich Alien Hand Syndrom (benannt nach einer neurologischen Störung) dabei nicht, erzählt von Unsicherheit und Entfremdung, von Wut und Angst, aber auch von Liebe und Hoffnung; ein „Zampano“ mit Gitarre, Keyboard und Hut, wie er sich selbst in einem Song nennt. Die Bandbreite, des in Wien lebenden Oberösterreichers ist enorm: Auf seinem zweiten Album „Slumber“ lässt er den Gothic-Schick seines Debüts („The Sincere and the Cryptic“, 2011) fast gänzlich hinter sich und arbeitet sich (ja, es hört sich bei ihm wirklich nach immenser Gefühlsarbeit an) durch klassische (aber auch ausufernde) Rock- und Pop-Arrangements, Industrial-Versatzstücke, rabenschwarze Schreiorgien, bis hin zu bezaubernden, fast schon kitschigen Singer-Songwriter-Miniaturen, die der Schmerzensmann mit klassischen Keyboard- und Chello-Arrangements kombiniert und sich Hals über Kopf in das Chaos Leben wirft. Vor allem live – begleitet von einer charismatischen, bis zu fünfköpfigen Band –, entwickelt sich Alien Hand Syndrom zum konterkarierenden Gegenpol der Vorstellung vom introvertierten Künstler. „Slumber“ ist eben nicht nur persönliche Lebensaufarbeitung, sondern ein Reisetagebuch durch den Tränenpalast des Lebens, ohne auf ein wesentliches Versprechen zu vergessen: alles wird gut. (7.8/10) Ph. D.

Kalle Mattson: An American Dream (Parliament of Trees)

Vergleiche mit Bob Dylan sind zumeist schlechte Vergleiche. Vergleiche mit Bruce Springsteen sind selten besser. Der junge kanadische Singer-Songwriter Kalle Mattson vergleicht sich mit keinem der beiden. Musikmenschen, die mit Vergleichen ihr Geld verdienen, tun das aber durchaus – und man es kann es ihnen im Fall von Kalle Mattson nicht einmal übel nehmen. Da wäre einmal das Aussehen: Jeanshemd, zerzauste Haare, Gitarre, Mundharmonika. Da wäre zum anderen die Musik: experimenteller Indie-Folk-Rock, sanfte Stimme, Gitarren, die zwischendurch aber doch ordentlich anziehen, bevor es wieder zurück zum ruhigeren Herzschmerz geht. Und dieser Kalle Mattson, Anfang Zwanzig, hat mit seiner Band ein neues Album aufgenommen, das dritte in vier Jahren. Veröffentlich wird es aber erst im Februar 2014, als Vorgeschmack gibt es aber bereits eine 7“ mit den zwei Liedern „An American Dream“ und „Darkness“. Klingt schon ein wenig nach Bob Dylan und Bruce Springsteen. Das mag auch an Mattsons Produzenten Gavin Gardiner liegen. Dieser hat Mattson nämlich ein Bild von Bruce Springsteens Platte „Nebraska“ vor das Mikrofon geklebt, um ein bisschen was vom „Boss“ auf den Jungspund zu übertragen. Und es dürfte funktioniert haben. Mattsons Stimme kommt konstanter, fokussierter, vor allem aber kräftiger heraus als bei früheren Aufnahmen. Dazu erklingen auf „An American Dream“ schöne Hörner, freudvolle Gitarren und ein schmeichelnd-treibendes Schlagzeug. Stoßrichtung: Der Traum mag vielleicht nicht unbedingt in Erfüllung gehen, aber lieber unerfüllt als gar nicht träumen. Auf „Darkness“ klingt die Trompete dann aber bereits nach Trauermarsch. Der Traum ist vorbei, das Leben aber noch nicht. Was bleibt? Weitergehen – ohne Vergleiche. (6.9/10) S. W.

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