Neue Alben: Belle and Sebastian, Bob Dylan, King Krule

Extrem unmodern: Der Spätsommer überrascht mit unerwartet wohlklingenden Raritäten und Archivaufnahmen aus dem Hause Dylan, Belle and Sebastian. King Krule erzählt in melancholischem Sprechgesang vom tristen Alltag in East-London. profil unerhört präsentiert die wichtigsten CDs der Woche.

Von Philip Dulle und Sebastian Hofer

King Krule: Six Feet Beneath The Moon (XL Recordings/Indigo)

Das Leben ist kein Ponyhof. Schon gar nicht im Londoner Stadtteil East Dulwich, einer ehemaligen Arbeiterenklave im Osten der britischen Metropole, gesäumt von schäbigen Fabrikgebäuden und konformen Mietskasernen. Keine Hipster-Cafés, kaum renovierte Fassaden, triste Vorstadt. Die Gentrifizierung lässt hier noch auf sich warten. Archie Marshall alias King Krule kommt aus dieser prekarisierten Gegend und gilt mit seinen 19 Jahren als neues Sprachrohr einer Jugend, die „No Future“ nicht nur postuliert, sondern durchaus lebt. Der rothaarige, schmalbrüstige und dauerbekiffte King Krule vermengt auf seinem Album-Debüt „Six Feet Beneath The Moon“ einen zwischen Gitarren-Versatzstücken und Trip-Hop-Anleihen gebetteten Postrock mit erstaunlich kaputten und heiseren Sprechgesang (Stichwort Straßenköter). Er singt vom grauen Beton und unwirklichen Lebensbedingungen, bleibt durchwegs unsentimental und versucht auch noch der letzten Vorstadt-Brache ein wenig Seele einzuhauchen. Auf Erlösung darf man nicht hoffen, ans Aufgeben ist dennoch nicht zu denken: Das Leben ist vielleicht kein Ponyhof, eher eine karge Einbahnstraße. „I know when I look into the Sky / There is no meaning / I’m the only one believing?“ (8.2/10) Ph. D.

Belle & Sebastian: The Third Eye Centre (Rough Trade/Indigo)

Kindergeräusche, Flöten, Paul-Simon-Getrommel: die Avalanches remixen Belle & Sebastians „I’m a Cuckoo“, und es hätte tatsächlich nur diesen einen Song gebraucht, um „The Third Eye Centre“ zum Pflichtkauf zu machen. Trotzdem enthält das Album – eine Kollektion von B-Seiten und anderer Raritäten aus dem Rough-Trade-Katalog der Softie-Legenden aus Glasgow – noch 18 weitere Stücke, was man natürlich nur toll finden kann, weil Belle & Sebastian gar nicht in der Lage sind, irgendetwas falsch zu machen, wenn sie ihre Poesiegitarren, Flöten und Flötenorgeln anfassen, und jedes einzelne dieser 19 Lieder mindestens ins Herz trifft, einige sogar ins Hirn. Extrem unmodern, aber hallo: jeder Song ein Treffer. Hits Hits Hits von A bis B. (8.3/10) S. Ho.

Bob Dylan: Another Self Portrait (1969-1971): The Bootleg Series, Vol. 10 (Sony/Columbia)

1970 veröffentlichte Bob Dylan sein umstrittenstes Album. „Self Portrait“ wurde Anfang der Neunziger nicht nur unter die Top-Plätze der „Schlechtesten Rock’n’Roll-Alben aller Zeiten“ gewählt (gleich hinter Lou Reeds „Metal Machine Music“), sondern besteht neben seiner Uneindeutigkeit vor allem aus einer obskuren Ansammlung eigentümlicher Cover-Versionen, verstaubter Traditionals und mieser Live-Mitschnitte. Das hässliche, von Dylan höchstpersönlich gepinselte Cover tat sein übriges. Der berühmte Rolling-Stone-Kritiker Greil Marcus giftete im Tenor der enttäuschten Fans: „What is this shit?“ Nun, 43 Jahre später erscheint mit „Another Self Portrait“ eine Archivausgabe, die sich nicht nur bisher unbekannter „Self Portrait“-Outtakes annimmt, sondern auch die Zeit der unmittelbar davor und danach veröffentlichten Alben „Nashvielle Skyline“ und „New Morning“ beleuchtet. Die „Bootleg Series“ wird in der zehnten Auflage zu einem Kompendium der Jahre 1969 bis 1971, einer Zeit, in der sich nicht nur die Beatles auflösten, sondern auch der Song and Dance Man aus Minnesota erstmals abgeschrieben wurde. Dylan, der zurzeit mit den „Americana“-Bands Wilco und My Morning Jacket auf US-Tournee ist, rehabilitiert mit der vorliegenden Sammlung nicht nur die vermeintlich mageren Jahre, sondern klingt wie der logische Vorläufer dieser jungen Bands. (9.1/10) Ph. D.

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