Neue Alben: The Low Frequency in Stereo, Matt Pryor

The Get Up Kids feiern eine Auferstehung als Ein-Mann-Projekt, die norwegische Postrock-Formation The Low Frequency In Stereo wagt sich endlich auch in weltoffenere Gefilde. profil unerhört präsentiert die wichtigsten CDs der Woche.

Von Philip Dulle und Stephan Wabl

Matt Pryor: Wrist Slitter (Equal Vision Records)

Matt Pryor schrieb mit seiner Band The Get Up Kids fantastische Emo-Lieder. Das war in den späten 1990er-Jahren, bevor das Genre von fahlen Kids mit dunklem Scheitelhaar und aufgeritzten Armen in Beschlag genommen wurde. Kurz darauf löste sich die Band aus Kansas City auf, Pryor orientierte sich mit The New Amsterdams an Countrymusik und veröffentlichte Musik für Kinder. Das ging einige Jahre so dahin, bis der dreifache Familienvater vor rund einem Jahr den Hut ganz draufhauen wollte. Pryor arbeitet auf einer Farm, kümmerte sich um Vieh und Gemüse. Am Ende stellte der 36-Jährige die Mistgabel aber in die Ecke, griff wieder zur Gitarre und spielte ein neues Soloalbum ein. Eine weise Entscheidung! „Wrist Slitter“ knüpft dort an, wo The Get Up Kids aufgehört haben. Aus den Kindern sind mittlerweile allerdings Männer geworden, die Solostücke zeigen sich vielschichtiger als die alten Indielieder. Das nachdenkliche, aber optimistische und rockige „Kinda go to Pieces“ verhandelt Pryors Zeit, als er der Musik endgültig den Rücken kehren wollte. Mit „Wrist Slitter“ findet sich ein netter Country-Einschub auf dem Album. Und „Before My Tongue Becomes a Sword“ ist mit dem Gastauftritt von Chris Conley („Saves the Day“) auch eine Hommage an die längst verebbte Emo-Welle Ende des vergangenen Jahrhunderts. Mit „Wrist Slitter“ zeigt Pryor, dass sich ein über die Jahre bis zur vollkommenen Teenager-Fadesse abgelutschtes Genre im gehobenen Alter facettenreich und ohne Peinlichkeit weiterspinnen lässt. (6.8/10) S. W.

The Low Frequency In Stereo: Pop Obscura (SPV)

Sägende Orgeln, majestätische Engelsstimmen, ausufernde Gitarrenflächen: die norwegische Postrock-Formation The Low Frequency In Stereo setzt sich seit gut zehn Jahren das Ziel, musikalisch möglichst ausufernd, kommerziell aber auf keinen Fall aufzufallen. Der sperrige Bandname der stets in Schwarz gekleideten Frauen und Männer, die sich hinter den Soundflächen von The Low Frequency In Stereo verstecken, ist indes Programm. Auf dem aktuellen, fünften Album „Pop Obskura“ schraubt die Band ihre kreischenden Gitarren, den markerschütternden Noise nun einen Deut zurück. Die neue Leichtigkeit der Band wird zu einem Gutteil von den beiden Sängerinnen getragen, die, bevor man sich in Sicherheit wiegt, ihre Keyboards noch immer im richtigen Moment malträtieren. Immerhin bleiben die fünf Norweger ihrem Bandkredo treu: Erwartungen werden nicht erfüllt. (7.5/10) Ph. D.

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