Neue Anzeigen gegen Organe von MEL

Affäre. Bei Meinl European Land gehen Anlegerschützer nun in die Offensive. Sie wollen Organe der Immobiliengesellschaft in Wien und auf Jersey wegen mutmaßlicher Untreue anzeigen.

Dreitausendeinhundert Kilometer hin und zurück, neun Stunden Flugzeit, zweimal Umsteigen: St. Helier, Hauptstadt der britischen Kanalinsel Jersey, liegt, von Wien aus gesehen, nicht gerade ums Eck. Die AUA bietet Flüge in der Economy Class derzeit um schlappe 2000 Euro an, Nächtigung und Verpflegung exklusive. Wer das besondere Pech hat, Zertifikate der börsennotierten Immobiliengesellschaft Meinl European Land Ltd. (MEL) zu besitzen, und ernsthaft eine Teilnahme an der nahenden Hauptversammlung erwägt, der sollte sich allmählich mit der Destination Jersey anfreunden.
Obwohl weder Zeit noch Ort offiziell feststehen, deutet immer mehr darauf hin, dass die Hauptversammlung nicht in Wien, sondern am MEL-Firmensitz St. Helier abgeführt werden soll. „Ich kann das zur Stunde weder bestätigen noch dementieren“, so ein Berater der Gesellschaft.

Mit der Geheimniskrämerei dürfte demnächst Schluss sein. Die von MEL engagierte Investmentbank Merrill Lynch hat vor wenigen Tagen entscheidende Unterlagen bei der lokalen ­Finanzaufsicht JFSC (Jersey Financial Services Commission) zur Genehmigung eingereicht. Diese enthalten die mit Spannung erwarteten Details zum beabsichtigten Einstieg des israelisch-amerikanischen Konsortiums CPI/Gazit Globe, der in der HV beschlossen werden soll. Sobald die JFSC grünes Licht gibt, müssen die Dokumente allen Anlegern zugänglich gemacht werden. Wie profil ausführlich berichtete, wollen die neuen Investoren im Rahmen eines reichlich umstrittenen Deals zunächst 800 Millionen Euro investieren, wovon ein nicht unbeträchtlicher Teil der Meinl Bank zugutekommen soll. Für die Auflösung komplexer „Lizenz“-, „Platzierungs“- und „Management“-Verträge will Bankier Julius Meinl nicht weniger als 280 Millionen Euro sehen. Um diese mögliche Übervorteilung zu verhindern, haben rund 1000 Kleinanleger über die Internetplattform „MELfanclub“ (www.stage4.us/melfanclub) insgesamt vier Millionen Zertifikate gebündelt. Das ist zwar an sich beachtlich, dürfte aber bei Weitem nicht ausreichen, um die Transaktion zu blockieren. Das Management von Meinl European Land hat bekanntlich die Kontrolle über 150 Millionen so genannter teileinbezahlter Aktien („partly paid shares“) und wird die HV-Beschlüsse somit nach Belieben diktieren können. Oder wie es Anlegerschützer Wilhelm ­Rasinger bei einem Treffen der MEL-An­leger am Mittwochabend vergangener Woche formulierte: „Gehen Sie bitte ­davon aus, dass Sie es mit Leuten zu tun bekommen, die unendlich gierig sind.“

Die Lage mag ernst sein – aussichtslos ist sie dennoch nicht. Wie profil-Recherchen ergaben, geht der von Rasinger geführte Interessenverband für Anleger (IVA) nun in die Offensive. In den kommenden Tagen sollen der Staatsanwaltschaft Wien beziehungsweise der Justiz auf Jersey Anzeigen gegen die amtierenden MEL-Organe übermittelt werden, allen voran die engen Meinl-Vertrauten Karel Philip Römer, Georg Kucian und Heinrich Schwägler. Der Verdacht: mutmaßliche Untreue in Zusammenhang mit den sattsam bekannten Wertpapier-Rückkäufen 2007.

Kronzeugen? In Österreich sind seit Monaten staatsanwaltschaftliche Ermittlungen gegen Julius Meinl anhängig. Diese gestalten sich aber vor allem deshalb schwierig, weil er selbst bei Meinl European Land wohlweislich nie in Erscheinung getreten ist. „Meinl ist wie ein Geist, ständig präsent, aber nicht greifbar“, so Rasinger. Der Bankier und dessen Entourage bestreiten die Vorwürfe, für alle Beteiligten gilt bis zu einer allfälligen rechtskräftigen Verurteilung die Unschuldsvermutung. Die durchaus nicht unberechtigte Hoffnung der Anlegerschützer: Römer, Kucian und Schwägler könnten durch Investigationen der Behörden so sehr unter Druck geraten, dass sie endlich mit der Wahrheit herausrücken. Dies wiederum könnte den Weg für gezielte Schadenersatzforderungen verprellter Anleger ebnen. Ende Jänner 2007 hatte Meinl European Land 75 Millionen neue Zertifikate zum Preis von jeweils 19,7 Euro auf den Markt geworfen, wovon aber nur 45 Millionen tatsächlich platziert werden konnten. 30 Millionen unverkäuflicher Zertifikate im Gegenwert von fast 600 Millionen Euro landeten zunächst beim karibischen Investmentvehikel Somal A.V.V., welches im Einflussbereich der Familie Meinl steht und vom Niederländer Karel Römer vertreten wird (profil berichtete).

Ab dem Frühjahr begann der MEL-Kurs im Lichte steigender Zinsen nachzugeben, Somal drohten massive Verluste. Um den Preis zu stützen, begann Meinl European Land im April, heimlich eigene Papiere zu Fantasiepreisen von der Börse zu holen. Bis Ende August wurden solcherart 88,8 Millionen Zertifikate zum Preis von insgesamt 1,8 Milliarden Euro angekauft. Somal, also die Familie Meinl, konnte dadurch zulasten aller anderen ­Anleger Kursgewinne von 35 Millionen Euro realisieren. Die Öffentlichkeit wurde erst am 23. August darüber informiert, woraufhin der MEL-Kurs in den Keller stürzte. Bis heute ist nicht klar, ob es bei MEL vorab überhaupt den erforderlichen Vorstandsbeschluss zum Erwerb der eigenen Papiere gegeben hat. Die Gesellschaft vermochte diesen bisher jedenfalls nicht zu präsentieren. Die Behörden in Wien und auf Jersey werden eine Kernfrage zu klären haben: In wessen Auftrag haben die MEL-Organe Römer, Kucian und Schwägler seinerzeit tatsächlich gehandelt?

Von Michael Nikbakhsh