Neue Finanzskandale erschüttern die Glaubwürdigkeit der katholischen Kirche

Papst Benedikt XVI. wollte mit der langjährigen Tradition illegaler Geldgeschäfte im Vatikan brechen – und droht daran zu scheitern. Angesichts neuer Finanzskandale reagiert der katholische Gottesstaat wie eh und je: mit Tarnen, Täuschen und Mauern.

San Gennaro, steh ihm bei: Als Crescenzio Sepe, Erzbischof von Neapel, am Sonntag vergangener Woche vor die Tore seiner Kathedrale trat, konnte er kein schlechtes Omen brauchen. In den Händen hielt Sepe eine Art Monstranz mit zwei Phiolen, in denen eine dunkle Masse klebte – der Legende nach das verklumpte Blut des frühchristlichen Märtyrers Gennaro. Dreimal im Jahr muss es sich verflüssigen, sonst droht Ungemach.

Und davon hat Sepe, ehemaliger Leiter der Kongregation für die Evangelisierung der Völker, besser bekannt als Propaganda Fide, ohnehin schon genug. Gegen den Erzbischof läuft ein Verfahren wegen Korruption und Bestechung im großen Stil.

Damit ist er nicht der Einzige im Dunstkreis des Vatikans. Während Sepe noch auf das Eintreten des Blutwunders von Neapel wartete, leiteten Staatsanwälte in Rom gerade Ermittlungen gegen Ettore Gotti Tedeschi ein: Der Chef der Vatikanbank Istituto per le Opere di Religione (IOR) ist unter Geldwäscheverdacht geraten. Es geht um insgesamt 23 Millionen Euro, die auf Konten im Ausland verschoben werden sollten, ohne dass die Behörden wie vorgeschrieben über die Herkunft des Kapitals informiert wurden.

Bereits seit Monaten hat die Justiz zudem ominöse Transaktionen im Ausmaß von 180 Millionen Euro im Visier, die das IOR zwischen 2006 und 2008 abgewickelt hat.

All das sind schwere Rückschläge für ein ganz und gar weltliches Projekt, das Papst Benedikt XVI. verfolgt. Der feinsinnige Theologe hat erstmals glaubwürdige Schritte unternommen, mit den kriminellen Machenschaften aufzuräumen, die sich unter seinem Vorgänger Johannes Paul II. im Vatikan ausbreiten konnten: sei es im IOR mit seinem auf fünf Milliarden Euro geschätzten Einlagevermögen, sei es in der Propaganda Fide, die in den vergangenen 400 Jahren einen Immobilienbesitz im Wert von neun Milliarden Euro angehäuft hat.

Zum einen ließ Benedikt XVI. seit seinem Amtsantritt mehrere besonders verhaltensauffällige Kleriker und Funktionäre austauschen. Propaganda-Fide-Chef Sepe wurde er etwa durch dessen Ernennung zum Erzbischof von Neapel los – promoveatur ut admoveatur, wie man im Vatikan so schön sagt: befördern, um zu entfernen.

Zum anderen näherte sich der Heilige Stuhl zumindest schrittweise internationalen Gepflogenheiten an, was seine Finanzgebarung betrifft. Anfang 2010 trat etwa eine Vereinbarung mit der EU in Kraft, in der sich der Vatikanstaat verpflichtet, „alle einschlägigen gemeinschaftlichen Rechtsvorschriften zur Verhinderung von Geldwäsche“ zu befolgen.

Etwas theologischen und moralischen Überbau dazu lieferte Benedikt XVI. in seiner vergangenes Jahr veröffentlichten Sozialenzyklika, in der er gegen den Turbokapitalismus wetterte und unter anderem eine Regulierung der Finanzmärkte forderte. Co-Autor der entsprechenden Passagen soll übrigens ein gewisser Ettore Gotti Tedeschi gewesen sein – der nunmehr unter Geldwäscheverdacht stehende Chef des IOR.

Exterritorial.
Wie ernst es der Vatikan mit der Transparenz tatsächlich meint, ist allerdings ungewiss. Denn die Vatikanbank, die aufgrund ihres exterritorialen Status mitten in Rom als Offshore-Finanzplatz agieren kann, wird ihre Vergangenheit offenbar doch nicht los.

Und diese ist in der Tat mehr als schillernd. Der Abstieg des 1887 gegründeten Geldhauses ins Kriminal begann in den siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts. Damals herrschte in seiner Zentrale, dem düsteren Nikolaus-Turm hinter den Kolonnaden des Petersplatzes, Paul Kasimir Marcinkus: Finanzjongleur, Golfspieler, Kleriker – in dieser Reihenfolge.

Der US-Amerikaner mit litauischen Wurzeln kungelte mit Politikern, Mafiabossen und den rechtsradikalen Umstürzlern der Geheimloge P2. Gemeinsam mit dem Bankier Roberto Calvi knüpfte er ein kompliziertes Netzwerk aus Briefkastenfirmen und Geisterbanken, über das Milliardenbeträge verschoben und Mafiagelder gewaschen wurden. Am Ende war der von Calvi geführte Banco Ambrosiano, vormals das größte private Kreditinstitut Italiens, mit 1,3 Milliarden Dollar Schulden pleite; Calvi hing tot unter einer Themse-Brücke in London; das IOR war Hunderte Millionen Dollar und seinen guten Ruf los; und Erzbischof Marcinkus wurde in Italien per Haftbefehl gejagt.

Was steht in der Bibel über die zweite der sieben Todsünden, die Gier? „Denn die Wurzel aller Übel ist die Habsucht. Nicht wenige, die ihr verfielen, sind vom Glauben abgeirrt und haben sich viele Qualen bereitet“ (1. Timotheus 6,10).

Der damalige Papst Johannes Paul II. ließ in diesem Fall die Bibel Bibel sein und Marcinkus nicht fallen: Der Amerikaner verlor zwar seinen Posten im IOR, durfte sich aber bis 1997 im Vatikan verstecken und dann mit Diplomatenpass in die USA ausreisen. Dort genoss er bis zu seinem Tod 2006 den Ruhestand – in einem Anwesen direkt neben einem Golfplatz in Sun City, Arizona.

Marcinkus war mitverantwortlich für den größten jemals bekannt gewordenen Finanzskandal der Kirchengeschichte – mit Geschädigten weit über die katholische Glaubensgemeinschaft hinaus. Dennoch verweigerte der Vatikan jegliche Zusammenarbeit mit den weltlichen Behörden. Wozu gibt es denn Artikel 11 der Lateranverträge, mit denen der Vatikan seine Außenbeziehungen zu Italien regelt? „Die Zentralstellen der katholischen Kirche sind (…) vor jeder Einmischung seitens des italienischen Staats (…) frei“, heißt es darin.

Wohltätig. Immerhin:
Anflüge von Reue gab es in den Reihen des Kardinalskapitalismus. Im IOR sollte nach Marcinkus alles anders werden, versicherte die Führungsriege des Heiligen Stuhls, nachdem der Skandal 1987 ruchbar geworden war.

Aber während sich italienische Staatsanwälte noch damit herumplagten, die Vorgänge um den Banco Ambrosiano aufzuklären, war im Nikolaus-Turm bereits die nächste Generation von Finanzjongleuren am Werk.

Sie scharte sich um Donato de Bonis, der zuvor hinter Marcinkus die Nummer zwei in der Vatikanbank gewesen war. Er kannte die Methoden seines Vorgängers und verfeinerte sie. Neben Briefkastenfirmen und Schattenkonten arbeitete de Bonis etwa auch mit erfundenen wohltätigen Stiftungen – etwa der „Fondazione mamma de Bonis, Kampf gegen die Leukämie“. Oder der „Louis Augustus Jonas Foundation, Hilfe für arme Kinder“.

„Die Kirche muss sich entscheiden, ob sie aufseiten des heiligen Franziskus oder des Geschäftslebens steht“, pflegte de Bonis zu sagen, sprich: Besitzlosigkeit oder Reichtum. Unterdessen schleppte er höchstpersönlich kofferweise Cash in den Nikolaus-Turm.

Hochverzinst.
Ein Teil des Geldes mag tatsächlich für karitative Zwecke bestimmt gewesen sein. Das meiste wurde allerdings für Schmiergeldzahlungen an Unternehmer und Politiker verwendet, für die Mafia gewaschen oder für betuchte Kunden auf den steuerbefreiten und hochverzinsten Konten des IOR vor dem italienischen Fiskus in Sicherheit gebracht: In guten Zeiten zahlte der Vatikan für täglich fällige Einlagen bis zu neun Prozent, in schlechteren immer noch 6,5. Nutznießer war unter anderem die Democrazia Cristiana und der langjährige Ministerpräsident Giulio Andreotti.

De Bonis starb 2001, und seine Machenschaften wären wohl verborgen geblieben, wenn nicht ein Insider der Finanzverwaltung des Heiligen Stuhls über Jahre hinweg Belege dafür gesammelt hätte: Insgesamt 4000 Dokumente trug Monsignore Renato Dardozzi bis in die späten neunziger Jahre zusammen und versteckte sie in der Schweiz.

Dort wurden die Unterlagen nach dem Tod Dardozzis dem italienischen Journalisten Gianluigi Nuzzi zugänglich gemacht, der sie als Grundlage für ein Buch mit dem Titel „Vatikan AG“ heranzog. Sein Fazit: „Das IOR wurde für alle nur denkbaren krummen Touren benutzt“, sagt Nuzzi.

Verbittert.
Kaum war „Vatikan AG“ veröffentlicht, wurde der langjährige Aufsichtsratsvorsitzende des IOR in den Ruhestand geschickt. Die päpstliche Bank sei „eine Einrichtung, die mehr Schatten wirft als Licht“, stöhnte Kardinal Angelo Bagnasco, Vorsitzender der italienischen Bischofskonferenz, damals.

Aber nun sollte wieder alles anders werden: diesmal mit Gotti Tedeschi, einem persönlichen Vertrauten des Papstes an der Spitze des Aufsichtsrats.

Tedeschi – Opus-Dei-nahe und Vater von fünf Kindern – hat vor Kurzem ein Buch unter dem Titel „Geld und Himmel“ veröffentlicht, das unter anderem zum Schluss kommt, Wohlstand schließe den Einlass ins Paradies nicht a priori aus. Den wahren Grund der Weltwirtschaftskrise sieht er nicht im Versagen des Finanzsystems, sondern im Geburtenrückgang. Und für den nächsten Wirtschaftsnobelpreis schlägt er Benedikt XVI. vor – als Anerkennung für seine Sozialenzyklika.

Also anscheinend der richtige Mann für die schwierige Mission, der Vatikanbank wieder das zu verleihen, was der Heilige Stuhl unter Glaubwürdigkeit versteht. Dass nun auch Tedeschi unter Geldwäscheverdacht geraten ist, sei ein „schwerer Schlag“, sagt der Vatikanexperte des Wochenmagazins „L’Espresso“, Sandro Magister.

„Man wirft uns Ungeheuerliches vor, aber dabei handelt es sich nur um hausinterne Finanzbuchungen“, beteuerte vergangene Woche der IOR-Aufsichtsratschef verbittert. Kardinalstaatssekretär Tarcisio Bertone – übrigens Autor des Vorworts von Tedeschis Buch „Geld und Himmel“ – sprach von „Diffamierung“. Und hinter den Kolonnaden raunten die Kleriker, die Ermittlungen seien auf eine gezielte Attacke der italienischen Freimaurerei zurückzuführen.

Die Staatsanwaltschaft sieht das anders. Die 23 Millionen Euro, die sie als verdächtig beschlagnahmte, kamen von einem Bankkonto, das die Finanz bereits im vergangenen April gesperrt hatte. Grund: Das IOR war 90 Tage lang der Aufforderung nicht nachgekommen, konkrete Auskünfte über die Herkunft des Gelds zu geben. Als die Kleriker nun dennoch darauf zugreifen wollten, schritten die Behörden ein.

Verflüssigt.
Die Vorgangsweise signalisiert, dass die Italiener bei der Bekämpfung der Geldwäsche päpstlicher sein wollen als der Papst – und nicht mehr gewillt sind, den Klerikern alles durchgehen zu lassen, bloß weil sich diese hinter der Souveränität ihres Gottesstaats verschanzen.

Nach einer Schrecksekunde besann sich der Vatikanstaat vergangene Woche aber genau auf das: seinen Status als „Offshore-Finanzplatz, der sich jeglicher Kontrolle entzieht“ (Gianluigi Nuzzi). Die Zeitung „Osservatore Romano“ erinnerte die ermittelnden Untersuchungsrichter in einem Artikel daran, dass das IOR außerhalb des Einflussbereichs der italienischen Behörden stehe – Geldwäscheabkommen hin oder her.

„Die Behörden seiner Heiligkeit haben in der Vergangenheit nie mit ihren italienischen Kollegen zusammengearbeitet, um mögliche Delikte aufzudecken oder als üble Nachrede zu entlarven“, sagt Vatikanexperte Ferruccio Pinotti. „Es wäre also ein wahres Wunder, verhielte man sich im Fall Tedeschi anders.“

Oder auch im Fall des nach Neapel abgeschobenen Erzbischofs Crescenzio Sepe, der in den Jahren 2001 bis 2006 seine umfassenden Befugnisse als Leiter der Propaganda Fide sehr kreativ ausgelegt hatte. Sepe habe aus dem Amt für Weltmission „ein Immobilienunternehmen der besonderen Art“ gemacht, sagt der Journalist und Buchautor Andrea Gagliarducci.

Gemeinsam mit einem Bauunternehmer und einem päpstlichen Kammerherrn soll Sepe Tausende Wohnungen aus päpstlichem Besitz vermietet oder verkauft haben – in vielen Fällen gegen Schmiergeld. Sepe dementierte das unter Verweis auf die vatikaninterne Finanzkontrolle, die nie etwas beanstandet habe.

„Damit sagt Sepe nichts anderes, als dass er auspacken wird, sollte man ihn fallen lassen“, analysiert Vatikanexperte Ferruccio Pinotti. Und tatsächlich: Wenig später sprach ihm der Vatikan „Solidarität“ und „Vertrauen“ aus. „Vollstes Vertrauen“ signalisierte der Heilige Stuhl übrigens auch unmittelbar nach Bekanntwerden der Geldwäschevorwürfe gegen Tedeschi in Richtung des IOR-Chefs.

Aber nicht nur auf ihre Brüder im Glauben können sich die Finanzgenies des Vatikans verlassen – auch auf die Heiligen. Kaum hatte Sepe am vorvergangenen Sonntag die Reliquie des San Gennaro in die Hände genommen, als sich das gestockte Blut auch schon verflüssigte.

Sepe konnte triumphierend ein weißes Tuch schwenken und mit seiner Predigt beginnen. Dieses Jahr hatte er ein besonderes Thema gewählt: Er sprach über die Mafia.