„Neue Lebensziele setzen“

Interview. Der Psychologe und Glücksspielforscher Gerhard Meyer über die Hoffnung auf ein neues Leben durch Geldgewinne, die Flucht aus dem Alltag und den Irrglauben, Lottomillionäre seien glücklicher als Normalbürger.

profil: Statistisch gesehen liegt die Chance, vom Blitz getroffen zu werden, höher, als im Lotto sechs Richtige zu haben. Sind Lottospieler Träumer?
Meyer: Natürlich. Das Spiel und die Vorwegnahme potenzieller Gewinne sind eine Flucht aus dem Alltag. Man malt sich ein anderes Leben als das eigene aus, bildet sich einen Lebenstraum, wie die eigene Karibik-insel oder die Fantasie, nie wieder arbeiten zu müssen. Im Vergleich zu anderen Spielarten kommt beim Lotto hinzu, dass mit relativ wenig Einsatz und einem einfachen Spielprinzip theoretisch viel zu gewinnen ist. Bei Roulette oder Spielautomaten ist der Zyklus ein anderer: Hier ist die Phase der Spannung, des Reizes kürzer, aber intensiver. Man erfährt schnell, ob man gewonnen oder verloren hat.
profil: Vor wenigen Wochen ging es im Vierfach-Jackpot um mehr als acht Millionen Euro. Jeder Österreicher spielte, wieder rein statistisch betrachtet, drei Tipps. Nähme man die Teilnahme am Lottospiel als Gradmesser für die Zufriedenheit, müssten die Österreicher angesichts dieser Spielintensität todunglücklich sein.
Meyer: Das Phänomen, dass bei solchen Gewinnsummen die Menschen Schlange stehen, ist international zu beobachten. Das hat nicht wirklich mit der Unzufriedenheit der Menschen zu tun. Untersuchungen haben außerdem ergeben, dass die Glücksspielbranche nicht überdurchschnittlich wächst, wenn etwa die wirtschaftliche Lage schlecht ist. Der zentrale Punkt ist, dass durch die hohen Beträge die Fantasie der Teilnehmer angeregt und beflügelt wird. Zudem werden durch die Diskussionen mit Familie, Freunden und Arbeitskollegen und die Vorwegnahme potenzieller Gewinne Glücksgefühle erzeugt. Bei so hohen Beträgen spielt außerdem mit, dass sich bei einem etwaigen Gewinn die Lebenssituation drastisch ändern würde.
profil: Glauben Sie, dass die Sehnsucht der Menschen gestiegen ist, ihrem bisherigen Leben zu entfliehen?
Meyer: Nicht unbedingt. Die Zuwachsraten erklären sich vorwiegend daraus, dass die Spielangebote vielfältiger geworden sind. Bei Lotto, Roulette und den Spielautomaten ist der Einfluss der Spieler relativ gering. In den vergangenen Jahren haben sich aber immer mehr Angebote entwickelt, bei denen der Teilnehmer seine Erfolge auf eigene Fähigkeiten zurückführen kann. Ein klassisches Beispiel ist der Bereich der Sportwetten. Der Teilnehmer hat das Gefühl, seine Chancen durch Sachkenntnis zu erhöhen. Überdies können die Betroffenen das Erfolgsgefühl länger abrufen, weil sie sich selbst dafür verantwortlich fühlen. Beim Lotto ist der Prozentsatz der Systemspieler, die dem Zufall auf die Sprünge helfen wollen, wesentlich geringer.
profil: Was passiert, wenn tatsächlich ein hoher Gewinn erzielt wird? Welchen Einfluss hat das auf die Glücklichen?
Meyer: Das ist individuell völlig unterschiedlich. Grundsätzlich hat ein hoher Gewinn einen positiven Einfluss. Der Betroffene fühlt sich bestätigt und belohnt. Allerdings haben Untersuchungen gezeigt, dass sich die Betroffenen neue Lebensziele setzen müssen, um zufrieden zu bleiben. Einige Zeit nach dem Erfolgserlebnis findet eine Abschwächung des Lustgefühls statt. Es muss durch neue Ziele wieder entfacht werden. Da gibt es, objektiv betrachtet, natürlich sehr viele Optionen.
profil: Frustrierte Lottogewinner sind also eher selten?
Meyer: Es kommt selbstverständlich vor, dass eine so gravierende Veränderung der Lebenssituation nicht bewältigt wird. Es gibt dokumentierte Fälle von Lottogewinnern, die sich in klinische Behandlung begaben, weil sie mit dem neuen Leben nicht zurechtkamen.
profil: Ist das auf plötzliches Misstrauen gegenüber dem sozialen Umfeld zurückzuführen?
Meyer: Das ist eher in der Orientierungslosigkeit begründet. Man kann sich nach dem Gewinn hoher Beträge nicht zurücklehnen, sondern muss seine Lebensplanung aktiv gestalten. Geld allein macht, wie es im Sprichwort so schön heißt, nicht glücklich. Man kann das ungefähr mit Marilyn Monroe oder Elvis Presley vergleichen. Die haben beide vieles in ihrem Leben erreicht, was möglich war, scheiterten aber letztlich an sich selbst. Erschwerend kommt hinzu, dass dem Lottogewinner das Geld zufällig in die Hände fällt.
profil: Verbunden mit entsprechenden Zielen, macht Geld aber offenbar doch glücklich?
Meyer: Das ist zumindest eine wesentliche Voraussetzung dafür. Trotzdem ist der Kontrast zwischen vorher und nachher nicht so gravierend, wie er auf den ersten Blick zu sein scheint. Eine Studie in den USA hat ergeben, dass Lottogewinner nur in der ersten Zeit nach dem Gewinn euphorische Gefühle erlebten, dann kehrte die emotionale Normalität zurück. Umgekehrt überschattete der tragische Unfall das Befinden von Querschnittgelähmten nur in der Anfangsphase. Bei beiden Gruppen stellte sich allerdings nach einiger Zeit das gleiche Glücklichkeits-Niveau ein. Das liegt vor allem an dem Prinzip der hedonistischen Anpassung. Dass die Verheißung des Wohlbefindens durch materiellen Wohlstand nicht aufgeht, belegen überdies Erhebungen aus Ländern unterschiedlichen Wohlstands: In armen Ländern war die emotionale Befindlichkeit der Menschen kaum schlechter als in reichen, vorausgesetzt, die Grundbedürfnisse wurden befriedigt. Höhere Einkommen bedingen daher nicht zusätzlichen Nutzen.

Interview: Mario Wally