Neuer Erzählband von Judith Hermann:
"Alice" - Ballade von der Seelenpein

Diese Woche erscheint der neue Erzählband von Judith Hermann. Warum zählt die deutsche Schrift­stellerin zu den bekanntesten Autorinnen ­ihrer Generation?

Von Wolfgang ­Paterno

Das hauchzarte, fragile Band der Leidenschaft: An einem Sommerabend gönnen sich Alice und Micha ein Kaltgetränk im Garten; ein Krabbeltier komplettiert die Kulisse. „Und dann hatte eine Spinne zwischen den Bierflaschen ihr Netz gesponnen“, beschreibt Judith Hermann in ihrem jüngsten Erzählband „Alice“ das Idyll einer Juninacht. Und weiter, in elliptischem Stil: „Das feine Seil zwischen den beiden Flaschen wie einen Abgrund hinweg. Sie hatten nebeneinander gesessen, Schulter an Schulter. Der kleinen Spinne eine Weile zugesehen, wie gelassen, selbstvergessen sie webte.“ Micha quält jedoch der Durst, er greift zur Bouteille: Um die Beziehung der beiden, so die emphatische Botschaft, ist es miserabel bestellt. Immerhin spendet der Alkohol kurzfristig Trost: „Das Bier prickelte, schmeckte süß, drehte etwas in Alices Kopf langsam runter und weg. Sich unter Alkohol innerlich dehnen? Sie hatte das gelesen, es schien zu stimmen.“

Die Protagonisten in den Büchern der deutschen Schriftstellerin Judith Hermann, 1970 in Berlin geboren, tragen schwer an der Bürde des Daseins. In zwei im 5-Jahres-Abstand publizierten Erzählbänden berichtete die Autorin bislang vom somnambulen, schmerzerfüllten Taumeln ihrer vom Odium der Traurigkeit und Hilf­losigkeit umwehten Antihelden. Anno 1998 debütierte die ehemalige Journalistin mit den neun ­Erzählungen von „Sommerhaus, später“, einem der überraschenden Prosa-Verkaufserfolge der vergangenen Jahre: Weit über 250.000 Exemplare wurden von dem in 17 Sprachen übersetzten Buch (und Berlin-Stadtporträt) verkauft. Der Nachfolgeband „Nichts als Gespenster“ (2003) geriet nicht nur seitenmäßig umfangreicher, sondern durch narrative Destinationen wie Venedig, Prag und Reykjavik auch ­internationaler.

Der Kritiker Hellmuth Karasek ortete beim Erscheinen von „Sommerhaus, später“ den „Sound einer Generation“; Hermann avancierte zur Galionsfigur der so genannten „Fräuleinwunder“-Literatur. Die Autorin wurde, wohl nicht ganz freiwillig, von Verlag und Kritik zur ätherischen Antipodin der damals ebenfalls hochaktiven Popliteraten rund um Benjamin von Stuckrad-Barre und Christian Kracht inszeniert (siehe Kasten): Ich-Überspanntheit versus Ich-Suche, Welt-Ekel versus Welt-Angst. Ein Rezensent imaginierte sich seinerzeit das ideale Liebespaar der jungen deutschen Literatur: „Kracht-Kerl und Hermann-Hühnchen“. Während Stuckrad-Barre öffentlich den Schnösel spielte, flüchtete sich Hermann, die auf PR-Fotos bis heute mit rehgleichem Blick abgelichtet ist, ins Schweigen. Ihrer Art des ­Geschichtenerzählens ist die ­Autorin, im Gegensatz zu den Haupt- und Nebendarstellern der Generation Pop, leider treu geblieben.

Thema Tod. Die Geschichten von „Alice“, betitelt nach der in den fünf Erzählungen des Bands zwar jeweils prominent in Erscheinung tretenden, dennoch sonderbar papierenen Zentralfigur, umkreisen das Thema Tod als Vorbedingung der Existenz: Micha stirbt, von Morphium umnebelt, im Spital an Krebs; Conrad erkrankt letal am Fieber; Malte bringt sich um – und nach Raymonds Dahinscheiden ist dessen Verlassenschaft aufzulösen. Die stille Trauer der Hinterbliebenen verliert sich indes regelmäßig in unfreiwillig komisch vorgebrachten Banalitäten („Habt ihr oft zusammen gegessen, fragte Alice. ... Ja, sagte Maja. Am Anfang nicht, dann ja. ... Micha mochte Reis. Aha, sagte Alice“) und vager Dialektik.

In diesem Buch der reinen Seelenpein ist die Realität von Hässlichkeit verstellt, Klischee streift Prosa: Im Spital arbeiten „alte zerknitterte Nonnen“, aus dem TV-Lautsprecher dringt „infernalisches Gelächter“. Ein Tankwart trommelt „mit dicken Fingern auf den Tresen“, ein unbeteiligter Kioskbesitzer wirkt in seinem Geschäft wie ein „Tier in seiner Höhle“: „Alice legte ihren Geldschein auf das Schälchen (...), es war Jahre her, dass sie Zigaretten gekauft hatte, und ihre Hände zitterten.“ Gleich in der ersten Erzählung ist Alice flüchtig mit ihrem Wohnungsvermieter, einem Musterbeispiel der Heimtücke, konfrontiert: „Da stand er tatsächlich mit dem vernarbten Schädel und dem grauen Pull­over über dem fetten Bauch und dieser unfassbar dreckigen Hose, ein deutlicher, säuerlicher Geruch ging von ihm aus.“

Selbst die animalischen Liebesboten werden Alice irgendwann zur Qual. Ein im Milchschaum ihres Latte Macchiato ertrunkenes Insekt spuckt sie würgend aus, mit weit aus dem Mund gestreckter Zunge. „Wenn es eine Spinne ist, muss ich schreien“, so notiert Judith Hermann den Zwischenfall. „Es war keine Spinne. Es war etwas anderes, eine Grille vielleicht, eine Zikade?“