Neutöner

Aufbruch in die Moderne: Anlässlich seines 200. Geburtstags wird 2011 das abenteuerliche Leben und visionäre Werk des Komponisten Franz Liszt neu beleuchtet.

Von Manuel Brug

Die Teenager kreischen, die Erwachsenen mokieren sich. Seine Konzerte sind sofort ausverkauft. Wenn er in seinen grellen Kostümen die Bühne entert, kommt es zu Krawallen. Er komponiert seine Hits selbst, hat uneheliche Kinder und lebt in wilder Ehe mit einer Hochadeligen. Auf dem Höhepunkt seines Ruhms beendet er freilich seine Konzerttätigkeit, wird zum religiösen Mystiker. Seine Musik ist populär, doch in vielem ihrer Zeit voraus. Er fördert Künstlerkollegen, sofern sie Zukunftsmusik komponieren, am stärksten den eigenen Schwiegersohn – Richard Wagner. Das alles liest sich wie die Biografie einer aktuellen Popgröße und ist doch die eines der exzentrischsten und einflussreichsten Genies des 19. Jahrhunderts: Franz Liszt.

So wie die beiden Operntitanen jener Epoche, Giuseppe Verdi und Richard Wagner, 1813 geboren wurden, kamen die drei bedeutendsten Klavierkomponisten fast zeitgleich zur Welt: 1810 Chopin in Warschau und Robert Schumann in Zwickau, 1811 folgte Liszt im heute burgenländischen ­Raiding. Am Mythos Liszt scheint immer noch etwas Schillerndes, fast Halbseidenes zu sein, er wird zwar bewundert, aber nicht recht verstanden, nicht ausreichend gewürdigt. Auch deshalb soll 2011 das Jahr der „Lisztomania“ werden – im Gedenken an Ken Russells schrill-fröhlichen Musikerfilm von 1975, in dem passenderweise Roger Daltrey, der Sänger von The Who, Franz Liszt als Elton John seiner Zeit spielte.

Budapest, Wien, Paris, Berlin, London, St. Petersburg, Kiew, Konstantinopel, Genf, Rom – mondäner ging es nicht. Liszt führte ein Leben als Superstar, dem in der Musik größten seiner Zeit neben dem Teufelsgeiger Niccolò Paganini, von dem er sich einiges in Sachen Selbstinszenierung abgeschaut hatte. Auch wenn Liszts letzte Lebensphasen, in denen er als Abbé und geschätzter Lehrer wirkte, sich im beschaulichen Weimar und im aufstrebenden Bayreuth ereigneten, niemand mag glauben, dass diese hektische, grandiose, bis in unsere Zeit nachwirkende Künstlerexistenz in einer weiß gekalkten Bauernkate ihren Ursprung nahm.

Doch genau dort, in dem von den Eltern erst kurz zuvor erworbenen Esterházy’schen Meiereihof im Dörfchen Raiding wurde am 22. Oktober 1811 Ferenc Liszt geboren. Die meisten, oft auch glanzvollen Häuser, die Franz Liszt in seinem unsteten Wanderleben bewohnte, gibt es entweder nicht mehr – oder sie sind nicht zu besichtigen. Doch im kleinen Raiding hat man, in klugem Vorgriff auf das anstehende Jubiläum, in den vergangenen Jahren die größten Liszt-Anstrengungen unternommen, um den Künstler als jungen Mann plastisch werden zu lassen. Raiding lag 1811 im ungarischen Kronland des Kaisertums Österreich. Die Liszts fühlten sich als Österreicher, erst während der in der Revolution von 1848 gipfelnden nationalen Bewegungen besann sich Franz Liszt auf seine angeblich ungarischen Wurzeln, hob seine Zigeuner-Nähe hervor, komponierte für Budapest einen Krönungsmarsch und ließ sich sogar einen fiktiven Adelsstammbaum andichten. Von Raiding aus sind es keine 95 Kilometer nach Wien, doch wichtiger waren für die Bediensteten des Fürsten dessen heute noch zu besichtigenden Schlösser. Die Hauptverwaltung der Güter lag 50 Kilometer entfernt in Eisenstadt, im Sommer zog der Hof des Fürsten Nikolaus II. Esterházy de Galantha in das zum ungarischen Versailles erweiterte Lustschloss Esterházy (heute Fertöd) am Neusiedler See. Am nächsten zu Raiding liegt das (heute private) Renaissanceschloss Deutschkreutz, das zu einem bedeutenden landwirtschaftlichen Gut ausgebaut worden war.

Seit 1921 gehört das beschauliche Raiding mit seinen heute 850 Einwohnern zu Österreich. Einst befand man sich in der Mitte einer Weltmacht, nahe an der wichtigen Verbindung zu Budapest; als der Eiserne Vorhang Europa trennte, lag man im toten Winkel des Mittelburgenlands. Immer noch laufen hier die Gänse über die Straße – und immer noch ist in der Bäckerei niemand auf die fremdenverkehrsfördernde Idee eines Liszt-Talers oder einer Esterházy-Torte gekommen. Mitten im Dorf hat man eine alte Weinpresse aufgestellt, und erst seit 1967 ziert den Franz-Liszt-Platz auch tatsächlich eine Liszt-Büste.

Durchreisende gibt es hier kaum, man kommt wegen Liszt im Besonderen. Vor allem, um das technisch schmuck sanierte Geburtshaus zu sehen, das gleich hinter der Antoniuskirche mit der barocken Nepomuk-Statue zu finden ist. Oder um Konzerte im daneben errichteten, sachlichen Saal zu hören, der wegen seiner hervorragenden Akustik und der Nähe zu Wien immer mehr auch als Aufnahmeort für CD-Produktionen dient. (Aus dem im selben Bezirk liegenden Oberpullendorf stammt übrigens die gerade zum Star aufsteigende Mezzosopranistin Elisabeth Kulman.)

Kränklich.
Franz Liszt war der einzige Sohn von Adam List (1776–1827) und seiner Frau Maria Anna, geborene Lager (1788–1866), einer Bäckerstochter aus Krems. Adam List spielte schon als Jugendlicher Cello im Sommerorchester des Fürsten Esterházy und trat nach einem abgebrochenen Theologie- und Philosophiestudium in dessen Verwaltungsdienste ein. Nebenbei spielte er weiterhin als Cellist im Orchester, das bis 1804 von Joseph Haydn und bis 1811 von Johann Nepomuk Hummel geleitet wurde. 1808 wurde Adam List nach Raiding versetzt, wenig ­später lernte er Anna Lager kennen, die im Jänner 1811 seine zweite Frau wurde. Bei den Lists sprach man zunächst Deutsch, dann Französisch, das die bevorzugte Sprache Liszts wurde. Adam List, der das außergewöhnliche Talent seines Sohnes erkannt hatte, setzte alles daran, seinen Sohn „zu formen“ – und wurde ein gestrenger Musik­erzieher. Ähnlich dem Vorbild der Mozarts sollte die gescheiterte Ambition des Vaters sich im einzigen, kränklichen Sohn erfüllen. Man bemühte sich um eine Klavierausbildung in Wien, zu deren Finanzierung Adam List Vermögensgegenstände verkaufte und unbezahlten Urlaub nahm. In der Hauptstadt, in der noch Beethoven und Schubert lebten, erhielt der junge Franz Liszt vom Beethoven-Schüler Carl Czerny Unterricht im Klavierspiel – und von Antonio Salieri Unterricht in Komposition. Nachdem Adam Lists Versuch, eine Verlängerung seines Urlaubs zu erwirken, vergeblich gewesen war, kündigte er seine Anstellung beim Fürsten.

Die Liszts gingen nach Paris – dem Tor zur kulturellen Welt. Der Vater starb früh, doch der Sohn reüssierte, war durchsetzungsfähig und selbstbewusst, obwohl seine niedere Herkunft, seine lückenhafte Ausbildung, die er musikalisch bei Ferdinando Paer und Antonín Reicha fortführte, an ihm nagten. Vielleicht jagte er deshalb wie besessen verheirateten adeligen Frauen hinterher – zwei davon erhörten ihn für länger: die kluge französische Gräfin Marie d’Agoult, mit der er drei Kinder hatte, später die pathetische russische Fürstin Carolyne von Sayn-Wittgenstein, die den sich Verzettelnden unerbittlich an den Komponiertisch zwang.

Zunächst schuf Liszt nur für sich und seine virtuosen Finger vor allem Opernparaphrasen und -fantasien, schließlich gab es noch keine Schallplatten. Später folgten, als Früchte der rastlosen Starsolistentätigkeit, wunderbare akustische Reiseerinnerungen, die in den „Années de Pèlerinage“ zusammengefasst wurden. Ab 1848 fand Liszt im verschlafenen Weimar seine Heimat. Und wurde dort zum visionären Operndirigenten, zum Komponisten von Oratorien und ausufernder Programm-Sinfonik sowie zum Begründer der Neudeutschen Schule. Seine Schüler Peter Cornelius, Joseph Joachim und Joachim Raff machten sie populär. Den Pianisten und Dirigenten Hans von Bülow verheiratete er mit seiner einzigen überlebenden, ihm entfremdeten Tochter Cosima. Dass sie später mit dem bewunderten Freund Richard Wagner durchbrannte, dessen „Lohengrin“ er uraufgeführt hatte, verzieh ihr der Vater lange nicht. Ab 1860 lebte Franz Liszt als Abbé in Rom, später pendelte er zwischen Italien, Budapest und Thüringen.

Liszts späte Klavierstücke, oft religiös inspiriert, weisen in ihrer freien Harmonik weit über Wagner hinaus, doch sein schillerndes Leben überdeckt noch heute die Substanz seiner vielgestaltigen Musikproduktion. Franz Liszt starb einsam in Bayreuth, während der Festspiele 1886. Bis heute gibt es keine kritische Gesamtausgabe von Liszts faszinierendem Erbe.

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