Niall Ferguson: „Unsere Software wird immer schlechter“

Der Historiker Niall Ferguson über den Niedergang des Westens, den Aufstieg Chinas und Regulierungswut als wahre Ursache der Finanzkrise.

Interview: Michael Hesse

Was haben das China des 18. Jahrhunderts und die westliche Welt der Gegenwart miteinander zu tun? Sehr viel, wenn man Niall Ferguson folgt: Dort wie da befanden sich nach Meinung des renommierten konservativen Historikers und Autors Gesellschaft, Wirtschaft und Kultur in einer Phase des Stillstands, die in den Niedergang führte.

Damals war es der schottische Aufklärer und Ökonom Adam Smith, der in seinem Hauptwerk „Der Wohlstand der Nationen“ am Beispiel von China den „Zustand eines vormals reichen Landes, das aufgehört hat zu wachsen“ beschrieb. Der ebenfalls in Schottland geborene Brite Ferguson legt diese Diagnose in seinem kürzlich auf Deutsch erschienenen Buch „Der Niedergang des Westens“ auf die Gegenwart um. Seine Hauptthese lautet: „Was zu Smiths Zeiten auf China zutraf, gilt heute für große Teile der westlichen Welt.“

Ferguson führt aus, dass im 18. Jahrhundert der Lebensstandard des durchschnittlichen Chinesen in etwa gleich war wie jener des durchschnittlichen Nordamerikaners. Dann begann der rasante Aufstieg des Westens: Die Wirtschaft boomte, die Lebenserwartung stieg, die Wissenschaften florierten. Gegen Ende des 20. Jahrhunderts war ein US-Bürger statistisch gesehen 22 Mal reicher als ein Chinese.
Das lag laut Ferguson vor allem daran, dass sich die westliche Gesellschaft, ausgehend von Großbritannien, einen Rechtsstaat erkämpfte, der den Wirtschaftsaufschwung begünstigte: Die vormals übermächtigen Eliten mussten sich allgemeingültigen Gesetzen unterwerfen, den früher machtlosen Untertanen wurden individuelle Freiheits- und Eigentumsrechte zuteil – was sich nicht nur gesellschaftspolitisch, sondern vor allem auch ökonomisch positiv auswirkte.

Nunmehr, so Ferguson, sei dieses System aus dem Gleichgewicht geraten, die daraus resultierende Dysfunktionalität bedrohe die Grundwerte der westlichen Zivilisation. Inzwischen ist der Durchschnittsamerikaner nur noch fünfmal so reich wie der Durchschnittschinese – und der Abstand verringert sich weiter.

profil: Sie konstatieren den „Niedergang des Westens“: Das erinnert an Oswald Spenglers Diktum vom „Untergang des Abendlandes“.
Niall Ferguson: Mein Buch hat aber nichts mit den Diagnosen zu tun, die Oswald Spengler vor fast 100 Jahren stellte …

profil: … dass das Abendland aufgrund zyklischer Gesetzmäßigkeiten, die alle Hochkulturen betreffen, im Verfall begriffen sei.
Ferguson: Meine Hauptthese lautet, dass sich große Teile der westlichen Welt gegenwärtig in der gleichen Lage befinden wie das China des 18. Jahrhunderts, in dem Stillstand herrschte. Die große Rezession ist nur ein Symptom einer tief greifenden Degeneration.

profil: Wie zeigt sich das?
Ferguson: Ich sehe einen Niedergang der Hauptkomponenten unserer Zivilisation in vielen westlichen Ländern – der Institutionen von Demokratie, Kapitalismus, Rechtsstaat und Zivilgesellschaft.

profil: Und was hat das mit dem China des 18. Jahrhunderts zu tun?
Ferguson: Vor 300 Jahren stand das institutionelle Systems Chinas für Innovationen einfach nicht mehr offen. Es gründete auf einer Ideologie gesellschaftlicher Stabilität und den Annahmen alter Philosophen. Besonders die Zivilgesellschaft war verkrustet und unbeweglich, wettbewerbsfreundliche Institutionen gab es nicht.

profil: Und heute ist das im Westen so?
Ferguson: Im Westen findet eine Art Rückentwicklung statt. Die Leistung der Wissenschaften lässt nach, die Wettbewerbsfähigkeit sinkt, die Qualifikation der Bevölkerung nimmt ab. Der durchschnittliche Deutsche arbeitet heute pro Jahr beispielsweise um 1000 Stunden weniger als der durchschnittliche Südkoreaner.

profil: Woran liegt das?
Ferguson: Jedenfalls nicht, wie üblicherweise gedacht, an kulturellen Unterschieden oder der geopolitischen Lage von Nationen, sondern an der Krise der Institutionen. Denken wir etwa an Deutschland: 1945 begann dort ein äußerst interessantes Experiment. Das Land und damit die Gesellschaft wurden in einen West- und einen Ostteil mit fundamental unterschiedlichen Institutionen geteilt. Das schuf in sehr kurzer Zeit radikale Unterschiede im Wohlstand, obwohl sich weder die Geografie des Landes noch der nationale Charakter verändert hatten. Genauso extrem wirkten sich unterschiedliche Institutionen in Nord- und Südkorea aus.

profil: Was hat den Westen bislang vom Rest der Welt unterschieden?
Ferguson: Es sind nicht einfach Demokratie, Kapitalismus und der freie Markt – sondern vor allem der Rechtsstaat und seine funktionierenden Institutionen, die individuelle Freiheits- mit Eigentumsrechten verbinden. Wir haben sie uns in einem evolutionären Prozess hart erkämpft und erarbeitet. Sie sind so etwas wie die Software des Westens, aber diese Software wird im Gegensatz zu anderen Teilen der Welt immer schlechter.

profil: Die „Software“ des chinesischen Systems wird hingegen besser?
Ferguson: Wenn man einige Zeit in China verbringt, sieht man, warum es mit dem Land so vorwärts geht. Die Kommunistische Partei hat begriffen, wie wichtig es ist, die Institutionen den Erfordernissen der Realität anzupassen. Ich halte es für möglich, dass China im nächsten Jahrzehnt seine Institutionen modifiziert und transformiert.

profil: Und dann auf Augenhöhe mit dem Westen ist?
Ferguson: Die chinesischen Institutionen befinden sich in einem Prozess. Das heißt nicht automatisch, dass es eine Vielparteien-Demokratie geben wird. Die repräsentative Demokratie ist allerdings auch nicht der entscheidende Faktor. Das Wichtigste ist, dass China ein Rechtsstaat wird. Auch die herrschende Kommunistische Partei muss dem Gesetz unterstellt werden. In Peking ist man sich bewusst, dass es keine Tradition der Rechtsstaatlichkeit gibt, dass es nur wenige Anwälte und wenige Gerichte gibt.

profil: Was den Westen betrifft, beklagen Sie in Ihrem Buch allerdings vehement, dass die „Herrschaft des Rechts zur Herrschaft der Rechtsanwälte verkommen“ sei.
Ferguson: Vor allem haben wir überall in der westlichen Welt das Problem überkomplexer Regulierung, was den Wettbewerb einschränkt und unsere Position schwächt. Seit 100 Jahren versuchen wir zudem, alle Risiken immer mehr zu senken, was letztlich zur Finanzkrise von 2008 führte.

profil: Hat die Krise nicht vor allem damit zu tun, dass die Finanzmärkte mehr oder minder unreguliert agieren konnten?
Ferguson: Es ist ein sehr schwaches Argument zu sagen, die Krise sei eine Folge der Deregulierung der Märkte und eine Regulierung die passende Antwort darauf. Das ist historisch einfach inkorrekt. Wenn man sich die Krise von 2008 vor Augen führt, sieht man, dass ihr Ursprung nicht in einem unregulierten Teil des Systems lag.

profil: Sondern?
Ferguson: Natürlich gab es auch unregulierte Teile des Finanzmarktes, wie etwa die Hedgefonds. Aber sie waren nicht die Verursacher der Krise. Sie ging vielmehr vom US-Immobilienmarkt und von Banken aus, die zu den am stärksten regulierten Institutionen überhaupt gehören. Fannie Mae und Freddie Mac, die beiden großen Hypothekenbanken, waren direkt der Aufsicht des US-Kongresses unterstellt und staatlich subventioniert. Die Wahrheit ist, dass die Zahl der Regulierer, der regulierenden Institutionen und der Regulierungen im Jahr 2008 viel höher war als etwa 1979. Ob sie wirksam waren, ist eine andere Frage. Aber es gab sie. Wir sollten uns nicht zu einfachen und falschen Schlussfolgerungen verführen lassen, sondern Geschichte richtig betrachten.

profil: Die Krise wurde Ihrer Meinung nach durch Überregulierung verursacht?
Ferguson: Ja, und inzwischen ist die Regulierung noch komplexer geworden. Zu komplexe Systeme sind jedoch instabil. Mein bevorzugtes Beispiel ist das Abkommen für die Banken, Basel III. Wenn es umgesetzt wird, sind die Regulierungen für die Banken zehnmal so umfassend wie im Abkommen Basel I.

profil: Wenn Sie einen Blick in die Zukunft wagen: Wird China in 20 Jahren die Nase vorne haben?
Ferguson: Es gibt keine Linearität. Es wäre sehr gewagt, zu behaupten, dass China in 20 Jahren die Welt dominieren werde. Praktisch existieren gute Chancen, dass die USA in den kommenden 20 Jahren ihre Dominanz zurückgewinnen, wenn sie sich reformieren. Der Grund: Die Amerikaner glauben immer noch, dass harte Arbeit und Regierungsintervention das Beste seien. Und sie haben eine bessere demografische Ausgangslage, weil die Ein-Kind-Politik in China irreversible Folgen für die Altersstruktur des Landes zeigt.

profil: Und Europa?
Ferguson: Europa wird stagnieren und einen relativen Niedergang erleben.

profil: Was bedeutet das für die EU und die Währungsunion?
Ferguson: Ich war immer ein vehementer Gegner der Idee, ein einheitliches Währungssystem für Europa zu schaffen. Schon Ende der 1990er-Jahre habe ich nicht geglaubt, dass das funktionieren kann. Es gibt kein historisches Vorbild für eine vergleichbare Währungsunion, die jemals stabil gewesen wäre. Der Euro könnte die Europäische Union zerstören. Und der Nahe Osten wird weitere Revolutionen erleben, die ihn noch instabiler machen. In 20 Jahren wird es dominante Spieler in Nordamerika und Ostasien geben – und dazwischen jede Menge Probleme.

Zur Person

Niall Ferguson, 49.
Der Harvard-Professor sorgte mit Büchern wie „Der falsche Krieg“, in dem er dem britischen Empire die Schuld am Ausbruch des Ersten Weltkriegs zuwies, ebenso für Kontroversen wie durch seine Unterstützung für die US-Invasion im Irak 2003. In „Das verleugnete Imperium. Chancen und Risiken amerikanischer Macht“ fordert er im Zusammenhang damit die Rolle Amerikas als „globaler Hegemon“ ein. Mit dem Wirtschaftsnobelpreisträger Paul Krugman liegt er im Dauerclinch über die Frage, wie die Wirtschaftskrise zu bewältigen sei. Ferguson wendet sich vehement gegen den auf John Maynard Keynes zurückgehenden Ansatz des „deficit spending“, also der staatlichen Verschuldung zur Ankurbelung der Nachfrage: Keynes, erklärte Ferguson einmal flapsig, habe sich als kinderloser Homosexueller einfach nicht für die Zukunft interessiert – eine Aussage, für die er sich später öffentlich entschuldigte. Derzeit lebt Ferguson in den USA und ist mit der aus Somalia stammenden niederländischen Politikerin, Frauenrechtlerin und Islamkritikerin Ayaan Hirsi Ali verheiratet.

Niall Ferguson: „Der Niedergang des Westens. Wie Institutionen verfallen und Ökonomien sterben“. Propyläen 2013. 201 Seiten, 18,50 Euro