„Nicht so triefend ernst zu werden“

Der Vorarlberger Hans Weingartner, 33, Regisseur im Wettbewerb des Filmfestivals Cannes, über Punk, Politik, Truffaut und die Ungnade der späten Geburt.

profil: Ihr neuer Film, „Die fetten Jahre sind vorbei“, ist eben erst fertig geworden, wenige Tage vor der nun anstehenden Weltpremiere in Cannes. Er handelt von einem Trio, dessen Aktionen zwischen Träumerei, Rebellion und Kriminalität stattfinden. Haben Sie beim Schreiben dieser Geschichte auch an François Truffauts „Jules und Jim“ gedacht?
Weingartner: Es freut mich natürlich, wenn jemand diese Assoziation hat. Truffaut ist eines meiner größten Vorbilder, ich liebe vor allem „Les 400 coups“. Klar: In meinem Film gibt es diese Dreiecksgeschichte, es geht aber um mehr als nur eine starke Liebesgeschichte. Zum Beispiel darum: Wie sehr verändert man im Zuge des Lebens seine politische Einstellung? Man sagt ja, dass man, je älter man wird, auch immer konservativer wird. Jeder Mensch stellt sich irgendwann solche Fragen: Wie stark muss ich mich an die Gesellschaft anpassen? Wie hoch wäre der Preis, wenn man versuchte, man selbst zu bleiben? „Die fetten Jahre sind vorbei“ handelt von drei jungen Leuten, die sich politisch auszudrücken versuchen. Das sind drei naive Herzen, die die Welt, wie sie ist, verändern möchten. Das mag pathetisch klingen oder auch didaktisch – in dieser Frage lehne ich mich gern ein bisschen aus dem Fenster.
profil: Ihr Thema scheint wieder, wie schon in Ihrem Debüt „Das weiße Rauschen“, die Jugendkultur zu sein: Sie entwerfen Porträts einer Gegenkultur, eines alternativen Lebensstils.
Weingartner: „Das weiße Rauschen“ war die Geschichte eines Jugendlichen, der Probleme hat, sich selbst zu finden und erwachsen zu werden. „Die fetten Jahre sind vorbei“, das könnte die nächste Lebensphase dieses Menschen sein. Meine Figuren sind jetzt Mitte zwanzig: Da definiert man sein Verhältnis zur Welt. Insofern schließt der Film an „Das weiße Rauschen“ an – auch was die Arbeitsweise angeht: kleines Team, viel Improvisation, um spontan Ideen umzusetzen und authentische Gegenwarts- und Wirklichkeitsbilder zu liefern. „Die fetten Jahre“ hat allerdings einen stärkeren Plot – und ist letztlich wohl auch unterhaltsamer. „Das weiße Rauschen“ war eher ein subjektiver Erfahrungstrip.
profil: Sie haben in Wien und Berlin unter anderem Neurochirurgie studiert. Wie kommt man von der Wissenschaft zum Kino?
Weingartner: Ich war immer extrem neugierig und naturwissenschaftlich interessiert, und ich hatte mit Anfang zwanzig, als ich meine ersten Kurzfilme machte und Gasthörer an der Filmakademie in Wien war, das Gefühl, dass ich das eigentlich noch gar nicht will: mich jetzt ausschließlich mit Film zu befassen. Ich wollte noch mehr lernen, mehr wissen – aber nicht zielgerichtet, um nachher daraus Filme machen zu können. Ich wollte einfach noch was sehen von der Welt, auch im naturwissenschaftlichen Bereich. Für einen Forscher habe ich allerdings nicht das richtige Wesen: Dafür bin ich zu ungeduldig.
profil: Die Wissenschaft ist dennoch präsent in Ihren Filmen.
Weingartner: „Das weiße Rauschen“, wo es um psychische Störungen und Wahrnehmungsverschiebungen geht, war von meiner Ausbildung viel stärker geprägt als mein neuer Film. Dennoch ist auch dieser sehr persönlich geworden, weil ich selbst immer – genau wie meine Protagonisten – versucht habe, politisch aktiv zu werden, aber leider nie eine Gruppierung, eine Bewegung gefunden habe, der ich mich anschließen wollte.
profil: Politisch aktiv? In welchem Sinn?
Weingartner: In einem sehr allgemeinen Sinn: Ich wollte gegen soziale Missstände, gegen Ungerechtigkeiten jeder Art aktiv werden.
profil: Haben Sie das Gefühl, dies nun als Filmemacher zu tun?
Weingartner: In gewisser Weise, ja. Ich glaube übrigens, dass man Filme immer über Lebensabschnitte machen sollte, die hinter einem liegen. Nur dann hat man genug Distanz. Ich meine, als Jugendlicher war ich Punk, aber da war Punk eigentlich schon wieder zu Ende. Bei uns im Dorf aber, in Vorarlberg, gab’s halt noch Punks. Mitte der neunziger Jahre war ich dann Hausbesetzer in Berlin, aber da war diese Szene auch schon wieder fast erledigt. Irgendwie kam ich immer zu spät: born
too late.
profil: Die Festivalleitung in Cannes ist bekannt dafür, dass sie bisweilen Druck auf Filmemacher ausübt, Filmkürzungen oder -veränderungen als Voraussetzung für die Aufnahme ins Programm anregt. Hatten Sie da Probleme?
Weingartner: Diese Diskussionen hat glücklicherweise mein Weltvertrieb übernommen. Ich hatte nur ein Gespräch mit Thierry Frémaux, dem Leiter des Festivals, wobei ich ihn von meiner Sicht der Dinge überzeugen konnte. Das ist gut gelaufen. Man fand den Film gut und hat ihn genommen, ohne große Debatte.
profil: Sie werden schon im Vorfeld als mögliche internationale Entdeckung hoch gehandelt. Was erwarten Sie von Cannes?
Weingartner: Ich würde mich freuen, wenn das Publikum sich selbst wiederfindet in dem Film, wenn es ihn ernst nimmt – obwohl: An vielen Stellen kann man ja auch lachen. Es war mir wichtig, nicht so triefend ernst zu werden, nicht so bierernst zu sein. Mein Film stellt dieser Haltung – die Welt ist scheiße, alles geht den Bach runter, es gibt kein Entkommen – einen ganz anderen Ansatz entgegen: Man kann immer etwas tun, darum geht’s, und die Rebellion hat sowieso ihren Reiz.