„Nicht überlebensfähig“

Siemens-Chef Albert Hochleitner meint, die gesamte VA-Tech-Belegschaft müsse um ihre Jobs zittern, wenn das Unternehmen weiterhin versuchte, seinen Weg allein zu gehen.

profil: Sie bieten den gegenwärtigen VA-Tech-Aktionären 55 Euro pro Aktie. Der ÖIAG-Vorstand hat die Hoffnung noch nicht ganz aufgegeben, dass Sie angesichts eines Börsenkurses, der zuletzt auf über 55 gestiegen ist, Ihr Angebot etwas nachbessern. Überlegen Sie’s?
Hochleitner: Warum sollten wir? Wir haben uns den Angebotspreis gut überlegt. Man darf nicht vergessen, dass der Kurs noch in der Woche davor bei 47 oder 48 lag und vor einem Jahr bei etwa 20 Euro. Er ist allein durch unsere Ankündigung, 55 zu bieten, in diese Größenordnung gesprungen – logischerweise.
profil: Die ÖIAG hat sich einen Paketzuschlag für ihre 15 Prozent erhofft.
Hochleitner: Unser Angebot gilt für alle Aktionäre.
profil: Nach Ihrer Ankündigung, die VA Tech zu kaufen, ist der Kurs allerdings nicht auf 55, sondern phasenweise darüber hinaus gestiegen. Die Analysten der Erste Bank nennen jetzt sogar ein Kursziel von 67.
Hochleitner: Das ist ja vollkommen illusorisch. Und dass in einer solchen Situation der Kurs phasenweise die Latte von 55 überspringt, ist klar, denn wir haben 55 Euro bekannt gemacht. Der Durchschnittskurs der Aktie lag in den letzten Monaten bei etwa 40 Euro.
profil: Vor zwei Jahren grundelte der Preis der VA-Tech-Aktie noch unter der 20-Euro-Marke. Ein Unternehmen, dessen Kurs so emporschnellt, kann doch nur ein tolles Unternehmen sein. Und ein solches Unternehmen braucht doch eigentlich keinen Partner?
Hochleitner: Die VA Tech braucht sehr wohl einen starken Partner, und zwar dringend. Die VA Tech, so wie sie derzeit dasteht, ist mittelfristig nicht überlebensfähig.
profil: Der VA-Tech-Vorstand behauptet das Gegenteil.
Hochleitner: Schon in den vergangenen Jahren hat die VA-Tech-Führung immer wieder versucht, Optimismus zu versprühen. Man hat versichert, das jeweils nächste Jahr würden Gewinne gemacht. Realisiert wurden die angekündigten Gewinne allerdings nie. Auch 50 Millionen Euro Gewinn für 2005 bei 3,7 Milliarden Euro Umsatz wären keine Erfolgsgeschichte. Es ist auch klar, warum dieses Unternehmen aus eigener Kraft nicht wirtschaftlich ertragreich werden kann: Die VA Tech hat kein Geld, um zu wachsen, und eine führende Marktposition ist im Weltgeschäft Bedingung für Erfolg. Zum Beispiel ist die VA-Tech-Division Energieübertragung und Verteilung T&D mit rund 1,2 Milliarden Euro Umsatz für den Weltmarkt zu klein und nicht überlebensfähig. Auch der Siemens- Geschäftsbereich Energieübertragung PTD ist mit über drei Milliarden Euro Umsatz zu klein.
profil: Sie machen sich bei den Mitarbeitern des Unternehmens, das Sie kaufen wollen, gleich vorweg sehr beliebt, wenn Sie die VA Tech schlicht für „nicht lebensfähig“ erklären.
Hochleitner: Ich will nicht das Unternehmen schlecht machen. Die VA Tech verfügt über sehr gute Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, Technologien und Know- how, sonst würden wir sie nicht kaufen. Nur muss man sich bewusst sein, dass das Unternehmen kein Kapital hat, um zu wachsen. Was liegt da näher als der Gedanke, die Kräfte zu bündeln? Dass ein Zusammengehen mit Siemens ein Element der Unsicherheit in die VA Tech bringt, ist verständlich, aber rational nicht begründbar. Unsicher müssten sich die Mitarbeiter der VA Tech fühlen, wenn diese Transaktion nicht zustande käme.
profil: Für solche Fälle gilt aber häufig: Man legt Gleiches zusammen, baut dann ein Drittel der Mitarbeiter ab – und meistens trifft’s die aus dem übernommenen Unternehmen.
Hochleitner: Diese Schlussfolgerungen sind falsch: Weder überlappende Geschäftsbereiche, wie im Bereich der Infrastruktur, noch sich ergänzende Geschäftsfelder, wie im Falle der Metallurgie, führen zu Restrukturierungen. Denn wichtig sind die Absatzmärkte, und diese gehen durch die Zusammenlegung ja nicht verloren. Im Fall der Infrastruktur würde man die führende Marktposition einnehmen, weil man einen doppelt so großen Markt beliefert. Und bei der Metallurgie kommt es zur Aufnahme eines Neugeschäftes in das Portfolio.
profil: Personal abgebaut wird in allen solchen Fällen zumindest in den Bereichen Rechnungswesen und Einkauf.
Hochleitner: Natürlich kann man davon ausgehen, dass durch eine Zusammenlegung auch in Zentralfunktionen die eine oder andere Position einfach wegfallen wird.
profil: Also wie viele sind betroffen?
Hochleitner: Das ist am Beginn eines solchen Prozesses noch nicht quantifizierbar.
profil: Wird die VA-Tech-Holding aufgelöst?
Hochleitner: Die Holding hat etwa siebzig Mitarbeiter. Das sind sicher gute Leute. Siemens sucht ununterbrochen qualifizierte Arbeitskräfte u. a. für unsere stark steigenden Aufgaben in den osteuropäischen Landesgesellschaften.
profil: Die Holding wird also aufgelöst.
Hochleitner: Wenn wir 100-prozentiger Eigentümer wären, gibt es sicher keinen Bedarf für eine VA-Tech-Holding.
profil: Wie viele Arbeitsplätze wackeln in Weiz?
Hochleitner: Das Thema Weiz ist vielschichtig. Per Saldo kann man sagen, dass die Zahl der gefährdeten Arbeitsplätze etwa 350 nicht übersteigt. In dem Zusammenhang muss man sich die Größenverhältnisse vor Augen führen: Wir reden über eine Akquisition, die mehr als 17.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter betrifft. Einem Konzern wie Siemens kann man zutrauen, dass wir für diese 350 Arbeitsplätze eine gute Lösung finden werden. Bei der Abgabe der Standortgarantie haben wir uns ja etwas gedacht.
profil: Sie haben noch nicht beantwortet, warum eine Gesellschaft wie die VA Tech, die Ihrer Ansicht nach nicht überlebensfähig ist, einen Kursanstieg ihrer Aktie von mehr als hundert Prozent in einem Jahr verzeichnet.
Hochleitner: Aktienkurse spiegeln Erwartungshaltungen und Fantasien wider. Man könnte hinter dem Kursanstieg zum Beispiel eine General Electric vermuten.
profil: GE hat den Kurs so hoch hinaufgetrieben?
Hochleitner: Auf jeden Fall waren es Spekulationen. Den Kurs bestimmen letztendlich die Aktionäre.