Nobelpreis-Toto: Wissenschaftspreise

Ab Montag dieser Woche werden die diesjährigen Nobelpreisträger in den Naturwissenschaften bekannt gegeben. Was österreichische Top-Wissenschafter vom Nobelpreis halten und wer ihre ganz persönlichen Favoriten sind.

Zwei österreichische Forscher stehen derzeit international hoch im Kurs. In der virtuellen Nobelpreisbörse (www. nobelpreisboerse.de), die noch bis Montag kommender Woche als wissenschaftliches Experiment der Universität Frankfurt im Internet abgehalten wird, werden der Molekularbiologe Josef Penninger und der Experimentalphysiker Anton Zeilinger unter den Favoriten für den Nobelpreis gehandelt. Penninger, Chef des Wiener Instituts für Molekulare Biotechnologie der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (IMBA), taucht in den Medien immer wieder als Entschlüsseler von Krankheitsgenen wie etwa dem Osteoporose-Gen auf. Zeilinger, Vorstand des Instituts für Experimentalphysik an der Universität Wien, ist als Pionier der Quantenteleportation („Beam-Experiment“) weltweit ein Begriff.

Bei der Nobelpreisbörse versucht jeder Teilnehmer, sein fiktives Startkapital von 10.000 Euro durch richtige Tipps möglichst gewinnbringend anzulegen. Börsenschluss ist sechs Stunden vor Bekanntgabe des jeweiligen Nobelpreises. Erstmals war eine solche Aktienbörse 1988 im US-Wahlkampf zwischen dem Republikaner George Bush sen. und dem Demokraten Michael Dukakis im Spiel. Mittlerweile gelten solche Börsen als interessante Stimmungsbarometer mit durchaus realem Hintergrund. In den Wochen vor Bekanntgabe der jährlich nominierten Nobelpreisträger, die heuer in den Naturwissenschaften für Montag (Medizin), Dienstag (Physik) und Mittwoch (Chemie) dieser Woche angesetzt ist, werden die bevorstehenden Entscheidungen unter Wissenschaftern jeweils heiß diskutiert.

profil befragte österreichische Wissenschafter, wen sie in den Naturwissenschaften für nobelpreiswürdig halten. Allerdings sind jene Spitzenforscher, die wie Anton Zeilinger in den Entscheidungsprozess einbezogen sind, zum Schweigen verpflichtet. Die alljährlich von den Rektoren der Universitäten an das Nobelpreiskomitee versandten Listen müssen laut Preisreglement für einen Zeitraum von 50 Jahren unter Verschluss bleiben. Dennoch lässt sich verhältnismäßig leicht eruieren, wer unter Wissenschaftern als preiswürdig gilt, weil Top-Leute und bahnbrechende Spitzenleistungen im jeweiligen Fach sowieso bekannt und Gegenstand von fachlichen Diskussionen sind. Und bei allen persönlichen Vorlieben zeigt sich doch, dass oft mehrere Forscher auf ein und denselben Kollegen tippen.

Beim Wiener Pharmakologenkongress, der vorvergangenes Wochenende im Institut für Pharmakologie der Wiener Medizin-Universität abgehalten wurde, waren die diesjährigen Nobelpreise umso mehr ein Thema, als auch der Vorsitzende des Medizin-Nobelpreiskomitees, der Schwede Urban Ungerstedt, unter den Kongressteilnehmern war.

Nach wie vor Anlass zu heftigen Diskussionen in der Fachwelt gibt der Fall des österreichischen Hirnforschers Oleh Hornykiewicz. Dem mittlerweile emeritierten Ordinarius wäre im Jahr 2000 der Nobelpreis eher zugestanden als dem Schweden Arvid Carlsson, sagen etliche Forscher. Weltweit mehr als 250 Wissenschafter kritisierten die Entscheidung in einem offenen Brief. Hornykiewicz selbst bezeichnet die Preisvergabe an Carlsson zwar als „gerechtfertigt“. Aber, so sagt er, „man sollte sie nicht mit einer Leistung begründen, die andere erbracht haben“. Nicht Carlsson, wie die Begründung des Nobelpreiskomitees missverständlich suggeriere, sondern er, Hornykiewicz, habe mit seiner Wiener Arbeitsgruppe den Dopaminmangel im Gehirn als Auslöser der Parkinson-Krankheit identifiziert und zur Behandlung das Medikament L-Dopa vorgeschlagen. Warum dennoch Carlsson der Nobelpreis zuerkannt wurde, erläutert Preiskomitee-Vorsitzender Ungerstedt im profil-Interview.

Nobelpreis für Medizin oder Physiologie

Von österreichischen Wissenschaftern mehrfach als nobelpreiswürdig genannt wird der Entwicklungsbiologe Bert Vogelstein von der Johns Hopkins University School of Medicine in Baltimore. „Er hat entdeckt, dass Krebs eine genetische Krankheit ist, die meist durch Mutationen in mehreren Genen ausgelöst wird“, erläutert der Österreicher Christoph Lengauer, der derzeit an Vogelsteins Forschungsstätte arbeitet. Vor allem habe Vogelstein „die ersten Mutationen des so genannten Tumorsuppressor-Gens p53 im Darmkrebs entdeckt, welches jetzt das meistmutierte Krebsgen in vielen verschiedenen Krebsarten darstellt“, so Lengauer.

Auch der österreichische Mathematiker Martin Nowak, der von Princeton an die Harvard University wechselte und dort mit 30 Millionen Dollar Sponsorgeldern ein eigenes Institut aufbaut, bezeichnet Vogelstein als einen seiner Nobelpreisfavoriten. Weitere herausragende Kandidaten wären für ihn der Leukämieforscher Alfred Knudson vom Fox Chase Cancer Center in Philadelphia (der auch in der Nobelpreisbörse im Internet genannt wird), der Genetiker Eric S. Lander, der sowohl am Whitehead Institute for Biomedical Research wie am Massachusetts Institute of Technology (MIT) in Cambridge forscht, sowie Kim Nasmyth, Zellforscher am privatwirtschaftlich vom deutschen Pharmaunternehmen Boehringer Ingelheim finanzierten Institut für Molekulare Pathologie (IMP) in Wien. Nasmyth wurde mit seinen Arbeiten über die Regulation des Zellzyklus international bekannt. Seine bisher größte Auszeichnung neben dem österreichischen Wittgensteinpreis ist ab 2006 die Berufung an den renommierten Whitley-Lehrstuhl der Universität Oxford.

Der Wiener Molekularbiologe Josef Penninger wird nicht nur im Internet, sondern auch von mehreren von profil befragten Forschern als nobelpreiswürdig genannt. „Er hat viele wichtige Mechanismen aufgedeckt, wie etwa genetische Schlüsselstellen für die Medikamentenentwicklung“, sagt beispielsweise Markus Müller, Vorstand der Wiener Universitätsklinik für Klinische Pharmakologie.

Erwin Wagner, stellvertretender Direktor des IMP, nennt als seine Favoriten den israelischen Krebsforscher Avram Hershko, der die Rolle des Proteinabbaus im Zellkreislauf entschlüsselte. Dazu die britische Mausgenetikerin und Begründerin der X-Chromosomen-Inaktivierung, Mary Lyon, oder den (auch in der Internet-Nobelpreisbörse angeführten) Andrew Z. Fire, Genetiker an der Stanford University und Entdecker der so genannten RNA-Interferenz.

„Dieses Verfahren stellt eines der großen Hoffnungsgebiete der Humanmedizin dar“, erläutert Heribert Hirt, Professor am Institut für Mikrobiologie und Genetik der Universität Wien, der seinerseits die beiden Zellbiologen David C. Baulcombe vom John Innes Centre im englischen Norwich und Craig C. Mello vom Howard Hughes Medical Institute an der University of Massachusetts als seine Favoriten nennt. „Die beiden haben in Pflanzen und Rundwürmern entdeckt, wie Gene durch kleine RNAs (Teil des Erbguts, Anm.) stillgelegt werden können“, erklärt Hirt. Mello scheint auch in der Nobelpreisbörse im Internet als Kandidat auf.

Wolfgang Sieghart, klinischer Nachwuchs-Pharmakologe am Wiener AKH, favorisiert klar den heute an der Universität Pittsburgh lehrenden US-Chirurgen Thomas E. Starzl, Pionier der Leber- und Nierentransplantation.

Nobelpreis für Physik

Fast einhellig nennen österreichische Physiker den Direktor des Max-Planck-Instituts für Quantenoptik in Garching und Münchener Ordinarius für Experimentalphysik und Laserspektroskopie, Theodor W. Hänsch, als preisverdächtig. Für den Innsbrucker Experimentalphysiker Christoph Nägerl ist „allein schon Hänschs Idee und Umsetzung der Atomuhr in Kombination mit Ultrakurzpulslasern nobelpreisträchtig“. Nägerls Institutsvorstand, Rainer Blatt, plädiert ebenfalls für Hänsch sowie für dessen Forscherkollegen John L. Hall vom National Institute of Standard and Technology (NIST) in Boulder, Colorado. Die beiden Forscher hätten entscheidende Beiträge zur Entwicklung der optischen Frequenzmessung geliefert. „Das gibt sicher einen Nobelpreis, die Frage ist nur, wann“, ist Blatt überzeugt. Auch der Laserspezialist Ferenc Krausz, der soeben von der TU Wien ans neu gegründete Department für Physik der Universität München abgewandert ist und der seinerseits von Kollegen als nobelpreiswürdig genannt wird, bezeichnet Hänsch – neben Anton Zeilinger – als seinen Favoriten.

Karl Unterrainer wiederum, Professor am Institut für Photonik der TU Wien, schlägt Hänsch gemeinsam mit Krausz vor – beide hätten entscheidend zur hochgenauen optischen Messtechnik beigetragen. Außerdem nennt er Rainer Blatt und Peter Zoller vom Institut für Theoretische Physik der Universität Innsbruck. Die beiden Top-Forscher hätten wesentliche Beiträge zur erstmaligen Realisierung der so genannten Qubit-Operation beziehungsweise für deren theoretische Voraussage geliefert. „Das sind die ersten Rechenoperationen, um einen Quantencomputer zu realisieren“, erläutert Unterrainer. Als eines der interessantesten und viel versprechendsten Gebiete der Physik gilt derzeit die Nanophysik. In diesem Bereich sieht Unterrainer seine Kollegen Charly Marcus von der Harvard-Universität, Leo Kouwenhoven von der niederländischen Universität Delft sowie Seigo Tarucha von der Universität Tokio am ehesten in Nobelpreisnähe. Die drei Forscher seien „weltweite Vorreiter der Nanotechnologie“.

Nobelpreis für Chemie

Thomas Lörting, Chemiker an der Universität Innsbruck, der zwei Jahre lang beim Nobelpreisträger Mario Molina am MIT forschte (Molina erhielt 1995 den Nobelpreis für eine bereits 1974 veröffentlichte Arbeit über die Auswirkung von FCKWs auf die Ozonschicht), hält vor allem den Chemiker und Biotechnologen Robert Langer vom MIT für nobelpreiswürdig. Langer entwickelte völlig neue Materialien oder Biomaterialien sowie Verfahren für den zielgenauen Einsatz von Medikamenten. Er hält mehr als 400 Patente, hat mit dem Gairdner Award schon den „Vorboten des Nobelpreises“ erhalten und wird von US-Medien bereits als „Held der Menschheit“ gefeiert. „Langer versteht es hervorragend, die Grundlagenforschung zur Anwendung zu führen“, so Lörting.

Wolfgang Heiss vom Institut für Halbleiter- und Festkörperphysik der Universität Linz hat zwei US-Forscher als mögliche Chemie-Nobelpreisträger im Auge: Paul Alivisatos von der University of California in Berkeley sowie Moungi Bawendi vom Massachusetts Institute of Technology. „Die beiden haben entscheidend zur Entwicklung von Halbleiter-Nanokristallen über nasschemische Methoden beigetragen“, urteilt Heiss, START-Wissenschaftspreisträger des Jahres 2002.

Die Österreicherin Ulrike Diebold, Chemieprofessorin an der Tulane University in New Orleans, und Bernhard Kräutler, Vorstand des Instituts für Organische Chemie an der Universität Innsbruck, tippen unabhängig voneinander auf den ihrer Meinung nach geeignetsten Kandidaten: Gerhard Ertl vom Fritz Haber Institut der Max-Planck-Gesellschaft in Berlin verdiene für sein breit gefächertes Lebenswerk den Chemie-Nobelpreis. „Er hat maßgebliche Beiträge zur Oberflächenchemie und zu vielen anderen Oberflächenphänomenen geliefert“, schwärmt Kräutler.

„Ein sicher sehr aussichtsreicher Kandidat“ wäre laut Bernhard Keppler, Vorstand des Instituts für Anorganische Chemie an der Universität Wien, der Harvard-Chemiker Richard Holm, „der mit der Untersuchung von Eisenschwefelclustern Grundlegendes in der biologischen Chemie geleistet hat“. Sein Kollege Franz Dickert, Vorstand des Wiener Instituts für Analytische Chemie, nennt spontan den Züricher Chemiker Klaus Mosbach wegen seiner Beiträge zur Herstellung von synthetischen Antikörpern und Enzymen.

Modalitäten und Kriterien der Preisvergabe werden in der heimischen Forscherwelt überwiegend positiv beurteilt. Aber zu zwei Punkten sind immer wieder kritische Bemerkungen zu hören: erstens über die vermeintlich bevorzugte Behandlung größerer amerikanischer Eliteinstitutionen wie Stanford, Princeton, MIT oder Harvard. Zweitens, dass mit der Preisvergabe zu lange zugewartet würde. „Es wird oft gemunkelt, dass der Preis für das Lebenswerk das eine oder andere Mal nicht mehr ausgesprochen werden konnte, weil der Kandidat vorher verstorben ist“, berichtet Chemiker Lörting.

Der Harvard-Mathematiker Martin Nowak würde sich wünschen, „dass im Sinne von Alfred Nobel jüngere Leute öfter berücksichtigt werden“. Die meisten Forscher sind überzeugt, der Nobelpreis sei ein Privileg, auf das niemand Anspruch habe. Keiner der von profil befragten Wissenschafter vertritt die Meinung, dass je ein Nobelpreis an einen Forscher vergeben wurde, der ihn nicht verdient hätte. Allenfalls wird kritisiert, „dass das Komitee keine nachträglichen Veränderungen vornehmen kann, auch wenn nachweisbar jemand anderer vorher die Entdeckung gemacht hat“, wie es der Wiener Mikrobiologe Heribert Hirt formuliert.

Sabine Schindler, Vorständin des Instituts für Astrophysik an der Universität Innsbruck, findet, dass „das Komitee eine zunehmend schwierigere Aufgabe hat, da Wissenschaft immer weniger von einzelnen Forschern, sondern immer mehr von großen internationalen Teams gemacht wird“. Schon aus diesem Grund entsteht offenbar manchmal der Eindruck, dass die Vergabe des Preises nie ganz gerecht sein kann. Der Wiener Physiker Michael Schmid sieht nicht nur die Gefahr, dass sicherheitshalber jene Forscher bevorzugt werden, bei denen die persönliche wissenschaftliche Leistung nur wenig umstritten ist. Wie andere Kollegen stört auch ihn die überproportionale Berücksichtigung US-amerikanischer Forscher, „die oft mehr beachtet werden, als ihrem Anteil am wissenschaftlichen Fortschritt entspricht“. Und der Innsbrucker Physiker Peter Zoller sieht ein Problem auch darin, dass „Nobelpreisträger in den Himmel gehoben werden, während der Rest unter ‚ferner liefen‘ gelistet wird.“

Doch trotz dieser Kritik genießt die Arbeit der Nobelpreiskomitees breite Anerkennung. Im Bereich der Physik seien die Nobelpreise „nachvollziehbar“ (Laserforscher Ferenc Krausz) und die Auswahl der Preisträger „mehr als berechtigt“ (Quantenphysiker Anton Zeilinger). Erwin Wagner vom IMP appelliert sogar an seine Kollegen, das politische Lobbyingspiel und entsprechende Kampagnen als essenziell für den Nobelpreis anzuerkennen und zu akzeptieren.

Michael Freissmuth, Vorstand des Instituts für Pharmakologie an der Medizinischen Universität Wien, sieht den einzelnen Wissenschafter mit dem Nobelpreis oft dramatisch über-, aber auch unterbewertet. Er vergleicht die Wissenschaft mit dem ästhetischen Prinzip gotischer Kathedralen: „Jeder macht seinen Teil, aber erst in der gemeinsamen Zusammenschau entsteht der Glanz und die Schönheit der Erkenntnis.“