Noch einmal Androsch

Österreich sollte nicht auf einen Politiker von außergewöhnlichen Fähigkeiten verzichten. Auch wenn er derzeit keine Ambitionen zeigt.

Wenn ein Journalist in Österreich etwas äußert, das nicht ins Schema des von ihm Erwarteten passt, wird grundsätzlich daran gezweifelt, dass er es aus lauteren Motiven tut. So auch, als ich in der Vorwoche an dieser Stelle schrieb, dass Hannes Androsch als Kanzlerkandidat der SPÖ weit erfolgreicher wäre als Alfred Gusenbauer.

Auf die Vermutung, dass ich dafür von einer „Androsch-Lobby“ bezahlt wurde oder dass mir das einen Job in seinem künftigen Einflussbereich einbringen würde, will ich nicht eingehen, wohl aber auf das folgende E-mail: „Ich glaube mich zu erinnern, dass gerade Sie immer wieder geschrieben haben, dass es für einen Spitzenpolitiker nicht genügen sollte, unbescholten zu sein, sondern dass er sich, wie es altmodisch heißt, rundum ‚korrekt‘ verhalten haben sollte. Hat Ihre heute so viel mildere Sicht des steuerhinterziehenden Finanzministers vielleicht damit zu tun, dass Sie sich in der Affäre Kalal auch nicht gerade korrekt verhalten haben?“

Antwort: Ja, es hat damit zu tun. Ich habe mich bis zu dieser Affäre für einen Menschen gehalten, dem nichts wirklich Unkorrektes passieren kann – aber das war überheblich: Man kann, irgendwann in seinem Leben, unter extremen psychologischen Umständen, auf eine Weise handeln, die man für ausgeschlossen gehalten hätte.

Wenn man Glück hat, passiert nichts – so, wie man mit Glück einmal eine rote Ampel überfahren und dennoch niemanden totfahren kann; aber wenn man Pech hat, landet man für die erste Entgleisung seines Lebens auf der Anklagebank. Das ist, auch wenn man letztlich freigesprochen wurde, eine bleibende Erfahrung: Man weiß, dass man etwas Unzulässiges tun kann, und man weiß, wie man in der Öffentlichkeit dafür büßt.
Das macht milder.

Natürlich bleibt eine unkorrekte Handlung – bei mir wie bei Androsch – eine unkorrekte Handlung, aber das heißt nicht, dass man ein Leben lang Asche auf sein Haupt streuen muss. Ich glaube nicht – und das hat natürlich mit meiner Selbstbewertung zu tun –, dass ein Mensch, der einmal etwas Unkorrektes getan hat, deshalb auch schon ein unbrauchbarer Mensch ist.
Auch nicht unbrauchbar für eine öffentliche Funktion.

Es gibt sicher eine „Anstandsfrist“, innerhalb deren er von sich aus keine exponierte öffentliche Position anstreben sollte. So habe ich es für ausgeschlossen gehalten, in den ersten Jahren nach meinem Freispruch in der, dennoch höchst unerquicklichen, Kalal-Affäre neuerlich eine Führungsposition in einem Medium anzustreben (abgesehen davon, dass niemand sie mir angeboten hätte). Aber irgendwann läuft jede Anstandsfrist ab: Wenn es jetzt ein solches Angebot gäbe (es gibt weit und breit keines), dann sähe ich keinen Grund, es abzulehnen, weil ich mich vor mehr als zehn Jahren „nicht korrekt“ verhalten habe.

Bei Hannes Androsch liegt das Verhalten, das man als „nicht korrekt“ bezeichnen könnte, zwanzig Jahre zurück.

Natürlich hängt die Länge der Anstandsfrist auch von der Größenordnung der angestrebten Position ab, und „Kanzler(kandidat)“ ist zweifellos die gewichtigste Position, die Österreich anzubieten hat. Aber eben dadurch kommt ein weiteres Element ins Spiel: Es muss auch eine Rolle spielen, wie wichtig es für ein Land wäre, dass ein Mann für die Kanzlerschaft kandidiert, der dort eine erstklassige Leistung erbrächte.

Ich habe alles, was Androsch in den letzen Jahren zu den verschiedensten Themen geäußert hat, naturgemäß extrem kritisch verfolgt und bin überzeugt, dass er eine hervorragende Leistung für die SPÖ, vor allem aber auch für Österreich erbrächte.

Er ist ein Mann von großem Charisma, großer Sachkenntnis, großer Durchsetzungsfähigkeit und – das scheint mir besonders wichtig – auch von großer Anständigkeit in politischen Grundfragen, egal ob es um seine Einstellung zum sozialen Netz, zur Politik der EU oder zum Nationalsozialismus geht.

Es wäre daher von großem Wert für dieses Land, wenn Wolfgang Schüssel in ihm einen ebenbürtigen Konkurrenten erhielte. Dass er im „Format“ erklärt hat, er denke nicht an eine Rückkehr in die Politik, sollte man nicht als sein letztes Wort nehmen: Gerade wenn man so viel Geld verdient hat, kann man überredet werden, sich doch wieder um die Partei und das Land zu kümmern.

Man mag einwenden: In dieser großen SPÖ muss es doch mehr erstklassige Leute als Hannes Androsch geben – solche, die über seine Fähigkeiten verfügen, ohne wie er zu schillern. Doch das ist offenkundig nicht der Fall. Die Personalreserven dieser großen Partei sind bestürzend klein, sonst könnte weder Josef Cap Klubobmann noch Doris Bures Bundesgeschäftsführerin sein. Der einzige SP-Politiker, dem ich ad hoc zubilligte, die Partei annähernd so erfolgreich wie Androsch zu führen – Michael Häupl –, will diese Aufgabe nicht übernehmen.

Zur Zeit – und die drängt – ist der schillernde Hannes Androsch die einzige glaubwürdige und erfolgversprechende Alternative zum sicheren Verlierer Gusenbauer.

Auch Bill Clinton war eine schillernde Persönlichkeit – aber was für ein amerikanischer Präsident.