Marschbefehlsempfänger

Nordkorea hat sich in einen Kriegsrausch hinein­gesteigert, das Volk glaubt fest an einen Schlagabtausch mit dem Erzfeind USA. Impressionen aus einem Land in hysterischer Alarmbereitschaft.

Von Luca Faccio, Nordkorea

Jeden Morgen um Punkt sechs Uhr wacht Pjöngjang offiziell auf. Dann schwärmen Hunderte Busse in die Straßen der Hauptstadt aus, auf denen drei Stunden lang Megafone Propagandameldungen und Volkslieder in voller Lautstärke hinausplärren. Junge Soldaten marschieren im Gleichschritt durch die Stadt in ihre Kasernen, eskortiert von Militär-Bussen. Vorbei an den Menschenmassen, die sich täglich wortlos und mit gesenktem Kopf zu ihren Arbeitsstätten aufmachen. An einer Kreuzung hält ein Auto den gesamten Verkehr auf. Ein Polizist scheint dem Nervenzusammenbruch nahe. Dieser Störfall ist das einzige Stück Normalität an diesem Tag. In der Nacht, wenn die Straßen wie leergefegt sind, rollen Panzer durch die Stadt.

Pjöngjang, bereits im Normalzustand einer der surrealeren Orte der Welt, gibt dieser Tage ein besonders skurriles Bild ab. Vor Kurzem hat Diktator Kim Jong-un das Waffenstillstandsabkommen mit Südkorea einseitig aufgekündigt. Seither stößt die sozialistische Führung wüste Kriegsdrohungen gegen die USA und Südkorea aus und versetzt sämtliche Artillerieverbände und Raketentruppen „in Gefechtsbereitschaft“. Wie im Propagandarausch droht sie mit Militärschlägen gegen Truppenstützpunkte auf amerikanischem Festland, auf Hawaii und auf der US-Pazifikinsel Guam. Das Regime trimmt sein abgeschottetes Land auf einen Krieg, der nicht nur höchstwahrscheinlich unwahrscheinlich, sondern auch gänzlich aussichtslos wäre.

Kriegsfilme im Fernsehen
Die nordkoreanischen Nachrichten sind voll von Bildern des „Marschalls“ Kim Jong-un. Meist zeigen sie ihn an militärischen Stützpunkten, umgeben von Offizieren und nicht ganz taufrischem militärischen Gerät. Im Fernsehen laufen ununterbrochen Kriegsfilme, am öftesten jener, der die Kaperung des Kriegsschiffes „USS Pueblo“ im Jahr 1968 durch die nordkoreanische Marine würdigt. Die USS Pue­blo ist tatsächlich das einzige Schiff der US-Marine, das sich in den Händen einer fremden Macht befindet. In den Bars der Stadt flackern alte Sowjetstreifen in Schwarz-Weiß über die Bildschirme.

Als eine Handvoll Männer in der Sungri-Straße im Zentrum Pjöngjangs einen Ausländer entdecken, verfallen sie in Kriegsrhetorik: „Wir werden die USA besiegen! Wir sind bereit und dafür gerüstet, sie zu schlagen – ein für alle Mal!“ Sie sind um die 50 und tragen die typische Kim-Jong-il-Uniform, eine khakifarbene Jacke-Hose-Kombination.

Aus Südkorea heißt es, der Norden versuche, „eine kriegsähnliche Situation zu schaffen, um die Nordkoreaner zu einen“. Nach Ansicht von Fachleuten verfügt das Land bei Weitem nicht über die Kapazitäten für einen direkten Angriff auf die USA. Das Regime hat einen Propagandafilm veröffentlicht, in dem der fiktive Einmarsch nordkoreanischer Soldaten in die südkoreanische Hauptstadt Seoul gezeigt wird. Um ihrer kriegerischen Absicht Nachdruck zu verleihen, beliefert die Regierung in Pjöngjang internationale Nachrichtenagenturen mit Fotos von spektakulären Militärübungen – die jedoch allesamt mittels Photoshop manipuliert wurden. Nach Angaben der Regierung in Seoul hat es bisher keine ungewöhnlichen Truppenbewegungen oder Aktionen im Nachbarland gegeben.
Am Kim-Il-sung-Platz verabreden sich die Jugendlichen der Stadt zum Eislaufen – der neueste Trend in Nordkorea. Sie lachen und haben weniger Berührungsängste mit Ausländern als ihre Eltern und Großeltern. Im Hintergrund prangen die übergroßen Bilder des aktuellen Führers und seines im Dezember 2011 verstorbenen Vorgängers. Ein militärischer Bus-Konvoi passiert den Platz und drückt die Stimmung in Sekundenschnelle. „Vielleicht sind es Stunden, vielleicht Tage, aber der Krieg wird kommen“, sagt ein Passant.

Mitte März hat Nordkorea die Verbindung nach Südkorea gekappt. Seither gibt Pjöngjang im nordkoreanischen Grenzort Panmunjom keine Antwort mehr über die „Rot-Kreuz-Leitung“, die Knotenstelle für die Verbindung in den Süden. Normalerweise würden über dieses Telefon jeden Werktag zwei Anrufe erfolgen.

„Wir werden kein Waffenstillstandsabkommen mehr unterzeichnen“
Die Autobahn von der Hauptstadt nach Panmunjom führt unter einem großen Triumphbogen durch, der zwei Frauen zeigt, die aufeinander zugehen. Sie symbolisierten einmal die Annäherung der beiden Teile des Landes. Entlang der 180 Kilometer langen Autobahn schaufeln Hunderte Frauen und Männer den Schnee weg. Kaum ein Auto ist unterwegs zu sehen. Der Weg in die Grenzzone führt an fünf Checkpoints vorbei, die von Soldaten mit Kalaschnikows bewacht werden. Das Schild, das hier üblicherweise den Weg nach Seoul weist, wurde abmontiert. Irgendwo in der Ferne fallen Schüsse, der Fahrer sagt: „Kim sagt, wir brauchen keine Angst zu haben. Unsere Soldaten beschützen uns im Falle eines Angriffs.“
Das Grenzgebiet ist eine Festung aus Beton und Stacheldraht. Ein Offizier steht zwischen einem Stand, an dem Postkarten und Souvenirs angeboten werden, und dem Raum, in dem vor 60 Jahren das Waffenstillstandsabkommen unterschrieben wurde, an das sich der Norden nicht mehr gebunden fühlt. Er deutet auf das Modell, das den 38. Breitengrad darstellt, die demilitarisierte Zone, die den Norden vom Süden teilt. Auf zwei Tischen liegen Kopien des Abkommens auf, an den Wänden hängt ein Bild vom ersten Treffen der Staatsoberhäupter beider Länder nach dem Krieg im Jahr 2000: Es zeigt den südkoreanischen Präsidenten Kim Dae-jung, der Kim Jong-il die Hand schüttelt. Darunter steht in roter Schrift ein Zitat des aktuellen Machthabers Kim Jong-un: „Wenn es zum Krieg mit Amerika kommt, müssen wir sie dieses Mal für immer besiegen. Wir werden kein Waffenstillstandsabkommen mehr unterzeichnen.“

Der anwesende Offizier rattert die nordkoreanische Version der Geschichte herunter, wonach 1950 die Südkoreaner den Norden angegriffen haben – tatsächlich war es umgekehrt. In Sichtweite stehen sechs hellblaue Baracken. Durch ihre Mitte verläuft die Grenze in Form einer akkurat gegossenen Betonschwelle, welche die Halbinsel zerschneidet. Normalerweise stehen einander hier die Soldaten des sozialistischen Nordens und des westlich orientierten Südens gegenüber. Das Gebiet, das bis vor Kurzem noch eine Touristenattraktion war, wurde aus „Sicherheitsgründen“ gesperrt. Fünf nordkoreanische Soldaten in schlammbrauner Uniform marschieren entlang der markierten Linie. Auf der anderen Seite ist kein einziger südkoreanischer Soldat zu sehen.

Übersetzung: Anna Giulia Fink