NS-Verbrechen: Das Phantom

Einer der niederträchtigsten NS-Schergen, der Österreicher Alois Brunner, wurde nie vor Gericht gestellt. Vor Kurzem glaubte man, ihn in der Schweiz gesehen zu haben. Wieder eine Falschmeldung.

So er noch lebt, wird Alois Brunner im kommenden Frühling 94 Jahre alt, ein Greis mit einem Glasauge und verkrüppelten Händen, heimgesucht von Erinnerungen, die ihn jedoch nicht sonderlich beschweren dürften, denn bereut hat Brunner nie. Davon zeugen Briefe, die er vor wenigen Jahren noch aus Damaskus an Verwandte in Österreich schrieb.

Vor wenigen Tagen wurde ein Mann seines Namens in einem Hotel in Luzern gesichtet. Doch es handelte sich um den falschen Brunner. Wieder eine Spur, die sich im Nichts verlief.

Wie ein Phantom geistert der Name eines der brutalsten Kriegsverbrecher seit Jahrzehnten durch die Welt. Alois Brunner steht für das Versagen der deutschen und österreichischen Justiz, als Repräsentant derer, die Juden mit besonderer Niedertracht und Heimtücke in die Vernichtungslager deportierten.

Alois Brunner war ein Spezialist für Deportationen, von seinem Vorgesetzten Adolf Eichmann, dem Leiter des „Judenreferats im Reichssicherheitshauptamt“, überall dorthin geschickt, wo die Zusammentreibung der Juden und ihr Abtransport in die Lager nicht so recht vorankommen wollten. Brunner hatte sich einen Namen gemacht. Von ihm stammte die Idee, die Menschen in den Zügen noch schnell eine Postkarte unterschreiben zu lassen, wonach es ihnen gut gehe und die Verpflegung bestens sei. Auf diese Weise ließen sich die Zurückgebliebenen, die diese Nachricht Wochen später mit dem Absender Auschwitz-Birkenau ausgehändigt bekamen, beim nächsten Transport ohne größeren Aufruhr in die Waggons pferchen.

Seit über dreißig Jahren weiß man, dass Brunner – jedenfalls bis in die neunziger Jahre hinein – in Damaskus lebte. Man kannte seine Adresse, seine Firmen und seine Helfer. Man wusste, wie der alte Mann aussah. Brunner empfing Journalisten, gab Interviews und ließ sich fotografieren. Warum wurde er nie zur Verantwortung gezogen?

Im April 1945 befindet sich Brunner im letzten Deportationszug nach Theresienstadt, im Salonwagen natürlich. Das erleichtert die Flucht durch die unübersichtlichen Frontlinien. Ein paar Tage später ist Brunner bereits in Wien, holt seine schwangere Frau in der Döblinger Villa ab, bringt sie zu einer Gastwirtin ins Mühlviertel, wo die Nazi-Prominenz gern feierte, und setzt sich nach Prag ab. Dort schließt er sich einem amerikanischen Sammeltransport an. Brunner nennt sich nun Alois Schmaldienst, nach einem entfernten Verwandten, von dem er weiß, dass er nicht gesucht wird.

Arabische Freunde. In den ersten Nachkriegsjahren kommt Schmaldienst unbehelligt über die Runden. In München arbeitet er als Lkw-Fahrer für die US-Armee, später als Hauer im Ruhrgebiet und als Kellner in Essen. Zur selben Zeit wird in Wien einem seiner engsten Mitarbeiter in der „Zentralstelle für jüdische Auswanderung“ der Prozess gemacht. Auch dieser heißt Brunner (mit Vornamen Anton), die überlebenden Zeugen nennen ihn „Brunner II“, doch man nimmt es nicht so genau. Die Legende, dass der berüchtigte SS-Obersturmbannführer Alois Brunner ohnehin schon 1946 zur Todesstrafe verurteilt worden sei, hält sich bei den österreichischen Behörden bis in die sechziger Jahre – obwohl der gefälschte Schmaldienst-Pass schon 1950 entdeckt wird und Wiener NS-Opfer zahlreiche Strafanzeigen gegen den flüchtigen Brunner erstatten.

Brunners Hoffnung, in Deutschland im Umkreis von einstigen Nazi-Größen in der FDP unterzukommen, zerschlägt sich. Er ändert seinen Namen erneut und reist nach Rom, wo der steirische Bischof Alois Hudal über die so genannte Klosterlinie die Flucht von NS-Verbrechern besorgt, vor allem nach Lateinamerika.

Anfang des Jahres 1954 hält sich Brunner in Kairo auf und wird von dort nach Damaskus weitergeschleust. Der ehemalige Großmufti von Jerusalem, ein glühender Hitler-Anhänger, ist ihm dabei behilflich.

Der amerikanische Journalist Christopher Simpson veröffentlicht 1997 US-Dokumente, aus denen hervorgeht, dass damals auch der US-Geheimdienst CIA (beziehungsweise dessen Vorläuferorganisation CIC) seine Hände im Spiel hatte.

Während Brunner in Frankreich in Abwesenheit zum Tode verurteilt wird, wohnt der Kriegsverbrecher mit dem ehemaligen Lagerkommandanten von Treblinka, Franz Stangl, in einer Wohnung in Damaskus. Brunner nennt sich nun Georg Fischer, besitzt auch entsprechende Papiere von einem Nazi-Kompagnon, der ihm verblüffend ähnlich sieht, und steigt zum Berater der syrischen Regierung auf. Nebenbei betreibt er zur Freude der deutschen Kolonie in Damaskus einen schwungvollen Handel mit Sauerkraut und Schwarzbrot. Er gründet eine Firma nach der anderen, verschafft den Syrern Abhörgeräte aus der DDR und macht Geschäfte mit Adolf Eichmann, der nach Argentinien entkommen ist.

Als Eichmann 1960 in Argentinien gefasst und nach Israel verbracht wird, ist Brunner schwer beunruhigt. Es besteht die Gefahr, dass nun auch seine Rolle wieder ins Licht der Öffentlichkeit rückt.

Nach Informationen des im September dieses Jahres verstorbenen Simon Wiesenthal soll Brunner mit anderen ehemaligen Nazi-Größen damals die Entführung des Präsidenten des Jüdischen Weltkongresses, Nahum Goldmann, geplant haben, um Eichmann freizupressen. Daraus wurde nichts.

Syrien leugnet. Brunner erhält kurz danach eine Briefbombe und verliert ein Auge. Er will zur Behandlung in die Schweiz reisen. Ein Mitteilungsblatt des oberösterreichischen Kameradschaftsbundes, das er sich – ebenso wie die „Kronen Zeitung“ und den „Kurier“ – regelmäßig nach Damaskus schicken lässt, veröffentlicht jedoch rechtzeitig eine Liste von Personen, darunter auch Brunners Namen, „die mit Schwierigkeiten rechnen müssen“, wenn sie nach Europa kämen.

Das deutsche Nachrichtenmagazin „Spiegel“ macht Brunners Decknamen und Adresse in Damaskus im Jahr 1960 publik. Nun können die Behörden in Österreich und Deutschland nicht mehr umhin, einen Haftbefehl gegen Brunner auszustellen. 1980 erhält Brunner eine zweite Briefbombe, angeblich vom israelischen Geheimdienst Mossad: ein Päckchen, aufgegeben in Karlstein an der Thaya. Der Absender: die Firma des mittlerweile verstorbenen Kräuterpfarrers Weidinger.

1985 veröffentlicht die Illustrierte „Bunte“ Fotos von Brunner. Das Einzige, was ihm leidtue, sagt er im „Bunte“-Interview, sei, „dass er nicht mehr Juden umgebracht habe“. Ein Jahr darauf ist „Krone“-Journalist Kurt Seinitz bei ihm. Bis Anfang der neunziger Jahre äußert er sich in US-Medien und empfängt österreichische Neonazis, die ihn gern als Zeugen wider die Gaskammern zitieren.

Der syrische Staatspräsident Assad leugnet weiterhin, dass sich Brunner in Syrien aufhalte. Und Brunner, vor dessen Haus die syrische Sicherheitswache patrouilliert, lehnt fortan Interviews mit der Begründung ab, seine Gastgeber wollten dies nicht. 1995 setzt die deutsche Staatsanwaltschaft eine Ergreiferprämie von 500.000 Mark auf Brunner aus. Gefahndet wird mit einem Brunner-Foto aus dem Jahr 1942, während bei der UN-Vollversammlung in New York längst aktuelle Farbfotos herumgereicht werden.

Mitte der neunziger Jahre verbreitet sich das Gerücht, Brunner sei in Bolivien, dann wieder soll er im Grenzgebiet zu Brasilien und Argentinien gesehen worden oder schlicht gestorben sein. Doch nach wie vor kommen Brunners Briefe an ein Postfach in Graz. Im Frühjahr 1999, rund um Brunners 87. Geburtstag, wird das Telefon von Brunners Tochter, die im Burgenland lebt, abgehört. Ohne Erfolg.

Zum letzten Mal wurde Brunner von Journalisten angeblich im Oktober 2000 im Hotel Méridien in Damaskus gesehen.

Von Christa Zöchling