Nur keine Tricks bei 'Revanche'

Kino. Mit seiner Psychostudie „Revanche“ legt der Wiener Regisseur Götz Spielmann den besten österreichischen Film dieses Jahres vor.

Eine gewisse Zufriedenheit mit sich und seinem Werk kann Götz Spielmann derzeit nicht verhehlen. Obwohl das eigentlich gar nicht seine Art ist: Selbstkritik ist die Arbeitsgrundlage dieses Filmemachers, zu höherem Narzissmus hat er kein Talent. Wer Spielmann kennen lernt, kriegt es mit einem grüblerischen, einigermaßen zurückhaltenden Menschen zu tun: mit einem, der zu den Dingen, insbesondere den eigenen, lieber kritische Distanz hält, als sich von ihnen blenden zu lassen. Die Erfolgsgeschichte seines jüngsten Films, des psychologisch nuancierten Thrillers „Revanche“, hat ihn daher mehr als nur ein bisschen überrascht. Genau genommen kann er noch immer nicht ganz ermessen, was da konkret mit ihm passiert. Nur eines: Es sei gegenwärtig „wirklich sehr schön, Filme zu machen“, lächelt Spielmann verhalten. Und er weiß, wovon er spricht, denn das war nicht immer so. Nun stehen die Chancen aber gut, dass es längerfristig so bleiben wird: Seit der Weltpremiere seiner „Revanche“ bei der Berlinale im Februar hat der Film sechs Preise auf drei Festivals gewonnen – und das ist mit einiger Wahrscheinlichkeit erst der Anfang. In Cannes werden kommende Woche Verleiher aus Frankreich, Nordamerika, aus Deutschland, Australien und Großbritannien um Spielmanns Arbeit hart verhandeln: Das bereits vorab signalisierte internationale Interesse an dem Film ist enorm.

Exportfähig. Und es ist leicht erklärbar: „Revanche“, geschrieben, inszeniert und produziert von Spielmann, ist eine gut kons­truierte und bestechend fotografierte Liebes-, Hass- und Kriminalgeschichte, deren existenzielle Basisforschung ihre Exportfähigkeit sichert. Ein Krimineller plant, nach dem Tod seiner Geliebten durch den Fehlschuss eines Polizisten sich an dem Mann zu rächen. Er schiebt die Vergeltung auf, um die Lebensumstände seines gebrochenen Kontrahenten zu untersuchen – und beginnt mit dessen Frau eine Affäre: das Drama dreier schicksalhaft aneinander gebundener Helden, von Johannes Krisch, Andreas Lust und Ursula Strauss mit erstaunlicher Präzision zur großen humanistischen Fabel verdichtet.

Die Schauspielerarbeit ist Götz Spielmanns kreatives Zentrum. Das Darstellerhandwerk kennt der 46-Jährige aus eigener Praxis: Er hat in Filmen von Xaver Schwarzenberger und Wolfgang Murnberger gespielt – und sich in seiner konzentrierten Schnitzler-Adaption „Spiel im Morgengrauen“ (2001) selbst besetzt. Zu wissen, „welche Mechanismen im Schauspieler stattfinden“, helfe beim Drehen sehr, sagt Spielmann im profil-Gespräch. „Das sind innere, verborgene Prozesse. Wenn man sie kennt und spürt, kann man mit einem Schauspieler auf seiner Ebene kommunizieren: Das ist fast eine Geheimsprache.“ Genauigkeit ist ihm dabei wichtig: zu erforschen, wo „das bloße Können, die Tricks“ enden und die schauspielerische Tiefe beginnt.
Das sei seine Methode: „ein genaues Wissen um das Ziel und eine große Offenheit für die Prozesse. Ich weiß, wohin ich die Schauspieler bringen will – aber ich bin offen in der Frage, wie wir das erreichen.“ Autoritäres Auftreten wäre da kontraproduktiv. „Man kann zur Liebe nicht zwingen, nur zur Prostitution. Ich will aber wirkliche Hingabe an die Figuren, kein bloßes Abliefern von Fähigkeiten.“

Seine eigene intensive Hingabe an die Drehbücher, die er schreibt, und das Schauspiel, das er braucht, um diese zu realisieren, kostet Zeit. Spielmanns Karriere entwickelte sich daher zunächst zu langsam, um nachhaltige Wirkung zu erzeugen. Dabei startete sie viel versprechend: Schon 1978 erregte ein Spielmann-Film Aufmerksamkeit. Er hieß „Es geht nicht, Steiner“ und wurde im Jugend-TV-Magazin „Ohne Maulkorb“ ausgestrahlt. Der Regisseur war 16. Den Film hatte er einfach gemacht, mit Freunden, ohne groß darüber nachzudenken. „Da war ich einen Tag lang berühmt. Es war damals undenkbar, dass ein 16-Jähriger einen Film dieser Größe machte.“ Ab 1980 studierte Spielmann an der Wiener Filmakademie, inszenierte dort eine Reihe mittellanger Arbeiten, deren ästhetischer Eigensinn auffällig war.
Nach den ersten beiden echten Kinofilmen („Erwin und Julia“, 1990; „Der Nachbar“, 1993) endete Spielmanns frühe Laufbahn jäh. Zwischen 1994 und 1999 gelang ihm nichts: Er scheiterte an Drehbüchern und Förderungsstellen, drohte zu verzweifeln. „Das war eine schwere Zeit, da war ich eigentlich schon weg. Ich stellte das Filmemachen grundsätzlich infrage, stand kurz davor aufzuhören; ich hatte mich zurückgezogen, um nachzudenken, Gedichte zu schreiben, Schauspiel zu unterrichten.“

Fortschritte. Nicht mehr als drei Kinofilme hat Spielmann in den vergangenen 15 Jahren gedreht: Zwar gelang ihm mit dem Krimi-Stimmungsbild „Die Fremde“ 1999 die Rückkehr zur Kinoregie, aber der Film bestätigte Spielmann nur noch einmal als Regisseur der Achtungserfolge. 2004 geriet das sexuell explizite Episodenwerk „Antares“ zum internationalen Festivalerfolg – ein Fortschritt, aber auch, schon wieder: ein Achtungserfolg. Erst mit „Revanche“ bewegt sich Götz Spielmann nun, weitere vier Jahre später, über jene Stufe hinaus, auf der er zu lange aufgehalten wurde. Tatsächlich sind Spielmanns Ansprüche denkbar hoch: „Mein Ziel als Regisseur ist es, formale Präzision mit emotionaler Vitalität zu verbinden.“ Der unbefangene Blick ist ihm dabei Voraussetzung: „Ich übe mich darin, vorurteilslos, also zunächst auch unintellektuell wahrzunehmen. Wenn ich auf den ersten Blick immer schon zu wissen glaube, wie alles zu beurteilen ist, versäume ich das Wesentliche.“
Geld gehört nicht dazu. Davon habe er sich „kaum je verleiten lassen“.

Obwohl es immer wieder „gute Angebote zur Frivolität“ gegeben habe. „Gut bezahlt sechs Folgen einer banalen Serie zu inszenieren, das ist halt ein Job. Aber ich habe es nie als mein Leben gesehen, Jobs zu machen. Vielleicht ist das auch pathetisch oder kindisch. Kann sein, dass man das lockerer nehmen sollte, aber das wollte und konnte ich nie.“ Götz Spielmanns neuer Film profitiert von diesem Unwillen: Revanchen sind eben Herzensangelegenheiten, keine Jobs.

Von Stefan Grissemann