Nutzschwein Schiller

Schiller ist nicht für den Friedrich.

Das nächstjährige Jubiläumsjahr Mozarts (250. Geburtstag) unterscheidet sich deutlich vom heurigen Jubiläumsjahr Schillers (200. Todestag). Das eine kommt wie eine gefährliche Drohung auf uns zu, das andere ist ausnahmslos erfreulich. Ausgeschlossen, dass das Mozart-Festival 2006 anders als grauenvoll wird. Es wird die größte Kitschorgie der neueren Geschichte. Brave Bäcker, deren größter Stolz die komplette Roy-Black-Sammlung ist, werden Mozart-Semmerln backen. Alle rund gelutschten Mozart-Gschichtln werden zum tausendsten Mal aufgewärmt werden („das Genie im Massengrab“). Und wenn auch das Werk des großen Meisters zu gut ist, als dass man sich auch nur über einer seiner Kompositionen erbrechen würde, so wird man doch nah daran sein und die wichtigsten Heuler auf Jahre hinaus nicht mehr hören können, etwa die Sinfonie Nr. 40 in g-moll, wichtige Motive aus „Don Giovanni“ und „Zauberflöte“, von der „Kleinen Nachtmusik“ zu schweigen, die jeder, der seine Ohren liebt, längst wegen anhaltenden Erfolges abgesetzt hat.

Mein Tipp: Sie wollten eh immer ein Sabbatjahr einlegen. 2006 ist eine feine Gelegenheit dafür. Studieren Sie beispielsweise das Land Südafrika. Die Zulus und Xhosas und die Coloured (Inder) haben mit Mozart nichts am Hut, noch weniger die weißen Burenabkömmlinge, die Rednecks des reichsten Staates des ärmsten Kontinents. Nirgendwo kann man sich seinen Mozart besser bewahren als in Pretoria, Stellenbosch und Kapstadt.

Völlig anders der festliche Rummel um Johann Christoph Friedrich von Schiller, der gar nicht weit genug gehen kann und schon bisher glücklich verlief.

Speziell Leute wie unsereins, die durch technische Mittelschulen an schöngeistiger Bildung vorbeischrammten, profitieren vom warmen Schiller-Regen. Das Gleiche gilt für hunderttausende, die zwar das Privileg hatten, in der Schule mit diesem Dichter befasst zu sein, aber bis auf das Populärste, Inflationärste und Banalisierte („Die Bürgschaft“, „Der Taucher“) alles vergessen haben.

Jubiläen von Dichtern sind nicht automatisch Glücksfälle. Für D’Annunzio etwa genügten zwei Stunden, wenn man nicht grad ein fiebriger Italiener ist. Für die Ausnahmegröße Friedrich Schiller wird ein ganzes Jahr nicht zu lang. Er ist in mancher Hinsicht ergiebiger als Goethe, in dessen Schatten er stand. Dieser Schatten war freilich nicht blau und kalt. Überdies zählt dieses „Duell“, welcher der beiden Giganten gigantischer gewesen sei, zu den eher faderen, fruchtlosen Seitenthemen. Man sollte von einem Remis ausgehen. Dies fällt leicht, angesichts der sechsbändigen Korrespondenz der beiden, die Goethe 1827 herausgab. Darin wird die gegenseitige Befruchtung kenntlich. Schiller trug zum Abschluss von „Faust I“ bei, erhielt umgekehrt Ezzes für seine legendären Balladen, etwa „Der Ring des Polykrates“ und „Die Kraniche des Ibykus“. Schillers großer Vorzug liegt darin, dass er nicht nur in wichtigen intellektuellen Schlüsselfragen spannend (vorrangig zu den Themen „Freiheit“, „Macht & Korruption“ und „Sprache“), sondern auch persönlich als Vorbild brauchbar ist. Seine Kämpfernatur mag zivilisationsgeschädigte Weicheier nachdenklich machen. Für manche durch Wohlstand dekadent und jeder Frustrationstoleranz ledig gewordene ZeitgenossInnen ist die Art, wie Schiller sein Leben meisterte, ein Schlag ins Gesicht.

Gespenstisch, was er in seinen 46 Lebensjahren (1759–1805) produzierte. Vor allem, wie er die Jahre nach seinem Zusammenbruch 1791 meisterte. Von Lungeninfarkt niedergestreckt, von den Ärzten aufgegeben, lebte er, von chronischer Bauchfellentzündung begleitet, weitere 14 Jahre, schuf dann noch seine wichtigsten Werke. So genannte Nebenarbeiten wie Übersetzungen und Shakespeare- Dramen-Bearbeitungen begleiteten das „Balladenjahr 1797“ und seine Meisterwerke „Jungfrau von Orleans“, „Die Braut von Messina“, „Wallenstein“ und „Wilhelm Tell“, alle gewissermaßen in Idealkonkurrenz zu seiner Bühnenfassung „Don Carlos“ (Dom Karlos, Infant von Spanien). Irgendwie schön, dass sein letztes vollendetes Werk „Die Huldigung der Künste“ heißt. Wie Goethe liegt er heute in der Weimarer Fürstengruft.

Schiller braucht kein Pathos. Ganz im Gegenteil sollte er, in Schulen für die Kinder und von Erwachsenen in Eigenregie, wie ein Nutzschwein auf höchstem Niveau ausgeschlachtet werden. So bald kommt die Gelegenheit für geistige Festmahle nimmer. Der ORF und manche deutsche Sender haben dies begriffen und verdienen für ihre Schiller-Verwertung Lob. Die Festplatte meines Videorecorders ist randvoll mit kostbaren Dokus, Biografien, Spielfilmen und Diskussionen. Ein nachgereichtes Special des toten „Literarischen Quartetts“ ist als extra amüsant in Erinnerung. Befeuert durch die in der persönlichen Nähe zur Französischen Revolution gewonnenen Erkenntnisse Schillers, dass Freiheit ihre Tücken habe und die Revolutionäre oft jenen gleichen, die sie bekämpfen, war der Kulturkritiker Hellmuth Karasek nahe daran, die Inquisition als äußerst vernünftig hinzustellen, kriegte aber grad noch die Kurve.

Im Schiller-Jahr extra auffällig: Rüdiger Safranski, Peter Sloterdijks Co-Dramaturg im „Philosophischen Quartett“. Seine Biografie „Friedrich Schiller oder Die Erfindung des Deutschen Idealismus“ (Hanser, München 2004, 26,70 Euro) ist Pflichtlektüre. Da sich Schillers Bildhauerei an der Sprache nicht nur gereimt (wie ihn die meisten kennen) erweist, auch in Prosa, werden fortgeschrittene Verehrer des Dichters auch die Abhandlung „Geschichte des Abfalls der vereinigten Niederlande von der Spanischen Regierung“ suchen, über die Jacob Burkhardt sagte: „So gut ist von Historikern noch nie geschrieben worden.“ Das Schiller-Jahr wird uns weiter tragen, als uns das Mozart-Jahr zurückwerfen wird.