Oben wird die Luft dümmer

Prominenz. Der diesjährige Opernball-Stargast heißt Paris Hilton, ist 25 Jahre alt, die meistfotografierte Frau der Gegenwart und berühmter als der Papst, Bill Clinton und die Rolling Stones zusammen. Fragt sich bloß: warum eigentlich?

Man hat Jeannine Schiller auch schon enthusiastischer erlebt. „Ich bin, ehrlich gesagt, nicht erpicht darauf, Frau Hilton kennen zu lernen“, reagierte die Gesellschaftsdame etwas patzig, als bekannt wurde, dass Richard Lugner die illustre Hotelierstochter als Stargast für den diesjährigen Opernball gebucht hat. Dabei besteht eigentlich kein Grund zur Sorge: Schiller wird Paris Hilton ohnehin nicht kennen lernen. Niemand lernt Paris Hilton kennen. Denn Paris Hilton ist ungreifbar – und gleichzeitig auch nicht mehr loszuwerden.

Seit knapp drei Jahren – ihr kometengleicher Aufstieg begann mit einem (offiziell) unfreiwilligen Auftritt in einem unscharfen Amateur-Sexvideo, gedreht und vertrieben von ihrem damaligen Freund – zählt Paris Whitney Hilton, geboren am 17. Februar 1981, Spross der gleichnamigen Hotelketten-Dynastie, zu den bekanntesten Frauen der Welt. Eine der meistfotografierten war sie schon davor: Unzählige Premierenpartys, Schiffstaufen, Vernissagen und PR-Termine liegen hinter ihr, und stets hat sie nur einen – allerdings fotogenen – Blick parat: die Augen auf Halbmast, die Mundwinkel spöttisch hochgezogen. Die Botschaft ist klar: „Mir ist egal, wie ihr mich findet. Ich finde mich selber nämlich ziemlich großartig.“ Selbst Peinlichkeiten wie der slipfreie Discobesuch mit Britney Spears perlen an diesem Lächeln ab. Unbeirrt gibt Paris Hilton die Dorfschönheit im Global Village, und sie reüssiert in dieser Rolle wie niemand vor ihr: Im stets verlässlichen Google-Berühmtheitsbarometer hält sie aktuell bei 36 Millionen Treffern, deutlich vor Britney Spears (21,3 Millionen), Bill Clinton (15,6 Millionen) oder den Rolling Stones (6,3 Millionen). Papst Benedikt XVI. bringt es gar nur auf 1,8 Millionen Treffer.

Stallgeruch. Der eigenen Familientradition wird sie damit nur gerecht. Schon ihr Urgroßvater Conrad, Sohn eines Ladenbesitzers aus New Mexico und als Hotelier zum Selfmade-Millionär aufgestiegen, avancierte in den dreißiger Jahren zum berüchtigten Adabei. Den Stallgeruch des Emporkömmlings wurde er jedoch, trotz Traumhochzeit mit Zsa Zsa Gabor 1942, nie wirklich los. Auch seinem Sohn, Conrad Jr., verhalf 1950 eine (kurze) Ehe mit einer damals blutjungen Filmschauspielerin namens Elizabeth Taylor nicht zum erhofften gesellschaftlichen Profil. Erst Paris’ Mutter Kathy, in den sechziger Jahren selbst TV-Kinderstar, gelang es, den Makel einer Nouvelle Riche zu überwinden. Sie war es auch, die in den späten neunziger Jahren ihre damals noch jugendlichen Töchter Paris und Nicky in den Promi-Partyzirkus einführte. Diese wurden dank ihrer offen ausgelebten Exzentrik schnell zur Fixgröße in den New Yorker Klatschblättern – eine unter hunderten Fixgrößen wohlgemerkt, von der man annahm, dass sie nach den von Großmeister Warhol diktierten fünfzehn Minuten Ruhm durch die nächste abgelöst werden würde. Falscher kann man nicht liegen. Denn Paris Hilton nahm die Sache ernst. Richtig ernst.
Auf die wenig originelle Feststellung, dass sie nun wohl ausgesprochen berühmt sei, antwortete Paris Hilton dem britischen Starjournalisten Piers Morgan im Vorjahr: „Ja, aber das ist mein Job.“ Ein Job, den sie mit großem Ehrgeiz und beispielhafter Professionalität betreibt – und von dem sich auch gut leben lässt: Pro Jahr verdient Hilton mit Party-Antrittsgeldern, Werbeverträgen und einem Produktportfolio, das Parfums, Nachtklubs, Juwelen, Bücher, eine CD sowie diverse Handtaschenkollektionen umfasst, zweistellige Dollarmillionenbeträge. Das Geschäftsmodell „Berühmtsein“ funktioniert bestens.
Und zwar für alle Beteiligten. Auch Richard Lugner lädt Hilton nicht nach Wien ein, weil er so gern mit amerikanischen Hotelkettenerbinnen tanzt. Ganz zu schweigen von dem Ischgler Hotelier Günther Aloys, der den Hilton’schen Opernballbesuch kofinanziert und das notorische It-Girl als Werbeträgerin unter Vertrag hat (was zuletzt für einigen Aufruhr unter alteingesessenen Opernball-sponsoren führte). Selbst der Wiener Szenegastronom Bernd Schlacher, ansonsten über das Lugner-Universum weitgehend erhaben, wird am dieswöchigen Paris-Spektakel teilhaben: Läuft alles nach Plan („schriftliche Bestätigung haben wir aber noch keine“), wird die Hotelerbin den Vorabend zum Opernball in seinem Lokal „Motto“ begehen. Dessen Bekanntheitsgrad wird das wohl nicht verringern.

Schließlich ist Paris Hilton eine wandelnde Win-win-Situation, angetrieben von der medialen Gier nach Meldungen, egal welcher Art. Maureen Orth, Autorin und Korrespondentin des US-Hochglanzmagazins „Vanity Fair“, nennt die Society-Medienmaschinerie gar „ein hungriges Monster, das ständig gefüttert werden will“. Und Paris Hilton, die für Orth „wie eine Comicfigur“ funktioniert, hat der Welt bewiesen, wie einfach es ist, sich diesem Monster als ständig verfügbarer Appetithappen zu stellen.
Nun ist Ischgl nicht Aspen und die Lugner City nicht das Waldorf-Astoria – trotzdem erscheinen Aussagen der Art, Paris Hiltons Stern sei im Sinken begriffen, unzulässig verfrüht. Paris Hilton ist keineswegs allein dafür berühmt, berühmt zu sein. Sie ist vielmehr berühmt dafür, auf völlig paradoxe, weil unverständliche Weise berühmt zu sein, und zwar schon unbegreiflich lange Zeit. In gewisser Weise ist es Paris Hilton gelungen, das Funktionsprinzip der Discokugel zu inkarnieren: Ihre Glitzerpracht entfaltet sie erst, wenn ein Scheinwerfer auf sie gerichtet wird – dann aber umso eindrücklicher.

Gehirnamputiert. Paradoxerweise hat ausgerechnet Paris Hilton dem Promi-Betrieb eine längst verloren geglaubte Qualität zurückgegeben: die Aura des Superstars, jenen nicht zu greifenden Mehrwert, der die Entrückten von den Gewöhnlichen unterscheidet. Hiltons Ungreifbarkeit gründet jedoch ausschließlich darauf, dass da nichts ist, was greifbar sein könnte. Damit löst Hilton ein Diktum ein, das Warren Beatty, ein Hollywoodstar der alten Schule, 1991 auf Madonna münzte: Diese existiere ohnehin nur, wenn eine Kamera dabei sei.

Eine Kamera war auch dabei, als Hilton im Jahr 2000 in einer Suite des Bellagio Hotels in Las Vegas den Grundstein für ihren späteren Erfolg legte. Der private Sexfilm, der an diesem Tag entstand und von seinem Regisseur und zweiten Hauptdarsteller Rick Salomon poetisch „1 Night in Paris“ getauft wurde, fand im November 2003 den Weg ins Internet. Was dem interessierten Publikum zwei Einsichten bescherte: Paris Hilton geht tatsächlich jederzeit ans Telefon, und sie liebt die Kamera mehr als alles andere. Der Protagonistin selbst wiederum bescherte der Softporno jene globale Bekanntheit, von der sie bis heute zehrt. „Wenn sie sich nicht derart entblößt hätte, wären die Menschen mit Sicherheit nicht so interessiert an ihr“, glaubt auch die „Vanity Fair“-Reporterin Maureen Orth. „Dann wäre sie tatsächlich nur ein blondes Partygirl unter vielen.“

Praktischerweise fiel die Veröffentlichung von „1 Night in Paris“ mit dem Start der Reality-Serie „The Simple Life“ zusammen, für die Hilton gemeinsam mit ihrer wesensverwandten damaligen Busenfreundin Nicole Richie aufs Land zog und dort mit großer Verve die Rolle der gehirnamputierten Millionärstochter spielte. Seither fragt sich die Welt: Wie dumm ist Paris Hilton wirklich? Dazu kursieren zwei Lehrmeinungen: Eine besagt, dass die Dummheit in Hiltons Fall ihr größtes anzunehmendes Ausmaß erreicht habe; die andere, dass das It-Girl marketingstrategisch ausgesprochen geschickt agiere – klug genug jedenfalls, um sich zum fraglichen Verdacht nicht weiter zu äußern.

Aurazerstörung. Überhaupt äußert sich Paris Hilton sehr ungern. Im Kontakt mit Journalisten beschränkt sich ihr Wortschatz vornehmlich auf ein simples „That’s hot!“, doch auch tiefer schürfende Interviews geraten gern zu recht einsilbigen Übungen. Offenbar hält Hilton es mit Josef von Sternberg. Zum Thema Starkult formulierte der Regisseur und „Erfinder“ Marlene Dietrichs eine bis heute gültige Definition: „Stars sind das Gegenteil von Vogelscheuchen. Schönheit ist das einfachste Mittel, um Leute anzulocken. Dann sollten Stars nach Möglichkeit den Mund halten, um ihre Aura nicht zu zerstören.“
Inzwischen wird sogar schon auf wissenschaftlichem Weg versucht, das Paradox Paris zu entschlüsseln. So vermutet der Anthropologieprofessor Francisco Gil-White von der University of Pennsylvania einen evolutionär bedingten psychologischen Mechanismus, der den Menschen glauben macht, es sei vernünftig, andere Menschen zu bewundern, die ein Übermaß an Aufmerksamkeit genießen. Ein recht primitiver Mechanismus, so es ihn tatsächlich geben sollte: Gegenüber den Gründen für die Aufmerksamkeit scheint er jedenfalls indifferent zu sein.
Eines muss man Paris Hilton allerdings zugute halten: Sie hat der Diskussion um die postfeministische Lage der modernen Frau genügend Zündstoff gegeben, wenn auch vermutlich unfreiwillig. Im profil-Interview beklagte Alice Schwarzer einst: „Der Punkt ist ja, dass Erfolg und Macht Männer schmücken, Frauen sich aber dafür entschuldigen müssen.“ Paris Hilton hingegen, deren Erfolg und (finanzielle) Unabhängigkeit außer Frage stehen, denkt nicht daran, sich für ihren Erfolg zu entschuldigen oder gar zu schämen. Er steht ihr ganz selbstverständlich zu, so einfach sieht sie das. Zugleich aber kokettiert sie mit den ältesten und plumpsten Tussi-Klischees – und zwar bis zu jenem Punkt, an dem die Koketterie zur Wirklichkeit zu werden droht.
Andererseits: Ist Paris Hilton auf das Wohlwollen von Alice Schwarzer angewiesen? Eher nicht. Ihre Kernzielgruppe fasst sie nämlich eine gehörige Spur weiter: „Alle, die Spaß haben wollen und cool sind. Alle ab drei Jahren. Und auch ab 80.“ Und schon wieder ein Paradox: Wenn diese Aussage nicht besonders smart ist, dann kann sie nur besonders dumm sein.

Sebastian Hofer