Spielschulden

Europas beste Kicker kämpfen in Polen und der Ukraine um den EM-Titel. Ihre Vereine zu Hause wissen oft nicht einmal, wie sie die nächste Saison bezahlen ­sollen. Spitzenfußball ist zu einem finanziellen Glücksspiel geworden. Nur Scheichs und Oligarchen fühlen sich dabei noch richtig wohl.

12,5 Millionen Euro: Das ist sogar im Fußball viel Geld. Einige österreichische Bundesligavereine wären froh, wenn sie in einem ganzen Jahr so viel ausgeben könnten. Exakt diese Summe hat Grigori Surkis, Präsident des ukrainischen Fußballverbands, seinen Spielern in Aussicht gestellt. Allerdings gibt es einen kleinen Haken: Um in den Genuss dieses fetten Bonus zu kommen, muss die ukrainische Auswahl nicht nur Europameister werden, sondern jedes Spiel bei der EM gewinnen.
Grigori Surkis wird wohl nicht bei seinem Bankberater vorstellig werden müssen. Schon ein einziger Sieg der Ukraine in der Vorrunde gälte als Überraschung, über den Titel müssen die Gastgeber der UEFA EURO 2012 nicht einmal nachdenken. Die 12,5 Millionen existieren also nur in den Tagträumen des Präsidenten, der sich vermutlich gern vorstellt, wie es wäre, eine etwas erfolgreichere Truppe anzuführen.

Fußball macht nun einmal leichtsinnig. Nicht nur die Fans auf den Rängen neigen dazu, wegen eines schönen Tors, einer exakt platzierten Flanke oder eines besonders geschickten Dribblings die Realität vorübergehend auszublenden.

Drei Wochen lang kann der Zauber dieses Sports nun wieder seine Wirkung entfalten. Seit Freitag wird in Polen und der Ukraine um die Krone im europäischen Fußball gekämpft. 16 Teams treffen aufein­ander – und Millionen von Menschen werden über Defensivstrategien diskutieren, Mannschaftsaufstellungen erörtern und sich über die Heldentaten wildfremder junger Männer genauso freuen, als hätten sie selbst etwas geleistet. Kein anderer Sport erzeugt so viel Begeisterung – zumindest in Europa. In dieser Hinsicht ist der Fußball konkurrenzlos.

Doch ausgerechnet Michel Platini, einst selbst Weltklassekicker und seit 2007 Präsident des europäischen Fußballverbands UEFA, erwies sich jüngst als Spaßbremse. „Der Fußball ist in großer Gefahr“, erklärte Platini in einem Interview. „Wenn in den ersten Ligen Europas im Jahr 2010 insgesamt 1,6 Milliarden Euro Schulden gemacht wurden, hat der Fußball ein großes Problem. Vereine werden pleitegehen.“

Tatsächlich kann die Qualität der Buchführung mit der Perfektion auf dem Rasen sehr oft nicht mithalten. Die besten Fußballer Europas spielen teilweise in Vereinen, die kaum wissen, wie sie die nächste Saison finanzieren sollen – oder gar den Schuldenberg abtragen, der sich in den vergangenen Jahren angehäuft hat. Das internationale Fußballbusiness steht finanziell derzeit nicht viel besser da als die leidgeprüfte Eurozone. Besonders tief im Sumpf stecken die Spanier, die Engländer und die Italiener. „Der europäische Klubfußball lebt über seine Verhältnisse“, sagt Stefan Ludwig, Autor des „Annual Review of Football Finance“ des Prüfungs- und Beratungsunternehmens Deloitte.

Ein Grund für die Misere liegt in den Spielergehältern und Transfersummen. Die Preise für Top-Kicker erreichten in den vergangenen Jahren absurde Dimensionen. Die zehn teuersten Spieler dieser Europameisterschaft bringen es gemeinsam auf einen Marktwert von über einer halben Milliarde Euro. Mit Abstand am teuersten war der Portugiese Cristiano Ronaldo, Goalgetter beim spanischen Meister Real Madrid. Um die Transfersumme von 94 Millionen Euro zu bezahlen, musste der Verein vor drei Jahren einen Kredit aufnehmen. Auch schon egal, werden sich die Real-Verantwortlichen gedacht haben. Bei kolportierten Verbindlichkeiten von mehr als 500 Millionen Euro fällt der Ronaldo-Deal ja wirklich kaum mehr ins Gewicht.
Der spanische Profifußball ächzt laut Experten unter Gesamtschulden von rund 3,5 Milliarden Euro, fast ein Drittel davon entfällt auf die beiden Topklubs Real Madrid und FC Barcelona. Allein die Steuerschulden beim Staat dürften sich auf eine Dreiviertelmilliarde Eu­ro belaufen. In den vergangenen Jahren mussten nicht weniger als 21 Klubs der ersten und zweiten Liga Insolvenz anmelden. Laut der Sportzeitung „ABC“ warten 300 Profis derzeit auf ihre Gehälter. David Aganzo, Stürmer bei Rayo Vallecano, erzählte dem Blatt vom harten Alltag eines spa­nischen Spitzenkickers: „Einige Spieler mussten ihre Autos verkaufen, um über die Runden zu kommen. Andere haben kein Geld für Benzin.“

Da tröstet es vermutlich ein wenig, dass die Kollegen in Italien noch größere Probleme am Hals haben. Der Schuldenberg der Serie A ist mit etwas über zwei Milliarden Euro zwar kleiner, dafür ist der Ruf komplett ruiniert. Nur wenige Tage vor Beginn der Europameisterschaft erhielt die Squadra azzurra am Pfingstmontag unangemeldet Besuch im Trainingslager. Was schon prinzipiell unangenehm ist, wenn man sich in Ruhe auf ein wichtiges Turnier vorbereiten will, erwies sich als handfester Kriminalfall: Carabinieri durchsuchten unter anderem das Zimmer des Teamverteidigers Domenico Criscito, gegen den ein Ermittlungsverfahren wegen Sportbetrugs eingeleitet worden war. Bei zeitgleichen Razzien in Italien wurden 19 Personen festgenommen, darunter auch Lazio-Rom-Kapitän Stefano Mauri sowie fünf Mitglieder eines Wettrings aus Singapur, der in den vergangenen Jahren zahlreiche Partien der italienischen Liga manipuliert haben soll.

Insgesamt wurden in der Causa seit dem Vorjahr bereits 30 Personen verhaftet. Der Kapitän der Nationalmannschaft, Torhüter Gianluigi Buffon, hatte die Razzia im Teamtrainingslager in einer ersten Reaktion zwar scharf kritisiert („Das ist eine Schande“), zugleich aber zugeben müssen, dass der aktuelle Wettskandal die „Calciopoli“-Affäre von 2006 noch in den Schatten stellt: „Heute ist der ganze Fußball betroffen, damals waren es nur einige Klubs.“ Wohl wahr: Parallel zum Wett­skandal ermittelt die Staatsanwaltschaft Piacenza derzeit gegen 21 Fußballmanager wegen Steuerhinterziehung im Zusammenhang mit Spielertransfers. Unter den Beschuldigten ist übrigens auch Alessandro Moggi, der Sohn des ehemaligen Juventus-Sportdirektors und „Calcio­poli“-Haupttäters Luciano Moggi. Juve-Torhüter Buffon wiederum schlitterte schon kurz nach den Razzien vom Pfingstmontag selbst in die Wettaffäre, als bekannt wurde, dass er zwischen Jänner und September 2010 insgesamt 1,6 Millionen Euro an ein Wettbüro in Parma überwiesen hatte. Für Immobiliengeschäfte, sagt Buffon, und teure Uhren. Und außerdem: „Was ich mit meinem Geld mache, geht nur mich etwas an.“ Mit dieser Ansicht ist er in der Branche definitiv nicht allein.

Bei den Kollegen in England ermittelt zwar nicht der Staatsanwalt, möglicherweise aber bald der Konkursrichter. Die Klubs der englischen Premier League sind die Schuldenkaiser des europäischen Vereinsfußballs; sie stehen mit ingesamt 3,9 Milliarden Euro in der Kreide – und das, obwohl die englische Liga allein für Fernsehrechte 1,3 Milliarden Euro im Jahr kassiert und auch sportlich zuletzt sehr erfolgreich war. Jahrelange Misswirtschaft und das allgemeine Wettrüsten an den Transferbörsen haben Spuren hinterlassen. Letztlich verzerre dieses Verhalten den Markt für alle Teilnehmer, meinte vor Kurzem Karl-Heinz Rummenigge, Vorstandsvorsitzender des FC Bayern München. „Der Fußball braucht Waffengleichheit. Es kann nicht sein, dass 63 Prozent der europäischen Profi­klubs Verluste schreiben. Zeigen Sie mir einen Wirtschaftszweig, der so überleben kann.“

Bayern beweist, dass es auch anders geht. Seit 13 Jahren erwirtschaftet der Verein Gewinne – obwohl beim Spielerkader keineswegs gespart wird. Franck Ribéry, Arjen Robben, Bastian Schweinsteiger und Mario Gomez gehören zu den teuersten Kickern Europas. Im Unterschied zu vielen anderen Vereinsmanagern hat die Bayern-Führung allerdings die Grundrechnungsarten nicht verlernt. „Ein guter Kaufmann rechnet mit seinen Basiserlösen und wettet nicht auf eine sportliche Entwicklung“, sagt Stefan Ludwig von Deloitte. Mit anderen Worten: Ehe man weiß, ob man in der Champions League überhaupt mitspielen darf, sollte man die voraussichtlichen Einnahmen daraus nicht verplempern. Ludwig geht vor allem mit den Italienern hart ins Gericht: Die Vereine hätten sich über Jahre nur auf die hohen Einnahmen aus der Verwertung der TV-Rechte verlassen und andere Geldquellen vernachlässigt. „Alle 20 Vereine der Serie A verdienen pro Jahr nur 200 Millionen Euro durch Sponsoring. In der deutschen Bundesliga lukrieren die Klubs 500 Millionen.“

Es sind nicht allein die kostbaren Kickerbeine, die den Fußball ins ökonomische Chaos stürzten. Ein Superstar kann sich durchaus rechnen – wenn es der richtige ist. Der Argentinier Lionel Messi etwa verdient pro Jahr 33 Millionen Euro, ist aber jeden Cent wert. An einem guten Tag kann der Stürmer des FC Barcelona im Alleingang ein Match entscheiden.
Gefährlich wird es allerdings, wenn Vereinsbosse nur mit dem Ziel shoppen gehen, die eigene (Finanz-)Potenz zu beweisen. So geschehen beispielsweise in der englischen Premier League vor eineinhalb Jahren: Erst kaufte der FC Chelsea um die ungeheure Summe von 59 Millionen Euro Liverpools Stürmer Fernando Torres. Dann holte sich Liverpool als Ersatz um 41 Millionen den Newcomer Andy Carroll. Beide Herren verbrachten seither die meiste Zeit auf der Ersatzbank, keinem von ihnen gelang es, die hohen Erwartungen zu erfüllen. Zumindest bei Carroll hätte der Verein gewarnt sein können: Als sein Transfer über die Bühne ging, war der junge Mann gerade verletzt. Er laborierte an einer Oberschenkelblessur, die er sich zugezogen hatte, als er bei einem Barbesuch vom Hocker fiel.
Torres steht nun im Kader der spanischen Nationalmannschaft, Carroll im Kader der Engländer. Vielleicht ist die EURO für beide ein Anlass, doch noch zu zeigen, dass sie ihr Geld wert sind.

Wo die Regeln der Betriebswirtschaft buchstäblich mit Füßen getreten werden, schlägt die Stunde von Geschäftsleuten, die erst gar nicht rechnen müssen. Immer mehr Spitzenvereine werden von Oligarchen, Scheichs oder anderen Milliardären übernommen, die sich mit dem Fußball einen Kindertraum erfüllen wollen. Roman Abramowitsch etwa, einer der reichsten Männer Russlands, hat dem Vernehmen nach bisher eine Milliarde Euro in den FC Chelsea gesteckt. Rein sportlich betrachtet, zahlte sich das Investment aus: Chelsea gewann heuer die Champions League. Auch der englische Verein Manchester City wird von einem großzügigen Gönner unterstützt. Seit 2008 ist Scheich Mansour bin Zayed Al Nahyan aus Abu Dhabi der unumschränkte Zahlmeister in Manchester. Nach einer Investition von insgesamt 800 Millionen Euro gewann der Klub dieses Jahr die Premier League.

Dem europäischen Fußballverband UEFA gefallen weder die Schulden-
orgien noch die mit Oligarchengeld eingekauften Erfolge. Deshalb beschloss Michel Platinis Denkfabrik ein neues Lizenzierungsverfahren, das so genannte „Financial Fair Play“, das kommendes Jahr in Kraft treten soll. Über drei Jahre hinweg müssen die Vereine ausgeglichen bilanzieren, um eine Spielberechtigung für die europäischen Bewerbe zu bekommen. Anfangs gibt es noch großzügige Übergangsregeln, doch ab 2018 soll nur noch ein Minus von fünf Millionen Euro erlaubt sein. Aber wird die UEFA allen Ernstes Zugpferde wie den FC Chelsea (Vorjahresverlust: 81,1 Millionen Euro) oder Manchester City (227,1 Millionen Euro) von der Champions League ausschließen? UEFA-Generalsekretär Gianni Infantino ist überzeugt, dass es so weit gar nicht kommen wird: „Selbst Klubvertreter sagten uns: ‚Zwingt uns zur Vernunft, zwingt uns, weniger Geld auszugeben.‘ Bis jetzt hatten wir keine Regeln. Es baute sich eine Spirale auf: ‚Wenn du Messi hast, muss ich Ronaldo haben. Weil ich muss größer werden als du und zwar auf jedem Niveau.‘“

Auf österreichischem Niveau wird das neue Lizenzierungsverfahren, wenn überhaupt, nur Meister Red Bull Salzburg betreffen, wo Hauptfinanzier Dietrich Mateschitz des Öfteren mit Barem aushelfen muss. Heinz Hochhauser, ehemaliger Sportdirektor in Salzburg, hofft dennoch, dass die neuen Regeln Erfolg haben werden. „Wenn ich mir anschaue, wie da bei einigen Vereinen gewirtschaftet wird, ist das einfach verrückt.“ Allerdings stellt Hochhauser in manchen Ländern bereits einen gegenteiligen Trend fest. „Man spürt schon, dass vielen langsam das Geld ausgeht und sie auch keinen Kredit mehr bekommen.“

Die UEFA ist insofern ein guter Zuchtmeister, als der Verband sehr gut weiß, wie man mit der Ware Fußball profitabel wirtschaftet. Allerdings sind die Methoden der Herren aus Nyon in der Schweiz nicht jedermanns Sache – das zeigt sich auch jetzt wieder bei der EM. In finanziellen und organisatorischen Angelegenheiten überlässt der europäische Fußballverband (ganz wie die Dachorganisation FIFA) nichts dem Zufall. Geschäftspartner werden geknebelt, die Konkurrenz wird gleich ganz ausgesperrt. „Das strenge Reglement bei Groß­ereignissen ist notwendig“, erklärt ­Thomas Partl, Vorsitzender der Kontroll- und Disziplinarkammer der UEFA und einziger Österreicher im Spitzenmanagement des Verbands.

„Immerhin zahlen die Sponsoren eine Menge Geld und wollen dafür Exklusivität. Würden wir nicht reglementieren, wäre das Ergebnis totales Chaos.“ Und auch lange nicht so rentabel: Polen etwa musste sich schon bei der Bewerbung zur EURO-Ausrichtung dazu verpflichten, auf eine Besteuerung der UEFA-Prämienzahlungen an die Teilnehmer zu verzichten – kein kleines Opfer bei einer Gesamtausschüttung von 196 Millionen Euro.
Dabei ist die Europameisterschaft ohnehin ein Bombengeschäft für den Verband. Aus Medien- und Sponsorengeldern, Eintrittskarten, Fernsehrechten und sonstigen Erlösen erwartet die UEFA Einnahmen von 1,3 Milliarden Euro und einen Gewinn von 700 Millionen Euro. Beim Geldscheffeln kennt der Verband kein Pardon, wie ein Blick in die EM-Statuten lehrt: „Die UEFA alleine besitzt die kommerziellen Rechte an der Endrunde und darf diese verwerten. (...) Die UEFA übt ihr Recht der Verwertung der kommerziellen Rechte in eigenem Ermessen und universell aus.“ Selbst die Produktion von Trainings- und Lehrvideos für die Turniermannschaften unterliegt strengster Kontrolle: „Den an der Endrunde teilnehmenden Verbänden kann die Erlaubnis erteilt werden, Lehrfilme zu produzieren. (...) Die Produktion solcher Lehrfilme unterliegt der schriftlichen Genehmigung der UEFA-Administration.“

Immerhin beweisen die Funktionäre einen Hauch von Humor. Im Vorwort zum Finanzbericht 2010/2011 heißt es unter anderem: „Das Lied ‚Money Can’t Buy Me Love‘ könnte in das Leitbild der UEFA aufgenommen werden.“
Für die notleidenden Vereine bietet sich ein anderer Beatles-Song an: „Help!“