Teamchef Marcel Koller über die WM-Qualifikation

Marcel Koller, Trainer der österreichischen Fußballnationalmannschaft, über die Experimente seiner Vorgänger und unzulässige Vergleiche mit den Deutschen.

Interview: Rosemarie Schwaiger

profil: Zuletzt gab es international einige wirklich großartige Fußballspiele zu sehen, zum Beispiel in der Champions League und in der deutschen Bundesliga. Welche Mannschaft hat Sie am meisten beeindruckt?
Koller: Borussia Dortmund.

profil: Sie haben noch das deutsche Cupfinale vor Augen.
Koller: Ja, aber auch die Spiele davor. Die erste Begegnung in der Bundesliga haben sie klar gewonnen, dann sind sie in ein Loch gerutscht. Ich war nicht sicher, ob sie das wieder hinkriegen, und fand es sehr beeindruckend, wie sie zurückgekommen sind.

profil: Was ist das Besondere an dieser Mannschaft?
Koller: Die jungen Spieler sind schnell, technisch gut und stellen sich voll in den Dienst der Mannschaft. Sie spielen euphorischen Fußball, aber eben nicht nur nach vorn, sondern auch nach hinten. Das ist das Entscheidende.

profil: Was können andere Trainer von Jürgen Klopp lernen?
Koller: Von außen ist das schwierig zu sagen. So etwas muss sich entwickeln. Du brauchst die Spieler, du brauchst die finanziellen Möglichkeiten. Allein Robert Lewandowski hat viereinhalb Millionen Euro gekostet. Klopp ist natürlich auch der Typ, der Begeisterung wecken kann. Und er kritisiert seine Spieler nicht, er unterstützt sie immer. Das ist heutzutage wichtig, da hat sich viel geändert.

profil: Inwiefern?
Koller: Früher hat der Trainer etwas gesagt, und du bist als Spieler durch die Wand gerannt, wenn es sein musste. Ich hab diese Zeit erlebt. Du hast damals nicht hinterfragt oder diskutiert, was der Trainer gesagt hat. Du hast es einfach gemacht. Heute fragt der Spieler: „Warum soll ich jetzt durch die Wand rennen?“

profil: Das Nationalteam spielt am 1. Juni gegen EM-Gastgeber Ukraine – eine Woche vor Beginn der EURO. Vermutlich wollen die ukrainischen Teamspieler derzeit nur eines: sich vor Beginn der EURO nur ja keine Verletzung mehr einhandeln. Welchen Sinn hat ein solches Freundschaftsspiel?
Koller: Für die Ukraine ist das der letzte Test. Die haben einen Kader von 23 Mann, und jeder will bei der EURO spielen. Ich erwarte daher, dass sie Vollgas geben und hoch konzentriert sind. Es kann aber schon sein, dass sie versuchen, besonders kniffligen Situationen auszuweichen. Für uns ist das Trainingslager mit den zwei Freundschaftsspielen wichtig, weil wir endlich einmal die Möglichkeit haben, für einen längeren Zeitraum zusammenzuarbeiten.

profil: Wie muss das Spiel laufen, damit Sie zufrieden sind?
Koller: Es ist wichtig, dass wir unseren Weg weitergehen. Man soll sehen, dass umgesetzt wird, was wir im Training üben. Dass wir defensiv konsequenter arbeiten, und zwar nicht nur die Verteidiger, sondern das ganze Team. Und dass wir in der Offensive auch das vertikale Spiel forcieren und Tore schießen.

profil: Sie sind etwa sechs Monate im Amt und hatten die Spieler in dieser Zeit nur für insgesamt acht Tage. Was kann man da als Trainer überhaupt bewirken?
Koller: Das ist ein Problem für den Teamtrainer. Im Prinzip können wir den Spielern nur mitteilen, wie wir es gern hätten, und hoffen, dass sie es umsetzen.

profil: Was machen Sie in der Zeit zwischen den Matches? Von außen sieht Ihre Arbeit ehrlich gesagt nach einem Teilzeitjob aus.
Koller: Das habe ich auch immer gedacht, als ich noch Clubtrainer war. Dabei bleibt fast zu wenig Zeit. Es gibt immer wieder Besprechungen mit dem ÖFB-Trainerteam, es gibt Lehrgänge und Pressetermine. Ich bin unterwegs, um mit Spielern und Trainern zu sprechen. Ich schaue mir Spiele an, im Stadion und auf Video. Dazu kommt dann noch die Büroarbeit. Wenn es möglich ist, besuche ich auch die Akademien.

profil: Ist der Job so, wie Sie ihn sich vorgestellt haben?
Koller: Er ist anders. Es braucht Zeit, sich einzuarbeiten, weil du ein Trainer ohne Team bist. Ich bin eigentlich keiner, der im Büro sitzt und dort Strategien ausarbeitet. Ich bin gern auf dem Platz, und ich brauche die Arbeit dort. Das fehlt natürlich. Aber mittlerweile habe ich mich dar­an gewöhnt. Jetzt geht es dann auch wieder los. Das lange Warten war schwierig.

profil: Bei TV-Übertragungen aus der österreichischen Bundesliga sah man Sie häufig auf der Tribüne sitzen. Manchmal wirkten Sie, als würden Sie sich gerade fragen: Was tu ich da?
Koller: Also, das ist von Ihnen hineininterpretiert. Es kann höchstens sein, dass mir manchmal ein bisschen kalt war.

profil: Außerdem bot die österreichische Bundesliga oft Fußball zum Abgewöhnen. Warum ist das Niveau gesunken?
Koller: Ich bin zu kurz da, um das aus langfristiger Sicht zu beurteilen. Aber viele gute österreichische Spieler werden frühzeitig verkauft. Für die Vereine ist das schwierig. Wenn einer in der Liga auffällt, ist er meistens ein halbes Jahr später schon weg. Solche Spieler zu ersetzen kostet Geld. Wenn du heute einen Stürmer suchst, der 15 Tore in der Saison macht, musst du zwei, drei, vier Millionen Euro hinlegen. Welcher Verein hat das? Salzburg vielleicht. Wir Menschen neigen dazu, Dinge miteinander zu vergleichen. Aber man kann etwa die deutsche Bundesliga einfach nicht mit der österreichischen vergleichen, die Voraussetzungen sind völlig anders.

profil: Jahrelang hatte der österreichische Fußball das gegenteilige Problem. Es gab kaum Kicker, die im Ausland spielten, und das war auch immer die Begründung, warum die Nationalmann­schaft nichts erreichte. Jetzt gibt es viele gute Legionäre. Warum ändert sich trotzdem nichts?
Koller: Weil die meisten Legionäre in ihren Vereinen ja erst in den letzten ein bis zwei Saisonen regelmäßig spielen. Man kann nicht mit dem Finger schnippen, undschon wird alles besser. Das muss sich konsolidieren, das braucht Zeit. Und so groß ist die Auswahl an Legionären auch nicht. Wenn Pogatetz, Harnik und Fuchs so wie jetzt verletzt sind, haben wir nicht noch zwei oder drei andere, die bei Bayern oder Hannover regelmäßig spielen. Die ganz große Auswahl gibt es noch nicht.

profil: In den letzten paar Matches zeigte sich, dass Österreich zwar ein paar gute Einzelspieler hat, aber als Team noch nicht funktioniert. Einer weiß oft nicht, was der andere will.
Koller: Wir sind schon ein Team, aber wir sind noch nicht so erfolgreich, dass das alle bemerken.

profil: Ihre Vorgänger haben teilweise wild herumexperimentiert. Dietmar Constantini zum Beispiel beschäftigte in 23 Partien 47 Spieler, noch schlimmer trieb es ein paar Jahre davor Hans Krankl. Wird das so weitergehen?
Koller: Constantini musste ja den Umbruch einleiten. Wenn du auf Junge setzt, bist du natürlich am Suchen und am Probieren. Wir haben jetzt Marcel Sabitzer eingeladen (der 18-Jährige ist Stürmer bei Admira, Anm.), um einmal mit ihm zu arbeiten. Das ist wichtig. Aber ich möchte gerne, dass wir ungefähr 30 Spieler im engeren Kreis haben, um auch für das Publikum einen Wiedererkennungswert zu haben. Ich weiß, dass es schwierig für die Fans ist, wenn jedes Mal zehn Neue dabei sind.

profil: Es ist vermutlich auch für den Trainer schwierig.
Koller: Ja klar. Du musst jedes Mal von vorn anfangen.

profil: Sie haben Andreas Ivanschitz wieder ins Team geholt, der von Constantini jahrelang ignoriert worden war. Wie entscheidend ist letztlich die Frage, wie gut man als Trainer mit jemandem kann?
Koller: Für mich ist zunächst einmal wichtig, wie einer spielt und ob er mit seinen fußballerischen Qualitäten ins Team passt. Und dann müssen wir ­herausfinden, ob es auch menschlich passt. Mit mir kann man grundsätzlich gut auskommen. Aber ich muss nicht mit jedem Friede, Freude, Eierkuchen haben. Wir als Trainer müssen entscheiden, ob einer in die Gruppe passt oder ein Störenfried ist.

profil: Was sagt Ihnen das Datum 22.3.2013?
Koller: Hm, spielen wir da gegen Irland?

profil: Schlimmer.
Koller: Färöer.

profil: Genau. Ich nehme an, Sie kennen die tragische Geschichte zwischen den Färöer-Inseln und Österreich.
Koller: Ich kenne die Ergebnisse. Als ich mich entschieden habe, Teamchef in Österreich zu werden, wusste ich ja schon, welche Qualifikationsgruppe wir haben. Es war mir klar, dass die Medien das wieder aufbauschen werden. Ich habe schon zwei Spiele der Färöer-Inseln angeschaut. Die sind besser geworden, und sie spielen auch nicht mehr mit Zipfelmützen. Aber wir sollten so weit kommen, dass wir nicht mehr auf die anderen schauen müssen. Wenn wir unser Spiel durchziehen, müssten wir so ein Match normalerweise gewinnen. Passieren kann immer etwas, das ist klar.

profil: Wie hoch würden Sie die Chance ansetzen, dass Österreich bei der WM 2014 in Brasilien dabei ist?
Koller: Wir sind klarer Außenseiter. Vor uns in der Gruppe sind Deutschland, Schweden und Irland. Wir sind in dieser Gruppe auf dem vierten Platz, und als Vierter bist du nicht qualifiziert.

profil: Das heißt, für Sie wäre die Qualifikation eine Überraschung?
Koller: Absolut.

profil: Sie wollen Österreich vom derzeit 73. Platz unter die ersten 30 der ­FIFA-Weltrangliste bringen. Josef Hickersberger hatte noch die ersten 15 im Visier. Warum so bescheiden?
Koller: Sogar ein Platz unter den ersten 30 wird in den zwei Jahren, die mein Vertrag läuft, nicht möglich sein. Mit der Rangliste ist es manchmal komisch: Als wir im Februar gegen Finnland gewonnen haben, sind wir nach hinten gerutscht und die Finnen nach vorn.

profil: In Österreich gibt es nach Länderspielen meistens nur zwei Arten von Analysen. Entweder: Wir haben super gespielt und mit viel Pech verloren. Oder seltener: Wir haben schlecht gespielt und mit viel Glück gewonnen. Warum gibt es in diesem Land keine normalen Spiele und keine normalen Resultate?
Koller: Was ist ein normales Spiel?

profil: Eines, in dem der Bessere gewinnt.
Koller: Das gibt es doch auf der ganzen Welt, dass nach einem Match herumanalysiert wird. Da ist Österreich keine Ausnahme, und hauptsächlich liegt das an den Medien. Meine Linie ist, von Spiel zu Spiel zu schauen. Wenn du ein Spiel gewonnen hast, bist du noch nicht qualifiziert. Und wenn du eines verloren hast, bist du noch nicht ausgeschieden.

profil: Der beste Trost für österreichische Fußballfans ist derzeit David Alaba. Durch ihn haben wir das Gefühl, doch irgendwie bei den Großen dabei zu sein. Warum klappt bei Alaba, was bei so vielen jungen Talenten nicht klappt?
Koller: Du brauchst natürlich Talent, aber das reicht heute nicht mehr. Vor allem brauchst du die Verbissenheit und die Disziplin. Gerade in diesem Alter gibt es viele Versuchungen. Du musst dich entscheiden, ob du voll in diesen Beruf gehst und dafür auf viel verzichtest. Oder ob du lieber mit den Freunden herumziehst. Alaba hat früh die Chance bekommen zu spielen. Das macht es leichter, auf alles andere zu verzichten, als wenn einer nur auf der Ersatzbank sitzt und sich denkt: Gut, da kann ich auch einmal bis zwei in der Früh ausgehen.

profil: Es gibt eine Reihe von Politikern, die aus Protest gegen die Menschenrechtsverletzungen nicht zur EM in die Ukraine fahren wollen. Was halten Sie ganz grundsätzlich von dem Versuch, mit Fußball Politik zu machen?
Koller: Das halte ich für schlecht. Klar müssen die Menschenrechte eingehalten werden. Aber das gilt ja nicht nur für die ­Ukraine, sondern auf der ganzen Welt. In dem Fall schaut man nur besonders darauf, weil es die Publicity durch den Fußball gibt. Die Politiker sollten ihren Job machen, und zwar nicht nur, wenn eine EM stattfindet, sondern das ganze Jahr.

profil: Haben Sie sich ein Video vom legendären Cordoba-Spiel angesehen, um zu wissen, wovon genau die Österreicher da heute noch träumen?
Koller: Ich habe das Spiel damals sogar live gesehen. Man hat ja auch nachher immer wieder die Tore gesehen und diesen Torschrei des Reporters gehört.

profil: Gibt es in der Schweiz auch ein Match, das zum Mythos geworden ist?
Koller: Nein, wir sind da nicht so emotional, da wird nichts so hochgepuscht. Es gibt für Fußballer auch keine Sonderrechte. Ich war 25 Jahre bei Grasshopper Zürich, habe mit der Mannschaft sieben Meistertitel und fünf Pokalsiege errungen und 55-mal im Nationalteam gespielt. Trotzdem kriege ich vor dem Stadion zu Hause keinen eigenen Parkplatz.

Foto: Philipp Horak für profil