Öffentlichkeit: Letzte Größe

Der Tod prominenter Politiker der Zweiten Republik brachte in Wien immer zigtausende auf die Beine. Die mediale Omnipräsenz ist relativ jung.

Neujahrstag des Jahres 1951. Radio Wien sendet die aufgezeichnete Rundfunkrede des Bundespräsidenten zum Jahreswechsel ganz so, als wäre nichts gewesen: Karl Renner ist zu diesem Zeitpunkt bereits seit mehr als 34 Stunden tot, doch bekannt wird das erst durch eine Bemerkung, die Wiens Bürgermeister Theodor Körner in seiner später ausgestrahlten Neujahrsrede macht. Fernsehen gibt es in Österreich noch nicht, als mit Renner der erste Nachkriegsbundespräsident verstirbt, die Nachricht verbreitet sich wie das sprichwörtliche Lauffeuer: An Renners einbalsamiertem und offen aufgebahrtem Leichnam ziehen 130.000 Menschen vorbei.

Die bekannte Anteilnahme des Wieners am Sterben Prominenter und an der „schönen Leich“ hat mit der heutigen Medienpräsenz wenig zu tun. Josef Nowak, langjähriger Chefredakteur der Austria Presse Agentur, erinnert sich, wie er als Bub bei Renners Leichenzug unter tausenden am Straßenrand stand: „Es war jeder da, der nur konnte.“ Eine Reportage zitiert eine Frau mit dem Satz: „Ich seh zwar nix, aber ich bin dabei.“ Thomas Chorherr, ehemaliger Chefredakteur der Zeitung „Die Presse“, ruft historische Bilder vom mit Menschen überfüllten Sterbezimmer Maria Theresias ins Gedächtnis. Als Chronist war Chorherr 1957 einer der Ersten „Am Totenbett“ Theodor Körners und beschrieb unter diesem Titel alle jene Details, die heute so nicht mehr zugänglich sind: „Wie schlafend, im gewohnten schwarzen Anzug liegt der Bundespräsident auf dem Sofa eines kleinen Zimmers.“

Vor Thomas Klestil verstarben in der Zweiten Republik vier Bundespräsidenten während ihrer Amtszeit: Nach Renner waren das Theodor Körner 1957, Adolf Schärf 1965 und Franz Jonas 1974. Allen Berichten ist gemeinsam, dass die ersten Männer im Staat nach ihrem Tod als Menschen „entdeckt“ werden und der Abschied mit patriotischen Österreich-Gefühlen aufgeladen wird. Renners Ableben wurde in der „Arbeiter Zeitung“ zum „Lebensbekenntnis für Österreich“: Die Beileidskundgebungen aus allen Ländern, hieß es im Leitartikel, „gelten nicht nur Österreichs großem Sohn, … sie gelten Österreich, das weiterleben muss“. Zum Trauerkondukt Theodor Körners vermerkte der „Kurier“ im Jänner 1957 stolz, dass eineinhalb Jahre nach Abschluss des Staatsvertrages nun „das junge Bundesheer über die Ringstraße zieht“.

Die Welt zu Gast. Schärfs Tod im Februar 1965 diente dann bereits der Untermauerung von Österreichs internationaler Bedeutung. Ausführlich wurde berichtet, der in Badgastein weilende Schah von Persien habe noch an Schärfs Sterbebett kommen wollen. Bildreportagen präsentierten das Staatsoberhaupt mit den Ehepaaren Kennedy und Chruschtschow als den Mann, „bei dem die Welt zu Gast war“.

Die Idealisierung. War der öffentliche Umgang mit Erkrankungen von Staatsoberhäuptern, mit ihrem Tod pietätvoller? Franz Jonas fürchtete die Auseinandersetzung mit seinem Krebsleiden so sehr, dass er im Sommer 1973 zwar Bundeskanzler Bruno Kreisky davon informierte. Gleichzeitig wünschte er ausdrücklich öffentliches Stillschweigen. Nach dem ersten Schwächeanfall hieß es, Jonas leide an Gelenksentzündung. Erst als er drei Wochen vor seinem Tod im April 1974 nicht mehr in der Lage war, Aktenstücke zu unterzeichnen, wünschte er offizielle Vertretung. Thomas Chorherr: „Dass er an Krebs gelitten hatte, haben wir selbst in den Nachrufen nicht geschrieben.“

An Pietät ließ es vor allem die heimische Innenpolitik missen. Während in Beileidstelegrammen an die Witwe von der „bewundernswerten Haltung“ des Bundespräsidenten die Rede war, beschloss der Ministerrat der Kreisky-Regierung noch am Tag von Jonas’ Tod den Termin für die Wahl seines Nachfolgers. Die mediale Kritik war milde. „Presse“-Herausgeber Otto Schulmeister fragte, ob man es eilig habe, „nur weil die Urlaubsmonate kommen“. Über die Suche der Parteien nach Präsidentschaftskandidaten war bereits seit Wochen in genau jenen Berichten die Rede, in denen vage Jonas’ gesundheitliche Verschlechterung erörtert worden war. Über konkrete Namen, so der damalige ÖVP-Obmann Karl Schleinzer, habe man nicht gesprochen, „das verbietet der Respekt vor dem erkrankten Staatsoberhaupt“. Tatsächlich hatte sich der ÖVP-Parteivorstand, so eine Meldung zwanzig Tage vor Jonas’ Tod, bereits auf Hermann Withalm als Kandidaten geeinigt.

Als Erster wurde der von einem „Menschenwall“ gesäumte Trauerzug Schärfs 1965 „live“ im Fernsehen übertragen, die Beisetzung selbst war mangels Übertragungswagen nicht mehr auf Sendung.

Einer der großen medial zelebrierten Abschiede war jener von Bruno Kreisky, der im Juli 1990 nach langer Krankheit starb. Kreiskys Sohn Peter erlebte das öffentliche Ritual durchaus gemischt: „Es war belastend, aber die sehr sehr breite Sympathie, Liebe und Anerkennung haben mich gefreut.“ Er spricht trotz der medialen Präsenz von einer „menschlichen Öffentlichkeit“. Vor posthumer Heuchelei, wie sein Sohn sie jetzt um den Tod von Thomas Klestil bei ÖVP und FPÖ wahrnimmt, hatte „der Alte“ seine nächste Umgebung immer gewarnt. Peter Kreisky: „Mein Vater hielt schon die viel beschworene Vorgabe, über Tote nur Gutes zu sagen, für falsch.“

Für Elisabeth Brainin, Psychoanalytikerin, ist der öffentliche Umgang mit dem Tod Prominenter eine „Wiedergutmachungsgeschichte“. Abseits des Voyeurismus folge das Ritual einem bekannten Muster. Brainin: „Zu Lebzeiten mit Neid, Missgunst und Schadenfreude gesehen, werden Politiker nach ihrem Tod überhöht, bewundert und idealisiert.“ Genau das geschehe oft auch beim Tod der Eltern.