ÖIAG: Null in Sicht

Die Vorstände der staatlichen Beteiligungsholding kämpfen mit Privatisierungsproblemen bei Post und VA Tech. Dennoch wollen sie bis 2006 die Schulden der ÖIAG zur Gänze abbauen. Was netto bleibt, sind drei Milliarden Euro Beteiligungsvermögen.

Es geht wieder rund in der ehemaligen Verstaatlichten. Die nächsten Privatisierungsschritte in jenen Unternehmungen stehen bevor, in denen der Staat noch eine Beteiligung besitzt. So sicher wie das Amen im Gebet bricht da die politische Debatte um die Staatsholding ÖIAG wieder auf. Demonstrierende Belegschaftsvertreter versammeln sich mit Transparenten vor dem Bürogebäude der ÖIAG, wann immer dort eine Privatisierungssitzung anberaumt ist. Bundesländer überlegen, ob sie rettend einspringen und der ÖIAG Aktienpakete von Tochtergesellschaften abkaufen sollen. Und so mancher einflussreiche Österreicher macht sich unter strikter Geheimhaltung auf den Weg, um an einer Industriebeteiligung interessierte Investoren zusammenzubringen und zu einer Gruppe zu formen, die dann, gemeinsam, irgendeinen vermeintlich von der ÖIAG produzierten Unsinn verhindern helfen soll. Hatte bis vor einem Jahr Karl-Heinz Grasser, Finanzminister und Eigentümervertreter der staatlichen Industriebeteiligungen, noch heftig und detailinteressiert ins Geschehen eingegriffen, so dürfte sein Interesse seither eher erkaltet sein. So gibt es etwa keine Indizien, welchen Weg Grasser bei der weiteren Privatisierung der Telekom Austria bevorzugt. Auch ÖIAG-Aufsichtsratspräsident Alfred Heinzel steht in diesen Tagen wesentlich öfter als expansionsfreudiger Privatunternehmer in den Gazetten als in seiner Rolle als Steuermann des Privatisierungsgeschehens.

Im Augenblick findet der Privatisierungskampf, den die beiden ÖIAG-Vorstände Peter Michaelis und Rainer Wieltsch führen, an zwei Schauplätzen statt: in der heimischen Post und beim Technologiekonzern VA Tech. Weil sich die europäischen Postgesellschaften in wenigen Jahren einem beinahe voll liberalisierten Markt gegenübersehen, könnte die Allianz mit einem starken Partner für Österreichs Post so etwas wie eine Überlebensfrage werden. Jedenfalls würde sie dem Unternehmen neue Gestaltungsräume öffnen und daher, nach Meinung des ÖIAG-Vorstands, besser zur Zukunftssicherung beitragen, als wenn die Post ganz allein versucht, mit einem „Blut-Schweiß- und-Tränen-Programm“ (Michaelis) die Kosten auf jenes Maß herunterzupressen, das der Markt noch verträgt. Michaelis begreift nicht recht, dass die Gewerkschaft nicht erkennen will, dass die Postmitarbeiter in einer solchen Partnerschaft besser dran sind, als sie es wären, bliebe die österreichische Post allein.

Weniger breitenwirksam, von der Problemstellung her aber wesentlich komplexer gestaltet sich der Kampf der Aktionäre in der VA Tech. Mirko Kovats ist ein äußerst erfolgreicher und mit allen Wassern gewaschener Outsider des heimischen Industrie- und Banken-Establishments. Er hatte 2003 mit Finanzierungspartnern, die teilweise anonym blieben, rund 19 Prozent an der VA Tech von der Voest erworben. Worauf sich die ÖIAG von ihrer 24-Prozent-Aktionärsposition auf rund 15 Prozent zurückzog, um sich damit selbst – voreilig, wie sich zeigen sollte – zum zweitgrößten und somit nur mehr zweitwichtigsten VA-Tech-Aktionär zu degradieren.

Fragezeichen. Ab diesem Zeitpunkt begann Kovats, „der ÖIAG auf der Nase herumzutanzen“ (ein Banker). Die Meinungen über ihn sind geteilt: Die einen glauben zu wissen, dass er eine Totalübernahme der VA Tech (mit anschließender Zerschlagung) anstrebt, sobald der Aktienkurs dafür niedrig genug ist. Andere vermuten, Kovats wolle auf andere Weise mittels verwirrender Akrobatik aus dem Engagement möglichst viel schnelles Geld ziehen.

Allianzen. Dass der intimste Geschäftsfreund Kovats’ Ronny Pecik heißt und dass hinter den Kulissen auch in der VA-Tech-Causa wieder beide gemeinsam die Strippen ziehen, weckt im Industrie- und Bankenestablishment ebenso viel Skepsis wie unter VA-Tech-Belegschaftsvertretern: Immerhin handelt es sich bei Pecik um einen Investmentbanker, den die Finanzmarktaufsicht (FMA) vor rund einem Jahr nicht für würdig befand, einen Vorstandsposten in der M&A-Bank zu übernehmen. Pecik hatte zuvor in der Affäre um die Kärntner Raiffeisen Bezirksbank (RBB) eine aufklärungsbedürftige Rolle gespielt. Als er vor gut einem Jahr daran dachte, in die Geschäftsführung der M&A-Bank einzutreten, wurde ihm seitens der Aufsichtsbehörde informell signalisiert, dass man seine Bestellung nicht goutiere.

Das Schicksal großer heimischer Industrieunternehmen möge man einem solchen Typus von Geschäftsleuten besser nicht überantworten, heißt es nun.

Freilich gibt es auch seriöse Fachleute, die es für absolut glaubhaft halten, wenn Kovats versichert, seine Absichten für VA Tech seien konstruktiv und langfristiger Natur. Doch die Skepsis überwiegt. Die Regierung hat aus diesem Grund die weitere Privatisierung des Konzerns gestoppt.

Ziel im Visier. Dies sei kein Hindernis für die Fortsetzung ihres Privatisierungs- und Beteiligungsmanagement-Konzepts, sagen die ÖIAG-Vorstände. Der Plan, 2006 die Schulden auf null zu fahren und trotzdem über einen Nettovermögensstand im Wert von drei bis dreieinhalb Milliarden Euro zu verfügen, bleibe intakt.

Rainer Wieltsch rechnet vor: Ende 2000 habe der Wert des ÖIAG-Vermögens rund fünf Milliarden Euro und die Nettoverschuldung rund 3,2 Milliarden Euro betragen. Durch „geschickte Verkäufe, die zeitlich gut platziert waren, durch gutes Beteiligungsmanagement und insgesamt umsichtiges Agieren“ habe das gegenwärtige Vorstandsduo die Zahlen verbessert. Wieltsch: „Per Mai dieses Jahres hat der Vermögens-, sprich Anlagewert der ÖIAG, 5,4 Milliarden Euro erreicht, die Nettoverschuldung ist auf 1,7 Milliarden Euro gesunken.“ Habe Ende 2000 die Überdeckung der ÖIAG-Nettoverschuldung durch Anlagewerte 1,8 Milliarden Euro betragen, so sei es gelungen, den Wert auf 3,7 Milliarden Euro anzuheben.

Zwar sei richtig, dass die wirklich spektakulären und großvolumigen Börsengänge und Privatisierungen vor der Ära des jetzigen Vorstands stattgefunden hätten. Aber Aufgaben wie die Rückabwicklung der italienischen Beteiligung an der Telekom Austria seien „mindestens so arbeitsintensiv“ wie die Börseneinführung eines Unternehmens. Wieltsch: „Also – dass wir nichts zusammengebracht hätten, kann man angesichts all dessen ja wirklich nicht behaupten.“ Er lässt auch den Einwand, dass die Entwicklung von Börsenkursen (sie stellen einen wichtigen Bewertungsmaßstab beim Errechnen des Anlagewerts dar) nicht unbedingt vom Holdingvorstand beeinflussbar seien, nicht gelten: „Wir ermitteln auch den inneren Wert der Unternehmungen, an denen wir beteiligt sind“, betont Wieltsch und spricht vom „Economic-Value-Added-Modell“. Demnach sei es gelungen, den Wert des ÖIAG-Beteiligungsvermögens seit Ende 2000 um 700 Millionen Euro anzuheben.

Die Null-Linie bei der Nettoverschuldung sei in Sicht. Wieltsch: „Für Voest und Telekom Austria haben wir zirka 600 Millionen Euro Wandelanleihen begeben, die 2006 fällig werden.“ Um diesen Betrag sinke die Nettoverschuldung. Heuer ist geplant, beim Verkauf eines Aktienpakets an der Telekom Austria rund eine Milliarde zu lukrieren. Macht also bis 2006 in Summe einen Rückgang der Nettoschuld um 1,6 bis 1,7 Milliarden Euro. Nettoschuldenstand: null. Den erwarteten Wert des Beteiligungsvermögens zu diesem Zeitpunkt gibt der ÖIAG-Vorstand mit drei bis dreieinhalb Milliarden Euro an.

Das Portefeuille der ÖIAG werde dann im Wesentlichen aus Beteiligungen an vier Unternehmungen bestehen: entweder 100 oder 75 Prozent an der Post, 25 Prozent an der Telekom sowie die Beteiligungen an AUA und OMV, die unverändert bleiben. „Vielleicht kommt für die ÖIAG dann ja die Aufgabe hinzu, das Beteiligungsmanagement für weitere staatliche Infrastrukturunternehmen zu übernehmen“, meint Michaelis und wirft einen Blick auf die Schienenlandschaft der ÖBB, die sich unter seinem Fenster ausbreitet.