ÖIAG: Von Mäusen und Menschen

Siemens übernimmt den VA-Tech-Konzern. Nach Wochen des Tarnens, Täuschens und Pokerns am Kapitalmarkt erhöhte Siemens-Chef Albert Hochleitner sein Angebot. Wie es dazu kam.

Albert Hochleitner hatte das Spiel langsam satt. Es lief nicht so, wie er wollte. Seine Kontrahenten gingen ihm zunehmend auf die Nerven, und wie massiv auch immer er seinem Ärger über die – seiner Meinung nach untauglichen – Spielregeln Ausdruck gab, konnte er auf sie doch keinen Einfluss nehmen. Wiewohl zunehmend gereizt, kam es für Hochleitner dennoch nicht infrage, die Karten hinzuschmeißen. Vielmehr stand er schließlich kurz entschlossen vom Spieltisch auf und kaufte sozusagen das Casino: Er legte ein Angebot für die VA Tech, das ihm alle weiteren Spielchen erspart, eines, das Siemens die volle Kontrolle über das Geschehen verleiht.

Am vergangenen Donnerstagvormittag gab Siemens Österreich den Entschluss bekannt, das Übernahmeangebot für die VA Tech von 55 Euro auf 65 Euro pro Aktie zu erhöhen. Hochleitner und die Münchner Muttergesellschaft der österreichischen Siemens, von den Wienern stets „das Stammhaus“ genannt, legten auf ihr ursprüngliches Preisoffert fast zwan-zig Prozent drauf. Das entspricht satten 153 Millionen Euro. Mit der Geste dessen, für den es schließlich nicht drauf ankommt, bietet Siemens jetzt für die VA Tech insgesamt rund eine Milliarde Euro. Damit ist die Sache geritzt, der Kauf besiegelt, das Ende der VA Tech als eigenständige Gesellschaft Realität. Ab nun gehört das österreichische Technologieunternehmen zum Siemens-Konzern.

Dem Donnerstag-Coup war ein zunehmend erbittert geführter Kleinkrieg zwischen dem übernahmewilligen Konzern und den bisherigen Aktionären der VA Tech vorangegangen. Die Siemens AG München, der die österreichische Siemens-Gruppe zu hundert Prozent gehört, und die Wiener Siemens-Zentrale waren zunächst übereingekommen, mit einem 55-Euro-Angebot zum Kauf der VA Tech anzutreten. Ein Aufbessern dieses Preises wurde in mehreren Statements, zuletzt noch am Beginn der vergangenen Woche, ausdrücklich ausgeschlossen. Doch die potenziellen Verkäufer wollten mehr und weigerten sich beharrlich, das Nein der Siemens-Bosse zur Kenntnis zu nehmen:
Der Börsenkurs der VA Tech verharrte trotzig auf einem Wert jenseits der 60 Euro.

Wobei weniger jene tausende VA-Tech-Kleinaktionäre den Kurs so hoch hielten, die sich weigerten, Anteile an „ihrem“ schönen österreichischen Technologiekonzern aus der Hand zu geben – und wenn, dann nur zu einem ganz tollen Preis. Es waren vielmehr die großen internationalen Zocker am Werk, die Hedge-Fonds, die angelsächsischen Finanzprofis, die das Übernahmeprojekt VA Tech als Chance für leicht verdienten Profit entdeckt hatten und sich nun genüsslich und en masse diesem Spiel zuwandten. Sie mobilisierten ihr beträchtliches Arsenal an Finanz-Know-how und Kapitalmarkttricks, um den großen, reichen Siemens-Konzern mit seiner milliardenschweren Kriegskasse zum Aufbessern des Preisangebots und somit zum Zahlen eines zusätzlichen Betrags in der Größenordnung von mindestens hundert Millionen Euro zu zwingen.

Was den Gamblern der Finanzmärkte dabei zugute kam, war die Tatsache, dass auch die VA Tech selbst, das Objekt der Begierde, so gar keine Neigung entwickelte, sich dem Eroberer Siemens zu ergeben. Der Vorstand der VA Tech erklärte das Preisangebot von 55 Euro für „wirtschaftlich nicht angemessen“ und setzte selber, subtil, ein paar Finanzmarkt-Hebel in Bewegung, um dem Siemens-Konzern die Übernahme zu diesem Preis zu erschweren. Unter den Mitarbeitern der VA Tech verbreitete sich die Furcht um ihre Arbeitsplätze – und dies teilweise zu Recht. Der Betriebsrat klinkte sich mit seinem, für den Ausgang des Spiels nicht unwesentlichen, 8-Prozent-Paket an VA-Tech-Aktien („Mitarbeiterbeteiligung“) ins Geschehen ein und weigerte sich, diesen Anteil zu 55 Euro an Siemens zu verkaufen.

Ganz generell entstand innerhalb des Unternehmens eine Art „Wir“-Gefühl gegen Siemens, nicht unähnlich dem, das von einem Außenfeind bedrohte Staaten entwickeln. Das Wort von „feindlicher Übernahme“ machte wieder die Runde. Und weil in diesem Match Gesichtsverlust und Prestige zunehmend eine ebenso große Rolle spielten wie industrielle Fakten – wobei im Siemens-Lager ein Nachgeben in der 55-Euro-Frage geradezu zum Symbol des Gesichtsverlusts geworden war –, stieg die Spannung vor dem Showdown.

„Hochbezahlte Marionette“. Montag, 17. Jänner im Design Center in Linz. Um zehn Uhr beginnt die von Siemens initiierte außerordentliche Hauptversammlung der VA Tech. Einziger Tagesordnungspunkt: die Abschaffung des so genannten Höchststimmrechts, wonach ein Aktionär höchstens 25 Prozent der Stimmrechte des Gesamtkapitals ausüben kann – egal, wie hoch sein Anteil an der Gesellschaft ist. In den USA und Kanada sind Konstruktionen wie diese zwar gang und gäbe, in Europa hingegen gelten sie als Relikte eines veralteten Staatskapitalismus, die in einer freien Marktwirtschaft nichts mehr zu suchen haben. Was die besagte, in den Statuten der VA Tech verankerte Regelung angeht, empfanden die Siemens-Konzernmanager in München diese jedenfalls als hinderlich und wollten sie abschaffen. Dazu brauchten sie die Zustimmung von 75 Prozent des VA-Tech-Gesamtkapitals per Hauptversammlungsbeschluss. In ihr Übernahmeangebot hatten die Siemens-Leute die Abschaffung dieses Höchststimmrechts als eine Bedingung „sine qua non“ hineingeschrieben: Wenn also auf dieser Hauptversammlung keine 75-Prozent-Mehrheit dafür zustande käme, wäre die Bedingung nicht erfüllt. Sollte Siemens dann das Übernahmeangebot nicht in aller Form ändern und auf diese Bedingung verzichten, gälte die Übernahme als gescheitert.

Es ging am Montag also um viel, zumal das Abstimmungsergebnis der Hauptversammlung allgemein als Indiz dafür gewertet wurde, mit welcher Annahmequote für das Übernahmeangebot Siemens Anfang Februar rechnen könne.

„Schlachtbank“. Auf dieser Hauptversammlung ging es rund. Peter Michaelis, ÖIAG-Vorstand und Noch-Aufsichtsratspräsident der VA Tech, leitete die Sitzung und bemühte sich erfolgreich, trotz aller zu erwartenden Angriffe bis zum Ende die Nerven zu bewahren und sein Pokerface nicht entgleisen zu lassen. ÖIAG-Präsident Alfred Heinzel und ÖIAG-Eigentümervertreter Karl-Heinz Grasser hatten die Devise ausgegeben, dass die ÖIAG erstens ihre VA-Tech-Anteile an Siemens verkaufen möge – und sei es auch zum Erstangebots-Preis von 55 Euro – und dass die ÖIAG zweitens am Montag dem Siemens-Antrag hinsichtlich des Höchststimmrechts zustimmen möge. Neben Michaelis am Podium saß VA-Tech-Chef Klaus Sernetz. Er hielt in seinen Anfragebeantwortungen die Balance zwischen der Neutralität, die ihm bei Fragen zum Thema Siemens auferlegt war, und seiner Abneigung gegen die 55-Euro-Übernahme, die – für Kenner der Materie merkbar – in den Details seiner Antworten durchklang.

Währenddessen legten am Rednerpult die Kleinaktionäre los – vor allem solche, die ihrem großen Schmerz über den Verlust der Eigenständigkeit ihrer VA Tech lautstark Ausdruck verliehen, letztlich aber doch erkennen ließen, dass es eine schlichte Preisfrage sei, ob sie diesen Schmerz beim Verkauf ihrer Aktien überwinden könnten. Ihre Wut bekam in erster Linie ÖIAG-Vertreter Michaelis zu spüren, weil die ÖIAG vorschnell den Preis von 55 Euro akzeptiert hatte. „Beweisen Sie Anstand, und treten Sie zurück, weil Sie nicht mehr die Interessen der VA Tech wahren“, schmetterte ein Aktionär Richtung Michaelis. Ein anderer beschimpfte ihn als „bestenfalls eine hochbezahlte Marionette“. (Michaelis war bemüht, einen leicht amüsierten Ausdruck in seine Züge zu zaubern.) Johann Moser, Nationalrat und Industriesprecher der SPÖ, der in Vertretung eines Aktionärs an der Versammlung teilnahm, warf der ÖIAG vor, „die VA Tech auf die Schlachtbank zu führen“. Er frage sich, wo Siemens-Chef Hochleitner, der einen „sehr ambivalenten Umgang mit der Wahrheit“ pflege, heute sei.

Nach gut zwei Stunden in dieser Tonlage erfolgte die Abstimmung über das Höchststimmrecht. Und siehe da – der Siemens-Antrag verfehlte knapp die nötige Dreiviertelmehrheit. Schock bei Siemens. Jubel bei den Kleinaktionären. Unter den Vertretern der VA Tech keimte klammheimliche Freude auf: Ein Teil von ihnen begann zaghaft an eine neue Chance in Eigenständigkeit zu glauben, ein anderer Teil sah vergnügt – und, wie sich später zeigen sollte, realistisch – die baldige Aufbesserung des Preisofferts von Siemens herannahen.

Zwar bestand in Wahrheit nur ein sehr indirekter Zusammenhang zwischen dem Abstimmungsergebnis vom Montag und der wahrscheinlichen Annahmequote des damals noch geltenden Übernahmeofferts. Trotzdem glaubte Siemens in dem Montag-Ergebnis den entscheidenden Fingerzeig zu erkennen: Handlungsbedarf!

Drohendes Chaos. Nun begannen die Telefondrähte zwischen Wien und München zu glühen. Zwar verfügte Hochleitner über das Pouvoir des „Stammhauses“, von 55 auf bis zu 63 Euro nachzubessern. Davon Gebrauch zu machen war aber ein anderes Paar Schuhe: An der Preisfront nachzugeben würde ja Gesichtsverlust bedeuten, und eine Siemens erlaubt sich keinen Gesichtsverlust. Die verdammte VA Tech sei auch, so die nach wie vor aufrechte Meinung der Siemens-Manager, eine Milliarde Euro gar nicht wert. Eine heiße Debatte über Alternativen begann.

Variante eins: Man könnte auf die Übernahme zum gegenwärtigen Zeitpunkt verzichten, den Versuch für gescheitert erklären und sich dann, später, Schritt für Schritt an der Börse und durch sukzessi-ven Aufkauf kleiner und mittlerer Aktienpakete in die gewünschte Eigentümerposition vorarbeiten. Dieser Weg erwies sich freilich rasch nicht nur rechtlich und finanzorganisatorisch als untauglich. Ihn einzuschlagen hätte gleichzeitig bedeutet, dass Hochleitner infolge der Niederlage seinen Hut nehmen hätte müssen. Es hätte auch bedeutet, dass Siemens-Oberboss Heinrich von Pierer, der Hochleitner beim VA-Tech-Projekt von Anbeginn unterstützt hatte und der in wenigen Wochen den Vorstandsvorsitz im Gesamtkonzern an Klaus Kleinfeld übergibt, kurz vor seinem Abschied einen schmerzlichen Flop zu verkraften gehabt hätte.

Variante zwei wurde sehr viel ernsthafter diskutiert: Erklärte Siemens nun audrücklich seinen Verzicht auf die Höchststimmrechts-Bedingung im Übernahmeoffert, hielte aber an den 55 Euro fest und steuerte dann auf gleichem Kurs weiter wie bisher, so gäbe es doch eine gute Chance auf ein Gelingen des im Angebot formulierten Übernahmeziels, meinte mancher Siemens-Manager: Dass Siemens nach Ende der Angebotsfrist über mehr als 50 Prozent des VA-Tech-Aktienkapitals verfügen würde, sei fast gewiss; dass man mehr als 75 Prozent erreichen könne, galt als zumindest nicht unmöglich. Sollte man es nicht drauf ankommen lassen, die Zähne zusammenbeißen, bis zum Ende der Angebotsfrist mit störrischen Aktionären über einen möglichen Sinneswandel verhandeln und die Sache dann einfach riskieren?

Glück gehabt. Karl-Heinz Grasser und ÖIAG-Boss Heinzel dürfen sich gratulieren, dass Siemens diese Variante, die sehr ernsthaft im Raum stand, letztendlich verworfen hat. Denn nicht nur für Siemens und die VA Tech hätte dieser Weg ins Chaos geführt. Auch die politischen Auswirkungen in Österreich wären beträchtlich gewesen: Die ÖIAG, die sich dem Siemens-Deal verschrieben hat und deren Reputation in dieser Privatisierungs-Causa nun von Erfolg oder Misserfolg dieses Deals abhängt, hätte in dieser Variante wahrscheinlich das letzte Restchen an Renommee verloren. Und der Privatisierungspolitik der Bundesregierung hätte – nach der langen Reihe ihrer Fehlgriffe – das vorhersehbar ausbrechende Chaos nach diesem Verkauf den Rest gegeben. Wobei die Gründe, warum es zum Chaos kommen würde, den Siemens-Leuten im Lauf der Vorwoche immer klarer wurden – was sie letztlich auch davon abhielt, diesen Weg einzuschlagen.

Wäre Siemens nämlich gemäß Variante zwei vorgegangen und hätte am Ende der Angebotsfrist nur über eine einfache, aber keine Dreiviertelmehrheit aller VA-Tech-Aktien verfügt, so hätte der Münchner Konzern wohl ein paar Schritte in Richtung Eingliederung ins Siemens-Reich tun können. Mit einfacher Mehrheit hätte man mühelos eine Hauptversammlung einberufen und dort Aufsichtsrat und Vorstand der VA Tech neu bestellen können. Was jedoch nicht möglich gewesen wäre, ist – und hier liegt die Crux – die Vollintegration des Unternehmens in den Siemens-Konzern. Die VA Tech wäre rechtlich als eigenständige Aktiengesellschaft bestehen geblieben, aber plötzlich vor dem Problem gestanden, de facto nicht mehr als eigenständiges Unternehmen agieren zu können. Ein Unternehmen in einer solchen Lage sei, wie ein juristisch versierter Branchenkenner glaubwürdig erläutert, „in Wahrheit unführbar“.

„Wenn der Markt weiß, dass Siemens dort jetzt 51 Prozent hat, und trotzdem kämpft die VA Tech AG als Siemens-Konkurrent bei denselben Kunden wie Siemens weiter um Aufträge – wie stellt man sich das vor?“, überlegte besagter Branchenkenner. Die Führung einer weiterhin eigenständigen VA Tech müsse dies aber tun, sie sei allein schon aus rechtlicher Sicht dazu verpflichtet. Anders zu handeln brächte sie in ärgste rechtliche Probleme.

Und natürlich müsste auch eine von Siemens installierte Führung einer VA Tech AG so handeln. Der Branchenkenner: „Selbst wenn die Kunden die VA Tech lieben, würden sie dann sagen: Wir haben es hier mit einem langfristigen Geschäft zu tun. Wie geht es weiter? Was ist morgen?“

Angesichts dessen wären der Übergang von der Gegenwart zur später hundertprozentigen Eigentümerschaft von Siemens (ein Übergang, der im Übrigen den VA-Tech-Mitarbeitern ebenso schwere Loyalitätskonflikte beschert hätte wie den Gesellschaftsjuristen lukrative Geschäfte) kaum zu bewältigen gewesen. Dass „dieser Kelch an der VA Tech, an der ÖIAG und – in den politischen Folgewirkungen – am Finanzminister vorüberging“, dafür „müsste Herr Heinzel eigentlich eine Wallfahrt nach Mariazell veranstalten“, amüsiert sich ein Beobachter. Wobei er gleichzeitig, aber anonym, „Herrn Hochleitner aus vollem Herzen zu seinem Coup gratuliert“.