Landschafts­pflegefälle

Naturschutzgebiete verändern sich durch Klimaerwärmung und fremde Eindringlinge zum Teil massiv. Immer mehr Wissenschafter verabschieden sich deshalb von der Illusion, unberührte Ökosysteme dauerhaft erhalten zu können.

Von Hubertus Breuer

Schon im Jahr 1835, als Charles Darwin auf den Galapagosinseln nur dort vorkommende Spottdrossel­arten einfing, zeigte das Paradies einige Schrammen. Im Lauf von mehr als 300 Jahren hatten Walfänger, Piraten und andere Seefahrer Tausende Riesenschildkröten, Iguanas, Seelöwen und Seehunde erlegt. Schlimmer noch: An den Stränden des abgeschiedenen Archipels hatten sich Invasoren niedergelassen, die dort gar nicht hingehörten: Ratten, Ziegen, Hunde und möglicherweise Katzen. Ganz zu schweigen von jenen Nutzpflanzen, die von Seeleuten und ersten Siedlern eingeführt worden waren: Kartoffeln, Kürbisse, Weizen, Granatäpfel, Feigen und Kokospalmen.

Heute steht fast die gesamte Landfläche der 1000 Kilometer vor Ecuador liegenden Pazifikinseln unter Naturschutz. Doch die Zahl fremder Eindringlinge ist auf den Eilanden inzwischen so hoch, dass der mutmaßliche Geburtsort der Evolutionstheorie eher dem Schmelztiegel New Yorks ähnelt. Mehr als 1700 Fremdarten zählt die für das Gebiet zuständige Charles Darwin Research Station aktuell, darunter 800 nicht einheimische Pflanzen, über 600 Wirbellose und 30 Wirbeltiere.

So wurde etwa die zu dem Archipel gehörende Santiago-Insel erst in den vergangenen Jahrzehnten von sich explosionsartig vermehrenden Ziegen regelrecht kahl gefressen. 150.000 Ziegen mussten getötet werden, ehe es Entwarnung gab. Und ortsfremde Guavenwälder ersticken vielerorts den Artenreichtum. 300 Quadratkilometer der Inseln sind von Brombeeren bedeckt; wo die Sträucher wuchern, leidet die einheimische Artenvielfalt. Und dennoch sagt der Ökologe Mark Gardener, Leiter der Charles Darwin Research Station, der seit 20 Jahren Eindringlinge auf der Insel bekämpft: „In meinen Augen sind Brombeeren jetzt einheimische Pflanzen.“ Und er fügt hinzu: „Es geht nicht, dass wir die Galapagosinseln als Momentaufnahme bewahren. Aber es ist sehr wohl möglich, ein funktionierendes Ökosystem mit einem Großteil der Biodiversität zu bewahren.“

Weltweit waren Naturschützer jahrzehntelang darauf fixiert, dass es gelte, in den ihnen anvertrauten Nationalparks und Schutzzonen die dort seit Jahrtausenden vorkommenden Tiere und Pflanzen so frei vom Einfluss des Menschen wie möglich zu erhalten. Ihr wichtigster Gegner war deshalb die menschliche Landnutzung – Abholzung, Landwirtschaft oder Verbauung. Doch das Projekt Naturbewahrung steht inzwischen vor gänzlich neuen Herausforderungen. Dabei macht Naturschützern nicht nur der Import von Problemarten wie auf den Galapagosinseln zu schaffen. Es ist vor allem der Klimawandel, der die Natur allerorten bedrängt. Wo es zu warm wird, müssen temperaturempfindliche Pflanzen abwandern – oder verschwinden. Gleichzeitig drängen aus wärmeren Breitengraden oder aus Tallagen Arten nach. Wie soll man da dauerhaft Natur in einem vorgeblich ursprünglichen Zustand bewahren?

In der internationalen Naturschützer-Gemeinde hat deshalb ein Umdenken eingesetzt. Viele Ökologen argumentieren heute, es sei vergeblich, Natur mit einem bestimmten Pflanzen- und Tierinventar dauerhaft erhalten zu wollen. Stattdessen sollte man sich nicht dagegen sperren, dass Ökosysteme sich wandeln, selbst wenn es an manchen Orten das Ende für einige bedrohte Arten bedeuten mag. Manche sagen sogar, es sei an der Zeit, die neu entstehenden Ökosysteme zu begrüßen, nicht zuletzt, weil sie viele Dienste der alten Naturgebiete übernehmen: Sie filtern und speichern Wasser, schützen vor Bodenerosion, erzeugen Sauerstoff und fangen Kohlendioxid ab. Sie sind mitunter auch widerstandsfähiger. Peter Kareiva, leitender Wissenschafter der Umweltschutzorganisation Nature Conservancy in Seattle im US-Bundesstaat Washington, erklärt: „Naturschützer sprechen oft davon, was sie retten wollen, was sie gerne beendet sähen. Sie sollten aber eher darüber reden, wie die Welt in 50 Jahren aussehen wird.“ Der Blick auf die neuen Ökosysteme könne Naturschützern helfen, „die Fakten anzuerkennen und strategisch zu handeln, statt den unvermeidbaren Wandel zu bekämpfen“.

Naturschutzgebiete verändern sich in der Tat – nicht nur auf Galapagos. Auch der Nationalpark Yellowstone im US-Bundesstaat Wyoming, der 1872 gegründete älteste Nationalpark der Welt, ist nicht mehr das, was er im 19. Jahrhundert einmal war – und das, obwohl, wie es in einem einflussreichen US-Regierungsbericht 1963 hieß, „Nationalparks das Bild eines ursprünglicheren Amerikas vermitteln“ sollten. So ist die weißstämmige Kiefer durch den sich bei wärmeren Temperaturen rapide verbreitenden Bergkiefernkäfer gefährdet – mehr als 80 Prozent der Bäume sind befallen. Die Gletscher gehen zurück, Bäche und Flüsse führen weniger Wasser, sodass Frosch- und Salamanderarten gefährdet sind. Es schwimmen auch immer weniger Cutthroat-Forellen zum Laichen in die Seen, weil sich dort bereits Seeforellen breitgemacht haben – und das bekommen wiederum die Grizzlys zu spüren, welche die Fische im Frühjahr in den Flüssen fangen.

Wie Ökosysteme sich wandeln, ist auch im Hochgebirge zu spüren. Die Erwärmung in den Alpen bedeutet, dass die Waldgrenze sich stetig nach oben verschiebt – dorthin, wo bislang die Kältespezialisten zu Hause sind. Forscher der Universität Wien beobachten seit 1994 in Höhenlagen des Tiroler Schrankogels (3497 Meter) in den Stubaier Alpen den Wandel der Pflanzenwelt. Dabei nimmt vorerst die Vielfalt der Flora zu. Doch was zunächst positiv klingt, hat eine dunkle Kehrseite: Die in den oberen Etagen der Bergwelt einheimischen Pflanzen werden verdrängt – etwa der Alpenmannsschild, dessen Bestand sich in zehn Jahren halbiert hat.

Ähnliche Beobachtungen machen Wissenschafter inzwischen im Hochgebirge weltweit im Rahmen des Monitorprogramms „Gloria“ (Global Observation Research Initiative in Alpine Environments), das an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften und der Universität Wien koordiniert wird. Der leitend an dem Projekt beteiligte Ökologe Harald Pauli sieht in dieser Entwicklung eine klare Herausforderung für den Naturschutz: „Das sind noch keine neuen Ökosysteme, aber wir beobachten Übergangsphasen.”

Wie soll man diesen Veränderungen begegnen?
Der klassische Weg lautete, den Status quo beizubehalten – etwa, indem man Bioinvasoren in die Schranken weist, Tiere jagt, Pflanzen ausgräbt, Zäune gegen Eindringlinge errichtet oder ihre Fressfeinde einführt. Wenn das nicht durchgehend gelingt – und das ist oft der Fall –, solle das Ziel der Naturschützer zumindest sein, „die Ähnlichkeit mit dem ursprünglichen Ökosystem so weit wie möglich zu bewahren“, meint der Ökologe Daniel Simberloff von der University of Tennessee in Knoxville. Doch in dem Maße, in dem sich Lebensräume mit dem Klimawandel verschieben, lässt sich die Welle der unerwünschten Immigranten nur schwerlich aufhalten. Deshalb gesteht auch Simberloff ein, „dass wir lernen müssen, mit modifizierten Ökosystemen zu leben, aber nur, wenn andere Schutzstrategien keine Erfolge zeigen“.

Dazu sind Fremdarten nicht immer von Nachteil. So verdrängen im Südwesten der USA Tamarisksträucher einheimische Uferpflanzen von den Flüssen. Experten fürchteten zunächst, die eingewanderten Problempflanzen würden unter anderem dem auf der roten Liste stehenden Weidentyrann die Nistplätze rauben – und investierten Millionen Dollar, um dem Strauch den Garaus zu machen. Am Ende stellten sie jedoch fest, dass der Vogel in den Tamarisken ebenso gerne seine Brut aufzieht. Auf Borneo beherbergen bereits einmal oder mehrfach abgeholzte Sekundärwälder immerhin noch 75 Prozent der Arten, die im dortigen Regenwald vorkommen. In Puerto Rico wiederum pflanzten Ökologen auf ausgelaugten Agrarflächen nicht einheimische Tulpen- und Rosenapfelbäume, da die nativen Pflanzen zu langsam wachsen. Nach einigen Jahrzehnten gedeihen in ihrem Schutz aber auch sie wieder auf der Insel.

Kann eine Art in einem Gebiet nicht länger überleben, schlagen einige Ökologen als Option vor, sie aus der Gefahrenzone zu bringen. Zu den Rettungsplänen gehören grüne Korridore – miteinander vernetzte Naturreservate, die etwa in Südamerika dazu dienen sollen, dem bedrängten Jaguar zu helfen. Aber es gibt auch radikalere Vorschläge: eine bedrohte Spezies mit menschlicher Hilfe an einen neuen Ort zu verfrachten. 1999 und 2000 verpflanzte der Ökologe Stephen Willis von der britischen Durham University in einem Feldversuch Schachbrett- und Dickkopffalter, zwei aufgrund steigender Temperaturen in einer Region gefährdete Arten. Der Forscher setzte mehrere hundert Tiere in einem aufgelassenen Steinbruch in Northumberland 35 Kilometer weiter nördlich, andere 60 Kilometer weiter nördlich in einem Naturschutzgebiet aus. Nach zehn Jahren wachsen und gedeihen die Populationen. „Sie verhalten sich wie natürliche Populationen“, konstatiert Willis.

Es gibt auch Überlegungen, den ­südkalifornischen Quino-Checkerspot-Schmetterling zu verfrachten. Der Schmetterling mag es nicht zu heiß, doch südlich von Los Angeles sind die Temperaturen in den vergangenen Jahren stark angestiegen. Da bleibt nur Emigration – wenn nicht Los Angeles als unüberwindbare Barriere im Weg läge. In China diskutieren Orchideenexperten zudem, ob einige Spezies aus dem ­Yachang-Naturreservat, dem ersten Natur­reservat zum Orchideenschutz im Südwesten Chinas, an einen anderen Ort verbracht werden sollen – ­wärmere Temperaturen und sinkende Bodenfeuchtigkeit gefährdeten die ­empfindlichen Pflanzen. Die im ­Yellowstone-Park bedrohte weißstämmige Kiefer bauen Forstwissenschafter in Kanada bereits nördlich ihres natürlichen Verbreitungsgebiets an. Und in Europa fördern Gärtnereien und Baumschulen die Pflanzenmigration: Sie bieten einheimische Pflanzen bis zu 1000 Kilometer nördlich ihres angestammten Lebensraums an.

Doch solche gewagten Pläne bereiten vielen Wissenschaftern Unbehagen. Das vordringlichste Problem: Wir verstehen komplexe Ökosysteme noch zu wenig, um zu erkennen, welche unerwünschten Folgen gezielte Eingriffe haben könnten – so ist nicht viel über das Zusammenspiel diverser Arten und ihrer Umwelt bekannt. „Ein Ökosystem ist keine Sammlung austauschbarer Teile wie eine vom Menschen entworfene Maschine“, erklärt der Biologe Thomas Govin von der Cornell University im US-Bundesstaat New York.

Statt Steuerung bleibt als Alternative, natürlichen Prozessen ihren freien Lauf zu lassen – dann gedeiht Wildnis. Das ist etwa die Idee hinter dem oberösterreichischen Nationalpark Kalkalpen, dem größten Waldschutzgebiet Österreichs. Dort überlässt der Mensch in einer Kernzone die Natur sich selbst. Selbst Borkenkäferbefall bekämpfen Forstleute in diesem Gebiet nicht. Es gibt aber einen Schutzgürtel um das Gebiet, um den Befall auf die angrenzenden Wirtschaftswälder zu verhindern. Ähnlich funktioniert der Bieszczady-Nationalpark in Polen. Doch das umzäunte Gebiet ist nicht sehr groß für ­einen Urwald – es misst lediglich 200 Quadratkilometer. Dennoch können Forscher beobachten, wie sich die Natur eigenständig weiterentwickelt: Der einst in der Region verbreitete europäi­sche Nerz ist längst ausgerottet; seinen Platz haben asiatische Marderhunde und aus Pelztierfarmen entkommene amerikanische Nerze eingenommen. Die Entwicklung neuer Ökosysteme lässt sich noch stärker beobachten, wo Natur Land zurückerobert – etwa auf aufgelassenen Plantagen in Puerto Rico, stillgelegten Bergbaugeländen oder ehemaligen Truppenübungsplätzen in Ostdeutschland.

Wie jedoch die Artenvielfalt der heutigen Naturschutzgebiete in einem halben Jahrhundert aussehen wird, weiß niemand – nur dass sie sich von der Gegenwart deutlich unterscheiden wird, scheint sicher. Und dass sie womöglich etwas einförmiger ist – sofern erfolgreiche, anpassungsfähige Arten weltweit Spezialisten in ihren Ökosystemen verdrängen. „Man kann Notaktionen unternehmen – lokal etwa in Europa die aus Nordamerika stammenden Robinien von einer Trockenwiese mit seltenen Kräuter- und Grasarten fernhalten“, sagt Pauli. „Großflächig geht das aber nicht. Sicher, man kann versuchen, gefährdete Pflanzenarten in Samenbanken oder in botanischen Gärten zu erhalten, Tiere in Zoos oder zumindest Gewebeproben in Genbanken. Aber man kann sich nicht gegen den Klimawandel stemmen.“