Ökologie: See-Not

Im Burgenland werden Pläne gewälzt, den von der Austrocknung bedrohten Neusiedler See mit Wasser aus der Donau aufzufüllen. Experten warnen jetzt allerdings vor einem Umweltkollaps im Steppensee.

Die Bootsbesitzer am Neusiedler See werden wohl wieder die ersten sein, die sich über den Wassermangel im See beschweren. Wie schon in den vergangenen Jahren ist der Wasserpegel auch heuer so niedrig, dass die Kiele größerer Jachten den schlammigen Boden des Neusiedler Sees ankratzen. „Ackern“ nennen das die Freizeitkapitäne launig und drohen lautstark, ihre Boote in zuverlässigere Gewässer zu überstellen.

Im nahe gelegenen Seewinkel, jener idyllischen, aber touristisch weitaus weniger beachteten Landschaft, die sich zwischen Neusiedler See und der ungarischen Grenze erstreckt, sind die Auswirkungen der Trockenheit noch dramatischer – nur fällt das hier kaum jemandem auf: Hier gab es bis vor einem Jahrhundert mehr als 120 seichte Lacken, die vor allem für die Vogelwelt große Bedeutung hatten. Heute sind davon nur noch 20 übrig, doch auch diese Zahl gilt nur vorläufig.

Weiterhin verschwindet eine Pfütze nach der anderen. Selbst die größte davon, die Lange Lacke, ist in akuter Gefahr, zur breiten Steppe zu werden. Der hölzerne Wasserstandsanzeiger, der einst von einer Zille aus in den Grund gerammt wurde, ragt heute aus einer schlammigen Wiese empor. Wenn sich das flache Becken nicht bald wieder mit Wasser füllt, könnte das den Boden so verändern, dass jeder Regentropfen ins Grundwasser verschwindet (siehe Kasten „Nachsalzen“, Seite 95). Das Vogelparadies Lange Lacke wäre damit für immer verloren.

Kanalprojekt. Um den chronischen Wassermangel in der Region ein für alle Mal zu beseitigen, lässt die burgenländische Landesregierung derzeit die Machbarkeit einer zunächst utopisch wirkenden Idee prüfen: Durch einen noch nicht im Detail trassierten Kanal sollen pro Jahr rund 32 Millionen Kubikmeter Donauwasser aus der Region um Hainburg in den Neusiedler See gepumpt werden. 40 bis 50 Millionen Euro würde ein derartiger Wasseranschluss nach ersten Kostenvoranschlägen kosten. Um maximal zehn Zentimeter ließe sich der Wasserspiegel des Sees damit heben.

Auch Gemüsefelder, Weingärten und Äcker in der Region könnten mit dem Flusswasser grundsätzlich bequem bewässert werden, was indirekt auch das Austrocknen der Lacken verzögern könnte. „Der Kanal ist ein Jahrhundertprojekt“, wirbt Julius Marosi, Leiter der Abteilung für Wasser- und Abfallwirtschaft in der burgenländischen Landesregierung, für den neuen Donaukanal. Mit drei bis vier Jahren Bauzeit rechnet der Experte, ab dem Jahr 2009 schließlich könnte es demnach für immer vorbei sein mit dem „Ackern“ im See.

Thomas Zechmeister vom Burgenländischen Naturschutzbund fürchtet freilich, das Projekt könnte noch schneller durchgedrückt werden. Weil für das Jahr 2008 eine Segelweltmeisterschaft im Burgenland angekündigt ist, könnte der See kurzerhand zur Sportanlage umdefiniert werden, die durch den Kanal bespielbar gemacht werden muss. „Dann könnte sich das Land die Durchführung der aufwändigen Umweltverträglichkeitsprüfung sparen“, so Zechmeister.

Fatale Chemie. Doch genau eine solche wäre dringend angebracht, meint die Umweltchemikerin Regina Krachler von der Universität Wien. Gemeinsam mit ihrem Mann, dem Chemiker Rudolf Krachler, erforscht die Expertin seit Jahren die chemische Zusammensetzung der stehenden burgenländischen Gewässer. Sie warnt vor katastrophalen Auswirkungen durch die Wasserzuleitung. „Das Donauwasser wird im Neusiedler See zunächst zu einem gewaltigen Hygieneproblem, dann zu einer weiteren Ausbreitung des Schilfgürtels und innerhalb weniger Jahrzehnte zum völligen Verschwinden des Sees führen“, so das Szenario der Wissenschafterin. Schuld daran sei die generelle chemische Unverträglichkeit der beiden Gewässer Donau und Neusiedler See. Ein Aspekt, der laut Krachler bei den bisher gemachten Studien nicht berücksichtigt worden ist.

Das Wasser des Neusiedler Sees enthält ungewöhnlich viel Soda, das immer wieder aus Quellen unter der Wasseroberfläche nachgeliefert wird. Die farblosen Kristalle, die früher zum Geschirrspülen verwendet wurden, sind der Garant für die Sauberkeit im See – und zwar paradoxerweise dadurch, dass sie das Wasser trüben. „Soda verhindert, dass sich das Feinsediment im See absetzt“, erklärt Krachler. So bleiben stets kleinste Tonmineralien in Schwebe. Diese Partikel sind überzogen von einer dünnen Schicht hochaktiver Mikroorganismen. Der Stoffwechsel dieser Organismen verarbeitet Pflanzenreste, aber auch Verunreinigungen und Schadstoffe. Ein Großteil davon wird umgewandelt und als Kohlendioxid ausgestoßen – löst sich somit buchstäblich in Luft auf. „Allein dieser Mechanismus war bisher der Garant dafür, dass der seichte See nicht schon längst zugewachsen und verlandet ist“, sagt Krachler.

Zu viel Donauwasser könnte diesen Atmungsprozess des Sees allerdings nachhaltig stören. Denn dieses Flusswasser enthält relativ viel Kalzium. Wenn es mit Seewasser gemischt wird, findet eine rasche chemische Reaktion statt, die dazu führt, dass zunächst die trübenden Schwebstoffe aus dem Wasser verschwinden. Die Badegäste bekämen freie Sicht auf unappetitliche Kalkschlammablagerungen, die sich ebenfalls aufgrund der Vermischung der Wasser am Seegrund bilden würden.

Doch nicht nur die Optik wäre laut Krachler wenig erbaulich. Wenn die Schwebstoffe fehlen, geht allmählich auch die Selbstreinigungskraft des Sees verloren. Der Kot der hunderttausenden Wasservögel würde nicht mehr im gewohnten Ausmaß verarbeitet werden. Zudem könnten abgestorbene Pflanzen und Algen nicht mehr einfach abgebaut werden, sondern würden sich am Seegrund ansammeln. „Das Meer der Wiener würde sich innerhalb weniger Jahrzehnte in ein Hochmoor verwandeln“, prophezeit Regina Krachler.

Trockenphasen. Doch würde der See nicht auch dann verschwinden, wenn kein frisches Wasser zugeleitet wird? Das Risiko besteht tatsächlich. Schließlich hat der fast 300 Quadratkilometer große See ein nur rund 1000 Quadratkilometer kleines Einzugsgebiet und dadurch nur wenig ergiebige Zuflüsse. Niederschläge sind daher für 80 Prozent des gesamten Wasserzuflusses verantwortlich. „Eine Reihe trockener Jahre kann da fatale Auswirkungen haben“, sagt Alois Herzig, Leiter der Biologischen Station in Illmitz. Deutlich zeigte sich dies zuletzt in der Mitte des 19. Jahrhunderts. Nach mehreren Trockenjahren sank der Pegel immer weiter, bis der See im Jahr 1864 schließlich völlig verschwunden war. Erst ab 1870 füllten starke Regenfälle den See langsam wieder auf.

Der Klimawandel könnte das Risiko der Austrocknung noch erhöhen. Für die kommenden 80 Jahre sagen Klimaforscher einen Anstieg der Durchschnittstemperatur in der Region um bis zu fünf Grad voraus.

Der Klimaexperte Herbert Formayer von der Wiener Universität für Bodenkultur versucht nun herauszubekommen, wie der See auf diesen möglichen Hitzeschock reagieren wird. Fest steht, dass durch die höheren Lufttemperaturen mehr Wasser als bisher verdunsten wird. Doch andererseits sei noch nicht auszuschließen, dass der Klimawandel sogar zu stärkeren Niederschlägen führen könnte, was die verstärkte Verdunstung ausgleichen könnte.

Trotz dieses Hoffnungsschimmers will Formayer keine Garantie für den langfristigen Fortbestand des Sees geben. Bei seinen Recherchen ist er auf ein unheimliches Phänomen gestoßen. Der See scheint schon derzeit unbemerkt zu schwinden. Diesen Schluss legt der Vergleich von zwei Vermessungen des Sees nahe. Die erste wurde in den sechziger Jahren durchgeführt, die zweite dreißig Jahre später. „In diesem Zeitraum scheint der See zehn bis zwanzig Prozent seines Volumens eingebüßt zu haben“, berichtet der Forscher.

Schilfplage. Eine Ursache könnte in dem rasant anwachsenden Schilfgürtel liegen. Der ist während der vergangenen 130 Jahre von einem schmalen Saum zur europaweit größten geschlossenen Schilffläche herangewachsen (siehe Grafik). Die riesige Monokultur würde schon jetzt das Gleichgewicht zwischen Produktion und Abbau organischer Substanzen im See stören, monierte das Wiener Umweltbundesamt bereits vor zehn Jahren. Regelrechte Wälle von abgestorbenen Pflanzen haben sich an den seeseitigen Rändern des Schilfgürtels gebildet, manche bis zu vierzig Zentimetern hoch. Das schneidet die dahinter liegenden Schilfzonen vom Seewasser ab – was die Wasserqualität verschlechtert und in weiterer Folge auch den Abbau von Pflanzenresten weiter bremst.

Für das Umweltbundesamt sind „menschliche Eingriffe“ für das unkontrollierte Wuchern des Schilfgürtels verantwortlich. Gemeint ist damit vor allem die Errichtung des so genannten „Einserkanals“. Dieser ab 1908 gegrabene künstliche Abfluss soll die Seeanrainer vor Hochwasser schützen. Zunächst schossen die Konstrukteure allerdings weit über das Ziel hinaus. Der Pegel des Sees sank auf nur noch 40 Zentimeter. Im Extremwinter von 1928/29 war diese Restpfütze dann zu einem massiven Eisblock erstarrt. Erst später wurde eine Schleuse eingebaut, die den Abfluss von Seewasser regulieren sollte. Seit dem Jahr 2000 wurde diese Schleuse nicht mehr geöffnet – wegen Wassermangels. Regina Krachler ist überzeugt, dass der See durch den Einserkanal rund 20.000 Tonnen Soda pro Jahr verloren hat. Die ursprüngliche Sodakonzentration ist deshalb bis heute auf ein Fünftel gesunken. „Es ist möglich, dass dies zu dem rasanten Wachstum des Schilfgürtels beigetragen hat“, so die Wissenschafterin.

Langsames Verdunsten durch den Klimawandel oder rasches Verlanden nach einer bedenklichen Donauwasserinjektion – dies scheinen derzeit die beiden Optionen für die Zukunft des Neusiedler Sees zu sein.

Die Beamten in Eisenstadt warten unterdessen auf den Herbst. „Dann haben wir die Resultate unserer Machbarkeits- und Umweltstudien vorliegen“, sagt Julius Marosi zuversichtlich. Wenn die Papiere zu keinem negativen Ergebnis kommen, könnten schon bald die Bagger anrücken. Es sei denn, so der Beamte, eine verregnete Saison hätte bis dahin den See wieder aufgefüllt. „Dann gibt es keine Beschwerden mehr über den niedrigen Wasserstand“, so Marosi. „Und dann wird das Projekt vermutlich wieder aufgeschoben.“

Von Gottfried Derka