Österreich als Doping-Drehscheibe

Doping. Bernhard Kohl ist kein Einzelfall: Österreich gilt international als Doping-Drehscheibe – dank zahnloser Gesetze, einer unfähigen Anti-Doping-Behörde und einem Freunderl-Filz aus Funktionären und Medien.

Am vergangenen Mittwoch absolvierte Bernhard Kohl die schwerste Etappe seiner Karriere. Auf einer Pressekonferenz in Wien-Schwechat erklärte der Drittplatzierte der Tour de France unter Tränen: „Ja, ich habe gedopt. Ich bitte alle Fans um Verzeihung, und ich werde alle Hintermänner nennen.“ Unangenehme Fragen muss sich in diesem Zusammenhang jetzt auch Kohls engeres Umfeld gefallen lassen: sein Manager Stefan Matschiner und dessen ehemaliger Kompagnon Manfred Kiesl. 2006 war Matschiner als Gast des wegen Dopingverdachts gesperrten ehemaligen ÖSV-Trainers Walter Mayer bei den Spielen in Turin, seit fast zehn Jahren ist er – mit unbestimmtem Auftrag – Zaungast der Tour de France. Kiesl wurde schon einmal wegen Anabolikahandels verurteilt.

Folgen wird die Affäre freilich keine haben. Während Staaten wie Deutschland, Italien oder Frankreich den Kampf gegen Doping ernst nehmen und saftige Haftstrafen verordnen, begnügt sich Österreich mit unzähligen Novellen des Anti-Doping-Gesetzes, „die das Papier nicht wert sind, auf dem sie gedruckt sind“, wie ein beteiligter Ermittler meint. International ist dies kein Geheimnis. Angel Heredia, der Kronzeuge im Prozess um das US-­Dopinglabor Balco, nannte Österreich in einem Interview mit dem „Spiegel“ als ­Doping-Hauptquelle. Der deutsche Sporthistoriker Giselher Spitzer bezeichnet ­Österreich als Zufluchtsland für DDR-­Dopingärzte, die anderswo aufgrund ihrer Vergangenheit keinen Job erhalten. Tatsächlich arbeitete der DDR-Sportmediziner Bernd Pansold als medizinischer Betreuer Hermann Maiers, bis er Ende 1998 wegen Dopings an Jugendlichen in der DDR-Zeit verurteilt wurde. Heute arbeitet Pansold im Salzburger Red-Bull-Trainingszentrum. Helmut Stechemesser, auch er mit DDR-Vergangenheit, betreut die wegen Dopings suspendierte 800-Meter-Weltrekordlerin Jolanda Ceplak und die heimische Rekordlerin Susanne Pumper, gegen die derzeit ein Dopingverfahren läuft. Er leitet die medizinische Abteilung im oberösterreichischen Rehazentrum Aspach an der bayrischen Grenze. Dort suchen auffällig viele deutsche Biathleten und Skilangläufer nach „ganzheitlicher Betreuung“.

Warum konnte sich Österreich mit Wissen der sportinteressierten Öffentlichkeit zum Dopingparadies entwickeln? Und warum hat sich bis heute nichts daran ­geändert? Andreas Schwab, seit Juli Leiter der neu gegründeten Anti-Doping-Agentur NADA, gibt unbewusst eine Teil­erklärung ab: „Ich bin nicht der oberste Dopingjäger Österreichs, ich sehe meine Funktion in der Prävention von Doping. Je weniger positive Fälle es gibt, desto klarer ist der Beweis, dass die Prävention funktioniert hat.“ Hat man einen Tierschützer zum Jäger gemacht? Bei den Olympischen Winterspielen 1976 nahm Schwab noch selbst als Bobfahrer teil. Sein Partner im Viererbob – Walter Delle-Karth – gesteht heute offen ein, damals gedopt zu haben. Schwab, damit konfrontiert: „Das überrascht mich. Ich habe damals nichts davon gemerkt.“

Dabei machen sich viele Leistungssportler gar keine große Mühe, ihre Leistungssteigerung groß zu vertuschen. Die Tricks sind offensichtlich. Asthma zum Beispiel ist eine weit verbreitete Volkskrankheit, besonders schlimm hat das Leiden aber unsere Elitesportler erwischt. Belastungsasthma ist bei Radfahrern, Schwimmern und Skilangläufern ein anerkanntes Problem. Durch die Lungen der Athleten wird bei widrigsten Bedingungen eiskalte oder chlorhaltige Luft gepumpt. Insgesamt 3000 Athleten sind im Testpool der NADA erfasst und müssen mit unangemeldeten Trainings- und Wettkampfkontrollen rechnen. Davon haben etwa 1000 eine medizinische Ausnahmeregelung. Das heißt, sie dürfen wegen eines körperlichen Leidens Medikamente zu sich nehmen, die auf der Liste der verbotenen Dopingstoffe aufscheinen. „950 davon leiden unter Asthma“, stellt NADA-Abteilungsleiter Michael Mader fest. Das bedeutet, dass jeder dritte Athlet Kortikoide zu sich nehmen darf. Kortikoide wirken entzündungshemmend, erhöhen die Schmerzgrenze und bekämpfen Müdigkeit – ideal also für harte Trainingseinheiten und Wettkämpfe. Im Bereich des absoluten Spitzensports liegt der Anteil der Asthmatiker aber noch weit höher. „Zwei Drittel der heimischen Olympiastarter hätten gleich in Peking bleiben können, um an den Paralympics teilzunehmen“, ätzt ein Verbandssekretär.

Staatsgeheimnisse. Testergebnisse werden von den zahmen heimischen Dopingjägern wie Staatsgeheimnisse gehütet. Weder positive noch negative Resultate werden bekannt gegeben. Zwar sieht das im August in Kraft getretene Dopinggesetz vor, dass die Namen der Dopingsünder nach Abschluss des Verfahrens veröffentlicht werden müssen – allein, es geschieht nicht. „Wir benötigen eine Verordnung des zuständigen Bundeskanzleramts, wie und in welchem Ausmaß wir diese Daten veröffentlichen sollen“, meint Mader. Längst hat sich die NADA den Ruf eines mythenumrankten Geheimordens erarbeitet. „Das kann doch nicht wahr sein“, meint die Sprecherin der deutschen Anti-Doping-Agentur, Ulrike Spitz. „Bei uns müssen die Fachverbände die Namen der Gedopten natürlich veröffentlichen. Wo bleibt sonst die abschreckende Wirkung?“ Unter diesen intransparenten Umständen werden zwangsläufig auch etliche „Wettkampfpausen“ und Rücktritte vom aktiven Sport mit einem Fragezeichen versehen. Der ehemalige Radprofi Georg Totschnig hatte 2005 als erster und bislang einziger Österreicher eine Tour-de-France-Etappe gewonnen und im Jahr darauf seine Karriere überraschend beendet. Jef d’Hont, ehemaliger Masseur des Profi-Rennstalls Telekom und Verfasser eines Aufdeckerbuchs über Doping im Radsport, behauptet profil gegenüber, dass alle T-Mobile-Profis bis zur Auflösung des Teams im Jahr 2003 gedopt hätten – auch Georg Totschnig.

Aber nicht nur die NADA pflegt die Kunst der Geheimhaltung. Auch der Österreichische Skiverband ÖSV ist nicht bereit, bekannt zu geben, welche Athleten außerhalb der Saison getestet wurden. Im Frühjahr, Sommer und Herbst ist der Einsatz von Wachstumshormonen und Anabolika am sinnvollsten. „Nur die Dümmsten lassen sich während der Saison erwischen“, bringt es der ehemalige Sport-­Staatssekretär Karl Schweitzer auf den Punkt. Ex-Weltmeister Fritz Strobl und Weltcupsiegerin Nicole Hosp können sich jedenfalls nicht erinnern, jemals außerhalb der Wintersaison getestet worden zu sein. Das zahnlose österreichische Anti-Doping-Gesetz bringt kaum Licht ins Dunkel. Im Gegenteil: Willy Lilge, Leistungsdiagnostiker in Wien und Verfechter eines harten Anti-Doping-Kurses, bezeichnet das Anti-Doping-Gesetz als „Doping-Schutzgesetz. Es bietet keine Handhabe gegen Doping.“ Lilge ist auch selbst ein Opfer der österreichischen Dopingmoral. Im März 2008 hatte er als Sportkoordinator des Wiener Laufvereins LCC um Dopingtests bei einer Laufveranstaltung im Wiener Prater angesucht. Zwei der drei getesteten Läuferinnen wurden dabei positiv auf EPO getestet. Die Konsequenz: Eine davon – Österreichs Langstreckenrekordlerin Susanne Pumper – hat nun Lilges Job beim LCC übernommen. Lilge wurde am 30. September gekündigt.

Auch Gernot Schaar, Rechtsanwalt in Wien und Leiter der NADA-Rechtskommission, ist mit dem geltenden Gesetz höchst unzufrieden. „Es ist nahezu unmöglich, an die Hintermänner zu kommen. Ich bestrafe nur die kleinen Fische, die Sportler, aber an die großen Fische komme ich nicht heran.“ Denn das Gesetz bestrafe den Besitz „zum Zweck des Dopings im Sport“, so Schaar: „Wie soll man das nachweisen? Jeder kann behaupten, es diene anderen Zwecken.“

Blutkörperchen. Das neue Anti-Doping-Gesetz hat aber auch positive Aspekte. Erstmals ist Blutdoping in Österreich strafbar – nicht für die Athleten, aber für die Hintermänner. Bis zum 1. August 2008 konnten Ärzte ohne Sorge vor strafrechtlicher Verfolgung Sportlern Blut abnehmen und es ihnen vor Wettkämpfen wieder zuführen, um die Menge der roten Blutkörperchen zu erhöhen – eine Methode, die bis heute nicht nachweisbar ist und die die Turiner Staatsanwaltschaft zehn Athleten, Trainern, Ärzten und Funktionären des österreichischen Skiverbands vorwirft. In Italien ist Eigenblutdoping schon seit Jahren strafbar. Bei einer überraschenden Razzia in der Unterkunft der österreichischen Skilangläufer und Kombinierer waren während der Olympischen Spiele 2006 zahlreiche Utensilien für Blutdoping gefunden worden. Walter Mayer, der ehemalige Trainer der Nordischen im ÖSV, war wegen Blutmanipulationen schon während der Spiele 2002 in Salt Lake City vom IOC zur persona non grata erklärt worden – was ihn aber nicht daran hinderte, in der Unterkunft der Langläufer aufzutauchen und dadurch die Razzia zu provozieren. Peter Schröcksnadel, der Präsident des ÖSV, sprach danach vor versammelter internationaler Presse den legendären Satz: „Austria is a too small country to do good doping.“

Geholfen hat ihm das nicht. Er wird von den Turiner Behörden beschuldigt, am „organisierten Blutdoping“ beteiligt gewesen zu sein. Dem machtbewussten ÖSV-Präsidenten bleibt noch eine Woche Zeit, um der italienischen Justiz seine Darstellung der Ereignisse zu übermitteln. Fällt diese nicht schlüssig aus, wird er angeklagt. Auch neun anderen heimischen Athleten, Trainern, Ärzten und Funktionären des ÖSV drohen Anklagen und letztlich auch Haftstrafen.

Ermittlungsprobleme. Die heimischen Ermittlungen in der Causa werden dagegen österreichisch enden: ohne Anklage. Erst eine anonyme Anzeige gegen 30 in- und ausländische Sportler sowie gegen drei Ärzte wegen Versicherungsbetrugs hatte die Staatsanwaltschaft im Februar dieses Jahres aktiv werden lassen: Ärzte würden Sportlern Blut abnehmen und in Spitälern gekühlt lagern lassen, um es bei gegebener Zeit – also vor Wettkämpfen – den Sportlern wieder zuzuführen. Verrechnet würde diese Sonderbehandlung den Kranken- und Zusatzversicherungen. Dieser Versicherungsbetrug konnte vom Bundeskriminalamt (BK) nicht nachgewiesen werden; in den kommenden Wochen wird das BK dieses Ergebnis öffentlich bekannt machen.

Wie wird es inzwischen mit Bernhard Kohl weitergehen? Er wird wohl eine zweijährige Sperre erhalten, seinen dritten Platz bei der Tour de France und sein rot gepunktetes Bergtrikot ebenso verlieren wie seine Sponsorgelder. Strafrechtliche Verfolgung droht ihm allerdings keine – es sei denn, die Anzeige eines Wiener Juristen und leidenschaftlichen Radfahrers zeigt Wirkung. Dieser hat Kohl am 14. Oktober bei der Staatsanwaltschaft Wien nach Paragraf 146 StGB (Betrug) angezeigt: „Ich rege daher an zu untersuchen, ob der genannte Sportler sowie unbekannte Personen strafrechtlich relevante Handlungen gesetzt haben“, heißt es in dem Schreiben, das profil vorliegt. Insider nehmen jede Sportwette an, dass auch diese Affäre sanft versanden wird.

Von Gerd Millmann