Österreich, du hast es besser: Fettauge auf der Euro-Minestrone

Österreichs Wirtschaft wächst vergleichsweise stark, die Arbeits­losigkeit bleibt vergleichsweise niedrig.

Gastkommentar von Klaus Schweinsberg

„Hoffentlich wird es nicht so schlimm, wie es schon ist.“ Kaum trefflicher ließe sich die Lage in der Euro-Zone beschreiben als mit diesem schaurig-schönen Satz Karl Valentins. Die wirtschaftlichen Aussichten sind trüb, politisch fehlt es an Biss und Würze. Kurzum: Auf dem Brüsseler Herd köchelt ein ziemlich dünnes europäisches Süppchen. Zwei Fettaugen indes glänzen frech auf der Euro-Minestrone: Österreich und Deutschland. Beide wachsen 2014 mit knapp zwei Prozent doppelt so stark wie der übrige Euro-Raum. Und die Arbeitslosenquote beträgt nur einen Bruchteil dessen, womit die restlichen 15 Euro-Staaten zu kämpfen haben.

Deutschland wurde darob zum Musterschüler in Euro-Land ausgerufen, selbst US-Präsident Barack Obama lobt das Wirtschaftswunder II. Wahrscheinlich dient sein Angriff auf Merkels Handy auch nur dazu, die deutsche Geheimrezeptur auszuspionieren.
Österreich hingegen erleidet das traurige Schicksal des Kleinen im Schatten des Großen, ja wird mancherorts als Anhängsel des deutschen Wirtschaftswunders kleingeredet. Das ist falsch.
Österreichs Leistung ist alles im allem imponierender als die deutsche. Die Alpenrepublik zeichnen Beständigkeit, Ausgeglichenheit, Wandlungsbereitschaft aus. Und womöglich zeigt sich nach den Koalitionsverhandlungen von Schwarz und Rot in Berlin: auch durch eine deutlich höhere Verlässlichkeit für Investoren.

Die Wachstumszahlen in Österreich sind schon länger als eine Dekade überdurchschnittlich, Deutschland dagegen hielt in der ersten Hälfte der 2000er-Jahre die rote Laterne. Und nie standen vergleichbar viele Menschen in Wien, Graz oder Linz ohne Arbeit auf der Straße wie in Berlin, Leipzig oder Gelsenkirchen.

Mit dem ökonomischen und politischen System verhält es sich wie in der Natur: Organisches Wachstum erweist sich auf Dauer als am nachhaltigsten. So zeigt sich: Trotz seiner offensiven Umarmung der Globalisierung plagen Österreich die sozialen Verwerfungen weit weniger als den großen Nachbarn, wie diverse internationale Studien belegen. Der Anteil der Working Poor, also der Erwerbstätigen, deren Lohn nicht zum Leben reicht, ist in Österreich mit vier Prozent nur halb so hoch wie in Deutschland. Die Dynamik der Lohnungleichheit ist zwischen Rhein und Oder eine der größten in den hochentwickelten Ländern, der Niedriglohnsektor inzwischen einer der ausgedehntesten in Europa. Das sieht in Österreich anders aus.

So ähnlich die Lage in Österreich und Deutschland prima facie scheint, so unterschiedlich dürfte die Zukunft aussehen. Denn die Fundamente des viel gerühmten neuen deutschen Erfolgs­modells drohen wegzubrechen. Bei der Neu­ordnung des deutschen Arbeitsmarkts, auf welche die Sozialdemokraten in den laufenden Koalitionsverhandlungen drängen, zeichnet sich die Gefahr einer Rolle rückwärts zu den beschäftigungsfeindlichen Gesetzen von früher ab. Die Folgen einer überzogenen Re-Regulierung, eines zu hohen Mindestlohns und einer rigorosen Einschränkung sogenannter atypischer Beschäftigungsverhältnisse werden sich nicht über Nacht zeigen, aber nach 2014 mit Sicherheit.

Österreich, du hast es besser! Wenn die Politik weiterhin in bewährter Manier „piecemeal engineering“ betreibt, also in kleinen, überschaubaren Schritten reformiert, dann sind die Aussichten trotz aller möglichen Unbilden in Europa bestens. Und Österreich wird wohl als einziges Fettauge in Europa übrig bleiben.

Professor Klaus Schweinsberg gilt als einer profiliertesten Publizisten Deutschlands. Er war ab Ende der 1990er-Jahre in verschiedenen Funktionen für den Hamburger Gruner + Jahr-Konzern tätig (Mehrheitsgesellschafter der Verlagsgruppe News, in der auch profil erscheint), zuletzt als Chefredakteur des Wirtschaftsmagazins „Capital“. 2009 gründete Schweinsberg das Centrum für Strategie und Höhere Führung mit Sitz in Köln. Schweinsberg wird Österreich ab sofort regelmäßig von außen betrachten – und beschreiben.