Wolfgang Fellner über sein Verständnis von Journalismus

Österreich - Wolfgang Fellner über sein Verständnis von Journalismus

Der Verleger Wolfgang Fellner über seine Auffassung von Journalismus, die Zukunft der Zeitung und seine früh beendete Karriere als Fußballer.

Interview: Herbert Lackner

profil: Ich habe noch nie gemeinsam mit Ihnen in einer Zeitung gearbeitet, aber man hört, das sei nichts für schwache Nerven.
Fellner: Eine Tageszeitung ist prinzipiell nichts für schwache Nerven. Wahrscheinlich ist auch die Arbeit im profil nichts für schwache Nerven. Ich bin altersbedingt ruhiger und hoffentlich weiser geworden, bei mir reicht heute ein ganz normales Nervenkostüm.

profil:
Wenn ich richtig zusammengezählt habe, haben Sie acht Zeitungen und Magazine gegründet.
Fellner: Es waren eher mehr … ich glaube, an die elf! Da waren noch ein paar kleinere dazwischen. Zum Beispiel habe ich die "Bühne“ komplett neu gemacht - hätte mir wohl niemand zugetraut.

profil:
Haben Sie eine kleine Träne zerdrückt, als jetzt die Printfassung von "XPress“ eingestellt wurde, dem Nachfolgeblatt Ihres Erstlings "Rennbahn-Express“?
Fellner: Der "Rennbahn-Express“, den ich gemacht habe, hat mit dem jetzt eingestellten so viel zu tun wie der FC Mistelbach mit dem FC Bayern.

profil: Ihrer war FC Mistelbach?
Fellner: Meiner war Bayern.

profil: Warum überrascht mich diese Antwort nicht?
Fellner: Vermutlich deshalb, weil Sie damals ja selbst ein junger Redakteur waren und wissen, dass der "Rennbahn-Express“ eine ganz andere Welt war. Der hat eine ganze Generation geprägt. Heute ist es furchtbar schwer, Jugendzeitschriften zu machen. Das betrifft auch so legendäre Jugendmedien wie "Rolling Stone“ oder "Bravo“, die beide praktisch nicht mehr vorhanden sind. Die Teenager gehen heute nicht in die Trafik, sondern ins Internet. Aber ja: Manchmal denke ich noch mit wehmütigem Herzen an den früheren "Rennbahn-Express“. Das waren tolle Zeiten.

profil:
Viele der Zeitungen, die Sie gemacht haben, waren besser als ihr Ruf. Den Ruf haben allerdings auch Sie gemacht. Was ist da schiefgegangen?
Fellner: Hat "Woman“ einen schlechten "Ruf“? Oder "News“? Oder "Format“? Auch "Österreich“ hat keinen schlechten Ruf. Sie müssen nur in eine U-Bahn steigen und schauen, wie viele Menschen "Österreich“ lesen. Die würden das nicht tun, hätte die Zeitung einen schlechten Ruf. Die lieben diese Zeitung.

profil: Man bekommt sie schließlich gratis.
Fellner: Nicht alles, was gratis ist, ist ein Erfolg. Und nicht jeder, der eine Box aufstellt, darf glauben, dass die Leute gleich Schlange stehen. Das muss ein wirklich gutes Produkt sein, damit es genommen wird. In Wien nehmen 400.000 Leute jeden Tag ein "Österreich“ aus der Box. Das ist schon fast das Dreifache der "Krone“-Auflage.

profil:
Tut es Ihnen weh, wenn sich andere Zeitungen über "Österreich“ lustig machen?
Fellner: Ich habe da einen amerikanisch-kalifornischen Zugang: Ich freu mich über jeden Erfolg - auch bei anderen. Bei uns es ist leider üblich, dass Konkurrenten aus lauter Neid aufeinander einschlagen. Diesen hasserfüllten Medienjournalismus gibt es nur in Österreich. In den USA wäre es undenkbar, dass ein Organ wie der "Standard“ ständig auf seiner Medienseite Konkurrenz-Bashing betreibt - und dazu Postings stellt, die einen Ton haben, als kämen sie direkt aus einer psychiatrischen Anstalt.

profil: Das Hauptwort "Fellnerismus“ steht doch sogar schon auf Wikipedia. Tut Ihnen das weh?
Fellner: Na alleweil! Warum soll mir das weh tun?

profil: Es steht für lauten Journalismus, der gern die Ellbogen ausfährt.
Fellner: Wird vielleicht der eine oder andere so sehen, ich seh es nicht so. Und der Großteil meiner Leser und Mitarbeiter, die mit mir gearbeitet haben, wird nichts Schlechtes über mich sagen.

profil: Ein gewisses Bedürfnis nach Reputierlichem ist aber unverkennbar, wenn man sich daran erinnert, wie wild sie Ende der 1990er-Jahre versucht haben, sich profil zu krallen.
Fellner: Überhaupt nicht!

profil: Bitte? Sie haben 1997 "Format“ gegründet, profil dutzende Mitarbeiter abengagiert und das neue Blatt am profil-Erscheinungstag Montag zu einem Kampfpreis verkauft.
Fellner: Das wird man ja vielleicht noch dürfen. Ich bin der Meinung, dass Konkurrenz etwas Gutes ist, und die Gründung von "Format“ hat zu einer Hochblüte des profil geführt. Beide Produkte verdienen heute gutes Geld und machen sehr, sehr guten Journalismus.

profil: Bei "Österreich“ arbeiten Ihre Ex-Frau, Ihre gegenwärtige Frau und Ihre Kinder mit. Sehen Sie sich in der Rolle des Patriarchen?
Fellner: Nein - dafür bin ich noch viel zu jung. Viele Medien haben ja das Problem, dass es mit der Nachfolge nicht klappt. Mein Sohn Niki ist 29 und wird, wie ich hoffe, von allen geschätzt. Er hat sich seit mehreren Jahren als Ko-Chefredakteur der Tageszeitung neben Werner Schima bewährt und jetzt als Geschäftsführer den gesamten Onlinebereich übernommen. Es ist der schönste Erfolg in meinem Leben, dass mein Sohn an meiner Seite ist. Ich bin übrigens nicht der Einzige, der das so macht. Oscar Bronners Sohn ist auch Geschäftsführer des Digitalbereichs und sehr erfolgreich.

profil: Die Familie Dichand vergessen Sie zufällig?
Fellner: Mit Hans Dichand will ich mich nicht vergleichen - das ist eine eigene Kategorie. Und sein Sohn Christoph hat sicher das Problem, dass er erst sehr spät in die Zeitung kam - kurz vor dem Tod des Vaters.

profil: Wie ist das eigentlich, wenn Sie bei einer Veranstaltung zufällig auf das Ehepaar Christoph und Eva Dichand stoßen?
Fellner: Ich bin nicht der Typ, der viel auf Society-Events geht. Ich arbeite lieber oder bin bei meiner Familie. Aber wenn man sich trifft, ist es netter Smalltalk.

profil: Wenn man Ihre Zeitungen liest, hat man eher den Eindruck, beide Seiten seien ständig im Kampfmodus.
Fellner: Vordergründig ist es netter Smalltalk.

profil: Es heißt, Eva Dichand und Wolfgang Fellner würden ständig spionieren, wie viele Aufträge der jeweils andere von Inserenten bekommt.
Fellner: Das ist halt so in dieser Branche. Es ist ein befruchtender Konkurrenzkampf. Wir leben immerhin in der Stadt mit den besten Gratiszeitungen Europas.

profil: Die würde es nicht geben, wäre die öffentliche Hand nicht so großzügig bei der Inseratenvergabe.
Fellner: Das ist Unsinn. Die Inserate der Regierung sind für "Österreich“ oder "Heute“ keine entscheidende Größenordnung. Das sind keine drei Prozent vom Umsatz.

profil: Keine Größenordnung? Allein im vierten Quartal 2012 entfielen laut Meldungen nach dem Medientransparenzgesetz auf die "Krone“ 8,1 Millionen, auf "Heute“ 4,4 und auf "Österreich“ 3,8 Millionen. Das sind 16 Millionen an öffentlichen Geldern für die Boulevardpresse in einem einzigen Quartal.
Fellner: Da wird ja alles dazugerechnet, was in diesem Land inseriert: ÖBB, Flughafen, alle Länder und ihr Fremdenverkehr, der ORF mit allen Gegengeschäftsinseraten - das ist ja ganz normale Werbung. profil bekommt, gemessen an Leserzahl und Erscheinungshäufigkeit, wahrscheinlich sogar mehr öffentliche Inserate als die "Krone“.

profil: Das bezweifle ich stark. Ging es Ihnen bei der Gründung von "Österreich“ darum, eine junge "Kronen Zeitung“ zu machen? Wenn ja, ist das schiefgegangen, weil die "Krone“ immer noch viermal so viele Leser hat wie "Österreich“.
Fellner: Nein, es ging mir darum, jüngere Leute wieder an das Medium Tageszeitung und über die Tageszeitung an das Medium Online heranzuführen. Vor meiner Gründung hatten die Tageszeitungen in Wien bei den Jungen nur noch eine Reichweite von 20 Prozent, heute sind es 60 Prozent. Da spielt natürlich "Heute“ auch eine Rolle.

profil: An Online musste man die Jungen nicht wirklich heranführen. Dort sind sie schon.
Fellner: Richtig. Aber man musste das Medium Tageszeitung in die Onlinewelt bringen. Wir bedrucken derzeit auf riesigen Maschinen gewaltige Mengen von Papier und fahren sie mit LKW-Kolonnen hunderte Kilometer weit durchs Land. In Zukunft brauchen wir weder Papier noch umweltfeindliche LKW noch Hauszusteller. Die Altverleger müssen aufpassen, dass sie die Entwicklung nicht verschlafen. Die intrigieren lieber, machen in ihren Gremien Sitzung über Sitzung, fordern ständig mehr Presseförderung und jammern ununterbrochen, statt etwas Neues zu gründen.

profil: Und wer bezahlt Ihnen für ihre per Internet vertriebene Zeitung Geld?
Fellner: Steve Jobs hat seinen iTunes-Store gegründet, und niemand ist auf die Idee gekommen, dass man dafür nicht zahlen muss. Für Rupert Murdochs Sky-Kanäle wird ebenfalls bezahlt, nur die Zeitungsverleger haben das nicht geschafft - da fehlt weltweit ein Visionär wie Steve Jobs. Leider.

profil:
Niemand hindert Sie daran, für Ihr "Österreich“ im Internet Geld zu verlangen.
Fellner: Da bin ich gerade dabei. Ab nächster Woche wird es "Österreich“ im Netz als Bezahlzeitung geben.

profil: In der U-Bahn bekommt man sie gratis, im Netz muss man dafür bezahlen?
Fellner: Genau.

profil: Warum soll das jemand tun?
Fellner: Wir gehen da voran. Das ist im Urlaub sicher ein Erfolg - in Lignano stehen ja keine Boxen. Und das ist auch ein Angebot für alle Leser in den Bundesländern. Außerdem gibt’s für das Geld viele Dinge, die es in den U-Bahn-Boxen nicht gibt, eine tägliche Abendausgabe zum Beispiel. Und der Rest der Website bleibt vorerst weiter kostenlos.

profil: In Österreich gibt es noch 15 Tageszeitungen. Wie viele davon werden in zehn Jahren noch auf Papier erscheinen?
Fellner: Wer jetzt zu wissen behauptet, was in zehn Jahren sein wird, der ist ein Scherzbold. Vor sieben Jahren hat eine prominente Medienagentur-Chefin bei einer Tagung zu Eva Dichand und mir gesagt, sie gehe jede Wette ein, dass spätestens 2012 niemand mehr eine Zeitung aus einer Box nimmt, es werde alles nur noch am Handy gelesen werden. Also bitte.

profil: Frau Dichand und Sie haben maßgeblich zur Verfestigung der Gratiskultur beigetragen: Für Information will niemand mehr bezahlen. Wie bekommt man die Zahnpasta wieder in die Tube zurück?
Fellner: Das ist eine weise Frage. Aber der geniale Ex-Chef von Styria, Horst Pirker, hat einmal gesagt: Es ist heute wichtiger, von einem Leser 10 Minuten seiner Zeit als einen Euro zu bekommen.

profil: Ihr kürzlich verstorbener Vater war ein angesehener Historiker. Hat es Sie nie in eine andere Branche gezogen?
Fellner: Ich habe mit 14 im Keller des Universitätsinstituts meines Vaters eine Schülerzeitung gegründet und hatte das Glück, dass dieser "Rennbahn-Express“ gerade flügge wurde, als die große Jugendbewegung begann und von allen Seiten Inserate kamen. Ich war mit 20 Jahren Schilling-Millionär, da denkt man nicht unbedingt über eine Universitätskarriere nach. Ich habe aber nach wie vor meine nicht abgegebene Dissertation zu Hause liegen.

profil: Thema?
Fellner: "Die Erfindung des Telegraphen und seine Wirkung auf die Medien“ bei Frau Professor Marianne Lunzer. Als ich damit fast fertig war, habe ich "Basta“ gestartet. Da war es mit der Wissenschaft vorbei.

profil: Ihre Familie war eher sozialdemokratisch gepolt. Wie hat Sie das beeinflusst?
Fellner: Mein Vater war ein sehr unabhängiger und kritischer Sozialdemokrat, so in der Art Norbert Lesers.

profil: Das war eher der rechte SPÖ-Flügel.
Fellner: Leser war zeitweise der linke und zeitweise der rechte Flügel - wie auch mein Vater.

profil: Wählen Sie immer die gleiche Partei?
Fellner: Als Journalist sollte man parteipolitisch neu-tral sein, deshalb habe ich ein ganz besonderes Wahlmodell. Ich gehe jeweils mit meinem jüngsten Kind in die Wahlzelle und lasse es für mich wählen. Allerdings haben wir vorher lange diskutiert.

profil: Anders gesagt: Ihre Kinder haben dann so gewählt, wie Sie es wollten.
Fellner: Nein, genau umgekehrt! Ich wähle so, wie meine Kinder das wollen. Das wäre vielleicht ein gutes Modell für die Gesellschaft insgesamt.

profil: Was wäre gewesen, wenn einer Ihrer Söhne FPÖ gewählt hätte?
Fellner: In diese Situation bin ich Gott sei Dank nicht gekommen.

profil: Haben Sie auch den Eindruck, dass unsere Branche Politiker manchmal zu Unrecht hinunterschreibt?
Fellner: Sie haben schon recht: Der Journalismus ist sehr negativ geworden. Die gegenwärtige Koalitionsregierung zum Beispiel ist sicher besser als ihr Ruf. Ihr Ruf ist ja katastrophal. Der Frust der Wähler ist so hoch, dass man sogar positive Dinge wie das zuletzt in Rekordzeit beschlossene Konjunkturpaket gar nicht mehr wahrnimmt. Das macht auch eine positive Berichterstattung derzeit sehr schwierig.

profil: Glauben Sie, dass Politiker zu viel verdienen?
Fellner: Nein. Aber es kommt darauf an, von wem man spricht: Es gibt Regierungsmitglieder mit einer 70-Stunden-Woche - die verdienen sicher nicht zu viel. Und dann gibt es Abgeordnete mit drei Monaten Ferien und einigen wenigen Arbeitsstunden in der Woche. Da sind 8200 Euro im Monat natürlich viel zu viel. Da darf sich keiner wundern, wenn Alpine-Arbeiter zornig werden.

profil: Gibt es Momente, in denen Sie sich denken: Hallo, dieser Job da wäre auch etwas für mich gewesen, wäre ich nicht Journalist geworden?
Fellner: So wie alle in meiner Generation wäre ich früher gerne Musiker geworden - ein österreichischer Robbie Williams, das wäre ein Traum gewesen. Ich wäre auch gerne Universitätsprofessor wie mein Vater oder Lehrer geworden, aber - ehrlich gesagt - das Leben als Mediengestalter und Verleger ist traumhaft schön. Besser geht’s nicht. Deshalb bin ich auch froh, dass ich meine Fußballerkarriere beim legendären SAK Salzburg mit 16 abgebrochen habe, um Journalist zu werden.

profil: Wolfgang Fellner als Profifußballer - interessante Vorstellung!
Fellner: Da hatte ich ohnehin nur ganz zarte Minimalhoffnungen. Dafür war ich wohl nicht geeignet.

profil: Nächstes Jahr werden Sie 60. Wann gehen Sie in Pension?
Fellner: In meinem Beruf geht man nicht in Pension. Er ist Begeisterung und Leidenschaft. Und ich bin unheimlich dankbar, dass ich neue Medien entwickeln darf. Da kommt noch viel.

profil: Was halten Sie von diesem Bild: Der altersweise Wolfgang Fellner sitzt am Ufer des Attersees und schreibt ein dickes Buch.
Fellner: Ein Journalistenkollege hat einmal ein Buch über mich geschrieben. Ich habe ihn vorher eindringlich davor gewarnt. Und die Stückzahl war dann auch wirklich minimal.

profil: Kleine Auflagen haben Sie noch nie interessiert.
Fellner: Nein. Wirklich gern hätte ich die Biografie von Steve Jobs geschrieben. Aber die Idee hatte schon jemand Besserer vor mir. Über wen sollte ich also ein Buch schreiben? Über Werner Faymann? Michael Spindelegger? Christoph Dichand? Ich lass’ es lieber.

Wolfgang Fellner, 59.
Der gebürtige Salzburger gründete mit 14 Jahren seine erste Zeitung, später den "News“-Verlag und zuletzt das Tagblatt "Österreich“.