Österreichs Banken im Bann der Finanzkrise:
"Das ist eine Krise, die sich gewaschen hat"

Krise. Österreichs Banken im Bann der Finanzkrise: Die osteuropäischen Märkte entwickeln ein immer größeres Bedrohungspotenzial. Rufe nach einem Staatsfonds werden laut. Doch die Regierung zaudert.

Eine Welt zwischen Wunsch und Wirklichkeit: Dienstag vergangener Woche ereilte die österreichischen Kunden der isländischen Kaupthing Bank, hierzulande erst seit wenigen Wochen über einen Online-Ableger im Geschäft, eine vermeintlich versöhnliche Botschaft aus dem fernen Reykjavík: „Um die Liquidität weiterhin stabil auf hohem Niveau zu halten, hat die Kaupthing Bank einen Kredit in der Höhe von 500 Millionen Euro von der isländischen Zentralbank erhalten. Die Direktbank der Kaupthing Bank wird ihre Geschäfte nach einem sehr erfolgreichen Launch im September 2008 am österreichischen Markt wie bisher fortsetzen. Die Einlagen der österreichischen Kaupthing-Kunden sind sicher.“

Ziemlich viel Zuversicht , wenn man bedenkt, dass Islands Ministerpräsident Geir Haarde tags zuvor den Staatsbankrott ausgerufen hatte. Am Donnerstag schließlich reagierten die Finanzaufsichtsbehörden mehrerer europäischer Länder, darunter auch Österreichs FMA. Wegen „Gefahr in Verzug“ wurden Kaupthing-Konten bis auf Weiteres eingefroren, die Hereinnahme neuer Kundengelder untersagt. Das Paralleluniversum der großen Bankiers am Beispiel des kleinen Island: ignorieren, beschwichtigen oder abstreiten, bis eben gar nichts mehr geht. Seit Tagen überschlagen sich Meldungen zu schlingernden Großbanken in Großbritannien, Deutschland, Italien, Spanien, Frankreich, die bis vor wenigen Wochen noch ausnahmslos als kerngesund galten. Die Regierungen kommen mit dem Schnüren von Rettungspaketen kaum mehr nach. Die Kapitalmärkte kollabieren: Freitag vergangener Woche musste der Handel an der Wiener Börse im Lichte des enormen Verkaufsdrucks erstmals seit Ende des Zweiten Weltkriegs vorübergehend zur Gänze ausgesetzt werden. Es stellt sich nicht länger die Frage, ob der Flächenbrand auch Österreichs Finanzwelt erfasst. Die Frage lautet eher: Wer kommt da noch unbeschadet durch?

Betretene Banker. Andreas Treichl, Vorstandsvorsitzender der Erste Bank, lässt mit einer alles andere als erbaulichen Feststellung aufhorchen: „Das ist eine Krise, die sich gewaschen hat. Das haben wir so noch nie gesehen, und das wird uns noch lange begleiten. Und wirklich niemand kann seriös sagen, wie das ausgehen wird.“ Aus österreichischer Sicht steht einiges auf dem Spiel: Vorsichtigen Schätzungen zufolge belaufen sich die österreichischen Geldeinlagen – Bankguthaben, Investmentzertifikate, Lebensversicherungen, Anleihen und Aktien – auf immerhin rund 1000 Milliarden Euro, also annähernd das Vierfache des österreichischen Bruttoinlandsprodukts des Jahres 2007. Durch die vorläufige Schließung der Kaupthing Bank sind erstmals österreichische Sparer direkt von der Finanzkrise betroffen, wenn auch in bescheidenem Ausmaß. Die Isländer konnten seit Markteintritt kaum mehr als 300 Kunden gewinnen, die zusammen rund drei Millionen Euro eingelegt haben.

Daneben sind aber auch Österreichs Großbanken längst mittendrin statt nur mehr dabei. Die italienische UniCredit-Gruppe, Mutter der Bank Austria, musste vergangene Woche in aller Eile eine 6,6 Milliarden Euro schwere Kapitalerhöhung beschließen, um die gefährlich ausgedünnte Eigenmittelbasis zu stärken; die belgisch-französische Dexia-Gruppe, einer der weltweit größten Kommunalfinanciers, musste zuvor von den Regierungen in Brüssel und Paris mit einem Zuschuss von 6,4 Milliarden Euro vor dem Zusammenbruch bewahrt werden – in Österreich hält Dexia 49 Prozent an der Kommunalkredit Austria AG, die ihrerseits österreichische Gemeinden kreditiert; in Deutschland wankt die Bayerische Landesbank. Dem Vernehmen nach braucht das Institut noch vor dem Jahreswechsel eine Kapitalspritze von über einer Milliarde Euro – in Österreich halten die Bayern 57,5 Prozent an der Kärntner Hypo Alpe-Adria.
Und all das ist erst ein kleiner Vorgeschmack auf die kommenden Wochen und Monate. Denn so sehr die Repräsentanten des heimischen Geldgewerbes auch die „Stabilität“ des Finanzplatzes Österreich beschwören mögen – um Österreich und dessen Sparer geht es nur mehr in zweiter Linie.

Land der Zwerge. Die heimische Kreditwirtschaft, das ist einerseits: 870 Institute, verteilt auf fünf große Sektoren: Sparkassen, Raiffeisen, Volksbanken, Hypothekenbanken und Aktienbanken. Ende 2007 zählte die Branche landesweit 79.000 Beschäftigte in 4300 Zweigstellen, die kumulierte Bilanzsumme erreichte nach Erhebungen der Oesterreichischen Nationalbank 899,5 Milliarden Euro – mehr als das Dreifache des österreichischen Bruttoinlandsprodukts dieses Jahres. Die heimische Kreditwirtschaft, das ist andererseits: eine Gruppe von gerade einmal sechs Großbanken, die zusammen fast 50 Prozent des Marktes beherrschen: Bank Austria, Erste Bank, Raiffeisen Zentralbank, Volksbanken AG, Hypo Alpe-Adria und Bawag P.S.K. Diese Häuser sind der Enge des österreichischen Marktes längst Richtung Zentral- und Osteuropa entwachsen. Budapest, Prag, Warschau, Moskau, Kiew, Bukarest, Sofia: Überall dort wartete bisher das große Geld – und ebendort lauern jetzt Risiken, die vorerst niemand zu beziffern wagt.

Ein paar Relationen: Die Bank Austria erzielte 2007 annähernd 50 Prozent ihres Jahresüberschusses im Osten, bei der Erste Bank waren es sogar drei Viertel; Raiffeisen International, Osteuropa-Arm der Raiffeisen Zentralbank, beschäftigte in der Region zuletzt 58.000 Mitarbeiter – dreimal mehr, als für Raiffeisen in Österreich arbeiten; die Kärntner Hypo Alpe-Adria wiederum verwaltete Ende 2007 Kundeneinlagen in Höhe von 8,4 Milliarden Euro, davon entfielen aber nur 2,2 Milliarden auf Österreich. Man kann es auch anders ausdrücken: Die an der Wiener Börse gehandelten Titel Erste Bank und Raiffeisen International beziehen derzeit Prügel wie nie. Vergangenen Freitag wurden deren Aktien auch nach Wiederaufnahme des Handels immer wieder ausgesetzt. Zu Börsenschluss hielten Erste-Bank-Aktien bei gerade noch 22 Euro – minus 50 Prozent in nur einem Monat. Raiffeisen International stand bei 27 Euro oder minus 60 Prozent. Allein in diesen beiden Wertpapieren wurden in nur 20 Handelstagen zusammen 13 Milliarden Euro oder 179 Milliarden Schilling an Börsenwert vernichtet. So viel zum Vertrauen der Investoren in die Stabilität des Finanzplatzes Österreich. „Die Situation ist einfach nur beschissen“, doziert Erste-Chef Treichl. „Das Problem der Banken ist, dass derzeit niemand den Bankern glauben will.“ Dabei, so Treichl, bewegten sich gerade Österreichs Banken in einer Region, die noch vergleichsweise sicherer dastehe als viele andere Märkte. „Ich will ja nicht sagen, dass alles paletti ist. Aber wenn ich mich in der Welt umsehe, dann fühl ich mich in unseren Märkten noch relativ wohler“, so der Banker.

Bank-Austria-Generaldirektor Erich Hampel analysiert ähnlich: „Sieht man von den momentanen Turbulenzen ab und blickt auf die weitere Zukunft, dann werden die Länder Zentral- und Osteuropas ihr Wachstum fortsetzen, und zwar schneller als Westeuropa.“ Die Bank Austria, so Hampel weiter, fahre „seit jeher eine konservative Risikopolitik“ und sei damit „gut aufgestellt“. Und dennoch: Es ist vor allem der russische Markt, der den stark exponierten Österreichern zusetzt. Ende der Vorwoche mussten Kreml und russische Zentralbank ein 63 Milliarden Euro schweres Liquiditätspaket verabschieden, um den zerklüfteten Finanzsektor zumindest vorübergehend zu stabilisieren, die Börse Moskau taumelt seit Tagen von einer Handelsaussetzung zur nächsten.

Eine Reihe kleiner und mittelgroßer Banken hat sich bei so genannten Repo-Geschäften mit Großkunden heftig die Finger verbrannt. Dabei werden vereinfacht gesagt Finanzierungen mit Wertpapieren unterlegt. Fällt der Wert dieser Sicherheiten („Collaterals“), muss der Kreditnehmer nachbessern („Margin Call“). Eines der prominenteren Opfer: Oligarch Oleg Deripaska, einer der reichsten Russen, hierzulande Großaktionär beim Baukonzern Strabag. Weil er nicht willens oder fähig war, die Nachschuss-Forderungen seiner Kreditgeber zu erfüllen, musste er innerhalb weniger Tage Beteiligungen am Magna-Konzern und der deutschen Hochtief-Gruppe abtreten. Über die Zukunft seines Strabag-Engagements kann vorerst nur spekuliert werden. Eine weitere Verschärfung der Russland-Krise würde naturgemäß nicht nur die dort tätigen Banken massiv treffen, sondern auch auf die gesamte Region westlich von Moskau abstrahlen – und den bereits manifesten konjunkturellen Abwärtstrend weiter beschleunigen.

Versagensängste. Was all das für das heurige, mehr noch das kommende Geschäftsjahr bedeuten könnte, will derzeit wenig überraschend kein Banker preisgeben. Bank-Austria-Chef Erich Hampel kündigte vergangene Woche ein revidiertes Jahresergebnis 2008 an, Details blieb er aber schuldig. Erste-Chef Andreas Treichl hat noch im Juni einen um 20 Prozent höheren Gewinn in Aussicht gestellt, jetzt ist nur mehr von einem „zumindest unveränderten“ Ergebnis die Rede. „Aus heutiger Sicht“, wie er betont: „Man kann heute beim besten Willen nicht sagen, was in drei Monaten sein wird. Ich kenne nicht viele Bankinstitute, die so gut dastehen wie wir. Aber natürlich könnten auch wir besser dastehen.“ Auch das Management der Raiffeisen International Gruppe wird gesteigerte Mühe haben, die selbst gesteckten Ziele zu erreichen. Finanzvorstand Martin Grüll gibt sich betont vorsichtig: „Es wird zu einer Abschwächung des Wirtschaftswachstums in Osteuropa kommen. Wir erwarten allerdings keine starken Auswirkungen auf das Bankgeschäft in Osteuropa, abgesehen von höheren Refinanzierungskosten.“

Österreichs Regierung hat ihrerseits bisher erstaunlich wenig unternommen, den Unwägbarkeiten beizukommen. Die jüngst öffentlichkeitswirksam postulierte unbegrenzte staatliche Garantie auf Spareinlagen hat die Einlagenabflüsse im Lande zwar gebremst, riecht ob der starken Auslandsabhängigkeit der heimischen Großbanken aber nach Themenverfehlung. Obendrein ist sie unausgegoren. So können zur Stunde weder das Finanzministerium noch die Banken sagen, was die staatlichen Haftungen für die bestehende Einlagensicherung respektive die Garantiegemeinschaften von Sparkassen, Raiffeisen und Volksbanken bedeuten. Umso mehr als 90 Prozent der 24 Millionen Sparkonten in Österreich ohnehin unter die bisher geltende Sicherungsgrenze von 20.000 Euro fallen. „Solche Maßnahmen wirken sicher beruhigend auf die Sparer“, meint RZB-Chefanalyst Peter Brezinschek. „Die Vertrauenskrise an den Finanzmärkten kann damit aber nicht behoben werden. Solange die Banken einander mit Liquidität knapphalten, bleibt das Problem unverändert bestehen.“

Da hilft es auch wenig , dass Finanzminister Wilhelm Molterer wild entschlossen ist, darbende „Systembanken“ – darunter fallen die größten 20 Bankhäuser des Landes – gegebenenfalls mit frischem Geld zu versorgen und, wenn das nichts hilft, mit Steuergeldern aufzufangen. Der Staat könnte ja gar nicht anders. Der Zusammenbruch einer Großbank hätte unabsehbare Konsequenzen für ganz Österreich. Am – sehr theoretischen – Beispiel Bank Austria: Der nach der Bilanzsumme (Ende 2007: 209,2 Milliarden Euro) größte Finanzkonzern des Landes führte zuletzt Kundeneinlagen in Höhe von 93 Milliarden Euro in den Büchern, dazu kamen Verpflichtungen aus Schuldverschreibungen von 26,5 Milliarden Euro beziehungsweise Zwischenbankverbindlichkeiten von 52,5 Milliarden Euro, zusammen also 172 Milliarden Euro. Im Gegenzug hatte die Bank Austria offene Finanzierungsforderungen gegenüber Kunden und Banken in der Größenordnung von 153 Milliarden Euro. Und was gerne ausgeblendet wird: Die Stadt Wien bürgt aus Zeiten der Zentralsparkasse noch für einen Teil der Bank-Austria-Schulden. Ende 2007 lag der entsprechende Garantierahmen bei immerhin 16,23 Milliarden Euro. Würde diese Ausfallshaftung jemals schlagend, stünde die Stadt Wien, neben vielen anderen, mit dem Rücken zur Wand.

Rettungsanker. In Wiener Bankenkreisen wird unterdessen fieberhaft über Modelle diskutiert, die helfen sollen, Schieflagen früh zu erkennen und zu vermeiden. Ein möglicher Weg: eine befristete Teilverstaatlichung des Finanzsektors. Großbritannien sah sich erst vor wenigen Tagen dazu genötigt, nachdem vermeintlich solide Adressen wie HSBC, Barclays und Royal Bank of Scotland der Reihe nach ins Wanken geraten waren. Die Briten orientierten sich dabei ihrerseits an den Schweden, die solcherart mehrere Banken in den neunziger Jahren vor dem Aus bewahrt hatten. Analyst Brezinschek dazu: „Österreich sollte nicht zuwarten, bis ein Problem auftritt. Wir sollten vielmehr schon jetzt über prophylaktische Beteiligungen des Staates reden, um die Risikoakzeptanz im Markt wieder zu erhöhen.“

Dem Vernehmen nach sollen Finanzminister und Bundeskanzler von Vertretern der Kreditwirtschaft zuletzt mehrfach auf die Bildung eines österreichischen Staatsfonds angesprochen worden sein. Allein, viel mehr als die unbegrenzte öffentliche Einlagensicherung sprang bei den Unterredungen nicht heraus. Am 28. Oktober soll der kleine Beitrag der Bundesregierung zur Rettung des Finanzsystems durch das Parlament.
Drei Tage später ist Weltspartag. Wenn das kein Omen ist.

Von Michael Nikbakhsh

75 Seiten zur Weltfinanzkrise im 'profil-extra'!