Oldtimer-Rallye

Sie joggen, arbeiten, haben Sex, werden Väter und sind inzwischen eine begehrte Zielgruppe der ­Werbewirtschaft. Noch nie mischte die Generation 70 plus so heftig mit wie heute. Wissenschafter und Psychologen dechiffrieren das ­Geheimnis eines erfüllten und ­aktiven ­Lebensherbstes. Und erzählen, wie man früh die ­Weichen dafür stellen kann.

Thresl Handl hat nur vor einem Angst im Leben: dem Altersheim. Bevor sie dort hinmuss, will die Pinzgauer Bäuerin, die im April ihren 100. Geburtstag feiert, „lieber zehnmal sterben“, denn dort ist es „unmöglich, unmöglich!“: „Den ganzen Tag ist man in einem Zimmer eingesperrt, und hat niemanden.“ Was das Altersheim mit Menschen Fürchterliches anstellt, hat sie an ihrer Schwester „Moidei“ ganz deutlich sehen können. Nur drei Wochen überlebte sie dort, dann ist sie im Alter von 103 Jahren 2010 gestorben.

Um das Geheimnis der Lebensenergie von Thresl Handl zu entschlüsseln, braucht man kein Forschungsteam. Ihr Enkel, der Dokumentarfilmer Richard Rossmann, hat seine „Omami“ zwei Jahre lang beim Leben beobachtet und daraus den Film „Tagaus, tagein“ gemacht, der pathosfrei und klar das Lebenselixier der Hof-Patriarchin offenlegt. Es mischt sich aus den Zutaten Funktionstüchtigkeit, dem Gefühl, noch immer eine Aufgabe zu haben, sozialer Interaktion, der Sicherheit, in ihrem Ambiente tief verwurzelt zu sein, und liebevoller familiärer Betreuung, besonders seitens ihrer Tochter Maresi, die ihre Mutter wohldosiert und unaufdringlich bei der Bewältigung ihres Alltags unterstützt. Und natürlich spielen auch widerstandskräftige Gene eine gewichtige Rolle; Forscher schätzen ihren Einfluss auf ein langes Leben auf 25 Prozent.

Noch sind sich selbst versorgende Hundertjährige, die nicht in einem Pensionisten- oder Pflegeheim ihrem Ende entgegendämmern, ein gesellschaftliches Exotikum, doch bereits jetzt hat jedes zweite neugeborene Mädchen in Österreich beste Chancen, den Abgang in einem Lebensalter im dreistelligen Bereich zu machen. Auch der Lebenserwartungsabstand zwischen Männern und Frauen wird tendenziell kleiner: In Österreich trennten die Geschlechter im Vorjahr nur mehr 5,5 Jahre – 77,7 erreichen die Männer im Schnitt, 83,2 die Frauen.

Seit 1900 hat sich die statistische durchschnittliche Lebenserwartung von Neugeborenen fast verdoppelt – von 42 (41 Jahren bei Männern und 43,5 bei Frauen) auf mehr als 80 Jahre. Der Hauptgrund für die geschenkten Jahre liegt in der sinkenden Sterblichkeitsrate von Säuglingen.

Vor 150 Jahren erlebte annähernd jeder dritte Säugling seinen ersten Geburtstag nicht. Zu Beginn der amtlichen Aufzeichnungen in Österreich 1868 hatte jeder neugeborene Knabe daher bloß eine Lebenserwartung von 32,7 Jahren; den Mädchen waren statistisch betrachtet 3,5 zusätzliche Jahre vergönnt. Die niedrigste Todesrate von Babys in der österreichischen Geschichte wurde 2006 mit 3,6 Prozent verzeichnet, 2010 stieg die Säuglingssterblichkeit mit 3,9 Prozent leicht an. Einen wesentlichen Beitrag zum Sinkflug der Säuglingssterblichkeit leisteten die Entwicklung der pränatalen Diagnostik und die Einführung des Mutter-Kind-Passes im Jahr 1974.

Das Rock-’n’-Roll-Prinzip „Live fast, die young“ hatte in der Antike noch erschreckende Ausmaße: Das durchschnittliche Abtrittsalter der alten Römer belief sich auf junge 22 Jahre; jeder zweite junge alte Römer erlebte seinen zehnten Geburtstag nicht. Erst 100 vor Christus etablierte sich im alten Rom die Zunft der Ärzte, die vorrangig aus Griechenland herbeigeschafft wurden. Eine nicht in den Griff zu kriegende Malariaplage tat ihr Übriges; kaum ein Römer wurde älter als 50. Im von Seuchen und katastrophalen hygienischen Verhältnissen geprägten Mittelalter musste der Durchschnittsmensch mit 33 Jahren abtreten, wofür einmal mehr auch die hohe Säuglingssterblichkeit verantwortlich war.

In den vergangenen 50 Jahren steigerte sich aber auch die Aussicht des älteren Menschen, alt zu werden, wesentlich: Während sechzigjährige Männer 1961 im Schnitt 15,5 Jahre (Frauen: 19 Jahre) noch vor sich hatten, wuchs die Zahl mit 2010 auf 21,5 und 25,3 an. Insgesamt ist dieser Wert seit dem Beginn des vorigen Jahrhunderts um zirka zehn Jahre gestiegen, Wo liegt aber der Schlüssel zu einem langen und ebenso gesunden wie aktiven Leben – neben den wenig überraschenden Besser-altern-Maßnahmen wie körperliche Bewegung, Nikotinverzicht, geistige Aktivität, Alkohol in Maßen, einem erfüllten Geschlechts- und Beziehungsleben, genetischem Glück und der rasanten medizinischen Entwicklung?

Ein massiver Erfolgsfaktor für „Woopies“ (Well-off-older-people), wie die Werbewirtschaft ihre heftig umbuhlte neue Zielgruppe zärtlich nennt, ist Bildung. Laut Wolfgang Lutz, Demograf am Internationalen Institut für angewandte Systemanalysen (IIASA) in Laxenburg bei Wien und Wittgenstein-Preisträger des Jahres 2010, klafft hinsichtlich der Lebenserwartung zwischen dem gebildeten und dem weniger gebildeten Bevölkerungsanteil Österreichs bei Männern eine statistische Lücke von sieben Jahren, in Osteuropa beträgt der Abstand bis zu 15 Jahre. Unter Angehörigen der Österreichischen Akademie der Wissenschaften liegt die statistische Lebenserwartung nochmals um zwei bis drei Jahre höher als in der übrigen Schicht der Gebildeten, ergab eine Analyse des IIASA. Auch als Präventionsmaßnahme gegen degenerative Nervenkrankheiten wie Alzheimer und Demenz wirkt ein hohes Bildungsniveau wie eine Wunderwaffe, wie der Neurologe und Alzheimer-Forscher Walter Danielczyk im Interview erzählt. Geistige Aktivität bis ins hohe Alter, lautet also ein maßgebliches Erfolgsgeheimnis. Das Buch, das im Jahr 2011 europaweit die größte polemische Sogwirkung zu entfachen vermochte, war die antikapitalistische Streitschrift des heute 94-jährigen französischen Résistance-Kämpfers und Ex-Diplomaten Stéphane Hessel, der auf knappen 32 Seiten gegen die „Diktatur der Finanzmärkte“ ins Feld zog und davon allein in Frankreich nahezu eine Million Exemplare verkaufte.

„Gegen Ende meines Lebens wollte ich mich wieder an die Jugend wenden“, erläutert der glühende Sozialdemokrat seine Motivation, in einer Lebensphase, wo andere ihre Abenteuerlust bestenfalls in Form eines Arztwechsels oder einer Rheumadeckenfahrt stillen, noch einmal aufzuzeigen.

Höhere Bildung führt zu mehr Wohlstand und einem gesteigerten Gesundheitsbewusstsein, was eine wachsende Lebenserwartung zur Folge hat. Das ist ein globales Phänomen: Je gebildeter eine Gesellschaft ist, desto geringer ist die Kindersterblichkeit und desto besser ist das öffentliche Gesundheitssystem. Das gilt nicht allein für reiche Länder. Kuba zum Beispiel hat viel in Bildung und Gesundheit investiert, verfügt über eines der besten Bildungs- beziehungsweise Gesundheitssysteme Lateinamerikas und verzeichnet heute trotz seiner wirtschaftlichen Schwäche bei Männern eine höhere Lebenserwartung als die USA.

Doch das gilt nicht für alle Bereiche. Gebildetere und wohlhabendere Bevölkerungsschichten greifen auch neue und oft gesundheitsschädigende Lebensstile und die damit verbundenen Verhaltensweisen – in einer Art hedonistischem Avantgarde-Verhalten – rascher auf und leiden daher früher unter den möglichen gesundheitlichen Folgen. Das war bei der Entwicklung des Tabakrauchens genauso zu beobachten wie bei Aids: Die gesellschaftlichen Vorreiter waren von den Folgen früher betroffen als die übrige Bevölkerung, begannen sich aber auch früher dagegen zu schützen.

Ähnlich verlief die Entwicklung bei Aids sogar in Afrika. Die gesellschaftlich Bessergestellten konnten sich Reisen leisten, lebten stärker promiskuitiv und gehörten daher zu den ersten Betroffenen der Seuche. Zugleich waren Angehörige der gebildeteren Oberschicht die ersten, welche über die Gefahren Bescheid wussten und auch darüber, wie man sich dagegen schützt. Heute ist Aids auch in Afrika vorwiegend eine Erkrankung der Armen.

Gebildetere Bevölkerungsschichten tendieren dazu, ihr Leben besser zu planen und intensivere gesundheitliche Prävention zu betreiben als Ungebildete. Sie sind besser über die Ursachen von Krankheiten informiert und gehen eher zu Vorsorgeuntersuchungen als Ungebildete. Dazu kommen soziale Faktoren, die geringere Chancen für ein langes Leben nach sich ziehen: Von vielen Zivilisationskrankheiten, wie etwa Fettleibigkeit und Diabetes, ist die Unterschicht wesentlich stärker betroffen als die gesundheitlich weit bewusstere Mittel- und Oberschicht.

Wie sehr eine kalorienarme und weitgehend kohlehydratfreie Ernährung den Lebensherbst beeinflussen kann, beweist die Bevölkerung der kleinen japanischen Insel Okinawa, die weltweit die höchste Dichte von Hundertjährigen aufweist. Japaner gelten global als jene Bevölkerungsgruppe mit der höchsten Alterschance, aber auf der Insel mit dem subtropischen Klima sind die Menschen aufgrund ihrer fisch- und pflanzenreichen Ernährung und kleineren Rationen besonders schlank.
Weniger Nahrung bedeutet weniger Belastung für den Organismus und daher geringere Anfälligkeit für bestimmte Zivilisationskrankheiten. „Das wurde an etlichen Modellorganismen, vom Fadenwurm C. elegans bis zu höheren Lebewesen, bewiesen. Bei Affen hat sich die gesunde Lebensspanne ausgeweitet“, erklärt Beatrix Grubeck-Loebenstein, Leiterin des Innsbrucker Instituts für Altersforschung und in dieser Funktion Nachfolgerin seines Gründers Georg Wick. In den USA gibt es mittlerweile Selbsthilfegruppen, die durch Kalorienrestriktion ein höheres Lebensalter erreichen wollen.

In Europa ist das Methusalem-Zentrum im gebirgigen Teil Sardiniens angesiedelt. Statistisch betrachtet gibt es dort 135 Hundertjährige auf eine Million Menschen, auf dem übrigen Kontinent sind es gerade einmal achtzig. Der sardische Biochemiker Luca Deiana forschte jahrelang an einer Erklärung für das Phänomen. Er kam zu dem Schluss, dass „ausgewogene Ernährung“ – vor allem Schafsmilch, Fisch und Pecorino, die allesamt die wertvollen Omega-3-Fettsäuren enthalten –, körperliche Aktivität, das Eingebundensein in den Familienverband sowie ein weitgehend stressfreies Leben und eine intakte Umwelt die besten Voraussetzungen für ein biblisches Alter schaffen.

„Integrieren wir die Alten in die Gemeinschaft“
, forderte die Schriftstellerin Simone de Beauvoir schon in einem Interview 1970 und bezeichnete die gesellschaftliche Alterspolitik als „einen Skandal“: „Wenn man dem Individuum jede Möglichkeit nimmt, sich geistig zu betätigen, übt man gleichzeitig vernichtenden Einfluss auf seinen Geist aus. Weder Schriftsteller noch Künstler oder Minister versinken ins Alter, sie leben und sind weiter, was sie gewesen sind, auch wenn sie gegen mehr Krankheiten kämpfen und sich schonen müssen.“

Und in der Tat: Ein Blick in die Kulturgeschichte zeigt, dass schöpferische und geniale Menschen im Alter durchaus auch schon vor Jahrhunderten zu Höchstleistungen fähig waren. Bach, Schopenhauer, der wegweisende Texte über das Alter schrieb, Verdi, Michelangelo, Tizian, Tintoretto, Tolstoi, der im Alter von 82 Jahren nach 48 Jahren Ehe seine Frau verließ, oder Goethe, der den zweiten Teil von „Faust“ kurz vor seinem Tod im Alter von 82 Jahren abschloss, sind Beispiele dafür, dass ungebrochene Kreativität und Schöpfungskraft die Wirkungskraft seelischer Wundermittel besitzen.

Der Innsbrucker Pathologe und Immunologe Georg Wick, einer der Pioniere der europäischen Gerontologie, der vor 20 Jahren in Innsbruck das Institut für Biomedizinische Alternsforschung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften gründete, prägte als mittlerweile oft zitierte Formel für rüstiges Altwerden die „3 L“ – Laufen, Lernen und Lieben – in letzte Kategorie fällt auch das so wichtige Lachen. Laufen steht für körperliche, Lernen für geistige Aktivität, Lieben und Lachen stehen für rege Sozialkontakte und sexuelle Aktivität. Für manche überraschend: Statistisch leben verheiratete Menschen länger als nicht verheiratete. Und natürlich verleiht auch ein gesundes Selbstwertgefühl, wie es Operettenintendant Harald Serafin, demnächst 80, lebt und atmet, ­Flügel. In seinen hohen Siebzigern turnte er für profil auf einem Kulissengerüst der Mörbischer Seebühne und brüllte die Formel seiner ungebrochenen Lebenslust in einem Satz hinaus: „Ich bin so dankbar, dass es mich gibt!“
Eine Studie der deutschen Post, die zum Ziel hatte, einen „Zufriedenheitsatlas“ Deutschlands zu erstellen, brachte vergangenen September Erstaunliches zutage: Am glücklichsten sind Männer und Frauen zwischen ihrem zwanzigsten und dreißigsten Lebensjahr; den höchsten Grad an Unzufriedenheit erreichen die Deutschen zwischen 30 und 65. Nach diesem Zeitpunkt klettert die Glückssäule wieder auf das Niveau der frühen Jahre. Das Phänomen der besseren Laune im letzten Lebensdrittel ist möglicherweise mit dem Fehlen des Existenzkampfs und den damit verbundenen Stressfaktoren zu erklären.

Eine der wesentlichen Ursachen, um gegen eine Vergreisung anzukämpfen und „gut drauf zu sein“, liegt laut Wolfgang Lutz im mentalen Bereich und in der Lebenseinstellung.

„Motivationale Tätigkeiten“ nennt das eine Gruppe von Altersforschern von der Universität Zürich, die deren Einfluss auf das Wohlbefinden im Alter in einer großen Studie untersuchten. Wer sich immer wieder neue Ziele stecke und in der Lage ist, flexibel auf neue Situationen und Ideen zu reagieren, würde durch diese Herausforderungen sein Hirn stimulieren und wendig halten, so der Psychologe Simon Forstmeier in den „Salzburger Nachrichten“. Eine „Reservekapazität des Gehirns“ werde durch geistige Wachheit im Laufe eines Lebens angelegt. Menschen mit einem großen Kapazitätsproviant leben nachweislich länger ohne Demenz, weil sie in der Lage sind, „auf nicht geschädigte Areale zurückzugreifen“.

Sex und ein erfülltes Liebesleben zögern nachweislich das Verfallsdatum wesentlich hinaus. Mit der Marktzulassung der Potenzpille Viagra im März 1998 wurde nach der Erfindung der Antibabypille die zweitgrößte sexuelle Revolution eingeläutet. „Der Respekt einer Erektion“, wie die damals 82-jährige Schriftstellerin Dorothea Zeemann 1993 das Wichtigste beim Sex im Alter bezeichnete, wurde durch „den blauen Diamanten“ wieder mechanisch leicht machbar. „Die Zulassung von Viagra war der glücklichste Tag meines Lebens“, resümierte der heute 85-jährige „Playboy“-Gründer Hugh Hefner in einem profil-Interview 2009, „ich konnte es einfach nicht fassen, was das für ein Geschenk war.“

Dass das sexuelle Verlangen trotz sinkenden Testosteron-Spiegels im Alter nicht zwingend abnehmen muss, ist sich auch die berühmteste Sextherapeutin der Welt, Ruth Westheimer, sicher. Mit ihrem Buch „Silver Sex“ stieß sie vor fünf Jahren in eine Tabuzone, die inzwischen mit Filmen wie „Wolke neun“ oder kürzlich „Anfang 80“ längst gänzlich aufgebrochen wurde. „Dr. Ruth“ rät den liebeslustigen Senioren, in jedem Fall besser am Morgen zur Tat zu schreiten. „Aufstehen, auf die Toilette gehen, kleines Frühstück, Handy ausschalten und zurück ins Bett“, lauten ihre Anweisungen.

Im Alter verändern sich auch die Techniken in Hinblick auf orgiastische Finali. „Durch bloße Penetration kommen die ­wenigsten Frauen auch schon in jungen Jahren zu ihrem Orgasmus“, erklärt der französische Sexualforscher Yves Ferroul profil, „im Alter verlagert sich das Lustempfinden immer mehr auf den ganzen Körper.“

Doch die „größte sozioökonomische Revolution seit der Geburt der Menschheit“, wie der 85-jährige Neurologe Danielczyk sich sicher ist, beschränkt sich nicht auf die innerhalb eines Jahrhunderts nahezu verdoppelte Lebenserwartung, sondern auch auf tektonische Verschiebungen innerhalb von Lebensphasen. Da rollen so genannte „Start-up“-Väter wie der siebzigjährige deutsche TV-Moderator Ulrich Wickert oder der Unternehmer Niki Lauda im Alter von 63 Jahren Kinderwägen durch die Gegend und finden auch gar nichts dabei, dass die dazugehörigen Mütter dreißig Jahre jünger sind. „Wenn Frauen lange genug mit gleichaltrigen Dodeln herumgezogen sind“, so Lauda in einem profil-Interview anlässlich seines 60. Geburtstags bezüglich des Altersgefälles in Partnerschaften, „die nur ,Passage‘-Besuche, Brad-Pitt-Filme und Gucci-Fetzen im Schädel haben, werden sie doch froh sein, Männer mit Erfahrungsniveau zu treffen.“ Doch auch die Emanzipation zeigt ihre Wirkung für „golden girls“ wie Jane Fonda, die mit 73 noch ihre seit „Barbarella“ anscheinend unveränderte Figur erotisch zu inszenieren weiß, oder Schauspielerinnen wie Helen Mirren und Meryl Streep, die in ihren späten Sechzigern auf dem lange ausschließlich im Jugendwahn vibrierenden Hollywood-Markt so beschäftigt sind wie nie zuvor.

Dass „Swinging Sixties“ heute, was Aussehen und Aktivität betrifft, mit den Fünfzigjährigen vor fünfzig Jahren durchaus zu vergleichen sind, begründet der Wiener Gynäkologe Johannes Huber, der auch ein Standardwerk zur Altersprävention verfasste, vor allem „mit den medizinischen Maßnahmen“: „Dadurch wurde die Haut und der Bewegungsapparat deutlich besser und schöner als vor einem halben Jahrhundert.“ Beim Betrachten von alten Fotos fällt auch auf, dass die Menschen früher wesentlich älter aussahen als Gleichaltrige heute.

Längst hat auch die Werbewirtschaft die „Woopies“, „Best Agers“ oder „Silver Surfers“ an die Brust genommen. Denn die neuen Senioren sind nicht mehr nur potenzielle Konsumenten für Pillenboxen, Handys mit übergroßer Tastatur und Inkontinenz-Einlagen, sondern ein finanzkräftiges Publikum für Tourismus, Sport, Kleidung und Gastronomie. Und auch der Hype der sozialen Netzwerke hat vor den Oldies nicht Halt gemacht: Die Altersgruppe der 60-plus-Generation ist die am rasantesten wachsende Online-Gruppe, wie eine ARD-ZDF-Meinungsumfrage schon 2008 herausfand. Auch innerhalb ihrer Online-Shopping-Aktivitäten haben die Senioren die Nase weit vorn.

Wie wird die Entwicklung weitergehen?
Die Optimisten unter den Demografen, wie etwa der US-amerikanische Bevölkerungswissenschafter James Vaupel, Professor für Demografie, Epidemiologie und Gerontologie sowie Direktor des Max-Planck-Instituts für Demografische Forschung in Rostock, sind überzeugt, dass die Lebenserwartung so wie bisher weiter­steigen, sich vielleicht sogar noch beschleunigen wird. Und: Sie sehen keine Anzeichen für eine natürliche Grenze. Pessimisten des Fachs rechnen eher mit einem Abflachen der Kurve durch Umweltprobleme und Lebensstil, der zu vermehrten Zivilisationskrankheiten führen werde. Aber die Erfahrungen der Vergangenheit geben wenig Anlass zu pessimistischen Prognosen, es sei denn, man rechnet mit künftigen großen kriegerischen Auseinandersetzungen, mit dem vermehrten Auftreten von Naturkatastrophen wie Dürren, mit Faktoren, welche zu hohen Opferzahlen, zu einem drastischen Rückgang der Nahrungsmittelproduktion oder zu Infektionskrankheiten führen können, gegen die es noch kein Mittel gibt.
Der Demograf Wolfgang Lutz und seine Kollegen nehmen keine der beiden Extrempositionen ein. Sie rechnen am ehesten mit einem gleichmäßigen weiteren Anstieg der Kurve um etwa zwei Jahre pro Jahrzehnt. Österreich lag in den sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts eher am unteren Ende der europäischen Statistik, hat dann aber rasch aufgeholt, sodass seither die Zunahme der Lebenserwartung pro Jahrzehnt zeitweilig in die Nähe der Dreijahresmarke kam.

„Wer nicht den Verstand des Alters hat, der hat all das Unglück seines Alters“, wusste schon der französische Philosoph Voltaire, der geistig voll des wilden Kampfgeists bis zu seinem Tod 1778 im Alter von 83 Jahren war. Der nahezu jugendliche Altrocker Udo Lindenberg liefert mit seinen 64 Jahren die moderne Variante zu dieser Haltung: „Die, die sich mit 60 hängen lassen und sich schon langsam einmal verabschieden wollen, will ich locker in den Arsch treten. Denn Alter sollte für Radikalität und Meisterschaft stehen.“