Oligarchen-Imperium beginnt zu bröckeln:
Deripaskas Ausstieg wäre verkraftbar

Das Imperium des russischen Oligarchen Oleg Deripaska bröckelt an allen Ecken und Enden. Für die Strabag wäre sein Ausstieg als Aktionär kein großer Verlust.

Von Andrea Rexer

Sie hatte es mit voller Überzeugung gesagt. Damals, als die Zeichen noch auf Expansion standen und die Russen sich anstellten, Österreichs Filetstückchen aufzukaufen. „Deripaska ist definitiv sehr reich“, lauteten die Worte von Gulzhan Moldazhanova vor einem knappen Jahr im profil-Interview in einem schmucklosen Besprechungszimmer der Firmenzentrale von Basic Element (profil 13/08). Noch immer leitet sie die Geschicke von Deripaskas Konzern als Vorstandsvorsitzende. Doch heute schweigt sie.

Oleg Deripaska , der noch im vergangenen Jahr mit einem Vermögen von 40 Milliarden US-Dollar als reichster Russe gehandelt wurde, ist derzeit händeringend damit beschäftigt, zu retten, was noch zu retten ist. Das ist vergleichsweise wenig: Er rangiert im aktuellen Oligarchen-Rating der russischen Zeitung „Finans“ nur mehr auf Platz acht – mit schlappen 4,9 Milliarden Dollar Vermögen.

Je weiter die Krise voranschreitet , desto offensichtlicher wird, dass sein Milliarden-Imperium weniger auf tatsächlichem Reichtum, sondern vielmehr auf dem Ruf aufgebaut war, dass Oligarchen eben per se „sehr reich“ seien. Doch in Wahrheit fußt das Imperium auf einer Zockerei mit verhältnismäßig dünnem finanziellem Boden: Deripaska hat darauf gewettet, dass Aktienkurse nur nach oben gehen können. Und verloren.

Sparmaßnahmen. In Moskau kursieren bereits die wildesten Gerüchte über Sparmaßnahmen im Privathaushalt Deripaska. Er könne den hauseigenen Yoga-Lehrer nicht mehr zahlen, raunen sich die Russen zu und spekulieren, wann er seine luxuriösen Privatvillen in London oder Moskau räumen muss. Genährt werden diese Gerüchte von nicht ab­reißenden Meldungen, welche Firmenteile gerade abgestoßen werden müssen: Dem Aluminiumgiganten Rusal droht die Teilverstaatlichung, Deripaska musste selbst wieder die operative Leitung übernehmen. Die Soyus-Bank, seine 20 Prozent am austrokanadischen Autozulieferer Magna und seine zehn Prozent am deutschen Bauunternehmen Hochtief musste er bereits vor einigen Monaten abgeben. Auch in den vergangenen Wochen rissen Meldungen dieser Art nicht ab: Diesmal betrafen sie ein Tonerde-Werk im russischen Tikaljowo – und die Strabag in Wien.

Erst im April 2007 war der Kosake mit 25 Prozent beim größten österreichischen Baukonzern eingestiegen. Finanziert hatte Deripaska die dazu benötigten 1,2 Milliarden Euro nach dem gleichen Muster wie viele andere Akquisitionen auch: auf Kredit, besichert mit den dafür gekauften Aktien. Während die Wertpapiere in den Keller rutschten und damit seine Kreditsicherungen dahinschmolzen, blieben seine Schulden ungeschmälert in den Büchern stehen. Sie werden auf 26 bis 34 Milliarden Euro geschätzt.
Die Strabag könnte dazu ein weiteres Steinchen beitragen. Auch deren Aktie hat massiv nachgegeben. Vergangenen Oktober stellte die Deutsche Bank Deripaskas Kredit fällig. Vorerst sprangen Raiffeisen und Hans Peter Haselsteiner ein. Allerdings unter Auflagen: Die Aktien wurden den Kreditgebern verpfändet. Am vergangenen Freitag gewährten Raiffeisen und die Haselsteiner-Familien-Privatstiftung dem Oligarchen einen weiteren Monat Aufschub. Wenn Deripaska dann seine Rate nicht bezahlt, könnten die österreichischen Partner auf das Paket zugreifen.

Verlustgeschäft. Basic Element betont stets, dass man den Anteil halten wolle. Verständlich, denn ein Verkauf wäre ein Millionenverlust für den Oligarchen: Er erwarb die Aktien im Durchschnitt für mehr als 44 Euro – jetzt sind sie nur noch rund zehn Euro wert. Bei einem Verkauf des kompletten Pakets zum aktuellen Kurs würde Deripaska nur mehr ein Viertel seines Einsatzes lukrieren.

Der Aktienkurs der Strabag hatte unter den Ausstiegsgerüchten gelitten. Der Oligarch mit direktem Draht in den Kreml wurde stets als Wachstumsgarant für das Russland-Geschäft der Strabag gehandelt. Doch die Strabag braucht ihn dazu nicht zwingend als Aktionär. „Den Ausstieg würde man im operativen Geschäft nicht spüren“, sagt UniCredit-Analyst Peter Bauernfried. Denn die derzeitige Bauleistung in Russland sei ohne Deripaskas Zutun erfolgt. Auf längere Sicht könnte die Verbindung jedoch durchaus von Vorteil sein, besonders was die Auftragsvergabe im Olympiadorf Sotschi betrifft. Doch selbst wenn Deripaska in einem Monat gezwungen wäre, seine Strabag-Anteile ganz oder teilweise zu verkaufen, so würde das nicht ­automatisch ein Aus der Zusammenarbeit bedeuten. An diese ­Lösung scheint man auch in Wien zu denken. „Wie auch immer die Entscheidung ausgeht, uns ist an einem guten Verhältnis mit ihm sehr viel gelegen“, sagt Strabag-Sprecher Christian Ebner zu ­profil. „Wir sind und bleiben gute Freunde.“