Olympia: Generalverdacht Doping

Das Regime in Peking verlangt von seinen Olympia-Teilnehmern eine Rekordzahl von Goldmedaillen. Einen Dopingskandal kann und will man sich aber nicht leisten. Wie sauber ist Chinas staatliches Sportsystem?

Am 1. Juni 1889 trat der britische Physiologe Charles Edouard ­Brown-Séquard, 72, vor die Pariser Gesellschaft für Biologie und verblüffte das honorige Gremium mit einer sensationellen Enthüllung: In den vergangenen 25 Jahren sei es ihm gelungen, seinen körperlichen Alterungsprozess durch die Injektion flüssiger Extrakte aus Hunde- und Meerschweinchenhoden dramatisch zu verändern. Seine Körperkraft habe unter der Therapie ebenso floriert wie seine intellektuellen Fähigkeiten, Verstopfungen hätten sich verflüchtigt, der Strahl seines Urins sei kräftiger geworden. Was Brown-Séquards fassungsloses Publikum an jenem Tag erlebte, war die Geburt des modernen Dopings: Die Hodenextrakte des experimentierfreudigen Physiologen waren nichts anderes als die ersten Steroide, bis heute das Mittel der Wahl für Leistungssportler, denen der bloße Trainingseffekt nicht mehr ausreicht.

Schon Monate vor der Eröffnungsfeier wurde Doping – neben Umwelt- und Menschenrechtsfragen – zum Knackpunkt der Olympischen Spiele von Peking erklärt. Vor allem dem Gastgeberland trauten internationale Beobachter allerhand zu: Ganze Armeen genmanipulierter Elitesportler sah man da aufmarschieren, von flächendeckendem Doping war die Rede, das selbst die DDR-Sportfunktionäre der achtziger Jahre hätte erblassen lassen. Die Fakten schienen diese Vermutungen zu bestätigen: Vor zwei Jahren musste eine Sportakademie in der Provinz Liaoning geschlossen werden, nachdem bekannt geworden war, dass die Trainer ihre Schützlinge routinemäßig mit Steroiden versorgt hatten. In der Olympiavorbereitung stellten allein im laufenden Jahr 60 chinesische Leichtathleten persönliche Bestleistungen auf – keine ganz unverdächtige Leistungssteigerung. Vor wenigen Wochen sorgte schließlich ein Fernsehteam der ARD für Aufregung bis hinein in höchste Pekinger Regierungskreise: Die Journalisten Jo Gall und Hans-Joachim Seppelt hatten sich als US-Schwimmtrainer ausgegeben und ein chinesisches Krankenhaus besucht, das Stammzellenbehandlung zur sportlichen Leistungssteigerung vornehmen soll. Ein Arzt bot den (mit versteckter Kamera filmenden) Deutschen tatsächlich eine zweiwöchige Behandlung mit Nabelschnurstammzellen an – Kostenpunkt: umgerechnet rund 15.000 Euro, Erfolg: garantiert.

Die chinesischen Behörden gingen sofort in die Offensive, zu spät vielleicht: Am 20. Juli meldete die chinesische Anti­dopingbehörde, dass 257 Unternehmen und Produzenten von Anabolika und Pep­tidhormonen, 2739 Groß- und 340.000 Kleinhändler inspiziert worden seien. Als Folge der Ermittlungen wurden 30 Unternehmen mit einem Produktionsstopp belegt, 25 Firmen verloren ihre Vertriebslizenzen. Außerdem gingen die Anti­dopingfahnder gegen 318 Websites vor, die Informationen zum Verkauf von Anabolika angeboten hatten.

„Beschiss am Fan“. Die ehemalige DDR-Sprinterin Ines Geipel, die heute Anti­dopingbücher schreibt und um die Aberkennung ihrer gedopt erzielten Rekorde kämpft, hält das chinesische Antidopingprogramm jedoch für eine „Farce“ und spricht vom „Beschiss am Fan“. Der Heidelberger Molekularbiologe und Dopingspezialist Werner Franke attestiert China die Weltmarktführerschaft auf dem Dopingsektor und meint, „dass sich nur die Dümmsten erwischen lassen“. Implizit heißt das: Gedopt wird überall.
Im olympischen Dorf ist von der Dopinghysterie einstweilen dennoch nicht viel zu spüren. Hans Holdhaus, österreichischer Dopingexperte und seit 1984 wissenschaftlicher Koordinator bei Olympischen Spielen, ist derzeit in Peking. Das Interview muss er nach wenigen Minuten unterbrechen – gerade sind Athleten eingetroffen, die zur Dopingkontrolle ausgelost wurden und direkt vom Flughafen zum Test antreten müssen. Seiner Empörung über den grassierenden Dopingverdacht kann er gerade noch Ausdruck verleihen: „Es würde ja auch niemand behaupten, dass alle Autofahrer rasen.“

Der Generalverdacht wiegt auch für die chinesischen Behörden schwer. Für sie sind die Spiele in erster Linie eine Imagefrage. Und ein Dopingskandal in den eigenen Reihen wiegt schwerer als dreißig Goldmedaillen (so viele strebt man – auch wenn sich die Nationale Sportverwaltung nicht auf eine genaue Zahl festlegen will – bei den Heimspielen mindestens an). Peking sitzt in der Zwickmühle: Gibt es keinen Dopingfall, hat man sich eben nicht erwischen lassen. Gibt es einen, hat es ohnehin schon jeder vorher gewusst. Der chinesische Ausweg führt auch in dieser Frage über den Superlativ: Im Olympiadorf steht die größte Dopingteststation in der Geschichte der Spiele. Das zentrale Labor könne jede der knapp 200 international verbotenen Substanzen nachweisen, erklärte der Vizechef der chinesischen Antidopingbehörde, Wu Moutian: „Und jeder positive Fall wird veröffentlicht.“ Insgesamt sollen im Verlauf der Spiele 4500 Tests durchgeführt werden, mehr als je zuvor. Schon im Vorfeld wurde Sauberkeit demonstriert: Allein im Jahr 2007 hat China nach Angaben von Du Jijin, dem Vorsitzenden der nationalen Antidopingagentur, 10.238 Kontrollen durchgeführt, 74 Prozent davon unangemeldete Trainingskontrollen. Überführt wurden nur acht Athleten, also 0,4 Prozent der getesteten Sportler. Die Dopingsünder (unter ihnen der Top-Schwimmer Ouyang Kunpeng und der Ringer Luo Meng) wurden nach den im April verschärften Regeln mit einer lebenslangen Sperre belegt.

Kontrollfrage. Zweifel bleiben trotzdem zurück, auch bei einigen direkt Beteiligten: Xie Qionghuan, Mitglied des Chinesischen Olympischen Komitees und pensionierter Leiter der Rechtsabteilung der Nationalen Sportverwaltung, will nicht bestreiten, dass es in China ein Dopingproblem gibt. „China beschäftigt sich erst seit Kurzem mit der Dopingfrage“, so Xie. „Viele Dinge, vor allem unter den Trainern, sind schwer zu kontrollieren.“ Genau darin sieht auch der ARD-Journalist Hans-Joachim Seppelt den Knackpunkt: „Ich glaube ernsthaft, dass der Erfolg der Spiele in China auch davon abhängt, dass die Chinesen am Ende in ihren eigenen Reihen keinen einzigen positiven Test haben werden und dass sie es lieber sehen, ein paar Goldmedaillen weniger zu gewinnen und dafür keinen einzigen positiven Test zu haben.“

Denn Sport ist in China seit jeher keine naive Körperertüchtigung, sondern ein Politikum. Eine von der Bevölkerung getragene Sportbewegung gab es in China nie, bis weit ins 20. Jahrhundert hinein war körperliche Ertüchtigung auch für die jeweiligen Herrscher allenfalls eine militärische Angelegenheit. 1966 wurden sämtliche Sportagenden offiziell in den Dienst der Kulturrevolution gestellt, 1971 erfolgte die Hinwendung zur Diplomatie. Damals wurde – unter entsprechendem Propagandagetöse – eine amerikanische Tisch-tennismannschaft nach China eingeladen, um die Beziehung zu den Vereinigten Staaten zu verbessern. Die „Pingpong-Diplomatie“ war geboren. Dass der chinesische Tischtennisboom selbst eine Frucht nationalistischen Eifers war (1953 hatte der Internationale Tischtennisverband seine Beziehungen zu Taiwan aufgekündigt, was China mit immensen staatlichen Förderungen belohnte), wurde bei dieser Gelegenheit wohlweislich ignoriert. Ein Tischtennisspieler wurde übrigens auch zum ersten chinesischen Sportweltmeister der Geschichte: Rong Guotuan gelang dieser Erfolg 1959, woraufhin Mao Tse-tung den schönen Begriff der „spirituellen Atombombe“ prägte. Auf eine staatliche Förderung des Spitzensports verzichtete Mao (der seinen ersten je veröffentlichten Artikel 1917 übrigens der chinesischen Minderwertigkeit in sportlichen Fragen gewidmet hatte) trotzdem. Erst unter Deng Xiaoping wurde ab den späten siebziger Jahren ein System staatlicher Sportschulen aufgebaut, in denen Talente trainiert, ausgesiebt und hoffnungslos verheizt wurden. An Nachwuchs mangelte es nicht. Dieses System ist bis heute intakt. Und umfassender denn je.

Weil Sport in China eine derart politische Angelegenheit ist und bis heute fast ausschließlich unter staatlicher Aufsicht stattfindet, wird Doping für die Führung in Peking mehr und mehr zum Image­risiko. Man hat aus den Fehlern der russischen und ostdeutschen Genossen gelernt. Die Tatsache, dass lokale Funktionäre und Schulleiter, deren politische Zukunft auch von sportlichen Erfolgen abhängt, auf den Druck aus Peking mit unlauteren Methoden reagieren, bleibt dabei der blinde Fleck im chinesischen System. Denn ob gedopt wird oder nicht, entscheiden in China nicht die einzelnen Sportler, sondern ihre Vorgesetzten – Trainer, Funktionäre, Parteikader.
Offiziell verlässt man sich freilich auf beinharten Drill: Derzeit werden knapp 400.000 Kinder und Jugendliche in den 3000 staatlichen Sportakademien ausgebildet, Trainingslagern im echten Wortsinn, voll mit zukünftigen Weltmeistern, die zwar offiziell auch eine Schulbildung erhalten, tatsächlich aber kaum mehr zu Gesicht bekommen als Hanteln, Stoppuhren und Laufbahnen. Mit messbarem Erfolg: Bei den Sommerspielen in Seoul 1988 hatten chinesische Athleten nur fünf Goldmedaillen errungen, 2004 in Athen waren es bereits 32. Diesmal will man den ewigen Ersten der Medaillenwertung, die USA, verdrängen. Dazu bedient man sich auch ganz pragmatischer Mittel: Nachdem Peking im Jahr 2001 die Austragung der Spiele zugesprochen wurde, verabschiedete das Sportministerium das „Projekt 119“. Dieses basiert auf einer simplen Rechen­übung: Der Sieg im olympischen Fußballturnier ist zwar prestigeträchtig, bringt aber im besten Fall eine Medaille. Allein in der Leichtathletik sowie in den Schwimm-, Kanu-, Ruder- und Segelbewerben sind mittlerweile insgesamt 122 Goldmedaillen zu holen. Folglich konzentrierte man das staatliche Sportbudget – das zugleich auf fast 460 Millionen Euro verdoppelt wurde – auf diese medaillenträchtigen Bewerbe sowie auf den – im Westen traditionell vernachlässigten – Frauensport. Bei den Heimspielen sollen diese Investitionen nun den erhofften Gewinn bringen. Der Erfolgsdruck auf die betroffenen Sportler ist entsprechend enorm. „Wenn wir bei den Spielen in Peking den Durchbruch schaffen, wird Rudern höchste Priorität genießen. Wenn wir es aber nicht schaffen, kann es passieren, dass die Förderung deutlich nachlässt“, sagte Zhang Dechang, Steuermann des olympischen Männer-Achters, unlängst der Zeitung „China Daily“.

An Motivation mangelt es den chinesischen Olympiateilnehmern also nicht. Vielleicht reicht sie aus, um den erwünschten Medaillenregen herbeizuführen. Vielleicht vertraut mancher aber doch lieber auf die Wundermittel aus den Pharmalabors. Im Moment ist nur eines sicher: Die saubersten Spiele aller Zeiten werden es wohl nicht werden. Diese haben nämlich schon stattgefunden, im Jahr 1980, in der damaligen UdSSR, dem Mutterland des systematisierten Staatsdopings. Den Kontrolleuren wollte damals partout kein einziger Dopingfall unterkommen. International hielt sich die Überraschung darüber in Grenzen.

Von Tina Goebel, Sebastian Hofer (Wien) und Kristin Kupfer (Peking)