Olympia: Lion King

Casinos-Boss Leo Wallner gehört zu den einflussreichen Männern im österreichischen Sport. Der Präsident des Olympia-Komitees darf sich in Athen auf jeden Fall als Sieger fühlen.

Das Österreich-Haus in Athen ist noch nicht einmal eine Stunde offen, schon gibt es Unfrieden. Zwei Sponsoren haben sich in die Haare gekriegt. Sie stehen, heftig gestikulierend und vom kräftigen Gebläse der Klimaanlage offenbar nur unzureichend abgekühlt, in einer Ecke und streiten. Es ist Donnerstag, der 12. August, 11.45 Uhr. Gleich soll die Pressekonferenz beginnen, und noch immer ist unklar, wie viele der anwesenden Gönner vor die Mikrofone dürfen, um ihre Wohltaten zu referieren.

Schade eigentlich um das nette Ambiente. Das Österreich-Haus, ein für die Dauer der Olympischen Spiele gemietetes Restaurant, ist in Friedenszeiten ein äußerst lauschiges Plätzchen. Es gibt eine lange Bar. Viele kleine Stehtische und eine prachtvolle Dachterrasse mit Blick auf die Akropolis. Und ausgerechnet hier muss gezankt werden?

Es muss nicht. Leo Wallner, Chef des Österreichischen Olympischen Komitees (ÖOC), betrachtet den Konflikt als willkommene Fingerübung für möglicherweise noch bevorstehende Prüfungen in den nächsten zwei Wochen und löst das Problem weniger salomonisch als österreichisch: Jeder darf etwas sagen. Und zuerst sagt Wallner selbst, wie sehr er es zu schätzen weiß, dass die Sponsoren auch diesmal wieder dabei sind. Am Schluss sind alle zufrieden, ganz besonders Leo Wallner. Zitat: „Aber gehn S’, das ist doch meine Aufgabe“, erklärt er kokett, als er für die prompte Schlichtung gelobt wird.

Es sind die achten Olympischen Spiele (Sommer- und Winterspiele getrennt gerechnet), die Wallner als ÖOC-Präsident betreut. 1990 wurde er Nachfolger eines gewissen Kurt Heller, an den sich heute nur noch Sportchronisten erinnern. Die meisten Österreicher assoziieren mit dem ehrenvollen Amt ausschließlich Leo Wallner, der ihnen in Olympia-Zeiten großväterlich aus dem Fernseher entgegenblickt und eigentlich so wirkt, als käme ihm der Spitzensport ein bisserl unvernünftig vor. Jedenfalls ist der ÖOC-Chef ein Garant dafür, dass die Emotionen nicht ausufern. Nur eine Medaille hat er sich für diese Olympischen Spiele gewünscht. Und damit es nicht heißt, der Herr Präsident sei mit allem zufrieden, präzisiert er jetzt etwas: „Ich habe gesagt, dass ich unglücklich wäre, wenn wir gar keine Medaille gewinnen. Ab wie vielen ich glücklich wäre, habe ich nicht gesagt.“

Im Maßanzug. Leo Wallner, im Hauptberuf Generaldirektor der Casinos Austria AG und Geschäftsführer der Österreichischen Lotterien, wird im November 69 Jahre alt. Er hat sich gut gehalten, und er ist der Sir unter den heimischen Sportfunktionären. Seine Maßanzüge lässt er beim Wiener Prominentenschneider Peppino Teuschler anfertigen, seine Schuhe sind aus garantiert knitterfreiem Elefantenleder und werden en gros bei einem Spezialverschleiß auf der Insel Ibiza eingekauft. Dass es Menschen gibt, die freiwillig ihre besten Jahre im Trainingsanzug verbringen, versteht Wallner wohl nur, weil ihm als ÖOC-Chef nichts anderes übrig bleibt. Ein Glück, dass die Athleten meist schon geduscht und gekämmt sind, wenn sie ihren Präsidenten treffen, denn so richtig ist dessen Liebe für die organisierte Quälerei nicht.

Es ist Donnerstagnachmittag, Wallner sitzt mit ein paar alten Freunden von ÖOC und Wirtschaftskammer in der Villa des österreichischen Botschafters in Griechenland. Seine Exzellenz, René Pollitzer, hat Kaffee und belegte Brote auftragen lassen, man unterhält sich, man scherzt. Leo Wallner erzählt aus seinem reichen Erfahrungsschatz als Sportfunktionär. Es sind keineswegs nur angenehme Dinge, die einem da widerfahren. Vor vier Jahren in Sydney etwa war er für die Medaillenvergabe beim 800-Meter-Lauf der Damen gebucht. „Ich war mir sicher, dass die Steffi Graf gewinnt“, erinnert er sich, „und meine Frau hat mir noch gesagt, dass ich ihr ein Busserl geben soll, wenn es so weit ist.“ Leider gewann dann nicht Graf, sondern Maria Mutola. Wallner erinnerte sich dennoch des Ratschlags und umarmte die glückliche Siegerin. Ein Fehler, wie sich herausstellte: „Ihr könnt euch nicht vorstellen, was die für einen Bart hat“, erzählt Wallner launig.

Zoobesucher. Sportstaatssekretär Karl Schweitzer bekommt anschließend noch den Tipp, doch einmal in der Kantine des olympischen Dorfes vorbeizuschauen. Dort gebe es echt etwas zu sehen, verspricht Wallner im Stil eines Zoobesuchers und zeigt mit ausladenden Gesten, was er meint: Soooo große Basketballer, soooo dicke Gewichtheberinnen und soooo ausgemergelte Langstreckenläufer. Es sei schon bemerkenswert, feixt der Präsident, dass man heutzutage allein an der Tiefe der Wangenfalten sehen könne, welche Strecke ein Läufer rennt. Wallner selbst genießt den Sport lieber in kleinen Dosen. Ein bisschen Tennis, ein wenig Langlauf, hin und wieder ein langer Spaziergang und gelegentlich eine Fahrradtour, das reicht. Als ÖOC-Boss muss man schließlich nicht der Vorturner der Nation sein. Ohnehin befindet sich Wallner ganz ohne Kraftkammer auf Rekordkurs: Seit 36 Jahren ist er Chef der Casinos; sein Vertrag läuft bis 2009, wenn er durchdient, werden es in der Endwertung ganze 41 Jahre als Generaldirektor sein. Im heimischen Manager-Ranking wird das für einen Platz in den Medaillenrängen auf jeden Fall reichen.

Er stelle sich oft die Frage, ob er es nicht gut sein lassen solle, sagt Wallner. „Ich müsste ja nicht mehr arbeiten.“ Aber so richtig verlockend dürfte ihm das Leben als Pensionist auch nicht vorkommen. Der Vorteil seiner exponierten Position sei eben, sagt Wallner, „dass man wer ist. Ich muss in keinem Restaurant einen Tisch reservieren, weil man mich kennt. Das ist schon sehr angenehm.“ Wenn er in die Oper gehe, gönne er sich hin und wieder den Spaß, einen oder zwei der vor dem Haus auf Stehplatzkarten wartenden Studenten mit hineinzunehmen. „Ich brauch dann bloß zu sagen, die gehören zu uns. Das macht mir eine diebische Freude.“

Imagewandel. Solche kleinen Annehmlichkeiten sind auch eine Art Kompensation für die Mühsal seiner frühen Berufsjahre. Leo Wallner war nach dem Wirtschaftsstudium Berater des damaligen ÖVP-Bundeskanzlers Josef Klaus gewesen und kurzfristig sogar als Staatssekretär im Gespräch. Doch 1968 ließ er sich überreden, Chef der damals völlig danieder liegenden und übel beleumundeten Spielcasinos zu werden. So schlecht war der Ruf der Glückstempel einst, dass er sich in den ersten zwei Jahren seiner Amtszeit kaum unter die Leute getraut habe. „Jeder wollte nur wissen, was mir da eingefallen ist und warum ich mir das antue.“

Der neue Boss griff durch und schaffte in relativ kurzer Zeit den Imagewandel. Aus einer Ansammlung halbseidener Etablissements wurde unter Leo Wallners Führung eine wirtschaftliche Erfolgsgeschichte. Die Casinos Austria AG betreibt heute weltweit 65 Spielcasinos und erzielte – inklusive Lotterien – zuletzt einen Jahresumsatz von 2,3 Milliarden Euro. Die Prosperität ist nicht zuletzt deshalb gesichert, weil Wallner durch geschicktes Lobbying alle Versuche, das Glücksspiel-Monopol zu knacken, abwenden konnte. Karl-Heinz Grasser ist bereits der elfte Finanzminister, der sich über die üppigen Steuerzahlungen aus dem Roulette-Imperium freuen kann. Im Vorjahr lieferten Casinos und Lotterien rund 600 Millionen Euro an den Fiskus ab.

Nur Leo Wallner scheint sich nach wie vor nicht restlos sicher zu sein, ob er wirklich einem ehrbaren Job nachgeht. Die einzige Berufsalternative, die ihn je gereizt hätte, sei die Politik, erzählt er. „Aber das ist unmöglich, wenn man aus dem Glücksspiel kommt.“

Heiligenfinger. Sein Talent zum Strippenziehen und Netzwerken kann Wallner aber auch in der eigenen Branche ausleben. Wie das geht und welche Folgen es zeitigen kann, ist seit kurzem in der Tullner Severinkirche zu besichtigen. Auf Vermittlung von Wallner wurde im September vergangenen Jahres der kleine Finger des Heiligen Severin von Neapel nach Österreich überstellt. Hintergrund der guten Tat ist nicht etwa die besondere Frömmigkeit des Casinos-Chefs, sondern schlichtes Lobbying: Die Casinos bemühen sich seit langem um eine Niederlassung in San Marino. Unterstützt werden sie dabei vom österreichischen Botschafter im Vatikan, der sich wiederum sehr für die Renovierung des Severin-Reliquienschreins in Frattomaggiore bei Neapel eingesetzt hatte. Zum Dank für seine Fürsprache ließ Wallner den Schrein renovieren und bekam im Gegenzug den Heiligenfinger, über den sich dann der niederösterreichische Landeshauptmann Erwin Pröll sehr gefreut haben soll.

Dankbar muss Wallner dem Glücksspiel nicht zuletzt deshalb sein, weil es ihm den Weg ins Sportbusiness ebnete. Als er 1990 ÖOC-Chef wurde, sei er „im Sport ein Quereinsteiger ohne große Erfahrungen gewesen“, gibt Wallner zu. Die Wahl fiel wohl hauptsächlich deshalb auf ihn, weil das ÖOC davon ausgehen konnte, dass ein Präsident mit großer Sponsor-Portokasse die Finanzlage erheblich verbessern würde.

Laut Glücksspielgesetz zahlen Casinos und Lotterien derzeit rund 30 Millionen Euro jährlich in die Sportförderung. Wallner hat an diesem Gesetz selber mitgearbeitet, gibt sich mit dem verpflichtenden Obolus aber keineswegs zufrieden. Rund 70 Prozent des ÖOC-Jahresbudgets von drei Millionen Euro kommen von den Casinos. Und der Chef kann auch sonst schlecht Nein sagen, wenn ein notleidender Verband um Hilfe ansucht – schließlich werkt er nebenbei noch im Führungsgremium der Sporthilfe. Kompliziert wird der Einflussbereich durch Friedrich Stickler, Wallners Vorstandskollege bei den Lotterien, der als Präsident des Österreichischen Fußballbundes dient.

Der Sport mit seinen unzähligen Repräsentationsmöglichkeiten ist Leo Wallners Ersatz für die Politikerkarriere geworden. Vor einer Pensionierung wider Willen muss er sich in diesem Metier ebenfalls nicht fürchten. Seit 1998 sitzt er als Mitglied des Finanzausschusses im Internationalen Olympischen Komitee – ernannt bis zur Vollendung des 80. Lebensjahres. Das ÖOC wählt seinen Präsidenten zwar alle vier Jahre, aber solange Wallner im Weltverband bleibt, wird er auf heimischem Boden wohl keinen Nebenbuhler bekommen.

Sektempfang. Auf der Dachterrasse des Österreich-Hauses kommt am Donnerstagabend die erste Party in Schwung. Links von der Akropolis geht die Sonne unter und taucht die uralten Mauern in ein Postkartenlicht. Do & Co kocht mediterran, eine kleine Band spielt griechische Weisen. Leo Wallner trägt das offizielle Olympia-Outfit – schwarze Hose, weißes Sakko – und darf die Eröffnungsrede ganz alleine halten. Wieder dankt er den Sponsoren, und diesmal schon im Voraus auch den Sportlern. Was die Medaillen betrifft, wolle er niemanden unter Druck setzen, betont er: „Wir sind stolz auf euch. Allein die Qualifikation für Olympia hat gezeigt, dass ihr gut seid.“ Unerwähnt bleibt die Befürchtung, die ihn wenige Stunden zuvor im kleineren Kreis umtrieb – dass nämlich ins Österreich-Haus nicht nur die Sieger, sondern auch die Verlierer kommen könnten „und uns dann die Stimmung zusammenhauen“.

Sein Traum wäre, sagt Wallner, dass irgendwann die komplette Steuerleistung der Casinos für soziale, kulturelle und natürlich sportliche Zwecke verwendet würde. Das Österreich-Haus könnte dann noch ein paar Nummern größer ausfallen.