Ominöse Geschäfte der Bank Medici: Verbindungen zu Bank Austria & Madoff

Die Einvernahmeprotokolle von Sonja Kohn geben erstmals Einsicht in die Geschäfte der ominösen Bank Medici und die Verbindungen zu Bank Austria und Bernard Madoff.

Von Josef Redl

Es war eine große Runde, die sich am Dienstag, den 21. April, um elf Uhr Vormittag bei der Staatanwaltschaft Wien in der Landesgerichtsstraße 11 in der Josefstadt einfand. Um den leitenden Staats­anwalt Michael Radasztics hatte sich eine hochrangige Delegation versammelt: Neben Vertretern des Landeskriminalamts, der Bundespolizeidirektion und US-Staats­anwälten hatten sich sogar zwei FBI-Agenten und Vertreter der US-Börsenaufsicht SEC nach Wien bemüht. Insgesamt nahmen an jenem Tag 18 Personen in einem Sitzungszimmer der Staatsanwaltschaft im ­vierten Stock des Landesgerichts Platz. Der Grund für ihr Kommen: Sonja Kohn. Die 60-jährige Gründerin der Wiener Bank ­Medici AG war zur Beschuldigtenvernehmung erschienen.

Die Bank Medici hatte über viele Jahre hinweg Kundengeld in mehrere Fonds veranlagt, deren Verwaltung ein gewisser Bernard L. Madoff übernommen hatte. Im vergangenen November musste der bis dahin als Börsenguru gehandelte Madoff einräumen, die ihm anvertrauten Summen nie wirklich veranlagt zu haben. Die ausgewiesenen Kursgewinne hatte es nie gegeben. So gesehen war die Bank Medici nur eines von vielen Opfern eines Wall-Street-Ganoven. Wäre da nicht die Bankgründerin Sonja Kohn. Wegen ihrer guten persönlichen Kontakte zu Bernard Madoff untersucht die Staatsanwaltschaft Wien eine mögliche Beteiligung am Betrug. Es gilt die Unschuldsvermutung. profil liegt das 17 Seiten umfassende Einvernahmeprotokoll von Sonja Kohn vor. Eine Frage bleibt darin gänzlich unbeantwortet: Was wurde aus den Millionen an Provisionen, die für die Fondsverwaltung von Anlegern kassiert wurden?

Das Geld, das von der Bank Medici bewegt wurde, war enorm: 2,1 Milliarden US-Dollar sammelte das exklusive Institut – mit gerade einmal einem Dutzend Mitarbeiter – bei seiner betuchten Klientel alleine für die beiden Fonds Herald SPC und Herald LUX ein. „Das Fondsgeschäft war bei der Bank Medici AG wichtig. Das Einkommen der Bank ist stetig gewachsen“, sagt Sonja Kohn gegenüber der Staatsanwaltschaft. Die Geschäfts­idee war gleichermaßen simpel wie bestechend und bestand aus zwei Partnern. Auf der einen Seite: Sonja Kohn, die Netzwerkerin. Kohn zählt zu ihrem Freundes- und Bekanntenkreis nicht nur zahlreiche prominente Vertreter der österreichischen Politik ebenso wie Größen des internationalen Kapitalmarkts und millionenschwere Unternehmer. Auf der anderen Seite: die Bank Austria, ein Institut mit tausenden vermögenden Kunden, die ihr Geld möglichst gewinnbringend anlegen möchten. Mitte der neunziger Jahre gründete man gemeinsam die Bank Medici AG. 25 Prozent plus eine Aktie hielt die Bank Austria, den großen Rest Sonja Kohn.

„Ich habe für diverse Wertpapierfirmen gearbeitet und eine entsprechende Ausbildung (Kurse) am Vermögensverwaltungssektor absolviert. Ich habe in den achtziger Jahren begonnen, verschiedene Kontakte im Finanzdienstleistungssektor zu knüpfen, ich habe ca. Ende der achtziger Jahre/Anfang der neunziger Jahre Bernard ­Madoff kennen gelernt“, schildert Kohn ihre Anfänge. „Ich habe auch frühzeitig damit begonnen, Investmentmöglichkeiten in Europa zu untersuchen. Ich war Mitte der neunziger Jahre etwa für die Bank Austria tätig, nicht angestellt.“ Und weiter: „Ich war letztlich aufgrund meiner Kontakte Geschäftsentwicklerin, ohne auf der Gehaltsliste der Bank Austria zu stehen.“ In dieser Zeit legt die Bank Austria (konkret die Bank Austria World Wide Fund Management Ltd.) den ersten von insgesamt drei Fonds mit der Bezeichnung Primeo auf.

Zwei davon, Primeo Select und Primeo Executive , werden allerdings gar nicht von der Fondsgesellschaft der Bank Austria selbst verwaltet. Es handelt sich um so genannte Feeder-Fonds. Das Geld fließt in die Herald-Fonds der Bank Medici. Das eingesammelte Investmentkapital der Bank-Austria-Fonds wird also in andere Fonds investiert. Davon erfährt der Anleger im Kapitalmarktprospekt nichts. Aber auch die Bank Medici beziehungsweise die Herald-Fondsgesellschaften legen das Geld der Kunden de facto nicht selbst an. Auch die Anleger der Bank Medici erfahren davon nichts im Prospekt. Tatsächlich wird das Fondskapital über die zwischengeschaltete Großbank HSBC an Bernard Madoff weitergereicht.

„Befragt, ob es zumindest bei einer Ex-post-Betrachtung so ist, dass die Fondsmanager des Herald LUX ihre Entscheidungen an die Bernard L. Madoff Investment Securities LLC (kurz: BMIS) übertragen haben: „Das ist in den offiziellen Dokumenten geregelt. Ich habe mich im Einzelnen nicht damit beschäftigt“, heißt es dazu im Einvernahmeprotokoll. Obwohl selbst operativ nicht tätig, streifte die Bank Medici satte Gebühren ein: „Der Fonds hat zwei Prozent im Jahr an Management Fee und zehn Prozent an Performance Fee verrechnet, die jeweiligen Beträge wurden vom Administrator (HSBC) kalkuliert und an den Investmentmanager, konkret die Bank Medici AG, weiterverrechnet. Eine konkrete Ziffer kann ich diesbezüglich nicht sagen.“

Das Gute daran: Die Management­gebühren mussten nicht einmal geteilt werden. Der vermeintliche Wall-Street-Zocker Madoff soll nämlich weder eine Verwaltungsgebühr noch ein Erfolgshonorar genommen haben. „Basierend auf den Informationen, die man mir gegeben hat, hat die BMIS für die Verwaltung der Gelder keine Gebühren entgegengenommen. Die ist für einen Vermögensverwalter zwar untypisch, Madoff war aber als Broker tätig, er hat sein Geld über Kommissionen aus Aktientransaktionen verdient“, so Kohn. Nach eigenen Angaben blieb Kohn bis zum Zusammenbrechen des Madoff-Kartenhauses im guten Glauben, ihr alter Bekannter würde fleißig Börsengeschäfte tätigen. Madoff hatte sein Schneeballsystem raffiniert getarnt. „Ich kann hier eigentlich nur raten, ich denke, dass im Madoff-Unternehmen Personen involviert gewesen sein ­müssen, die die Transaktionen manipulativ ­verwaltet haben.“

Kein Einkommen. Täglich meldete Madoff Transaktionen an die zwischengeschaltete Großbank HSBC. „Aufgrund der Meldungen von HSBC war davon auszugehen, dass die Anlagestrategie auch tatsächlich umgesetzt wird. Wie bereits ausgeführt, haben wir von HSBC ja sehr detaillierte Informationen erhalten. Es ist mir unbegreiflich und für mich unvorstellbar, wie Madoff an allen Kontrollinstanzen ­vorbei diesen Betrug begehen konnte, ich kann mir auch nicht vorstellen, dass sonst niemand eingeweiht war.“ Und: „Weder bei mir noch bei anderen Personen oder Aufsichtsorganen hat die Performance einen Verdachtsmoment aus­gelöst.“

Aus Ermittlerkreisen ist zu hören , dass sich weder in Österreich noch in den USA Hinweise darauf verdichten, die Bank Medici oder Sonja Kohn könnten selbst aktiv in die Betrugsaffäre verwickelt gewesen sein. Zudem laufen aber noch Ermittlungen der Staatsanwaltschaft Wien wegen Verstößen gegen Investmentfondsgesetz und Wertpapieraufsichtsgesetz. Bei den Ermittlungen sind allerdings noch weitere Verdachts­momente aufgetreten: In den Bilanzen der Bank findet sich kaum etwas von den Provisionen, die als „Managementgebühren“ für die Fondsverwaltung geflossen sind. „Die Auszahlungen von Provisionen sind Gegenstand von Ermittlungen“, bestätigt Gerhard Jarosch, Sprecher der Staatsanwaltschaft Wien.

Auch Sonja Kohn brachte bei ihrer Einvernahme kein Licht ins Dunkel der Geldflüsse innerhalb der kleinen Wiener Bank. Sie selbst jedenfalls will keinerlei Provisionen erhalten haben: „Über Vorhalt der Behauptungen in den Medien, wonach ich 8,2 Millionen Euro für die Vermittlung von Investoren erhalten hätte, ich betone nochmals, dass ich derartige Beträge nicht erhalten habe, und zwar nicht nur nicht in dieser Größenordnung, sondern gar nicht.“

Überhaupt scheint Kohn ihre Tätigkeit für die Bank ohne ein regelmäßiges Einkommen ausgeübt zu haben: „Ich selbst habe ­weder ein Gehalt noch ein Aufsichtsratshonorar noch sonstige Kommissionen direkt oder indirekt von der Bank Medici bezogen, die Buchhaltung und die Innenrevision waren an die Bank Austria ausgelagert.“ Wie aus der Bank Austria zu erfahren war, sind auch keinerlei Dividenden an die Eigentümer der Bank Medici – also Bank Austria und Sonja Kohn – geflossen.

Für das Einkommen von Kohn interessierte sich zuletzt sogar die britische Antikorruptionsbehörde Special Fraud Office (SFO): „Mir wird die Sachverhaltsdarstellung des SFO vom 24.3.2009 vorgehalten, wonach ich mit der Madoff Securities International ­Limited (MSIL) einen Beratervertrag abgeschlossen hätte und bis 2007 insgesamt sieben Millionen Britische Pfund erhalten hätte: Ich per­sönlich habe kein Geld erhalten, ich bin auf diese Frage nicht vorbereitet und möchte dazu keine nähere Stellungnahme abgeben“, so Kohn. Dass Kohn „persönlich“ kein Geld erhalten hat, heißt allerdings nicht, dass das Geld nicht an eine ihr zuordenbare Gesellschaft geflossen ist.

Zum Beispiel an die Herald Asset ­Management Ltd. mit Sitz auf den Cayman Islands. Diese Offshore-Gesellschaft ist der so genannte Fondsmanager eines der beiden – von der Bank Medici erfolgreich ver­triebenen – Herald-Fonds. Sie kassierte die Managementgebühren für die Verwaltung des Herald SPC, und dieser gehört wiederum einer Gesellschaft auf den British Virgin ­Islands, die laut Kohn „im wirtschaftlichen Einflussbereich eines Familien-Trusts steht“. Einer Stiftung, deren wirtschaftlich Begünstigte Sonja Kohn ist. Wo das Geld gelandet ist? „Ein großer Teil der Einkünfte der Herald Asset Management Ltd. wurde an Vertriebspartner ausbezahlt bzw. in den Herald-Fonds reinvestiert, das vorhandene Vermögen gehört nicht mir, sondern dem Trust“, so Kohn. Wie groß das Vermögen der ­Stiftung ist, bleibt unklar. Zumindest elf Millionen Euro sollen sich laut Angaben der Luxemburger Justiz noch auf Treuhand­konten im Einflussbereich der Herald Asset Management Ltd. befinden. Die Abrechnung des zweiten Herald-Fonds – die ­Managementgebühren kassierte die Bank Medici direkt – sollen bei den Ermittlern ebenfalls für Stirnrunzeln gesorgt haben. Laut eigenen Angaben verfügt die Bank über ein Eigenkapital von rund sechs Millionen Euro. Alleine die Managementgebühren für den Herald LUX müssten etwa das Doppelte betragen haben. Wie viel darüber hinaus an Vermittlungsgebühren von der Uni­credit an die Bank Medici geflossen sind, bleibt unklar.

Sonja Kohn profitierte über die Stiftung durch die Managementgebühren an den Deals mit Madoff. Sie investierte aber auch ihr eigenes Geld bei dem von Madoff verwalteten Herald-Fonds: „Meine Familie hat drei Millionen Euro und zusätzlich zwei Millionen US-Dollar in diesen Fonds investiert.“ Es entbehrt nicht einer gewissen Komik, dass sich Sonja Kohn dabei die Managementgebühren bei der Bank Medici sparen wollte: „Die von mir genannten Beträge wurden direkt über HSBC, also nicht über die Bank Medici AG, beim Fonds investiert.“

Sonja Kohn dürfte die Malversationen von Bernard Madoff laut ihrer Angaben im Einvernahmeprotokoll finanziell ganz gut überstanden haben. Dort heißt es: „Nettoeinkommen: Aus dem Familienvermögen.“