Alexander Pereira: „Sind Kunstarbeiter Bürger zweiter Klasse?“

Alexander Pereira, Intendant der Salzburger Festspiele, über Budgetprobleme, Festivalüberfluss, überforderte Klassikstars und den verschärften Ton in seinem Job.

Interview: Manuel Brug

profil: Kaum sind Sie in Salzburg, schon stehen Sie im Zentrum heftigster Kritik. Haben Sie damit gerechnet?
Pereira: Na hören Sie, ich bin Österreicher und beobachte die Festspiele seit Langem. Der Ton hat sich etwas verschärft, das stimmt, aber wir bemühen uns um Beruhigung und werden augenblicklich öffentlich nichts mehr dazu sagen.

profil: Sie werden für die Intendanz der Mailänder Scala gehandelt. Dabei sind Sie 65. Gibt es so wenig Nachwuchs?
Pereira: Es ist wohl schwierig, dem Nachwuchs, den ich ja seit Jahren an der Uni Zürich auch betreue, schon die ganz großen, komplexen Häuser anzuvertrauen. Und offenbar wollen die darüber entscheidenden Personen in härteren Zeiten lieber auf bewährte Kräfte und bekannte Rezepte setzen.

profil: Steuern wir auf eine Klassikkrise zu?
Pereira: Die Krise ist so alt wie die Klassik selbst. Noch nie hat man mit deren Inhalten die Massen erreicht, auch Mozart und Beethoven wurden zu Lebzeiten nur von einer sehr kleinen Schicht wahrgenommen. Aber es ist wohl wahr, es wird härter.

profil: Inwiefern?
Pereira: Die Dinge stehen auf dem Prüfstand, wenn weniger Geld da ist. Also muss man als Theatermacher kreativ sein. Nicht alle alten Rezepte funktionieren noch. Vor allem kann man eben dem Staat nicht mehr den Alleinbeschützeranspruch überlassen, dem er nicht nachkommen wird.

profil: Waren die Intendanten zu bequem?
Pereira: Sie wurden dazu erzogen, Geld auszugeben. Jetzt muss man eben sparen oder sich das Geld woanders holen.

profil: Reisen Sie deshalb so viel durch die Welt?
Pereira: Es gibt in China und anderswo in Asien, auch in Südamerika enorm interessierte Menschen – auf die müssen wir zugehen. Und Reisen stärkt natürlich die internationalen Kontakte. Ich kann auch als Salzburger Intendant nicht warten, bis die Leute auf mich zukommen. Nur so ist es möglich, dass ich jetzt kurzfristig eine Opernproduktion in Shanghai produzieren lassen kann, so wie vergangenes Jahr schon die „Bohème“, weil ich in Salzburg das Budget dafür nicht bekomme.

profil: Ihre Etats schrumpfen, aber Sie weiten Ihr Programm aus. Ist das klug?
Pereira: Es ist die einzige Art, darauf zu reagieren. Denn nur so bekomme ich die nötigen Drittmittel, ohne die es nicht mehr geht. Der Staat lässt uns die Tarifsteigerungen seit Jahren aus eigener Tasche begleichen. Warum eigentlich? Sind Kunstarbeiter denn Bürger zweiter Klasse? Und wie lange sollen wir das noch aus den beweglichen Etatmitteln für die Kunst tun? Zum anderen kann ich nur auf diese Weise mehr teure, aber auch mehr günstige Karten verkaufen, habe also mehr Einnahmen. Und wenn ich sehe, wie oft in diesem Sommer etwa Verdis völlig unbekannte „Giovanna d’Arco“ mit Anna Netrebko und Plácido Domingo überbucht ist, dann habe ich die Karten offenbar immer noch zu billig angeboten. Selbst Harrison Birtwistles „Garwain“ liegt über dem Soll. Das Programm erreicht also die Kunden, und diese sind bereit, dafür zu zahlen. Wir könnten also sogar noch mehr machen.

profil: Was Sie angeblich auf dem Rücken freiberuflicher Sänger austragen, die immer öfter für immer weniger Geld an die Arbeit gehen müssen.
Pereira: Ich fand die Gagen in Salzburg eher zu niedrig, das habe ich ausgeglichen, dafür zahle ich keine Probepauschale mehr, gut – das ist aber international üblich. Die meisten kommen damit klar. Sicher, manche Vorstellungen liegen eng zusammen, aber all das wurde mit den Betroffenen oder ihren Agenten abgesprochen. Dafür haben die meisten sehr komfortable Arbeitsbedingungen. Allen kann man es nicht recht machen.

profil: Es gibt immer mehr Klassikfestivals. Wer soll sich noch für den normalen Opern- und Musikbetrieb interessieren, wenn die Festivals nur noch eine Abfolge angeblicher Höhepunkte bieten?
Pereira: Es ist heute schwieriger, im schrillen Angebotskonzert einer Großstadt sein Publikum zu finden. Die Interessen haben sich gewaltig ausgeweitet, Mehrheiten sind kaum noch festzumachen. Die Opern- und Konzerthäuser sollten eher das Lokale stärken, statt immer nur nach Stars zu schielen. Wenn man selbst welche aufbaut, wenn man seine Orchester pflegt, dann entsteht eine wirklich starke Bindung. Und ja, wir verwöhnen auch mit ein paar Höhepunkten.

profil: Diese werden aber immer risikoreicher, weil die Stars launisch sind und womöglich auch überfordert.
Pereira: Absagen und Karriereabstürze gab es zu allen Zeiten. Klar, die Bedingungen sind heute härter, die Arbeitsweisen internationaler. Man muss schon robust sein, ein ausgeglichenes Gemüt haben. Natürlich sollte ich als Intendant Verantwortung tragen, niemanden für falsche Rollen zu engagieren. Es ist meine Aufgabe vorauszusehen, wo ein Sänger in drei, vier Jahren stehen könnte. Und meist gelingt das auch. Wie viele Engagements er freilich annimmt und wie oft er dabei die Kontinente wechselt, muss er letztlich selbst entscheiden.